The Adventures of Salwa; Bild: ©Salwa
Fraueninitiative ''Salwas Abenteuer'' im Libanon

Nein zu sexueller Belästigung

Im Libanon ist sexuelle Belästigung von jungen Frauen noch immer weit verbreitet. Mit ihrer Kampagne unter dem Titel "Salwas Abenteuer" wollen fünf junge Feministinnen nun dagegen gemeinsam kämpfen. Nidhal Ayoub informiert.

Im Libanon beschäftigt das Thema sexuelle Belästigung von Frauen weiterhin nur einen sehr begrenzten Personenkreis, was bei vielen Libanesinnen Verdruss auslöst und sie auch traurig stimmt. Diesbezügliche Informationen werden deshalb vertuscht, weil es die Frauen aus Angst vor Diskriminierung nicht wagen, an die Öffentlichkeit zu treten.

Sexuelle Belästigungen sind das tägliche Los der Libanesinnen und beschränken sich keineswegs nur auf lüsterne Blicke, wenn sie sich in der Öffentlichkeit bewegen. Wo sie auch hingehen, werden Frauen von zweideutigen Bemerkungen und gemeinen Anzüglichkeiten verfolgt. Noch schlimmer wird es, wenn die Frauen sich darüber hinaus von Männern begrapschen lassen müssen.

Manche Leute halten es für völlig normal, dass eine Frau, da Gegenstand des Begehrens, auch Gegenstand sexueller Belästigung werden kann. Offensichtlich ist diesen Leuten nicht klar, was für schmerzhafte Erfahrungen die Mehrheit der Libanesinnen durchzustehen hat.

Recht auf ein normales Leben

Bedenkt man, dass jede Frau das Recht auf ein normales Leben hat in einer Gesellschaft, die sie vor sexueller Belästigung schützen sollte, und schaut man sich andererseits an, in welch unvorstellbarem Ausmaß sexuelle Übergriffe zugenommen haben, so wird klar, dass auf diesem Gebiet schon längst hätte eingegriffen werden müssen.

Sexuelle Belästigung spiegelt die Sichtweise wider, die die Frau ausschließlich als sexuelles Wesen reduziert. Deutlich werden aber auch soziale Probleme der Jugendlichen, z.B. Frustration und ein angeblich “viriler” Hang zu sexueller Gewalt, wie auch die Tatsache, dass es weder soziale Barrieren noch eine entsprechende Gesetzgebung gibt, die es ermöglichen würden, die Frauen gegen Übergriffe aller Art zu schützen, denen sie ausgesetzt sind.

Letztendlich resultiert diese untragbare Realität aus der Tatsache, dass ein soziales Gewissen fehlt, das sich diesen Praktiken widersetzen würde.

Nun haben fünf junge Feministinnen die Initiative ergriffen: Mit ihrer Kampagne unter dem Titel “Salwas Abenteuer” wollen sie gemeinsam gegen sexuelle Belästigung kämpfen.

Salwa ist eine Comic-Figur, sie hört sich die Geheimnisse der Frauen an, trägt ihre Enttäuschungen zusammen und hat beschlossen, darüber zu sprechen. Die Geschichten dieser Frauen hat sie in verschiedenen Comics verarbeitet, die veranschaulichen, mit welchen Problemen die Frauen auf der Straße oder im Taxi konfrontiert werden.

Schlag ins Gesicht

Salwas Verhalten im Fall sexueller Belästigung zeichnet sich dadurch aus, dass sie sich nicht einfach über das Vorgehen hinwegsetzt, sondern dezidiert darauf reagiert, indem sie mit ihrer roten Handtasche jedem Übeltäter einen Schlag versetzt, der es wagt, sie zu begrapschen.

In jedem Video der Projektmacherinnen ist eine rote Handtasche zu sehen: Sie steht symbolisch für die Stärke des jungen Mädchens wie auch für ihre Entschlossenheit, sich der “Begrapscher” mit einem Schlag ein für alle Mal zu erledigen. Mit anderen Worten: Hier wird ein soziales Tabu gebrochen, das Frauen aus Angst vor einer möglichen Vergeltung zum Schweigen verurteilt.

Frauen im Libanon; Foto: Dareen al Omari
Libanesinnen müssen für ihr Recht auf Schutz in der Öffentlichkeit kämpfen: Im Libanon existiert bislang kein Gesetz, das sexuelle Belästigung unter Strafe stellt

​​Der Name wurde nicht zufällig gewählt. Laut Aussage der Feministin Farah Qubeissi hat man sich auf den Namen „Salwa“ geeinigt, weil er für keine Konfession oder Gemeinschaft steht, jedoch alle Gesellschaftsschichten repräsentieren kann.

Die Kampagne “Salwas Abenteuer” umfasst nicht nur die erzählten Geschichten, auch finden regelmäßig Treffen der Frauen statt, werden Vorträge an mehreren Universitäten gehalten, wo die Frauen über ihre Erfahrungen sprechen und Mittel und Wege zur Unterbindung dieser missbräuchlichen Praktiken aufzeigen.

Dabei wurde ebenfalls auf die Frage eingegangen, wie solche Vorkommnisse und die möglichen psychologischen und physischen Folgen bewältigt werden können. Salwa konnte sich in der Gesellschaft durchsetzen, weil sie die Frauen ermutigt hat, es ihr gleichzutun und über das, was sie erlebt haben, zu sprechen.

Dazu wurden alle nur verfügbaren Medien eingesetzt: Zeitungen, Zeitschriften, Fernsehen, soziale Netzwerke wie Facebook, Blogs und Youtube – kurzum alles, was dazu beitragen konnte, um in der Gesellschaft überhaupt ein Bewusstsein für den Tatbestand der sexuellen Belästigung zu schaffen.

Professionelle Hilfe für Opfer sexueller Belästigung

Salwa stellt den Opfern von sexuellen Übergriffen auch eine Not-Telefonnummer zur Verfügung. Die Mitglieder der Arbeitsgruppe, die die hier eintreffenden Anrufe entgegennehmen, haben sich in verschiedenen Aus- und Weiterbildungskursen auf dem Gebiet der Bekämpfung sexueller Gewalt ausbilden lassen. Sie beraten die Opfer und leisten Hilfestellung, indem sie sie an Rechtsanwälte und Psychologen verweisen.

Außerdem wurde ein kleiner Ratgeber für jugendliche Opfer von Belästigung oder Vergewaltigung verfasst. Darin finden sie Ratschläge oder Hinweise darauf, wie sie vorgehen müssen, um gegen die Täter juristisch vorzugehen.

Da es keine Rechtssprechung gibt, die sexuelle Belästigung unter Strafe stellt, hat Salwa verschiedene Gesuche zur Verabschiedung eines Gesetzestextes eingebracht, der die Frau gegen Gewalt innerhalb der Familie schützt. Die bestehende Rechtssprechung nämlich erkennt den Strafbestand der Vergewaltigung durch den Ehemann bisher nicht an – auch dann nicht, wenn die Frau psychischen oder moralischen Schaden erleidet. Weiterhin fordert Salwa eine Änderung des Strafgesetzes hinsichtlich des Strafbestandes der sexuellen Belästigung. Unter der gegenwärtigen Rechtssprechung wird der Aggressor freigesprochen, wenn er die belästigte Frau ehelicht, “was ihm ermöglicht, sich ein Leben lang an der Frau zu vergehen, nur ist es dann eben legal”.

Diese Worte stammen von Farah Qubeissi, die ebenfalls bestätigt, dass es absolut kein Gesetz gegen sexuelle Belästigung gibt. Ihrer Meinung nach sollte sexuelle Belästigung gesetzlich geahndet werden, bevor sie aufgrund der fehlenden Gesetzgebung zu einem Akt der Vergewaltigung ausartet.

Diese unbefriedigende Gesetzeslage und der Umstand, dass die Gewalt gegenüber Frauen am Arbeitsplatz sehr stark zugenommen hat, hat Frauenvereinigungen dazu veranlasst, einen Bewusstseinswandel innerhalb der Gesellschaft voranzubringen, damit dieser Missbrauch ein Ende nimmt. Dahinter steht auch der Gedanke, größeren Druck ausüben zu können, um Gesetzestexte außer Kraft zu setzen und durch neue Gesetze zum Schutze der Frau gegen Diskriminierung zu kämpfen.

Aktionsbündnis gegen sexuelle Gewalt

Wie diese Forderungen umgesetzt werden sollen, ist nur allzu deutlich erkennbar: Der Libanon erfährt im Augenblick ein Wiederaufleben gesellschaftlicher und politischer Spannungen. Eine der Demonstrationen wurde unter der Losung “Gegen Vergewaltigungen” organisiert. Aufgerufen zu diesem Marsch hatten Salwa und andere Frauenorganisationen, um gegen sexuelle Gewalt auch innerhalb der Familie vorzugehen.

Laut Farah hat diese erste Demonstration dazu geführt, dass die Problematik von Vergewaltigung und sexueller Belästigung der Öffentlichkeit endlich bewusst gemacht wurde. Überraschend war der große Zulauf, insbesondere auch von Männern.

Diese Kampagne verlief nach einem Plan, der als erstes die Information über sexuelle Belästigung vorsah, dann folgte die Mobilisierung von Frauen, die die Bekämpfung jeglicher Form von sexueller Belästigung als zwingend notwendig erachten. Nach der Mobilisierung folgte eine zweite Phase. Diese bestand in der Erarbeitung eines Gesetzesentwurfes, der sexuelle Belästigung verbietet. Jedoch haben Salwas Gesuche bedauerlicherweise bis heute nicht den Erlass eines so klar formulierten Gesetzestextes bewirken können, dass die Regierung zu dessen Anwendung gezwungen wäre. Im Gegenteil: Bislang weigert sie sich und argumentiert, dass ein solches Problem gar nicht existiere.

Wie dem auch sei: Die libanesische Frau wird auch zukünftig an ihrem Kampf festhalten, auch wenn die Gesellschaft gegenwärtig noch weit davon entfernt ist, mit ihrer Regierung und ihren Gesetzen auf die Forderungen der Frauen einzugehen. Werden sich die Frauen womöglich noch die Mittel zu ihrem eigenen Schutz und für ein Leben in Freiheit selber verschaffen müssen?

Nidhal Ayoub

Übersetzung aus dem Französischen von Antje Heizmann

© Babelmed 2012

Redaktion: Arian Fariborz/Qantara.de

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Die internationale Gemeinschaft befindet sich in einem großen Dilemma: wie soll es weitergehen in Libyen? Denn es ist klar, dass sie militärisch eingreifen muss, um das Gaddafi-Regime zu beseitigen. Die Alternative wäre ein endloser Bürgerkrieg vor den Toren Europas.

Makus Halmann12.04.2011 | 09:49 Uhr

Ich befürchte auch, dass der Politologe F. Stephen Larrabee Recht hat, denn die Bedingungen in der Türkei und vor allem die lange Tradation des Kampfes um Demokratie unterscheiden sich in der Tat von denen in den meisten arabischen Ländern. Schöner Beitrag.

Ahmad Ezzat12.04.2011 | 17:13 Uhr

Gesegnt seid ,Anonimität ist ein bestandteil der Freiheit,und des inhalt kontex Qualität was zelt

Jaljaloot Elharoot13.04.2011 | 20:43 Uhr

Wunderbarer Beitrag von Michael Roes, den ich als Autor und kritischer Beobachter der arabischen Welt seit langem sehr schätze. Roes besitzt die nötige Empathie für die arabischen Bürger und den Respekt vor ihren Bedürfnissen und Sehnsüchten.

Hans Zimmermann17.04.2011 | 09:51 Uhr

Das Jahr 2001 sollte nicht wiederholt werden

Beate Elefant18.04.2011 | 23:29 Uhr

Der sogenannte Streit ums Kopftuch ist nur Symptom für die Unfähigkeit aller Akteure, sich den wichtigeren Problemen zu widmen. Das schreibe ich, obwohl ich die Argumente von Frau Kaddor nicht überzeugend finde.

Susan Müller-H...20.04.2011 | 07:46 Uhr

Die Sicherheitskräfte des verhassten Assad-Regimes haben heute und gestern in mehreren Städten und Regionen Syriens Massaker angerichtet. Wo es Tote gab, war das perfide Muster immer dasselbe: Nicht Polizisten in Uniform feuerten die tödlichen Schüsse ab, sondern Heckenschützen in Zivil, die auf Hausdächern lauerten und willkürlich in die Menschenmengen schossen, um Panik und Furcht auszulösen. In Homs sind dadurch so viele Menschen verletzt worden, dass Ärzte unter den Demonstranten in den Gassen der Altstadt improvisierte Lazarette einrichteten, erzählte eine Augenzeugin der BBC. Es ist an der Zeit, auch das Assad-Regime zu ächten und international zu isolieren.

Helmuth Alkadli22.04.2011 | 23:50 Uhr

Mit diesem Satz hat Jesus seinem Bruder gezeigt, dass die Liebe stärker ist als Hass und Neid.
Luzifer wollte seinen Bruder, den Metadron (Jesus) vom Thron stürzen, um für sich selber die Herrschaft zu stehlen. Jesus lies sich aus Liebe zu seinem "verlorenen" Bruder freiwillig am Kreuz morden. Er wußte, dass Gott ihm das Leben zurück geben wird.
GOTT IST >Leben kann man nicht töten. Es wäre sonst nicht das Leben das ewig ist! Es wandelt sich nur.

Die Christen beten beim Gottesdienst: "Deinen Tod oh Herr verkünden wir und deine Auferstehung preisen wir, bis du kommst in Herrlichkeit!" Da haben sich die Herren in Rom aber einen schönen Unsinn ausgedacht. Wer will denn noch immer den Tod Jesu verkünden und warum? Der Teufel will es. Nutzt ihm aber nichts, denn Jesus lebt und ändert von der geistigen Welt aus das Leben auf der Erde. Das ist ein sehr schwieriger Änderungsprozess, weil die Menschen freiwillig nichts ändern und auch nicht umdenken wollen.
Trotzdem wird das Werk gelingen, weil es der Wille Gottes, des Vaters ist.

Die Hoffnung auf eine bessere Zukunft lässt Änderungen wie derzeit in der Arabischen Welt zu und auch im Christentum hat ein Nachdenken bereits begonnen. Gott ist die Liebe und die Liebe ist die stärkste Macht im Universum und Gott liebt uns alle gleich.
http://www.hopeland.at
Möge das Werk gelingen. Das wünsche ich mir und allen Menschen auf der Erde.
Mathilde

Mathilde Heiml30.04.2011 | 10:51 Uhr

exzellenter artikel. danke.

ulrich johannes...30.04.2011 | 12:56 Uhr

Die Idee, die durch die zurückgehende gesellschaftliche Bindungskraft der evangelischen Kirche ausgelöste (innere) Krise als Chance auf eine Neuformierung im Sinne einer neofundamentalistischen, gesellschaftliche Fragen ausblendenden Missionstheologie zu interpretieren, mag als privates Hirngespinst von Herrn Pfarrer (sic!) Teufel hingenommenwerden müssen, als Vorbote einer dadurch beförderten ethnisch-religiösen Kantonisierung unserer Gesellschaft ist es mir jedoch eine Horrorvorstellung! Stattdessen brauchen wir tatsächlich eine weit konsequentere Hinwendung zum Laizismus und die Rückkehr zu einer tatsächlich (statt nur noch alibimäßig betriebenen) umverteilenden Sozialpolitik und ein Bündnis aller (auch der jeweils moderaten Anhänger der diversen Religionen) zu deren Durchsetzung. Sonst können wir uns in zwanzig Jahren mit bosnischen Verhältnissen zwischen Rhein und Oder anfreunden...

Max Schumacher30.04.2011 | 17:02 Uhr

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