Gangsta-Rapper und Dschihadist Denis Cuspert und der letzte Tod

21.01.2018

Als Rapper schaffte er nicht, was er einige Jahre später als Islamist erreichte: international Bekanntheit erlangen. Denis Cuspert galt als einer der einflussreichsten Deutschen beim IS. Jetzt soll er getötet worden sein - wieder einmal. Stimmt die Nachricht diesmal? Von Simon Kremer und Christiane Jacke

Die Videos könnten unterschiedlicher kaum sein: Vor zehn Jahren machte Denis Cuspert, untermalt mit dunklen Bässen und Beats, Liegestütze und rappte über das schwierige Leben in Berliner Problembezirken. Ein paar Jahre später sang er mit unsauber leiernder Stimme - und islamisch korrekt ohne Begleitmusik – vom Leben im Paradies in Syrien.

Aus einem jungen Berliner Gangsta-Rapper wurde einer der vorbildlichsten Dschihadisten, die die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) eifrig für ihre Propaganda einsetzte. Jetzt gibt es neues Bildmaterial: Es zeigt einen jungen Mann mit aufgerissenen Augen und blutverschmiertem Gesicht im blauen Trainingsanzug auf einer Decke auf dem Boden. Es soll Cuspert sein.

Es ist längst nicht das erste Mal, dass Denis Cuspert totgesagt wird. In den vergangenen Jahren gab es immer wieder Meldungen und Gerüchte über den Tod des deutschen Islamisten, der als einer der führenden Köpfe der deutschen Auslandskämpfer bei der Terrormiliz IS galt. Selbst das Pentagon in den USA meldete im Herbst 2015 schon einmal seinen Tod - später kassierte das US-Verteidigungsministerium diese Nachricht allerdings wieder ein. Jetzt verbreitete ein mutmaßlich dem IS nahestehendes Medium das Bild des angeblich getöteten Dschihadisten.

Auch der Leiter der Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte, Rami Abdel Rahman, geht davon aus, dass Cuspert tot ist. Es solle am Mittwoch zusammen mit 14 weiteren IS-Anhängern bei einem Luftangriff in der Stadt Raranidsch in der syrischen Provinz Deir az-Zohr getötet worden sein, sagte er. Die Beobachtungsgruppe hat ihren Sitz in Großbritannien, bezieht ihre Informationen aber aus einem breiten Netzwerk in Syrien.

Eine Bestätigung für Cusperts angeblichen Tod gab es von offizieller Stelle zunächst nicht. Vom Außenamt in Berlin hieß es, eigene Erkenntnisse lägen nicht vor. Man bemühe sich um Aufklärung. Auch die Sicherheitsbehörden schwiegen offiziell zunächst zu der angeblichen Todesnachricht. Aus Sicherheitskreisen war aber zu hören, man gehe - unter anderem nach der Analyse des vorliegenden Bildmaterials – davon aus, dass es sich bei der Leiche tatsächlich um Cuspert handele. Gewisse Zweifel blieben aber noch, hieß es.

Sicherheit könnte zum Beispiel eine DNA-Analyse liefern. Die Identifizierung toter deutscher Kämpfer im IS-Gebiet ist allerdings nicht ganz leicht. Etwa 150 sind nach Angaben des Verfassungsschutzes inzwischen dort umgekommen. Bei Cuspert sind Polizei und Geheimdienste besonders vorsichtig mit einer Festlegung - wegen der bisherigen Falschmeldungen zu seinem Tod und seiner herausgehobenen Stellung als schillernde Figur in der Islamistenszene.

Auch aus den USA gab es keine offizielle Bestätigung. Die US-geführte Koalition veröffentlichte am Freitag aber eine Liste mit Luftangriffen, die die Kampfjets in der vergangenen Woche geflogen sind. Am vergangenen Mittwoch sollen nahe der Stadt Abu Kamal im Osten Syriens, wo sich auch der Ort Raranidsch befindet, bei sechs Angriffen unter anderem IS-Stellungen, ein Tunnel und ein vom IS gehaltenes Haus zerstört worden sein. Angaben über getötete Kämpfer gab es zunächst nicht.

Aufgewachsen in Berlin, versuchte sich der Deutsch-Ghanaer Cuspert zunächst als mäßig erfolgreicher Gangsta-Rapper. Er war in kriminellen Kreisen unterwegs und hatte mit Drogen und Gewalt zu tun. Irgendwann driftete er ab in die islamistische Szene und wurde einer ihrer führenden Köpfe - in der inzwischen verbotenen salafistischen Vereinigung «Millatu Ibrahim».  Er reiste durch Deutschland, hielt Vorträge und verbreitete seine Botschaften in zahlreichen Moscheen von Berlin über das schleswig-holsteinische Pinneberg bis nach NRW.

2012 setzte er sich aus Deutschland in Richtung Ägypten ab und von dort aus weiter nach Syrien, schloss sich dem IS an und schwor 2014 einen Treueeid auf den IS-Anführer Abu Bakr al-Baghdadi. Anfang 2015 setzten die USA den Deutschen auf ihre Terroristenliste.

Cuspert gab sich selbst den Namen Abu Talha al-Almani («Der Deutsche») und wurde zu einem führenden Propagandisten des IS. Per Internet hetzte er aus den Kampfgebieten gegen die «Ungläubigen» der westlichen Welt, rief zu Gewalt und Anschlägen auf, und zur Ausreise in die Dschihad-Gebiete. Immer wieder tauchte er in Videos auf, galt als Anführer der «Deutschen Brigade Millatu Ibrahim», in der sich zeitweise zahlreiche deutsche Islamisten in Syrien zusammengefunden hatten. Der Berliner Verfassungsschutz zählte ihn in einer Analyse zur «Prominenz der salafistischen Szene in Deutschland», mit «exponierter Stellung» und «direktem Zugang zu Führungskreisen des IS».

In den vergangenen Jahren wurde es stiller um Cuspert - wenn man einmal von den wiederkehrenden Todesmeldungen absieht. Er soll schon vor längerer Zeit bei Kämpfen verletzt worden sein. Wie schwer, das blieb unklar. Möglicherweise so schwer, dass er als Protagonist für schneidige Videos unbrauchbar war. Seine Stimme allerdings wurde immer mal wieder für Propagandaclips genutzt. Offen blieb dabei, ob das Aufnahmen aus der Konserve waren. Aber verschwunden ist er nie ganz aus dem Propaganda-Apparat der IS-Leute. Denn eine Kultfigur blieb er doch, zumindest für die deutsche Islamistenszene.

In geheimen deutschsprachigen Kanälen, in denen sich Sympathisanten der Terrormiliz im Internet austauschen, wird der Tod Cusperts nun diskutiert. Seit Jahren habe er versucht, die höchste Ehre als gläubiger Muslim zu erlangen und für seinen Glauben zu sterben, schrieb einer der mutmaßlichen IS-Anhänger dort in einer Nachricht.

In einer Art arabischem Nachruf wurde Cuspert für seinen Glauben und seine Ausstrahlung auf andere Kämpfer gelobt. Die Nachricht, die nicht unabhängig verifiziert werden konnte, sprach aber auch von einer ambivalenten Persönlichkeit.  Absolute Gewissheit, ob es tatsächlich Cusperts letzter Tod war, gibt es noch nicht. Das Rätseln geht weiter, zumindest noch ein wenig. (dpa)

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