Zwei Frauen in einem Boot auf dem Bosporus; Foto: © Varbenov
Frauen in der Türkei

Opfer häuslicher Gewalt

Über ein Drittel der Frauen in der Türkei haben in irgendeiner Weise körperliche Übergriffe erlebt. Zwar wurde im vergangenen März ein neues Gesetz gegen häusliche Gewalt verabschiedet, doch Frauenrechtlerinnen geht das nicht weit genug. Von Naomi Conrad

Aisha ist auf der Flucht. Wenn ihre sechs Brüder sie finden, werden sie versuchen, sie zu töten. Schon vor sieben Jahren drohten sie der damals 17-Jährigen mit dem Tod - um zu zeigen, wie ernst sie es meinen, hat jeder von ihnen auf sie geschossen. Das vermeintliche Verbrechen der jungen Frau: Sie weigerte sich, einen mehr als doppelt so alten Mann zu heiraten, den ihre Familie für sie ausgesucht hatte. Heute muss sie ihre Identität verbergen - deshalb ist Aisha nicht ihr echter Name.

"Wir beschützen sie jetzt schon seit sieben Jahren. Aber wenn wir nur einen einzigen winzigen Fehler machen, stirbt sie". Der schlimmste Albtraum der Anwältin und Frauenrechtlerin Hülya Gülbahar ist, ihre junge Klientin zu verlieren. "Sie hat versucht, mit ihrem Freund wegzulaufen. Doch ihre Brüder haben ihn ermordet", sagt Hülya Gülbahar.

Nach Angaben der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch wurden mehr als ein Drittel der Frauen in der Türkei im Laufe ihres Lebens zu Opfern ihrer Ehemänner oder Familien, die sie körperlich verletzt haben - oft auch im Zusammenhang mit sexueller Misshandlung. In ländlichen Gegenden ist die Zahl der weiblichen Gewaltopfer noch höher.

"Genderzid"

"Mindestens fünf Frauen werden in der Türkei jeden Tag ermordet", sagt Anwältin Gülbahar. Oft werden diese Morde als "Ehrenmorde" bezeichnet: Mädchen und Frauen müssen sterben, weil sie ihre Familie angeblich entehren - durch außerehelichen Geschlechtsverkehr oder manchmal auch nur einen Kleidungsstil, den konservative männliche Verwandte als unanständig empfinden. "Das ist ein Genderzid, wie ein Genozid, und nichts anderes", warnt die Anwältin und Frauenrechtlerin.

Hülya Gülbahar; Foto: DW/Naomi Conrad
Riskantes Unterfangen: Frauenrechtlerinnen wie die Anwältin Hülya Gülbahar wollen ihre Klientinnen beschützen. Sie bringen sich durch ihre Arbeit aber auch selbst in Gefahr und erhalten nicht selten Morddrohungen.

​​Die Zahl der Morde an Frauen in der Türkei sei heute höher als früher, sagt Gauri van Gulik von der Organisation Human Rights Watch. Vielleicht führe es zu einer Gegenreaktion der konservativen Männer, dass immer mehr Frauen für ihre eigenen Rechte einstehen, Berufe ausüben und sich in Frauenrechtsbewegungen engagieren. "Das ist natürlich schwer nachzuweisen, aber ich denke, es ergibt Sinn", sagt van Gulik. Gleichzeitig könne es auch daran liegen, dass immer mehr Frauen den Mut haben, Übergriffe zu melden.

Im März 2012 ist in der Türkei ein Gesetz verabschiedet worden, dass Frauen besser vor häuslicher Gewalt schützen soll. Es sieht unter anderem vor, dass der Schutz von unverheirateten Frauen verbessert werden soll, und dass die Auflagen für Männer verschärft werden, denen es durch richterlichen Beschluss verboten ist, sich einer Frau zu nähern. Durch dieses Gesetz kann eine Frau in Zukunft auch einen neuen Namen und eine neue Identität bekommen, wenn sie in akuter Gefahr ist.

Verwässerter Gesetzesentwurf

Durch das neue Gesetz hätten progressive Richter in der Türkei endlich ein Instrument, um Frauen vor häuslicher Gewalt zu schützen, meint van Gulik. Doch sie sei nur "zaghaft optimistisch", wenn es um die Chancen des neuen Gesetzes geht, eine entscheidende Wirkung für den Schutz von Frauenrechten in der Türkei zu haben.

"Das Gesetz, das verabschiedet wurde, ist viel weniger effektiv als die Version, die ursprünglich vorgesehen war", kritisiert van Gulik. "Es ist sehr besorgniserregend, dass der türkische Premier ein so wichtiges Gesetz wieder abgeschwächt hat." Beispielsweise wurden verschiedene Hinweise auf die Gleichheit der Geschlechter aus dem endgültigen Gesetzesentwurf gestrichen. Auch ein Paragraph, der die Gründung einer speziellen Polizeieinheit für den Schutz von Frauen vorsieht, ist nicht mehr Teil des Gesetzes.

Recep Tayyip Erdogan; Foto: dapd
Neue konservative Trendwende der AKP-Regierung: Der türkische Ministerpräsident Erdogan sieht in Abtreibungen ein Hindernis für das Bevölkerungswachstum der Türkei. Im Mai hatte er eine Verschärfung der bisherigen Fristenregelung bei der Abtreibung angekündigt und im Kabinett eine Neufassung des Gesetzes angeordnet.

​​Die Abschwächung dieses Gesetzes ist nicht der einzige Grund, warum Frauenrechtlerinnen in der Türkei Premierminister Recep Tayyip Erdogan heftig kritisieren. Für Empörung sorgten auch seine umstrittenen Äußerungen, dass Abtreibung Mord sei und die Pläne seiner Regierung, Schwangerschaftsabbrüche nach der vierten Woche zu verbieten.

"Der neue Diskurs, der konservative Familienwerte betont, bedroht die Wahlfreiheit der Frauen", kritisiert der Anthropologie-Professor Aykan Erdemir, Mitglied der Opposition im türkischen Parlament. Seiner Meinung nach wende sich die türkische Regierung bewusst von der Europäischen Union ab, zugunsten einer Neuorientierung in die Richtung der islamischen Welt.

"Wer für Frauen kämpft, riskiert den Tod"

Hülya Gülbahars Büro liegt in einer ruhigen Seitenstraße, in der Nähe des lebhaften Zentrums von Istanbul. Studenten sitzen in Straßencafes, Pärchen schlendern Hand in Hand durch teure Boutiquen, viele Frauen tragen kurze, elegante Röcke. Hier scheint das liberale Istanbul völlig unberührt von Ehrenmorden und Gewalt gegen Frauen zu sein.

Doch das tröstet Hülya Gülbahar kaum. Um Aisha zu helfen, einen neuen Personalausweis zu bekommen, muss die Anwältin unter anderem ihre Adresse angeben - dadurch steigt die Gefahr, dass die gewalttätigen Brüder ihrer Klientin den Weg zur Frauenrechtlerin finden: "Jetzt wissen sie, wo ich wohne, natürlich habe ich Angst."

Vor kurzer Zeit hatte ein Angeklagter im Gerichtssaal auf Anwältin Gülbahar gezeigt und gedroht, er werde sie erschießen. Als Frauenrechtlerin hat sie es schon erlebt, dass bewaffnete Männer in ihre Wohnung eingedrungen sind, um ihr mit dem Tod zu drohen. Aber sie will auf keinen Fall aufgeben: "In der Türkei als Anwältin für Frauenrechte zu kämpfen bedeutet selbstverständlich, dass man sein Leben riskiert."

Naomi Conrad

© Deutsche Welle 2012

Redaktion: Arian Fariborz/Qantara.de

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Die internationale Gemeinschaft befindet sich in einem großen Dilemma: wie soll es weitergehen in Libyen? Denn es ist klar, dass sie militärisch eingreifen muss, um das Gaddafi-Regime zu beseitigen. Die Alternative wäre ein endloser Bürgerkrieg vor den Toren Europas.

Makus Halmann12.04.2011 | 09:49 Uhr

Ich befürchte auch, dass der Politologe F. Stephen Larrabee Recht hat, denn die Bedingungen in der Türkei und vor allem die lange Tradation des Kampfes um Demokratie unterscheiden sich in der Tat von denen in den meisten arabischen Ländern. Schöner Beitrag.

Ahmad Ezzat12.04.2011 | 17:13 Uhr

Gesegnt seid ,Anonimität ist ein bestandteil der Freiheit,und des inhalt kontex Qualität was zelt

Jaljaloot Elharoot13.04.2011 | 20:43 Uhr

Wunderbarer Beitrag von Michael Roes, den ich als Autor und kritischer Beobachter der arabischen Welt seit langem sehr schätze. Roes besitzt die nötige Empathie für die arabischen Bürger und den Respekt vor ihren Bedürfnissen und Sehnsüchten.

Hans Zimmermann17.04.2011 | 09:51 Uhr

Das Jahr 2001 sollte nicht wiederholt werden

Beate Elefant18.04.2011 | 23:29 Uhr

Der sogenannte Streit ums Kopftuch ist nur Symptom für die Unfähigkeit aller Akteure, sich den wichtigeren Problemen zu widmen. Das schreibe ich, obwohl ich die Argumente von Frau Kaddor nicht überzeugend finde.

Susan Müller-H...20.04.2011 | 07:46 Uhr

Die Sicherheitskräfte des verhassten Assad-Regimes haben heute und gestern in mehreren Städten und Regionen Syriens Massaker angerichtet. Wo es Tote gab, war das perfide Muster immer dasselbe: Nicht Polizisten in Uniform feuerten die tödlichen Schüsse ab, sondern Heckenschützen in Zivil, die auf Hausdächern lauerten und willkürlich in die Menschenmengen schossen, um Panik und Furcht auszulösen. In Homs sind dadurch so viele Menschen verletzt worden, dass Ärzte unter den Demonstranten in den Gassen der Altstadt improvisierte Lazarette einrichteten, erzählte eine Augenzeugin der BBC. Es ist an der Zeit, auch das Assad-Regime zu ächten und international zu isolieren.

Helmuth Alkadli22.04.2011 | 23:50 Uhr

Mit diesem Satz hat Jesus seinem Bruder gezeigt, dass die Liebe stärker ist als Hass und Neid.
Luzifer wollte seinen Bruder, den Metadron (Jesus) vom Thron stürzen, um für sich selber die Herrschaft zu stehlen. Jesus lies sich aus Liebe zu seinem "verlorenen" Bruder freiwillig am Kreuz morden. Er wußte, dass Gott ihm das Leben zurück geben wird.
GOTT IST >Leben kann man nicht töten. Es wäre sonst nicht das Leben das ewig ist! Es wandelt sich nur.

Die Christen beten beim Gottesdienst: "Deinen Tod oh Herr verkünden wir und deine Auferstehung preisen wir, bis du kommst in Herrlichkeit!" Da haben sich die Herren in Rom aber einen schönen Unsinn ausgedacht. Wer will denn noch immer den Tod Jesu verkünden und warum? Der Teufel will es. Nutzt ihm aber nichts, denn Jesus lebt und ändert von der geistigen Welt aus das Leben auf der Erde. Das ist ein sehr schwieriger Änderungsprozess, weil die Menschen freiwillig nichts ändern und auch nicht umdenken wollen.
Trotzdem wird das Werk gelingen, weil es der Wille Gottes, des Vaters ist.

Die Hoffnung auf eine bessere Zukunft lässt Änderungen wie derzeit in der Arabischen Welt zu und auch im Christentum hat ein Nachdenken bereits begonnen. Gott ist die Liebe und die Liebe ist die stärkste Macht im Universum und Gott liebt uns alle gleich.
http://www.hopeland.at
Möge das Werk gelingen. Das wünsche ich mir und allen Menschen auf der Erde.
Mathilde

Mathilde Heiml30.04.2011 | 10:51 Uhr

exzellenter artikel. danke.

ulrich johannes...30.04.2011 | 12:56 Uhr

Die Idee, die durch die zurückgehende gesellschaftliche Bindungskraft der evangelischen Kirche ausgelöste (innere) Krise als Chance auf eine Neuformierung im Sinne einer neofundamentalistischen, gesellschaftliche Fragen ausblendenden Missionstheologie zu interpretieren, mag als privates Hirngespinst von Herrn Pfarrer (sic!) Teufel hingenommenwerden müssen, als Vorbote einer dadurch beförderten ethnisch-religiösen Kantonisierung unserer Gesellschaft ist es mir jedoch eine Horrorvorstellung! Stattdessen brauchen wir tatsächlich eine weit konsequentere Hinwendung zum Laizismus und die Rückkehr zu einer tatsächlich (statt nur noch alibimäßig betriebenen) umverteilenden Sozialpolitik und ein Bündnis aller (auch der jeweils moderaten Anhänger der diversen Religionen) zu deren Durchsetzung. Sonst können wir uns in zwanzig Jahren mit bosnischen Verhältnissen zwischen Rhein und Oder anfreunden...

Max Schumacher30.04.2011 | 17:02 Uhr

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