Feridun Zaimoglu; Foto: dpa
Feridun Zaimoglu zur Beschneidungsdebatte

''Der Staat hat sich nicht zu überdehnen''

Die Beschneidung ist eine Prophetenvorgabe und damit nicht verhandelbar: Der Schriftsteller Feridun Zaimoglu plädiert entschieden für die Straffreiheit dieses jüdischen und muslimischen Rituals. Mit ihm sprach Eren Güvercin.

Sind Sie traumatisiert? Als deutscher Muslim, der - wie Sie selbst sagen - von seinen Eltern eine "preußisch-osmanische Erziehung" bekommen hat, sind Sie doch sicherlich im Kindesalter beschnitten worden, so wie es der Islam vorschreibt.

Feridun Zaimoglu: Am Vortag der Beschneidung nahm mich meine Mutter bei der Hand und ging mit mir durch die Straßen unseres Viertels. Ich steckte in einem weißen Prinzenkostüm. Kinder kamen herbeigelaufen, berührten mich. Junge Frauen und reife Damen lächelten mich an, streichelten mir über Wangen und Haar. Sie sprachen mir weder Mut zu, noch feuerten sie mich an. Sie strahlten, und ich himmelte sie an. Ich bekam kleine Geschenke: ein Netz voller Murmeln, nach Veilchen duftende Stofftaschentücher, Kamm und Schnürsenkel.

Am nächsten Tag, gegen Abend, kam der Beschneider. Er sprach mit mir wie mit einem kleinen Mann. Ich saß auf einem Stuhl, ein Onkel mütterlicherseits stand zu meiner Linken. Rechts von mir stand ein Onkel väterlicherseits - er rief meiner Mutter im Türrahmen beruhigende Worte zu. Es ging blitzschnell; ehe ich mich versah, saß ich auf den Schultern meiner Mutter. Die Verwandten und Freunde klatschten und riefen: "Vorbei und beendet - gelobt sei Gott!" Ich war vom unbeschnittenen zum beschnittenen Muslim verwandelt.

Ärzte, Juristen und andere Fachleute melden sich nun zu Wort, die in der Beschneidung von Kindern eine Körperverletzung sehen und die Bedeutung der Kinderrechte unterstreichen. Verletzen muslimische, jüdische und andere Eltern, die ihre Kinder beschneiden lassen, die Rechte ihrer Kinder?

Zaimoglu: Experten unserer Tage deuten lediglich - das darf man auch in diesem Fall nicht vergessen. Wir erinnern uns an die Kopftuchdebatte: Rechtskonservative bemühten die Frauenrechte. Für den, der den Muslim hasst, ist jedes Mittel recht. Gestern Feminist, heute Jäger der verlorenen Vorhaut. Himmel, es geht um das Stückchen Penisspitzenummantelung. Schnippschnapp, Läppchen weg, Knabe im Eimer? Blöde wäre es, das zu glauben.

Chirurgische Instrumente für die jüdische Beschneidung; Foto: dpa
"Die Beschneidung ist eine Prophetenvorgabe und damit nicht verhandelbar. Der Gläubige glaubt. Der Liberale biegt und beugt, bis die Gottesliebe zur bloßen Ideentapete verkommt", sagt Feridun Zaimoglu.

​​Wie weit darf das Recht der Eltern, ihre Kinder der eigenen Religion gemäß zu erziehen, denn gehen? Immerhin handelt es sich hier doch um einen wenn auch kleinen Eingriff in die körperliche Unversehrtheit eines Kleinkindes?

Zaimoglu: Viele fromme Irre verkrüppeln im Namen eines Glaubens ihre Kinder. Man muss sie ihrer Obhut entreißen. Alkoholikern, gewalttätigen Männern und jungen überforderten Müttern nimmt man schließlich auch die Kinder weg. Die Beschneidung ist aber keine Genitalverstümmelung, keine Amputation und keine Kastration. Der Staat hat sich nicht zu überdehnen. Sonst kämen die Gläubigen auf die Idee, dem Kaiser vorzuenthalten, was des Kaisers ist.

Die Bewegung gegen Beschneidung kommt ursprünglich aus den Vereinigten Staaten. Bereits 1997 hat dort Ronald Goldman in seinen Büchern die Beschneidung als "hidden trauma" entlarven wollen. Seitdem sind die Beschneidungen in Amerika rapide zurückgegangen. Nur noch 55 Prozent der amerikanischen Männer sind beschnitten, immerhin aber die Mehrheit. Was werden hierzulande die Auswirkungen der Debatte sein?

Zaimoglu: Was geschah nach der Debatte um das Kopftuch frommer junger Frauen? Nichts. Die Blechaufklärer, die mit Islamschelte Geld verdienen, bekamen Verdienstspangen. Jetzt schnüffeln diese Damen und Herren am Unterleib der Männer. Ein Aufklärer landet früher oder später im Schlafzimmer anderer Leute. Ich werde öfter von unbedarften Bürgern angesprochen. Sie können zwar keinen richtigen deutschen Satz aufsagen, plappern aber alles nach. Jetzt fragen sie mich, ob ich beschnitten sei. Deutschland macht sich lächerlich.

Bisweilen wird in der Berichterstattung über diese Diskussion auch ein religionsfeindlicher Diskurs vermutet. Dazu gehöre auch etwa die Kampagne, Kinder der Aufsicht ihrer Eltern zu entziehen und den Staat zum Erziehungsberechtigten zu machen, um das Kind der religiösen Gemeinschaft zu entziehen. Wie sehen Sie als deutscher Muslim diese Debatte über jahrhundertealte religiöse Traditionen in unserer säkularen Gesellschaft?

Beschneidungszeremonie in San Francisco; Foto: AP
Zaimoglu sieht in der Beschneidungsdebatte nur ein weiteres Thema, mit dem sich die latent islamophoben Islamkritiker beschäftigen: "Wir erinnern uns an die Kopftuchdebatte: Rechtskonservative bemühten die Frauenrechte. Für den, der den Muslim hasst, ist jedes Mittel recht. Gestern Feminist, heute Jäger der verlorenen Vorhaut."

​​Zaimoglu: Die Vollstrecker des Zeitgeistes hören es nicht gern: Der Gläubige hat sich gegen die Verfemung immunisiert. Für fünf Minuten Ruhm tut ein Glaubensfeind fast alles. Die Anbetung des Herrn ist in seiner Welt nicht vorgesehen. Sein Konzept: Raumhygiene. Seine Waffen: das giftgeifernde Wort, die Unterstellung, die bloße Behauptung, Selbstbesoffenheit. Die heutigen Akteure der Religionskritik sind Profilneurotiker. Sie wollen abschaffen, verfolgen, zerstören, verunglimpfen, zensieren. In einem säkularen Staat dürfen keine Partei und keine Anschauungsschule den Unfrieden wagen. Die Beschneidung ist eine Prophetenvorgabe und damit nicht verhandelbar. Der Gläubige glaubt. Der Liberale biegt und beugt, bis die Gottesliebe zur bloßen Ideentapete verkommt.

Kann man hier von einem Kulturkampf zwischen Säkularismus und Religion sprechen?

Zaimoglu: Ich rate zur Gelassenheit: Geschwätz und Gerüchte dürfen uns beunruhigen, aber gegen die Schwätzer und Einflüsterer Front zu machen wäre ein Fehler. Seltsam ist das schon: Der Staat belohnt oft die Krawallschwestern, von denen es heißt, sie würden im Kampf ein hohes Risiko eingehen. Ich sehe aber streitsüchtige keifende Frauen, die wie die Wildsau durchs Unterholz krachen. Sie maskieren sich als Kulturkämpfer, als Humanisten. Sie können Feinheit und Menschenliebe nicht buchstabieren. Von Rüpeln halte man sich fern.

Der Grünen-Politiker Volker Beck sprach jüngst davon, dass auch der Atheismus fundamentalistische Züge annehmen könne. Was bedeutet das für gläubige Menschen in Deutschland? Wie sollten sie auf diese Entwicklung reagieren?

Zaimoglu: Dem Gläubigen ist die Liebe des Herrn versprochen. Und doch hat er sich der Welt nicht entfremdet. Er steht als lächerliche Figur nicht selten im Speichelregen des Spotts. Was kann er tun? Gott anbeten. Grinsen, wenn man in ihm einen Schurkenbürger sieht.

Interview: Eren Güvercin

© Qantara.de 2012

Redaktion: Nimet Seker/Qantara.de

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Die internationale Gemeinschaft befindet sich in einem großen Dilemma: wie soll es weitergehen in Libyen? Denn es ist klar, dass sie militärisch eingreifen muss, um das Gaddafi-Regime zu beseitigen. Die Alternative wäre ein endloser Bürgerkrieg vor den Toren Europas.

Makus Halmann12.04.2011 | 09:49 Uhr

Ich befürchte auch, dass der Politologe F. Stephen Larrabee Recht hat, denn die Bedingungen in der Türkei und vor allem die lange Tradation des Kampfes um Demokratie unterscheiden sich in der Tat von denen in den meisten arabischen Ländern. Schöner Beitrag.

Ahmad Ezzat12.04.2011 | 17:13 Uhr

Gesegnt seid ,Anonimität ist ein bestandteil der Freiheit,und des inhalt kontex Qualität was zelt

Jaljaloot Elharoot13.04.2011 | 20:43 Uhr

Wunderbarer Beitrag von Michael Roes, den ich als Autor und kritischer Beobachter der arabischen Welt seit langem sehr schätze. Roes besitzt die nötige Empathie für die arabischen Bürger und den Respekt vor ihren Bedürfnissen und Sehnsüchten.

Hans Zimmermann17.04.2011 | 09:51 Uhr

Das Jahr 2001 sollte nicht wiederholt werden

Beate Elefant18.04.2011 | 23:29 Uhr

Der sogenannte Streit ums Kopftuch ist nur Symptom für die Unfähigkeit aller Akteure, sich den wichtigeren Problemen zu widmen. Das schreibe ich, obwohl ich die Argumente von Frau Kaddor nicht überzeugend finde.

Susan Müller-H...20.04.2011 | 07:46 Uhr

Die Sicherheitskräfte des verhassten Assad-Regimes haben heute und gestern in mehreren Städten und Regionen Syriens Massaker angerichtet. Wo es Tote gab, war das perfide Muster immer dasselbe: Nicht Polizisten in Uniform feuerten die tödlichen Schüsse ab, sondern Heckenschützen in Zivil, die auf Hausdächern lauerten und willkürlich in die Menschenmengen schossen, um Panik und Furcht auszulösen. In Homs sind dadurch so viele Menschen verletzt worden, dass Ärzte unter den Demonstranten in den Gassen der Altstadt improvisierte Lazarette einrichteten, erzählte eine Augenzeugin der BBC. Es ist an der Zeit, auch das Assad-Regime zu ächten und international zu isolieren.

Helmuth Alkadli22.04.2011 | 23:50 Uhr

Mit diesem Satz hat Jesus seinem Bruder gezeigt, dass die Liebe stärker ist als Hass und Neid.
Luzifer wollte seinen Bruder, den Metadron (Jesus) vom Thron stürzen, um für sich selber die Herrschaft zu stehlen. Jesus lies sich aus Liebe zu seinem "verlorenen" Bruder freiwillig am Kreuz morden. Er wußte, dass Gott ihm das Leben zurück geben wird.
GOTT IST >Leben kann man nicht töten. Es wäre sonst nicht das Leben das ewig ist! Es wandelt sich nur.

Die Christen beten beim Gottesdienst: "Deinen Tod oh Herr verkünden wir und deine Auferstehung preisen wir, bis du kommst in Herrlichkeit!" Da haben sich die Herren in Rom aber einen schönen Unsinn ausgedacht. Wer will denn noch immer den Tod Jesu verkünden und warum? Der Teufel will es. Nutzt ihm aber nichts, denn Jesus lebt und ändert von der geistigen Welt aus das Leben auf der Erde. Das ist ein sehr schwieriger Änderungsprozess, weil die Menschen freiwillig nichts ändern und auch nicht umdenken wollen.
Trotzdem wird das Werk gelingen, weil es der Wille Gottes, des Vaters ist.

Die Hoffnung auf eine bessere Zukunft lässt Änderungen wie derzeit in der Arabischen Welt zu und auch im Christentum hat ein Nachdenken bereits begonnen. Gott ist die Liebe und die Liebe ist die stärkste Macht im Universum und Gott liebt uns alle gleich.
http://www.hopeland.at
Möge das Werk gelingen. Das wünsche ich mir und allen Menschen auf der Erde.
Mathilde

Mathilde Heiml30.04.2011 | 10:51 Uhr

exzellenter artikel. danke.

ulrich johannes...30.04.2011 | 12:56 Uhr

Die Idee, die durch die zurückgehende gesellschaftliche Bindungskraft der evangelischen Kirche ausgelöste (innere) Krise als Chance auf eine Neuformierung im Sinne einer neofundamentalistischen, gesellschaftliche Fragen ausblendenden Missionstheologie zu interpretieren, mag als privates Hirngespinst von Herrn Pfarrer (sic!) Teufel hingenommenwerden müssen, als Vorbote einer dadurch beförderten ethnisch-religiösen Kantonisierung unserer Gesellschaft ist es mir jedoch eine Horrorvorstellung! Stattdessen brauchen wir tatsächlich eine weit konsequentere Hinwendung zum Laizismus und die Rückkehr zu einer tatsächlich (statt nur noch alibimäßig betriebenen) umverteilenden Sozialpolitik und ein Bündnis aller (auch der jeweils moderaten Anhänger der diversen Religionen) zu deren Durchsetzung. Sonst können wir uns in zwanzig Jahren mit bosnischen Verhältnissen zwischen Rhein und Oder anfreunden...

Max Schumacher30.04.2011 | 17:02 Uhr

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