Flüchtlinge und die Adventszeit: Annäherung und Dialog

28.11.2016

Für Behrouz Asadi ist die Adventszeit eine willkommene Gelegenheit, Menschen aus unterschiedlichen Kulturkreisen einander näherzubringen. "Gemeinsame Feiern fördern Annäherung, Begegnung und Dialog", sagt der Flüchtlingskoordinator der Malteser in Mainz. Der 61-Jährige kümmert sich dort mit vielen anderen Integrationshelfern um rund 1.000 Flüchtlinge.

Muslime seien sehr offen dafür zu erfahren, was die Deutschen in der Advents- und Weihnachtszeit umtreibt, ist sein Eindruck: Warum feiern Christen Weihnachten, wieso gibt es Geschenke, weshalb stehen überall geschmückte Tannenbäume? "Es verbessert das Zusammenleben und hilft, andere Religionen zu akzeptieren", ist der Exil-Iraner, der seit den 1970er Jahren in Deutschland lebt, überzeugt.

Deshalb organisiert er in Gemeinschaftsunterkünften der Malteser, aber auch in Kooperation mit katholischen und evangelischen Gemeinden in deren Räumlichkeiten Adventsfeiern für alle Anwesenden. "Der Nikolaus kommt mit seinem heiligen Buch, es gibt Geschenke für die Kinder, und wir erzählen - teils in arabisch und persisch - die Weihnachtsgeschichte."

Die kleinen Geschenke und das Erleben von Gastfreundschaft - wichtige Werte im Islam - überrasche viele muslimische Flüchtlinge; "es hilft ihnen, den anderen Glauben kennen- und respektieren zu lernen", weiß Asadi. Zuvor hätten sie oft nur einseitige Informationen über Christen und ihren Glauben bekommen. Spezielle Advents- und Weihnachtsfeiern nur für christliche Flüchtlinge lehnt der Integrationshelfer ab; "das würde als Diskriminierung gegenüber den anderen Religionen verstanden und nicht gut ankommen".

Mit Fingerspitzengefühl gehen auch kommunale Flüchtlingsunterkünfte die letzten Wochen des Jahres an. Um einer kulturellen Vereinnahmung entgegenzuwirken und Konflikte gar nicht erst aufkommen zulassen, würden bewusst "areligiöse" Feiern angeboten, erklärt Kathrin Tomczyk, die in Bonn eine städtische Flüchtlingsunterkunft leitet.

So sei zuletzt aus Anlass es muslimischen Opferfestes ein "Hoffest" für alle Bewohner organisiert worden; "genauso machen wir das in der Advents- und Weihnachtszeit". Es werde Feierangebote geben, Sozialbetreuer lüden Kinder zum Plätzchenbacken ein, der Hintergrund von Advent und Weihnachten würden erläutert. Die korrekte Formulierung ist Tomczyk wichtig - "aus Anlass der Adventszeit kommen wir zusammen und feiern; wir feiern aber nicht 'Weihnachten'". Es werde nicht gebetet. Weihnachten werde als "Kulturfest", nicht als "relgiöses" Fest gefeiert, erklärt die Mitarbeiterin des Deutschen Roten Kreuzes.

Und diese Kultur ist für Menschen aus anderen Regionen zuweilen auch irritierend: Ein Grund für den gemeinnützigen, christlichen SCM Bundes-Verlag, die kostenlose Broschüre "Welcome & Merry Christmas" herauszugeben. Sie richtet sich an Geflüchtete und Deutsche, die ihnen das Einleben in der Fremde erleichtern möchten und erklärt auf Englisch, Arabisch und Deutsch auch den christlichen Hintergrund der Weihnachtszeit. Dazu gibt es praktische Infos - wann haben die Geschäfte und Behörden in den letzten Tagen des Jahres geöffnet, wie formuliert man schriftliche Festtagsgrüße? Das 44-seitigen Heftes versteht sich dem Verlag zufolge als "kostenfreie Integrations-Hilfe".

Eine Hilfestellung für die Arbeit mit Flüchtlingen bietet auch das katholische Filmwerk. Unter dem Titel "Feiertag! Sengelmann sucht Weihnachten" ist eine 29-minütige Doku-Reportage entstanden, die mit Untertiteln in Farsi und Arabisch versehen ist. Der Schauspieler und Theologe Julian Sengelmann beleuchtet auf humorvolle, oft überraschende und immer sehr persönliche Art nicht nur die aktuelle Ausprägungen des christlichen Festes, sondern auch die Geschichte dahinter.

Die Religion der anderen kennenzulernen, sei "für alle Beteiligten eine Bereicherung", ist Behrouz Asadi überzeugt. Die Malteser bemühten sich, mit gelebter Nächstenliebe, Warmherzigkeit und Offenheit auf Geflüchtete zuzugehen, egal, welchen Glaubens diese sind. Ein Engagement, das manch einen derart beeindrucke, dass er zum Christentum konvertiere - "sie sind gute Vermittler zwischen Gemeinde und Gemeinschaftsunterkunft", freut sich Asadi. (KNA)

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