Experten stoßen neue Debatte über «No-Go-Areas» für Schwarze an

02.03.2017

Vor der Fußball-WM 2006 tobte ein Streit darüber, ob man ausländische Besucher vor bestimmten Orten in Deutschland warnen sollte. Vertreter afrikanischer Vereine haben UN-Experten jetzt berichtet, dass es diese «No-Go-Areas» aus ihrer Sicht auch heute noch gibt. Von Anne-Beatrice Clasmann

Wenn in Deutschland von «No-Go-Areas» die Rede ist, geht es meistens um Salafisten-Nester oder um Straßenzüge, in denen kriminelle Ausländer-Clans den Ton angeben. Doch es gibt auch Orte, an denen Menschen afrikanischer Herkunft ein ungutes Gefühl haben. Sie fürchten, dort von Rechtsextremisten angepöbelt oder körperlich attackiert zu werden. 

«Wenn ich beruflich nach Brandenburg muss, dann fahre ich da auch hin, aber meine Tochter würde ich nicht mitnehmen», sagt Yonas Endrias aus Berlin. Der gebürtige Eritreer engagiert sich seit vielen Jahren in Vereinen und Beiräten der Hauptstadt für die Rechte der afrikanischen Diaspora.

«Besonders schlimm ist es in Sachsen», sagt er. Dort funktioniere - anders als in Brandenburg - auch die Zusammenarbeit mit der Polizei nicht gut, «weil die Polizisten dort gar nicht so richtig verstehen, was Rassismus überhaupt ist».  

Endrias ist einer von Dutzenden Menschen, mit denen die Experten der UN-Arbeitsgruppe für Menschen afrikanischer Herkunft jüngst über die Diskriminierung von Schwarzen in Deutschland gesprochen haben. Die Gruppe unter dem Vorsitz von Ricardo Sunga hat zum Abschluss ihrer ersten Erkundungsmission in Deutschland eine Liste von Empfehlungen vorgelegt. Dazu gehört auch die statistische Erfassung von Menschen afrikanischer Herkunft hierzulande.

Das mag vielen Deutschen merkwürdig vorkommen. Schließlich geht es in der Diskriminierungsdebatte ja darum, dass äußere Merkmale wie etwa die Hautfarbe im Alltag eben keine Rolle spielen sollten. Warum sollte man dann zum Beispiel Afroamerikaner oder die Nachfahren von Einwanderern aus Afrika noch in der dritten Generation nach ihrer Herkunft befragen? Um sie «sichtbarer zu machen», erklärt Sunga. 

Er schätzt, dass in Deutschland etwa eine Million Menschen afrikanischer Herkunft leben - das sind mehr als ein Prozent der Bevölkerung. In dem jetzt veröffentlichten vorläufigen Bericht seiner Arbeitsgruppe zu Deutschland heißt es: «Viele muslimische Schüler afrikanischer Herkunft beschreiben ihre Erfahrungen in der Schule als traumatisierend, da sie dort nicht nur Rassismus gegen Schwarze erleben, sondern auch gegen Muslime.» 

Auch eine andere Klage von Menschen mit afrikanischen Wurzeln nimmt die Arbeitsgruppe auf. Sie erklärt: «Laut Berichten aus der Zivilgesellschaft erhalten Kinder afrikanischer Herkunft von Lehrern zunehmend Schulempfehlungen, die ihnen den Zugang zu höherer Bildung versperren.» Und: «Menschen afrikanischer Herkunft stehen in der deutschen Gesellschaft ganz unten. Für sie bleiben nur die Jobs, die sonst niemand will.»

Auch die aktuelle Debatte über «Auffanglager» für Asylsuchende und illegale Migranten in Nordafrika sehen die UN-Experten kritisch. Sie sagen, vor allem Zurückweisungen nach Libyen sollten vermieden werden, mit Blick auf Berichte über gravierende Menschenrechtsverletzungen, mit denen Afrikaner in dem nordafrikanischen Land rechnen müssten.

Positiv heben die Experten dagegen Bemühungen von Bund und Ländern hervor, sich um das Problem der rassistischen Diskriminierung von Schwarzen zu kümmern. Auch die hohe Zahl von Flüchtlingen, die Deutschland seit 2015 aufgenommen hat, heben sie positiv hervor.

Durch die Ankunft der Flüchtlinge habe sich der Alltag auch für die schon länger in Deutschland lebenden Migranten aus Afrika verändert, berichtet Endrias. Er erzählt von einer Frau mit afrikanischen Wurzeln, die kürzlich von einer fremden Frau beschimpft worden sei, als sie einen Kaffee bestellte: «Die Frau hielt sie wohl für einen frisch angekommenen Flüchtling und sagte, zu ihr «Du trinkst Kaffee von meinem Geld». Daraufhin gab die andere Frau zurück: «Nein, das ist mein eigenes Geld, ich arbeite als Krankenschwester».» (dpa)

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