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Frauenrechte in der arabischen Welt

Kampf gegen Windmühlen

Aus Protest gegen Sexismus, patriarchale Bevormundung und gesellschaftliche Diskriminierung haben einige Frauenaktivistinnen eine neue Internetkampagne ins Leben gerufen: "Der Aufstand der Frauen in der arabischen Welt". Laura Overmeyer stellt das ehrgeizige Projekt vor.

Die Hoffnung der Frauen in der arabischen Welt war groß, als die Aufstände gegen die diktatorischen Regime im Frühjahr 2011 begannen. Gemeinsam mit den Männern demonstrierten sie damals Seite an Seite für Würde, Gerechtigkeit und Freiheit.

Sie hofften auf einen grundlegenden Wandel, auf das Ende patriarchalischer Bevormundung in einem frauenfeindlichen Gesellschaftssystem, das ihnen elementare Rechte nicht zugesteht und sie im öffentlichen als auch im privaten Bereich diskriminiert.

Frauenrechte sind ein elementarer Teil der Demokratie. Daher folgerten sie, dass die Umbrüche in den Ländern des Arabischen Frühlings zwangsläufig auch im sozialen Bereich erfolgen müssten.

Status quo ante

Paola aus dem Libanon; © The uprising of women in the Arab world
Manche Botschaften sind feministisch geprägt, andere weisen auf konkrete Missstände hin, wie Kleidungsvorschriften oder Autofahrverbot. "Ich unterstütze den Aufstand der Frauen in der arabischen Welt, denn ich glaube an die radikale Idee, dass Frauen Menschen sind." Paola, Libanon

​​Nun, zwei Jahre nach den Volksaufständen ist die Euphorie der Ernüchterung gewichen, denn die Situation der Frauen hat sich keineswegs verbessert. Die islamischen Akteure, die zum Teil heute die Regierungen stellen, befinden sich im Aufwind – und mit ihnen breitet sich in den Gesellschaften konservatives Gedankengut aus, auch was die Geschlechterrollen betrifft.

Frauen werden mehr denn je auf ihren Körper reduziert, sexuelle Übergriffe haben zugenommen. Nach wie vor gelten in fast allen arabischen Ländern Gesetze, die Frauen benachteiligen, vor allem im zivilrechtlichen Bereich. Ein "Status quo ante" also und es scheint so, als würde über die Rechte der Frauen auch künftig hinweggegangen werden.

Viele Frauen wollen die historische Chance des Aufbruchs jedoch nicht verstreichen lassen, so auch vier junge Aktivistinnen aus dem Libanon, aus Palästina und Ägypten. Sie beschlossen mithilfe derselben Mittel und Wege, die dem Arabischen Frühling zum Erfolg verhalfen, ihren eigenen Aufstand zu proben. Im Oktober 2011 gründeten sie die Facebook-Seite "Der Aufstand der Frauen in der arabischen Welt".

"Wir wollen, dass der Arabische Frühling weitergeht: Nach der politischen Tyrannei kämpfen wir nun gegen die patriarchale Tyrannei – in allen arabischen Ländern", sagt Yalda Younes, eine der Mit-Initiatorinnen, gegenüber einer führenden deutschen Wochenzeitung.

Raum für Austausch und Zivilcourage

Die Seite soll allen arabischen Frauen von Rabat bis Riad, gleich welcher Religion oder Herkunft, einen Raum bieten, in dem sie frei und ohne Angst über ihre persönlichen Erfahrungen mit Diskriminierung und die Situation der Frauenrechte in der arabischen Welt diskutieren können.

Der Diskurs über Frauenrechte in der arabischen Welt soll wieder mehr ins öffentliche Bewusstsein rücken und durch den Erfahrungsaustausch zugleich die Position der Frauen stärken sowie eine gemeinsame Basis für feministische Aktivitäten über die Landesgrenzen hinweg aufbauen. Zwar unterscheiden sich die Lebensumstände marokkanischer Frauen von denen der Frauen in Saudi-Arabien in vielerlei Hinsicht, dennoch stehen sie oft ganz ähnlichen Problemen gegenüber, die alle mit den gleichen patriarchalischen Strukturen in diesen Ländern zusammenhängen.

Christelle und Colombe aus dem Libanon; © The uprising of women in the Arab world
"Ich unterstütze den Aufstand der Frauen in der arabischen Welt, denn es gibt keinen Grund warum ich - als libanesische Frau - meine Nationalität nicht an meine Kinder weitergeben kann." Im Bild rechts tragen Christelle und ihr Sohn Colombe das Logo der Kampagne

​​Die Forderungen der Bewegung ist daher eindeutig: Erstens, die Ausweitung aller in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte deklarierten Freiheiten für alle Frauen in der Region, insbesondere das Recht auf Selbstbestimmung. Zweitens, die umfassende Gleichstellung mit dem Mann auf familiärer, politischer, sozialer und wirtschaftlicher Ebene sowie drittens ein Ende jeglicher Form von Diskriminierung und physischen sowie psychischen Missbrauchs.

Bilderflut

Zunächst erfuhr die Facebook-Initiative nur wenig Aufmerksamkeit. Dies änderte sich jedoch, als die Initiatorinnen im Oktober 2012 die Kampagne "Ich unterstütze den Aufstand der Frauen in der arabischen Welt, denn…" ins Leben riefen. Sie forderten Männer wie Frauen aus aller Welt auf, ein Selbstporträt mit einem persönlichen Statement einzuschicken, weshalb sie die Intifada der Frauen unterstützten. Die Bilder wurden dann auf Facebook und Twitter veröffentlicht.

Was folgte, war eine wahre Bilderflut: Menschen hielten ihre Botschaften in Druckschrift oder handschriftlich auf Papier in die Kamera und gaben so dem Aufstand der arabischen Frauen ein Gesicht.

Zum Beispiel Nihal aus Ägypten: „Ich unterstütze den Aufstand der Frauen in der arabischen Welt, denn die Gesellschaft findet die Tatsache, dass ich 'bedeckt' bin wichtiger, als meine Bildung". Und Dima aus Palästina schreibt: "Ich unterstütze den Aufstand der Frauen in der arabischen Welt, denn es gibt noch immer Gesellschaften, die Frauen als Sex-Objekte ansehen, die nur für die Freude des Mannes geschaffen wurden."

Die Botschaften sind wohl so vielfältig wie die Menschen, die sie sandten. Vor allem Frauen aus dem arabischen Raum folgten dem Aufruf, doch auch aus dem Ausland kam viel Unterstützung. Zum großen Erstaunen der Initiatorinnen selbst schickten auch reihenweise Männer ihre Porträts ein und sprachen sich für die Rechte ihrer Partner, Mütter, Schwestern und Freundinnen aus.

Licht und Schatten

Dana aus Syrien; © The uprising of women in the Arab world
Provokant und selbstbewusst: "Ich unterstütze den Aufstand der Frauen in der arabischen Welt, weil ich zwanzig Jahre lang nicht den Wind in meinen Haaren und auf meiner Haut spüren durfte." Facebook löschte das Porträt der streitbaren Syrerin Dana Bakdounis - und bleibt bis heute eine Erklärung hierfür schuldig.

​​Die Kampagne ist bislang ein großer Erfolg, das Echo ist gewaltig – auch in vielen ausländischen Medien. Weit über tausend Selbstporträts wurden inzwischen eingesandt, viele von ihnen hundertfach kommentiert und geteilt. Die Rechnung der jungen Aktivistinnen war damit aufgegangen. Die Facebook-Seite kann mittlerweile über 91.000 Fans vorweisen.

Neben den überwiegend positiven Reaktionen fehlte es jedoch nicht an Kritik, die vor allem aus den religiös-konservativen Reihen kam. So reagierten einige Facebook-Nutzer ungehalten auf viele Bilder der Initiatoren.

Auch Facebook legte der Kampagne Steine in den Weg, sperrte vorübergehend den Zugang der fünf Administratorinnen und löschte das Porträt der jungen Syrerin Dana Bakdounis, die sich ohne Kopftuch und mit demonstrativ kurz geschnittenen Haaren ablichten ließ: "Ich unterstütze den Aufstand der Frauen in der arabischen Welt, weil ich zwanzig Jahre lang nicht den Wind in meinen Haaren und auf meiner Haut spüren durfte."

Am 25. November 2012 wurde, aus Anlass des "Internationalen Tags gegen Gewalt an Frauen" eine weitere zweiwöchige Kampagne mit dem Titel "Erzähl' deine Geschichte" gestartet. Die Frauen wurden aufgefordert, persönliche Geschichten aus ihrem Alltag zu erzählen – Geschichten, die sonst aus Schamgefühl oder Angst vor sozialer Ächtung wohl verdrängt worden wären, Geschichten von Gewalt und sexuellem Missbrauch, von Willkür, Erniedrigung und Belästigung.

Selbst Tabuthemen wie weibliche Genitalverstümmelung oder Kindesheirat sollten nicht ausgelassen werden. "Der Zeigefinger soll auf die Täter und auf nicht die Opfer zeigen", heißt es in der Stellungnahme der Kampagne und "Lasst uns sprechen, um uns selbst zu befreien und die Welt dazu zwingen, uns zuzuhören".

Das Ergebnis: Mehr als 60 sehr persönliche und tragische Geschichten, die die betroffenen jungen Frauen zum Teil seit Jahrzehnten mit sich herumschleppten. Diese Veröffentlichungen beweisen den Mut dieser Frauen – doch wird diese Offenheit alleine ausreichen, um tatsächliche gesellschaftliche Veränderungen zu bewirken?

Raus aus dem Netz und auf die Straße

Zainab El-Ghonaimy aus Palästina; © The uprising of women in the Arab world
"Ich unterstütze den Aufstand der Frauen in der arabischen Welt, denn Frauen können die politische Zukunft ihres Landes formen und sind nicht weniger wert als Männer." Zeinab El-Ghonaimy, Palästina.

​​Die arabischen Frauenrechtlerinnen wissen, dass sie noch einen langen Weg vor sich haben. Es ist ein Kampf gegen Windmühlen, den sie sich auf ihre Fahnen geschrieben haben, denn schließlich handelt es sich in vielen Fällen um überkommene, tief in der Gesellschaft verwurzelte Traditionen und Wertesysteme, die sie aufzubrechen versuchen.

Um tatsächliche Erfolge zu erzielen, müsste daher das Thema Frauenrechte auf die politische Agenda kommen. Und hierfür sollte sich der Aufstand der arabischen Frauen von der virtuellen Welt auf die Straße verlagern. Denn dort wurde der Machtkampf mit den Diktatoren im Verlauf des Arabischen Frühlings letztlich entschieden. Die Aktivistinnen müssten ihr beeindruckendes Mobilisierungspotential nutzen und es institutionalisieren – zum Beispiel durch die Gründung von Parteien und Verbänden.

Man kann zwar behaupten, dass der digitale "Aufstand der Frauen in der arabischen Welt" noch in den Kinderschuhen steckt. Doch ist die Kampagne ihrem Ziel, öffentliche Aufmerksamkeit zu wecken, bereits einen großen Schritt näher gekommen. Es wäre daher wünschenswert, wenn auch die politischen Verantwortlichen der arabischen Länder Einsicht signalisieren würden, dass  sich das Thema Frauenrechte nicht mehr totschweigen lässt.

Laura Overmeyer

© Qantara.de 2013

Redaktion: Arian Fariborz/Qantara.de

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Die internationale Gemeinschaft befindet sich in einem großen Dilemma: wie soll es weitergehen in Libyen? Denn es ist klar, dass sie militärisch eingreifen muss, um das Gaddafi-Regime zu beseitigen. Die Alternative wäre ein endloser Bürgerkrieg vor den Toren Europas.

Makus Halmann12.04.2011 | 09:49 Uhr

Ich befürchte auch, dass der Politologe F. Stephen Larrabee Recht hat, denn die Bedingungen in der Türkei und vor allem die lange Tradation des Kampfes um Demokratie unterscheiden sich in der Tat von denen in den meisten arabischen Ländern. Schöner Beitrag.

Ahmad Ezzat12.04.2011 | 17:13 Uhr

Gesegnt seid ,Anonimität ist ein bestandteil der Freiheit,und des inhalt kontex Qualität was zelt

Jaljaloot Elharoot13.04.2011 | 20:43 Uhr

Wunderbarer Beitrag von Michael Roes, den ich als Autor und kritischer Beobachter der arabischen Welt seit langem sehr schätze. Roes besitzt die nötige Empathie für die arabischen Bürger und den Respekt vor ihren Bedürfnissen und Sehnsüchten.

Hans Zimmermann17.04.2011 | 09:51 Uhr

Das Jahr 2001 sollte nicht wiederholt werden

Beate Elefant18.04.2011 | 23:29 Uhr

Der sogenannte Streit ums Kopftuch ist nur Symptom für die Unfähigkeit aller Akteure, sich den wichtigeren Problemen zu widmen. Das schreibe ich, obwohl ich die Argumente von Frau Kaddor nicht überzeugend finde.

Susan Müller-H...20.04.2011 | 07:46 Uhr

Die Sicherheitskräfte des verhassten Assad-Regimes haben heute und gestern in mehreren Städten und Regionen Syriens Massaker angerichtet. Wo es Tote gab, war das perfide Muster immer dasselbe: Nicht Polizisten in Uniform feuerten die tödlichen Schüsse ab, sondern Heckenschützen in Zivil, die auf Hausdächern lauerten und willkürlich in die Menschenmengen schossen, um Panik und Furcht auszulösen. In Homs sind dadurch so viele Menschen verletzt worden, dass Ärzte unter den Demonstranten in den Gassen der Altstadt improvisierte Lazarette einrichteten, erzählte eine Augenzeugin der BBC. Es ist an der Zeit, auch das Assad-Regime zu ächten und international zu isolieren.

Helmuth Alkadli22.04.2011 | 23:50 Uhr

Mit diesem Satz hat Jesus seinem Bruder gezeigt, dass die Liebe stärker ist als Hass und Neid.
Luzifer wollte seinen Bruder, den Metadron (Jesus) vom Thron stürzen, um für sich selber die Herrschaft zu stehlen. Jesus lies sich aus Liebe zu seinem "verlorenen" Bruder freiwillig am Kreuz morden. Er wußte, dass Gott ihm das Leben zurück geben wird.
GOTT IST >Leben kann man nicht töten. Es wäre sonst nicht das Leben das ewig ist! Es wandelt sich nur.

Die Christen beten beim Gottesdienst: "Deinen Tod oh Herr verkünden wir und deine Auferstehung preisen wir, bis du kommst in Herrlichkeit!" Da haben sich die Herren in Rom aber einen schönen Unsinn ausgedacht. Wer will denn noch immer den Tod Jesu verkünden und warum? Der Teufel will es. Nutzt ihm aber nichts, denn Jesus lebt und ändert von der geistigen Welt aus das Leben auf der Erde. Das ist ein sehr schwieriger Änderungsprozess, weil die Menschen freiwillig nichts ändern und auch nicht umdenken wollen.
Trotzdem wird das Werk gelingen, weil es der Wille Gottes, des Vaters ist.

Die Hoffnung auf eine bessere Zukunft lässt Änderungen wie derzeit in der Arabischen Welt zu und auch im Christentum hat ein Nachdenken bereits begonnen. Gott ist die Liebe und die Liebe ist die stärkste Macht im Universum und Gott liebt uns alle gleich.
http://www.hopeland.at
Möge das Werk gelingen. Das wünsche ich mir und allen Menschen auf der Erde.
Mathilde

Mathilde Heiml30.04.2011 | 10:51 Uhr

exzellenter artikel. danke.

ulrich johannes...30.04.2011 | 12:56 Uhr

Die Idee, die durch die zurückgehende gesellschaftliche Bindungskraft der evangelischen Kirche ausgelöste (innere) Krise als Chance auf eine Neuformierung im Sinne einer neofundamentalistischen, gesellschaftliche Fragen ausblendenden Missionstheologie zu interpretieren, mag als privates Hirngespinst von Herrn Pfarrer (sic!) Teufel hingenommenwerden müssen, als Vorbote einer dadurch beförderten ethnisch-religiösen Kantonisierung unserer Gesellschaft ist es mir jedoch eine Horrorvorstellung! Stattdessen brauchen wir tatsächlich eine weit konsequentere Hinwendung zum Laizismus und die Rückkehr zu einer tatsächlich (statt nur noch alibimäßig betriebenen) umverteilenden Sozialpolitik und ein Bündnis aller (auch der jeweils moderaten Anhänger der diversen Religionen) zu deren Durchsetzung. Sonst können wir uns in zwanzig Jahren mit bosnischen Verhältnissen zwischen Rhein und Oder anfreunden...

Max Schumacher30.04.2011 | 17:02 Uhr

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