Etgar Keret; Foto: picture-alliance/dpa
Etgar Kerets Stories ''Plötzlich klopft es an der Tür''

Geschichten mit Augenzwinkern

Mit seinen kürzlich auch auf Deutsch erschienenen Kurzgeschichten "Plötzlich klopft es an der Tür" beweist der israelische Erfolgsautor Etgar Keret sein Gespür für abgründigen Humor und eine, an Woody Allen erinnernde, bestechende Situationskomik. Volker Kaminski hat das Buch gelesen.

Grotesk geht es zu in Etgar Kerets Welt. In seinen "Stories" begegnen dem Leser die aberwitzigsten Dinge, als wären es Alltäglichkeiten.

Da gibt es Fremde, die an die Haustür klopfen, um vom Bewohner mit vorgehaltener Pistole eine Geschichte zu verlangen (Titelgeschichte), da werden Menschen, die zu viel lügen, zu einem geheimnisvollen Loch geführt, wo all ihre Lügen Realität geworden sind, da entdeckt eine junge Frau in der Mundhöhle ihres Freundes Ziki beim Küssen einen Reißverschluss, und als sie daran zieht, "öffnete sich ihr kompletter Ziki wie eine Auster und in ihm lag Jürgen."

Trotz der Fülle an bizarren Einfällen und phantastischen Vorkommnissen, mit denen der Autor jongliert, klingt in den meisten Geschichten ein melancholischer Grundton an. Die Welt, in der seine Figuren ihre Konflikte ausfechten, mag uns aberwitzig erscheinen, doch in jedem Augenblick sind es Menschen der heutigen Gegenwart, es sind Angehörige einer jungen Generation, die in Israel, in den USA oder anderswo auf der Welt lebt.

Viele der Stories spielen in Israel. Obwohl der Autor auf die politische Situation des Landes nirgends eingeht, lassen wiederkehrende Motive – Gefühle einer latenten Bedrohung, Leiden während der strengen Militärdienstzeit, die Leiche eines Selbstmordattentatsopfers an die konkrete Lebenswelt in Tel Aviv und andere Orte Israels denken.

Buchcover 'Plötzlich klopft es an der Tür', S. Fischer Verlag
"Plötzlich klopft es an der Tür" ist eine Sammlung von Kurzgeschichten, die weder zeit- noch raumgebunden sind und die die normalen Schwächen der Mitmenschen und ihre tausend Lügen beleuchten, mit denen sie im Alltag hantieren.

​​Dennoch geht den Geschichten jede lokale Färbung ab, und dem Autor ist das Politische nur insofern wichtig, als es um geforderte Fairness, Empathie und um das Verständnis für die vielfältigen Leiden moderner Menschen geht.

Keine Scheu vor gesellschaftlichen Tabus

Wie Keret auf dem diesjährigen Internationalen Literaturfestival in Berlin angab, entstammt er einer "Erzählerfamilie" (seine Eltern sprachen sechs Sprachen), er besitzt einen unerschöpflichen Reichtum an Themen, so dass er ebenso ungezwungen vom Sex unter jungen Paaren wie von den Krebsgeschwüren in den Organen einer getöteten jungen Frau oder vom Wachstum lästiger Hämorriden erzählen kann. Er scheut keine Tabus, und es scheint, als ob sein Ausbrechen in phantastische Erzählwelten nur dem Drang folgt, den Rätseln des Lebens bis in die verborgensten Winkel zu folgen.

In seiner erzählerischen Konsequenz und der strengen surrealen Logik, der er sich bedient, nähert sich Keret seinem literarischen Ahnherrn: Franz Kafka. Der Autor der "Verwandlung" habe, so Keret, auf dem erwähnten Podium, großen Einfluss auf ihn gehabt. Bei Kafka habe er auch gelernt, seine Figuren niemals klüger oder besser sein zu lassen als der Leser.

Es sind oft einsame Menschen, denen Keret dabei zusieht, wie sie mühsam an ihren Problemlösungen feilen und ihre Konflikte mit dem Ehepartner, dem Chef oder einer übermächtigen Umwelt auszuräumen versuchen. Darunter sind nicht selten Kinder, die mit der gleichen Hartnäckigkeit wie die Älteren ihre Rechte und Spielräume einklagen.

Nie aber geschieht in den Stories das Vorhersagbare, immer findet der Erzähler überraschende neue Wege, um das Geschehen ungewöhnlich und erstaunlich zu gestalten. So erscheint es in dieser Welt durchaus plausibel, dass ein Goldfisch russisch spricht oder ein Pudel hebräisch, oder dass ein Vierjähriger sich inständig den Tod seiner Großmutter wünscht, oder dass ein zum Tode verurteilter Auftragsmörder nach der Hinrichtung in der Hölle erwacht, um sofort wieder nach dem "schwachen Punkt" seines Gegenübers zu lauern: "Knie, Eier, Gurgel."

Bestechende Situationskomik

In der längsten Geschichte des Bandes mit dem Titel "Das Überraschungsfest" kommen vier Menschen zu einer geplanten Geburtstagsparty in einer Anwaltswohnung über den Dächern Tel Avivs zusammen. Doch weder kennen die drei Eingeladenen den Anwalt näher, noch ist dieser überhaupt zu Hause. Die drei Männer sitzen mit der Ehefrau zusammen, die das Fest ausgerichtet hat, und warten, während das Catering-Personal sich bemüht das riesige Büffet in die Wohnung zu schaffen.

Wie Keret aus dieser skurrilen Situation einen kleinen Krimi entwickelt, der mit einer nächtlichen Autofahrt endet, auf der die Ehefrau ohnmächtig wird, während ihr Mann gleichzeitig mit einer Pistole durch Tel Aviv fährt, um entweder sich zu erschießen oder an jemandem Rache zu nehmen, erscheint völlig wahnwitzig, liest sich aber absolut hinreißend. Großen Anteil hat daran Kerets Gespür für abgründigen Humor und eine, an Woody Allen erinnernde, bestechende Situationskomik.

Doch nicht nur bei dieser Geschichte wird der Leser am Ende ein wenig enttäuscht, er bedauert, dass der Text schon nach wenigen Seiten abbricht. So unvermittelt werden wir in das Geschehen hineingezogen, lernen die Probleme und Eigenarten der Figuren kennen, fühlen und leiden hautnah mit ihnen, dass uns das abrupte Ende – meist ohne eine zu erwartende Pointe – etwas ratlos macht.

Etgar Keret; Foto: picture-alliance/dpa
Spross einer Erzählerfamilie: "Keret besitzt die wunderbare Gabe, uns mit dem ersten Satz zu packen und von diesem Augenblick an durch die irrwitzigsten Verwicklungen, Gedankenspiele und Parallelwelten seines Erzähluniversums zu führen."

​​Keret verfasst im Grunde lauter Miniaturen, in denen er konsequent das Ende verweigert, er lässt viele Fragen offen und die Handlungsfäden reißen ab. Dies muss nicht immer unbedingt ein Nachteil sein. Man könnte dem Autor ein hohes Maß an Zurückhaltung bei der Bewertung oder "Auflösung" seiner Geschichten attestieren. Er vertieft sich so sehr in die konkrete Situation eines Einzelnen, in das in Rede stehende Problem seiner Figur, dass er auf die Illusion einer Konfliktlösung nicht angewiesen ist und das Ende lieber dem Leser selbst überlässt.

Vielleicht sind auch die Figuren in manchen Stories schon an einem Ende angekommen, sind dem Tod begegnet oder befinden sich in schier ausweglosen Lagen, so dass ein Happy End einfach fehl am Platz wäre.

Doch trotz dieser desillusionierenden Grundstruktur seiner Stories lässt Keret den Figuren – wenn auch keine Auswege – so doch immer spontane kleine Fluchten, unverhoffte Nebenwege oder zumindest die Aussicht auf Besserung. So kann die Hauptfigur der ersten Geschichte, ein Autor namens Keret, der von drei Männern unangenehmen Besuch bekommt, die ihn mit der Pistole zwingen wollen, ihnen eine Geschichte zu erzählen, zwar nicht das Gewünschte liefern – ihm fällt schlicht nichts ein, er leidet unter einem Block –, doch durch geschicktes Verhandeln kann er wenigstens einen Aufschub erreichen, so dass ihm die Hoffnung bleibt, eines Tages wieder erzählen zu können.

Chronik menschlicher Schwächen

Keret, der neben seinen zahlreichen Erzählbänden, die in 31 Sprachen übersetzt wurden, auch das Drehbuch zu einem in Cannes 2004 prämierten Film "Jellyfish" verfasst hat (zusammen mit seiner Frau), besitzt die wunderbare Gabe, uns mit dem ersten Satz zu packen und von diesem Augenblick an durch die irrwitzigsten Verwicklungen, Gedankenspiele und Parallelwelten seines Erzähluniversums zu führen, obwohl es keine abgerundeten Stories sind, fühlt sich der Leser dieses Erzählbandes von der tiefen Menschlichkeit des Autors berührt.

Keret beleuchtet die normalen Schwächen der Mitmenschen, ihre tausend Lügen, mit denen sie im Alltag hantieren, doch er klagt seine Figuren niemals an. Ein Humanist, der nicht vorgibt zu wissen, wie die Welt besser oder menschlicher zu machen wäre. So ist dieser Erzählband in der großartigen Übersetzung von Barbara Linner, die den frischen und bisweilen anarchischen Ton des Erzählers trifft, unbedingt zu empfehlen.

Volker Kaminski

© Qantara.de 2012

Etgar Keret: "Plötzlich klopft es an der Tür", S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2012, 265 Seiten

Redaktion: Arian Fariborz/Qantara.de

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Die internationale Gemeinschaft befindet sich in einem großen Dilemma: wie soll es weitergehen in Libyen? Denn es ist klar, dass sie militärisch eingreifen muss, um das Gaddafi-Regime zu beseitigen. Die Alternative wäre ein endloser Bürgerkrieg vor den Toren Europas.

Makus Halmann12.04.2011 | 09:49 Uhr

Ich befürchte auch, dass der Politologe F. Stephen Larrabee Recht hat, denn die Bedingungen in der Türkei und vor allem die lange Tradation des Kampfes um Demokratie unterscheiden sich in der Tat von denen in den meisten arabischen Ländern. Schöner Beitrag.

Ahmad Ezzat12.04.2011 | 17:13 Uhr

Gesegnt seid ,Anonimität ist ein bestandteil der Freiheit,und des inhalt kontex Qualität was zelt

Jaljaloot Elharoot13.04.2011 | 20:43 Uhr

Wunderbarer Beitrag von Michael Roes, den ich als Autor und kritischer Beobachter der arabischen Welt seit langem sehr schätze. Roes besitzt die nötige Empathie für die arabischen Bürger und den Respekt vor ihren Bedürfnissen und Sehnsüchten.

Hans Zimmermann17.04.2011 | 09:51 Uhr

Das Jahr 2001 sollte nicht wiederholt werden

Beate Elefant18.04.2011 | 23:29 Uhr

Der sogenannte Streit ums Kopftuch ist nur Symptom für die Unfähigkeit aller Akteure, sich den wichtigeren Problemen zu widmen. Das schreibe ich, obwohl ich die Argumente von Frau Kaddor nicht überzeugend finde.

Susan Müller-H...20.04.2011 | 07:46 Uhr

Die Sicherheitskräfte des verhassten Assad-Regimes haben heute und gestern in mehreren Städten und Regionen Syriens Massaker angerichtet. Wo es Tote gab, war das perfide Muster immer dasselbe: Nicht Polizisten in Uniform feuerten die tödlichen Schüsse ab, sondern Heckenschützen in Zivil, die auf Hausdächern lauerten und willkürlich in die Menschenmengen schossen, um Panik und Furcht auszulösen. In Homs sind dadurch so viele Menschen verletzt worden, dass Ärzte unter den Demonstranten in den Gassen der Altstadt improvisierte Lazarette einrichteten, erzählte eine Augenzeugin der BBC. Es ist an der Zeit, auch das Assad-Regime zu ächten und international zu isolieren.

Helmuth Alkadli22.04.2011 | 23:50 Uhr

Mit diesem Satz hat Jesus seinem Bruder gezeigt, dass die Liebe stärker ist als Hass und Neid.
Luzifer wollte seinen Bruder, den Metadron (Jesus) vom Thron stürzen, um für sich selber die Herrschaft zu stehlen. Jesus lies sich aus Liebe zu seinem "verlorenen" Bruder freiwillig am Kreuz morden. Er wußte, dass Gott ihm das Leben zurück geben wird.
GOTT IST >Leben kann man nicht töten. Es wäre sonst nicht das Leben das ewig ist! Es wandelt sich nur.

Die Christen beten beim Gottesdienst: "Deinen Tod oh Herr verkünden wir und deine Auferstehung preisen wir, bis du kommst in Herrlichkeit!" Da haben sich die Herren in Rom aber einen schönen Unsinn ausgedacht. Wer will denn noch immer den Tod Jesu verkünden und warum? Der Teufel will es. Nutzt ihm aber nichts, denn Jesus lebt und ändert von der geistigen Welt aus das Leben auf der Erde. Das ist ein sehr schwieriger Änderungsprozess, weil die Menschen freiwillig nichts ändern und auch nicht umdenken wollen.
Trotzdem wird das Werk gelingen, weil es der Wille Gottes, des Vaters ist.

Die Hoffnung auf eine bessere Zukunft lässt Änderungen wie derzeit in der Arabischen Welt zu und auch im Christentum hat ein Nachdenken bereits begonnen. Gott ist die Liebe und die Liebe ist die stärkste Macht im Universum und Gott liebt uns alle gleich.
http://www.hopeland.at
Möge das Werk gelingen. Das wünsche ich mir und allen Menschen auf der Erde.
Mathilde

Mathilde Heiml30.04.2011 | 10:51 Uhr

exzellenter artikel. danke.

ulrich johannes...30.04.2011 | 12:56 Uhr

Die Idee, die durch die zurückgehende gesellschaftliche Bindungskraft der evangelischen Kirche ausgelöste (innere) Krise als Chance auf eine Neuformierung im Sinne einer neofundamentalistischen, gesellschaftliche Fragen ausblendenden Missionstheologie zu interpretieren, mag als privates Hirngespinst von Herrn Pfarrer (sic!) Teufel hingenommenwerden müssen, als Vorbote einer dadurch beförderten ethnisch-religiösen Kantonisierung unserer Gesellschaft ist es mir jedoch eine Horrorvorstellung! Stattdessen brauchen wir tatsächlich eine weit konsequentere Hinwendung zum Laizismus und die Rückkehr zu einer tatsächlich (statt nur noch alibimäßig betriebenen) umverteilenden Sozialpolitik und ein Bündnis aller (auch der jeweils moderaten Anhänger der diversen Religionen) zu deren Durchsetzung. Sonst können wir uns in zwanzig Jahren mit bosnischen Verhältnissen zwischen Rhein und Oder anfreunden...

Max Schumacher30.04.2011 | 17:02 Uhr

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