«Fassbomben wie Regen» - Zermürbte syrische Rebellen geben Daraja auf

05.09.2016

Jahrelang griff Syriens Armee Daraja vor den Toren von Damaskus immer wieder an und verhängte eine Blockade. Nun haben die Rebellen den Ort kampflos an die Regierung übergeben - ein Sieg für das Regime. Von Jan Kuhlmann und Khalil Hamlo

Früher einmal war der syrische Ort Daraja für seine ausgezeichneten Trauben bekannt. Manche sagen, es seien die besten der Welt gewesen. Doch das ist viele Jahre her. Heute zeigen Fotos aus Daraja nur noch eine ausgebombte Geisterstadt voller Schutt und Asche. Der Ort vor den Toren der syrischen Hauptstadt Damaskus steht symbolisch für die entgrenzte Gewalt und die Zerstörung, die der Bürgerkrieg über das Land gebracht hat. Und für eine Taktik des Regimes, die sich aus Sicht der Machthaber als erfolgreich erweist.

Schließlich sind in der vergangenen Woche nach mehreren Jahren Widerstand die letzten Rebellen aus dem Ort abgerückt. Auch die Einwohner haben Daraja verlassen, rund 8.000 Menschen, erschöpft und ausgelaugt nach mehr als fünf Jahren Bürgerkrieg. Ein Abkommen zwischen Regierung und Rebellen gewährte Kämpfern und Zivilisten freien Abzug. Jetzt kontrolliert Syriens Armee Daraja.

Über Jahre griffen Hubschrauber der syrischen Luftwaffe den Ort immer wieder mit Fassbomben an, Behälter, die mit Sprengstoff und Metallteilen gefüllt sind. International ist diese Waffe geächtet, weil sie eine besonders große Streuung erzielt. «Die Fassbomben waren wie Regen», sagt Abu Mohammed, ein 76-Jähriger, der wie die meisten anderen Zivilisten aus Daraja jetzt zunächst in einem Aufnahmelager am Stadtrand von Damaskus untergekommen ist.

Der ältere Herr zeigt mit seiner Hand auf eine Regentonne, die wie ein Fass aussieht. Sogar diese hasse er nun, sagt Abu Mohammed: «Ich möchte keine Fässer mehr sehen. Ich schwöre: Selbst wenn ich ewig lebe, werde ich in meinem Haus nie wieder ein Fass haben.»

Auch der zehn Jahre alte Omar hat die Bomben erlebt. «Wir haben die Hubschrauber beobachtet, wenn sie über den Ort flogen», erzählt der Junge und klingt wie ein Militärexperte. «Dann sind wir in die entgegengesetzte Richtung gelaufen.» Der 13 Jahre alte Samir sagt, er habe früher Pilot werden wollen. Jetzt stellt er sich sein Zukunft an einer Abwehrrakete vor: «Damit ich die Flugzeuge abschießen kann.»

Zugleich riegelte die syrische Regierung Daraja von der Außenwelt ab. Vier Jahre lang kamen Nahrungsmittel und Medikamente fast nur über Schmuggler nach Daraja, zu wenig, um die verbliebenen Einwohner zu versorgen. Im Juni durften der Syrische Rote Halbmond und die UN Hilfskonvois mit Essen und Medikamenten in den Ort bringen. Aber auch das war nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Von Mangelernährung unter den Einwohnern berichteten Helfer.

Um Saif, ein Frau aus Daraja in ihren Sechzigern, macht dafür aber auch Rebellen verantwortlich. «Das Regime und die bewaffnete Opposition haben sich darauf geeinigt, uns zu töten», wettert sie. «In Daraja gab es alle Arten von Lebensmitteln, aber nur in den Händen von sehr wenigen Menschen.» Anhänger der Regierung und auch die Rebellen hätten mit allem gehandelt.

2011, als der arabische Aufstand auch in Syrien ausbrach, gehörte Daraja noch zu den ersten Orten, die sich gegen die Herrschaft von Präsident Baschar al-Assad erhoben. Später übernahmen Rebellen die Kontrolle. Doch für das Regime ist Daraja wichtig, weil der Ort nicht nur vor den Toren von Damaskus liegt, sondern auch in unmittelbarer Nähe des zentralen Militärflughafens Al-Masa - ein wesentlicher Grund, warum die Armee die Angriffe auf Daraja nie einstellte.

Während das Regime die Übernahme des Ortes als Erfolg verbuchen kann, zeigen sich die Vereinten Nationen besorgt. «Vereinbarungen, die nach einer langen Belagerung zu einer Massenevakuierung führen, entsprechen nicht dem humanitären Völkerrecht und den Menschenrechten», klagte UN-Nothilfekoordinator Stephen O'Brien.

Regimegegner befürchten, dass Daraja zum Modell für andere vom Regime belagerte Regionen werden könnte. Das Hohe Verhandlungskomitee der syrischen Opposition warnte in einem Brief an seine internationalen Unterstützer, lokale Waffenstillstände wie in Daraja bereiteten den Weg für «ethnische und politische Säuberungen».

Jetzt flog Syriens Luftwaffe tagelang verstärkt Angriffe auf Al-Wair, letzter von Regimegegnern kontrollierter Teil der Stadt Homs - nun sollen sich Regierung und Gegner auf einen Abzug der Rebellen geeinigt haben.

Sulaiman, 56 Jahre alt, macht sich darüber keine Gedanken. Er hat genug damit zu tun, sein neues Leben zu begreifen. «Ich fühle mich, als wäre ich neu geboren», sagt er. Vier Jahre lang habe er in Daraja weder Strom noch ein Radio oder Kommunikationsmittel gehabt und nichts von der Welt erfahren. Jetzt fragt er sich, wer diese Terrormiliz Islamischer Staat ist: «Wie lange gibt es die schon? Warum wurde sie gegründet? Warum erlaubt man ihr zu existieren. Ich verstehe nichts.» (dpa)

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