Demonstration für Frauenrechte in Tunis; Foto: DW/S. Mersch
Frauenrechte in Tunesien

Heldinnen für einen Frühling?

Als die Tunesierinnen vor einem Jahr gegen das Regime auf die Straßen gingen, waren Anliegen von Frauen noch kein Thema. Frauen sind seit der Unabhängigkeit 1956 weitestgehend gleich gestellt. Doch jetzt fürchten sie um ihre Rechte, wie Sarah Mersch aus Tunis berichtet.

Seit die Koalitionsregierung um die islamistische Partei Ennahda im Amt ist, mehren sich die Stimmen von Frauen, die fürchten, dass ihre Rechte bald nur noch auf dem Papier existieren werden. Salma, eine junge Übersetzerin aus Tunis, hat Angst, dass die Islamisten die Gesellschaft langfristig verändern könnten.

"Ich will nicht, dass man mir irgendetwas aufzwingt", sagt sie. "Wenn ich eines Tages selber entscheide, ein Kopftuch oder sogar eine Burka tragen zu wollen, dann hat keiner das Recht, ja oder nein dazu zu sagen." Und das gleiche gelte, wenn sie feiern gehen wolle, Alkohol trinken und einen Freund haben wolle.

Zwar betont die Ennahda, die mit rund 40 Prozent der Sitze in der Verfassungsgebenden Versammlung die stärkste der drei Regierungsparteien ist, immer wieder, dass sie die Rechte der Frauen nicht angreifen werden. Doch viele Tunesierinnen werfen ihnen vor, mit gespaltener Zunge zu sprechen und nicht klar genug gegen extremistische Tendenzen vorzugehen.

Tunesierinnen während der Proteste gegen Ben Ali; Foto: AP
Freie Entscheidung statt Bevormundung und Fremdbestimmung: Die Tunesierinnen wollen selbst über ihr Leben bestimmen und entscheiden, wie sie sich im öffentlichen Raum bewegen wollen.

​​Wochenlang hatte eine Gruppe Salafisten im Winter den Betrieb an der Geisteswissenschaftlichen Fakultät der Hauptstadt lahmgelegt. Sie forderten, dass an der Uni ein Gebetssaal eingerichtet wird und Studentinnen, die den Niqab, den Gesichtsschleier, tragen, an Prüfungen teilnehmen dürfen. Auch wenn ihre Identität so nicht eindeutig nachgewiesen werden könne. Bis heute ist das Problem nicht gelöst.

Rafiqa zupft nervös an ihrem bunt gemusterten Kopftuch, wenn sie über die Ereignisse an der Uni spricht. "Das ist ein vorgeschobenes Problem, um von den wirklich wichtigen Fragen abzulenken, wie der wirtschaftlichen und politischen Entwicklung des Landes." Die Tunesier haben im Moment wichtigeres zu tun, meint Rafiqa, um das Land zu stabilisieren. "Wir müssen arbeiten, um unser Land voranzubringen, und dann muss man den Niqab eben ablegen."

Weiterentwicklung statt Kehrtwende

Rafiqa ist Lektorin bei einer arabischen Wochenzeitung. Sie hat nach der Hochzeit begonnen ein Kopftuch zu tragen. Freiwillig und aus Überzeugung, wie sie betont. Doch der Niqab geht ihr zu weit und die Regierung müsse einschreiten, statt wegzuschauen, fordert sie. Den Niqab an den Universitäten zu erlauben, sei nur der erste Schritt hin zu einer Zwei-Klassen-Gesellschaft für Männer und Frauen, fürchtet Rafiqa. "Dann gibt es morgen getrennte Busse für Männer und Frauen und übermorgen womöglich getrennte Universitäten. Wir wollen uns doch weiterentwickeln und keine Kehrtwende machen!"

Demonstrant in Tunis; Foto: DW/S. Mersch
Demokratisierung braucht Zeit: Männer und Frauen kämpfen auch ein Jahr nach dem Sturz des Ben Ali-Regimes gemeinsam für Geschlechtergerechtigkeit und persönliche Freiheiten.

​​Mehr als ein Jahr nach der Revolution hat sich bei vielen Tunesierinnen Ernüchterung breit gemacht. Sie hatten auf mehr berufliche und politische Teilhabe gehofft. Bei den Wahlen zur Verfassungsgebenden Versammlung im Oktober 2011 sah das Wahlrecht zwar vor, dass die Listenplätze der Parteien paritätisch abwechselnd mit Männern und Frauen besetzt werden müssen, doch an erster Stelle stand fast immer ein Mann. Im neu gewählten Parlament sind daher nur rund ein Fünftel der Abgeordneten weiblich.

Najoua Makhlouf, Mitglied der größten tunesischen Gewerkschaft UGTT, hatte nach der Revolution gehofft, dass mit der Demokratisierung auch für Frauen viele Dinge einfacher werden. Makhlouf interessiert sich weniger für die Debatten um Kopftuch und Religion als für die Beteiligung von Frauen in der Arbeitswelt und der Politik.

Sie ist nicht zufrieden mit der aktuellen Entwicklung: "In den ersten beiden Übergangsregierungen gab es jeweils nur eine Frau, nach den Wahlen sind gerade einmal zwei Frauen in der Regierung. Für uns Frauen sind das katastrophale Ergebnisse."

Eine Frauenquote als Rettung?

In der UGTT sind 48 Prozent der Mitglieder weiblich - doch in den Führungsgremien der Gewerkschaft sucht man Frauen vergeblich, ärgert sich Najoua Makhlouf, die es als eine der wenigen Frauen zu einem Posten in der Gewerkschaft gebracht hat. Auch wenn es nur der Vorsitz über die Frauenkommission ist.

Demonstrantinnen in Tunis; Foto: DW/S. Mersch
Ernüchterung nach der Revolution: Mit der Chancengleichheit von Frauen in der Arbeitswelt und der männerdominierten Politik sind viele Tunesierinnen alles andere als zufrieden. "Nach den Wahlen sind gerade einmal zwei Frauen in der Regierung. Für uns Frauen sind das katastrophale Ergebnisse", meint Najoua Makhlouf, Mitglied der tunesischen Gewerkschaft UGTT.

​​Nach den Gründen für die Schieflage müsse man nicht lange suchen. "Die Mentalität ist frauenfeindlich, ganz einfach. Das Gewerkschaftsmilieu ist ein Milieu der Männer, das ist historisch." Nur neue Gesetze könnten dies langfristig ändern, ist die Gewerkschaftlerin überzeugt. "Eine Frauenquote wäre unsere Rettung."

Für Makhlouf und viele andere Tunesierinnen war die Revolution nur der Anfang. Der eigentliche Kampf für ein demokratisches Tunesien beginne erst jetzt, sagen sie. Seit der Revolution gehen die Menschen in Tunesien regelmäßig für persönliche Freiheiten und Frauenrechte auf die Straße. Hitzige Debatten über die Rolle der Religion sind in den Medien und den Cafés an der Tagesordnung.

Auch für Salma. Trotz aller Probleme ist Tunesien gut gewappnet gegen eine neue Diktatur, glaubt sie. Auch wenn die Demokratisierung noch Zeit braucht. "Wir Tunesier lassen uns nicht mehr auf den Füßen rumtrampeln. Die Politiker haben das verstanden, sie werden sich genau überlegen, was sie tun." Die Zeit des Schweigens und der Angst vor den Herrschenden ist in Tunesien endgültig vorbei.

Autorin: Sarah Mersch

© Deutsche Welle 2012

Redaktion: Arian Fariborz/Qantara.de

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Die internationale Gemeinschaft befindet sich in einem großen Dilemma: wie soll es weitergehen in Libyen? Denn es ist klar, dass sie militärisch eingreifen muss, um das Gaddafi-Regime zu beseitigen. Die Alternative wäre ein endloser Bürgerkrieg vor den Toren Europas.

Makus Halmann12.04.2011 | 09:49 Uhr

Ich befürchte auch, dass der Politologe F. Stephen Larrabee Recht hat, denn die Bedingungen in der Türkei und vor allem die lange Tradation des Kampfes um Demokratie unterscheiden sich in der Tat von denen in den meisten arabischen Ländern. Schöner Beitrag.

Ahmad Ezzat12.04.2011 | 17:13 Uhr

Gesegnt seid ,Anonimität ist ein bestandteil der Freiheit,und des inhalt kontex Qualität was zelt

Jaljaloot Elharoot13.04.2011 | 20:43 Uhr

Wunderbarer Beitrag von Michael Roes, den ich als Autor und kritischer Beobachter der arabischen Welt seit langem sehr schätze. Roes besitzt die nötige Empathie für die arabischen Bürger und den Respekt vor ihren Bedürfnissen und Sehnsüchten.

Hans Zimmermann17.04.2011 | 09:51 Uhr

Das Jahr 2001 sollte nicht wiederholt werden

Beate Elefant18.04.2011 | 23:29 Uhr

Der sogenannte Streit ums Kopftuch ist nur Symptom für die Unfähigkeit aller Akteure, sich den wichtigeren Problemen zu widmen. Das schreibe ich, obwohl ich die Argumente von Frau Kaddor nicht überzeugend finde.

Susan Müller-H...20.04.2011 | 07:46 Uhr

Die Sicherheitskräfte des verhassten Assad-Regimes haben heute und gestern in mehreren Städten und Regionen Syriens Massaker angerichtet. Wo es Tote gab, war das perfide Muster immer dasselbe: Nicht Polizisten in Uniform feuerten die tödlichen Schüsse ab, sondern Heckenschützen in Zivil, die auf Hausdächern lauerten und willkürlich in die Menschenmengen schossen, um Panik und Furcht auszulösen. In Homs sind dadurch so viele Menschen verletzt worden, dass Ärzte unter den Demonstranten in den Gassen der Altstadt improvisierte Lazarette einrichteten, erzählte eine Augenzeugin der BBC. Es ist an der Zeit, auch das Assad-Regime zu ächten und international zu isolieren.

Helmuth Alkadli22.04.2011 | 23:50 Uhr

Mit diesem Satz hat Jesus seinem Bruder gezeigt, dass die Liebe stärker ist als Hass und Neid.
Luzifer wollte seinen Bruder, den Metadron (Jesus) vom Thron stürzen, um für sich selber die Herrschaft zu stehlen. Jesus lies sich aus Liebe zu seinem "verlorenen" Bruder freiwillig am Kreuz morden. Er wußte, dass Gott ihm das Leben zurück geben wird.
GOTT IST >Leben kann man nicht töten. Es wäre sonst nicht das Leben das ewig ist! Es wandelt sich nur.

Die Christen beten beim Gottesdienst: "Deinen Tod oh Herr verkünden wir und deine Auferstehung preisen wir, bis du kommst in Herrlichkeit!" Da haben sich die Herren in Rom aber einen schönen Unsinn ausgedacht. Wer will denn noch immer den Tod Jesu verkünden und warum? Der Teufel will es. Nutzt ihm aber nichts, denn Jesus lebt und ändert von der geistigen Welt aus das Leben auf der Erde. Das ist ein sehr schwieriger Änderungsprozess, weil die Menschen freiwillig nichts ändern und auch nicht umdenken wollen.
Trotzdem wird das Werk gelingen, weil es der Wille Gottes, des Vaters ist.

Die Hoffnung auf eine bessere Zukunft lässt Änderungen wie derzeit in der Arabischen Welt zu und auch im Christentum hat ein Nachdenken bereits begonnen. Gott ist die Liebe und die Liebe ist die stärkste Macht im Universum und Gott liebt uns alle gleich.
http://www.hopeland.at
Möge das Werk gelingen. Das wünsche ich mir und allen Menschen auf der Erde.
Mathilde

Mathilde Heiml30.04.2011 | 10:51 Uhr

exzellenter artikel. danke.

ulrich johannes...30.04.2011 | 12:56 Uhr

Die Idee, die durch die zurückgehende gesellschaftliche Bindungskraft der evangelischen Kirche ausgelöste (innere) Krise als Chance auf eine Neuformierung im Sinne einer neofundamentalistischen, gesellschaftliche Fragen ausblendenden Missionstheologie zu interpretieren, mag als privates Hirngespinst von Herrn Pfarrer (sic!) Teufel hingenommenwerden müssen, als Vorbote einer dadurch beförderten ethnisch-religiösen Kantonisierung unserer Gesellschaft ist es mir jedoch eine Horrorvorstellung! Stattdessen brauchen wir tatsächlich eine weit konsequentere Hinwendung zum Laizismus und die Rückkehr zu einer tatsächlich (statt nur noch alibimäßig betriebenen) umverteilenden Sozialpolitik und ein Bündnis aller (auch der jeweils moderaten Anhänger der diversen Religionen) zu deren Durchsetzung. Sonst können wir uns in zwanzig Jahren mit bosnischen Verhältnissen zwischen Rhein und Oder anfreunden...

Max Schumacher30.04.2011 | 17:02 Uhr

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