Fischerboote am Strand von Gaza; Foto: DW/Bettina Marx
Fischerei im Gazastreifen

Auf dem Trockenen

Die Fischer von Gaza gehen einem schwierigen Beruf nach: Die Küstenregion ist überfischt, weshalb sie immer längere Fahrten auf sich nehmen müssen. Auch hindert sie israelische Marine an ihrer Arbeit - oft mit Waffengewalt. Aus Gaza-Stadt informiert Bettina Marx.

Auf dem Fischmarkt von Gaza herrscht am frühen Morgen reger Betrieb. Auf der Küstenstraße am Mittelmeerstrand haben die Fischer ihre Ware ausgebreitet. In blauen Plastikwannen liegen silbrig schimmernd die kleinen Sardinen. Ein paar Shrimps gibt es auch, aber nur ganz wenige große Fische werden angeboten.

Es ist ein ständiges Kommen und Gehen auf dem improvisierten Markt. Fischer bringen ihren Fang mit Jeeps und Pferdewagen, mit Motorrädern und Eselskarren. Die Händler und Gastronomen feilschen kurz um den Preis, laden die Kisten auf ihre Fahrzeuge und fahren davon.

Fischer Ahmed hat heute Morgen 25 Kisten Fisch mitgebracht. Auch er hat fast nur kleine Sardinen aus dem Meer gezogen. Selbst dafür musste er ganz in den Süden des Gazastreifens fahren, denn hier im Norden, vor der Küste von Gaza-Stadt, ist das Meer leer gefischt. Hier gibt es nicht mal mehr Sardinen. Sein Boot hat Ahmed daher in Rafah vor Anker liegen, an der ägyptischen Grenze.

"Ich fahre um fünf Uhr nachmittags mit dem Jeep nach Rafah", erzählt er. "Von dort aus fahre ich dann hinaus aufs Meer zum Fischen. Am nächsten Morgen gegen 5 Uhr komme ich zurück und fahre dann mit dem Jeep wieder nach Gaza-Stadt."

Überfischung der küstennahen Gewässer

Doch egal, wo Ahmed fischen geht, im Norden oder im Süden des Gazastreifens, weit hinaus fahren darf er nirgendwo, denn draußen auf dem Meer patrouilliert die israelische Marine. Sie stellt sicher, dass niemand die Drei-Meilen-Sperrzone verlässt, die Israel über den Gazastreifen verhängt hat.

Fischmarkt von Gaza, Foto: DW/Bettina Marx
Nur noch kleine Fische im Netz: Die Aussichten der Fischer, die ihre Ware auf dem Fischmarkt in Gaza offerieren, sind düster: 2011 waren es nur noch 383 Tonnen Sardinen, die aus dem Meer geholt werden konnten. 2008, als die Fischer immerhin noch sechs Meilen weit hinaus fahren durften, waren es noch 1.963 Tonnen.

​​"Früher, vor der Intifada, durften wir weit aufs offene Meer hinaus", erinnert sich Ahmed. "Dann waren es irgendwann nur noch 15 Seemeilen, dann neun, acht und jetzt nur noch drei."

Im Oslo-Abkommen zwischen Israel und der Palästinensischen Befreiungsorganisation (PLO) ist die Fischereizone auf 20 Seemeilen festgelegt. Doch Israel hat die Blockade um den Gazastreifen im Lauf der Jahre immer enger gezogen. Und seit dem Jahr 2009 dürfen die Fischer nur noch drei Seemeilen hinaus fahren, ungefähr 5,5 Kilometer.

Dies hat zu einem dramatischen Einbruch des Ertrags geführt. So wurden im Jahr 2011 nur noch 383 Tonnen Sardinen aus dem Meer geholt. Im Jahr 2008, als die Fischer immerhin noch sechs Meilen weit hinaus fahren durften, waren es noch 1.963 Tonnen.

Von den Einschränkungen sind rund 3.600 Fischer, ihre Familien und die verarbeitende Industrie betroffen, insgesamt bis zu 70.000 Menschen. Doch die Beschränkung auf die 3-Meilen-Zone hat auch zu einer Überfischung der küstennahen Gewässer geführt, die langfristig die Bestände gefährdet. Viele Fischer des Gazastreifens haben daher ihren Beruf aufgegeben. Manche von ihnen sind inzwischen dazu übergegangen, Fische aus den Zuchtbetrieben in Ägypten zu kaufen und sie nach Gaza einzuführen.

Gefahr auf dem Meer

Am Strand von Rafah ziehen Muhammad und Khalil mit Hilfe eines Traktors ihr kleines Boot, eine sogenannte "Hassake", ins Meer und werfen den Motor an. Früher fuhren die beiden Cousins mit zwei Booten raus. Heute haben sie nur noch eins, denn vor wenigen Monaten hat die israelische Marine eines der Boote seeuntüchtig geschossen. "Es war am 6. Juli um 4 Uhr morgens", berichtet Muhammad. "Wir fuhren ungefähr drei Meilen hinaus, bis zur Grenze der erlaubten Fischereizone. Dort warfen wir unsere Netze aus."

Eine Stunde später kam ein israelisches Patrouillenboot und forderte die beiden Fischer auf, weiter ins offene Meer hinauszufahren. Doch die beiden hatten Angst vor einem Trick und holten stattdessen die Netze ein, um zum Strand zurückzukehren.

Das israelische Kanonenboot verfolgte die beiden Fischer und forderte sie auf, zu stoppen. "Wir wären tot, wenn wir das befolgt hätten", war Muhammad überzeugt. Und so versuchten die beiden Cousins zu fliehen. "Da haben sie auf uns geschossen. Sie haben den Motor von Khalils Boot zerstört und so habe ich ihn abgeschleppt. Da fingen sie an, auch auf mich zu schießen."

Die beiden jungen Männer erreichten das Ufer unverletzt, aber mit einem zerstörten Motor. Doch nicht immer gelingt es den Fischern, den israelischen Soldaten zu entgehen. So wurde erst vor einer Woche ein junger Mann bei einem israelischen Angriff tödlich verwundet, sein Bruder wurde leicht verletzt.

Oft werden die Fischer auch auf offener See festgenommen und in den israelischen Hafen Ashdod geschleppt. Auch Muhammad ist schon mehrfach verhaftet worden, sein Boot konfiszierte man, er selbst wurde meist nach wenigen Tagen in den Gazastreifen zurückgeschickt mit der Auflage, nicht mehr zum Fischen hinauszufahren. Aber er und sein Cousin können nicht aufhören. Denn sie müssen mit ihrer Arbeit ungefähr 40 Familienmitglieder ernähren.

Unterstützung durch ausländische Aktivisten

Die Nichtregierungsorganisation Euro-Mid hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Menschenrechtsverletzungen an Palästinensern zu dokumentieren. Zwischen Januar 2011 und April 2012 hat sie 150 Übergriffe gegen Fischer gezählt. Dabei wurden 60 Fischer festgenommen, darunter neun Minderjährige. Zwölf Männer wurden durch Schüsse verletzt. 13 Boote wurden konfisziert, Netze wurden zerstört oder beschädigt und viele der Männer bedroht und herabwürdigender Behandlung ausgesetzt.

Rosa Schiano, Foto: DW/Bettina Marx
Die Italienerin Rosa Schiano vom International Solidarity Movement (ISM) begleitet regelmäßig die Fischer von Gaza aufs Meer, um mögliche Übergriffen der israelischen Marine zu dokumentieren.

​​Hilfe finden die Fischer von Gaza bei jungen Aktivisten aus dem Ausland. Sie begleiten die kleinen Fischerboote und versuchen die israelische Marine von ihren Attacken abzuhalten. Eine von ihnen ist Rosa Schiano, die für das International Solidarity Movement (ISM) in Gaza tätig ist. Die junge Italienerin fährt regelmäßig mit den Fischern hinaus und dokumentiert die Angriffe der israelischen Kriegsschiffe auf die kleine Fischereiflotte des Gazastreifens.

"Normalerweise kommen die israelischen Kriegsschiffe sehr schnell und sorgen für große Wellen um die Fischerboote herum", beschreibt sie das Vorgehen der Marine. "Die Soldaten schießen mit Wasserkanonen oder mit Gewehren. Sie schießen auch ins Wasser, um die Fische zu vertreiben und sie zerreißen die Fischernetze und hindern die Fischer damit an ihrer Arbeit."

Im letzten Juli zerstörten die Soldaten die "Olivia", das Boot der internationalen Menschenrechtsaktivisten. Seither können sie nur noch auf den kleinen Nussschalen der Fischer mit hinaus fahren.

Doch Rosa will nicht aufgeben. Sie will die Fischer auch weiterhin bei ihrer schweren und gefährlichen Arbeit begleiten, Fotos machen und Filme drehen, die sie dann ins Internet stellt. Damit will sie auch im Ausland auf die verzweifelte Lage der Fischer aufmerksam machen.

Bettina Marx

(c) Deutsche Welle 2012

Redaktion: Arain Fariborz/Qantara.de

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