Expertin über Auschwitz-Besuch von Juden und muslimischen Flüchtlingen

08.08.2018

Junge Flüchtlinge aus Syrien und dem Irak reisen gemeinsam mit jungen Juden vom 6. bis zum 10. August nach Polen reisen. Auf dem Programm der 25-köpfigen Gruppe aus Thüringen, Schleswig-Holstein und Nordrhein-Westfalen stehen Krakau und die KZ-Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau. Es ist ein gemeinsames Projekt der Union progressiver Juden in Deutschland und des Zentralrats der Muslime in Deutschland.

Im Interview der Katholischen Nachrichten- Agentur (KNA) erklärt die Unions-Generalsekretärin Irith Michelsohn, wie es dazu kam, welche Erwartungen sie hat und wie sie sich in den Debatten über Antisemitismus sowie mögliche verpflichtende Besuche in ehemaligen Nazi-Konzentrationslagern positioniert.

Frau Michelsohn, beschreiben Sie doch bitte zunächst einmal das Projekt.

Michelsohn: Die Vorsitzenden des Zentralrats der Muslime und der Union progressiver Juden, Aiman Mazyek und Rabbiner Walter Homolka, hatten die Idee, eine Reise mit jungen Flüchtlingen und jungen Juden in die KZ-Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau anzubieten.

Anlass war die Integrationsdebatte, in der Politiker immer wieder sagten, wenn wir Geflüchtete integrieren wollen, müssen wir ihnen die Geschichte Deutschlands insgesamt und die Geschichte des Nationalsozialismus näher bringen. Und wo kann man das besser als vor Ort? Wir haben uns dann für Auschwitz-Birkenau entschieden.

Was erwarten Sie von der Reise nach Polen?

Michelsohn: Die Geflüchteten selber haben zum Teil schreckliche Fluchterfahrungen gemacht, über das Mittelmeer, in dem auch Familienangehörige ertrunken sind. Zugleich sind sie in ihren Heimatländern Syrien und Irak mit einer Erziehung gegen Juden und Israel großgeworden.

Nun haben wir eine Chance, dass sich junge Menschen unterschiedlicher Religionen treffen und austauschen - und dass sie vielleicht merken, dass sie zwar die Religion trennt, sie ansonsten aber Bürger Deutschlands sind.

Haben Sie Vorstellungen von der Zeit nach der Reise?

Michelsohn: Wünschenswert wäre, dass die jungen Erwachsenen in Kontakt bleiben und Multiplikatoren werden. Dies kann der Anfang eines friedlichen Zusammenlebens in Deutschland werden.

Ich bin gespannt auf das Resultat, wenn wir am 10. August auseinander gehen und darauf, was in den Wochen danach geschieht. Und ich bin gespannt auf die Reaktionen der jungen Leute während der Reise.

Auf dem Programm steht auch ein Abendessen mit einem 92 Jahre alten Holocaust-Überlebenden. Welche Rolle spielen solche Begegnungen mit Zeitzeugen?

Michelsohn: Alles, was man sich anliest oder in Filmen sieht, erschreckt einen zwar. Aber wenn ein Überlebender erzählt, denke ich, dass es den Einzelnen anders trifft. Zudem kann so jeder selbst Fragen stellen. Man sollte die Chance ergreifen, solange es noch Zeitzeugen gibt. Die Zeit rennt uns davon.

Es gibt Überlegungen, Besuche in KZ-Gedenkstätten verpflichtend zum Beispiel für Schüler zu machen. Wie sehen Sie die Idee?

Michelsohn: Ich persönlich finde sie gut. Jeder, der eine solche Gedenkstätte - es muss nicht immer Auschwitz sein - gesehen hat, kann kein Holocaustleugner sein. Authentischer geht es nicht, und es ist nun einmal ein Teil der deutschen Geschichte.

Kritiker wenden zum Beispiel ein, dass ein Zwang nichts bringe und eher zu Abwehrreaktionen führen könne.

Michelsohn: In Deutschland leben so wenige Juden, in den Gemeinden sind es insgesamt rund 100.000. Für einen Großteil der Schüler und Studenten ist eine lange Zeit nach 1945 vergangen, die kaum messbar ist. Aber wenn man mahnen und daran erinnern will, sind die KZ- Gedenkstätten schon Orte, die man besuchen sollte.

Wie positionieren Sie sich in der Antisemitismusdebatte? Machen Sie sich Sorgen wegen muslimischer Anfeindungen gegen Juden?

Michelsohn: Ich selbst habe in den vergangenen Jahren keinen Antisemitismus erlebt. Es gibt mitunter eine Bedrohung, das hat dann mit der politischen Lage in Israel zu tun, weil Juden immer in einen Topf mit Israel geworfen werden. Ich denke, es wird wegen der Sozialen Medien und der Nachrichten, die heute viel rascher als vor 20 oder 30 Jahren transportiert werden, etwas in die Welt gesetzt, das nicht mehr rückgängig zu machen ist.

Ob es einen ansteigenden Antisemitismus durch Flüchtlinge gibt, kann ich nicht bestätigen. Wir haben viele Flüchtlinge aufgenommen, aber es ist ein Antisemitismus, den wir schon lange hatten und der nicht erst durch die Flüchtlinge wieder "gesellschaftstauglich" geworden ist. Wir sind sensibler geworden, was wichtig und gut ist, und wir treten entschiedener dagegen ein. Das ist meine Privatmeinung.

Immer wieder wird Kritik an einer Verrohung der Sprache laut. Sehen Sie das auch so?

Michelsohn: Ich denke, die Verrohung hat mit den Sozialen Medien zu tun. Junge Leute nennen es "cool". Viele Menschen gehen heute mit ihrer Wortwahl nicht mehr so gepflegt um, wie man das vielleicht zu früheren Zeiten getan hat.

Ich erlebe bei manchen jungen Erwachsenen, dass die Sprache generell viel, viel direkter geworden ist. Ich weiß nicht, ob die Sprache primitiver geworden ist, jedenfalls ist man heute großzügiger und freier. Die Frage ist, ob Freiheit immer und überall dieses Ausmaß erreichen muss.

Warum ist die Sprache, die Wortwahl in Diskussionen so wichtig?

Michelsohn: Wenn man sich genauer überlegen würde, was man sagt, wäre man vielleicht nicht so verletzend seinen Mitmenschen gegenüber. Sprache ist eines unserer wichtigsten Kommunikationsmittel. Sie kann dazu beitragen, dass eine Debatte differenziert geführt wird. Wer nach Deutschland einwandert, muss daher bereit sein, Deutsch zu lernen, und zwar gut. (KNA) 

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