Experten: "Islamic Banking" dient der Integration

23.01.2018

Das islamische Bankwesen ("Islamic Banking") gewinnt nach Expertenansicht auch in Deutschland an Bedeutung. Durch die Möglichkeit, islamkonform Finanzgeschäfte tätigen zu können, fühlten sich gläubige Muslime hierzulande auch in diesem Lebensbereich ernst genommen, sagte der Mannheimer Finanzberater Ugurlu Soylu am Freitag in Osnabrück. Islamkonforme Bankgeschäfte wirkten sich somit positiv auf die politische Integration in Deutschland aus. Den Aufbau der in der Eurozone einzigen islamischen Bank, der KT Bank Frankfurt, nannte er eine "wichtige Pionierleistung".

"Islamic Banking" war Thema einer Tagung in Osnabrück mit Rechts- und Finanzwissenschaftlern, Bankern und Theologiestudenten. Im Mittelpunkt stand die Rolle dieser Art von Finanzwesen in Deutschland und weltweit.

In Deutschland leben rund 4,5 Millionen Muslime. Sie arbeiten, führen Geschäfte, sind Schüler, Studenten oder Rentner, gehen Hobbys nach, engagieren sich in Vereinen und Gemeinden. Und sie tätigen ihre Bankgeschäfte - in der Regel wohl in ganz normalen Finanzinstituten wie die übrigen Deutschen. Diejenigen jedoch, die streng nach den Regeln ihres Glaubens leben, haben damit ein Problem.

Der Koran und die anderen Gesetzesschriften des Islam wie Scharia und Sunna verbieten gläubigen Muslimen Zins- und Spekulationsgeschäfte. Für diese Gruppe hat sich weltweit das "Islamic Banking" etabliert, ein Bankwesen, das Finanzgeschäfte ausschließlich nach den Regeln des Islam betreibt. Über die Besonderheiten dieser Art von Banking diskutierten an diesem Freitag in Osnabrück Wissenschaftler und Bank-Experten auf einer Fachtagung.

"In Deutschland ist 'Islamic Banking' eine Nische", erläutert der Münsteraner Rechtswissenschaftler Matthias Casper. Die Muslime in der Bundesrepublik stammten überwiegend aus der Türkei. Sie seien zu einer Zeit nach Deutschland gekommen, als ihr Heimatland noch streng laizistisch nach der Vorstellung von Staatsgründer Mustafa Kemal Atatürk (1881-1938) gewesen sei. Entsprechend klein sei hier die Nachfrage nach entsprechenden Finanzprodukten. In der Eurozone ist die KT Bank in Frankfurt mit Filialen in Köln, Berlin und Mannheim die bislang einzige islamische Bank. Ihre Bilanzsumme betrug 2015 rund 54,4 Millionen Euro.

Ganz anders sieht das in England aus. Hier leben vor allem Muslime aus den Golfstaaten und aus Pakistan, also aus streng islamischen Ländern. Und weltweit gibt es etwa 1,8 Milliarden Anhänger des Islam. In über 70 Ländern bieten rund 500 islamische Banken und Finanzdienstleister ihre Dienste an. Ihr Geschäftsvolumen betrug nach Erkenntnissen von Branchenkennern 2013 etwa 778 Milliarden US-Dollar - Tendenz steigend.

Sie alle beachten das allgemeine islamische Zins- und Spekulationsverbot. So werden etwa Kreditverträge auf der Grundlage von Sachdarlehensverträgen ausgehandelt. Die Bank verleiht kein Geld gegen Zins, sondern finanziert für den Kunden den Erwerb eines Konsum- oder Investitionsgutes.

Professor Casper erläutert das am Beispiel eines Autokaufs. Nach westlichem Gebaren würde die Bank einem Käufer Geld leihen, dieser kaufe das Auto und zahle das Geld mit Zinsen an die Bank zurück. "'Islamic Banking' läuft anders. Die Bank kauft das Auto und verkauft es mit einem Aufschlag an den Kunden." Nach islamischem Recht sei das keineswegs eine Umgehung des Verbots, solange die Bank sich nicht auf die Rolle des Finanzgebers beschränke, sondern selbst ein unternehmerisches Risiko trage. Im angenommenen Fall etwa das Risiko, dass das Auto mangelhaft ist oder beim Transport zu Schaden kommt.

Das Zinsverbot sei übrigens kein rein islamisches Denken, so Casper, der auch am Münsteraner Exzellenzcluster "Religion und Politik" mitarbeitet. Schon Aristoteles habe bemängelt, dass durch den Zins Geld sich durch sich selbst vermehre, was aber gegen das Naturrecht sei. Ebenso handelten wohl nicht alle islamischen Bankhäuser aus reinen Glaubensgründen. Es gebe die, die letztlich nur Geld verdienen wollten. Für sie sei der Stempel "islamkonform" das Wichtigste. Andere aber sähen im "Islamic Banking" eine Art Dritten Weg zwischen Kapitalismus und Kommunismus. Im Ausbau dieser Form liege vielleicht eine Entwicklungsmöglichkeit.

"Islamic Banking" dürfe aber nicht mit ethischem Bankwesen verwechselt werden, wie es etwa Kirchenbanken betreiben, so Casper. Diese suchten sich einen außerrechtlichen Referenzrahmen, etwa einen UN-Bericht, der ein ethisches Anlageverhalten definiere, und legten dafür ein Finanzprodukt auf. Oder sie definierten selbst ethische Anlagen, bei denen Rüstungsindustrie oder Kinderarbeit tabu seien. Und bei Ethik-Banken fehle eine rechtliche Definition. Um sich so bezeichnen zu könne, müssten sie nicht zu 100 Prozent ethisch handeln. "Und mit Zinsen haben Ethik-Banken überhaupt kein Problem", so Casper. (KNA)

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