Das politische Erbe Edward Saids

Sozialbewusstsein über Nationalbewusstsein

Als Edward Said starb, war er als einflussreicher Theoretiker weithin anerkannt und hinterließ ein beeindruckendes Werk, das bis heute nachwirkt. Weshalb es notwendig ist, Edward Saids Gedankenwelt in Erinnerung zu rufen, schildert Adania Shibli.

In der Tat sind Ehrungen des verstorbenen Denkers sowie akademische Konferenzen und Symposien zur Erforschung seiner Arbeit ein deutliches Zeichen seiner anhaltend herausragenden Bedeutung. Aber seine Ideen haben nicht nur zu Paradigmenwechseln in den Geistes- und Sozialwissenschaften geführt, sie haben das Feld der akademischen Diskussion bereits hinter sich gelassen.

Während der politischen Unruhen in verschiedenen arabischen Ländern verwandelten Aufständische seine Konzepte in Slogans, seine Worte tauchten als Graffiti an Häuserwänden im revolutionären Tunesien auf. Damit haben sich die Aktivisten nicht nur zu ihrem Widerstand gegen das Regime bekannt, sie haben auch dafür gesorgt, dass Saids Gedankengut nicht als "Status quo" sedimentiert – als in Stein gemeißelte institutionelle Interpretationen, durch die er mit einem spezifischen Gerüst an Konzepten assoziiert wurde, wie es kraft der Autorität der Hochschulen und bestimmter intellektueller Diskussionen festgeschrieben schien.

Ein zentrales Anliegen, das in Saids Gesamtwerk immer wieder aufscheint – und das für die Gegenwart von besonderer Relevanz ist, sei es in politischer, sozialer oder ökonomischer Hinsicht –, ist der Versuch, die Logik binärer, oppositioneller Beziehungen zu durchbrechen.

Gegen gängige Dichotomien

Edward Said im Jahr 1999; Foto: dpa
Unbequemer Denker und namhafteste Stimme Palästinas in der Welt: Edward Said studierte an der Princeton und Harvard University in den USA. Er starb am 24. September 2003 in New York an einem schweren Krebsleiden.

Bedauerlicherweise hat gerade diese Logik sich in der Analyse sozialer Beziehungen durchgesetzt. Said wurde daher nicht müde, deren simples Schema eines "Ich/Wir" (wer immer das auch sein mag) gegen "den/die Anderen" zu problematisieren. In seinem Bestreben, gängige Dichotomien zu hinterfragen, hat er zentrale Begriffe wie Wissen, Macht, Repräsentation, Ort, Zeit und Reisen konzeptionell erforscht.

Da viele seiner Erkenntnisse hierzu bereits etabliert sind – wie beispielsweise seine Kritik am Orientalismus oder seine Untersuchung der Beziehung zwischen Kultur und Imperialismus – will ich im Folgenden einige seiner weniger bekannten, persönlicheren Ideen ins Gedächtnis rufen.

Zu Beginn mag man sich daran erinnern, was Said in Out of Place (1999, dt. Am falschen Ort, 2000) über sich selbst schreibt – der er ja Palästinenser und Amerikaner war – und über das Dasein in zwei Sprachen: Arabisch und Englisch. Beide fungierten als seine Muttersprachen und beeinflussten sein Sprachgefühl in einer Art und Weise, dass es ihm unmöglich erschien, hier eine exakte Trennung vorzunehmen oder auch nur diesen Zustand vollständig zu erfassen.

Eine solche Existenzform kann man heutzutage immer häufiger beobachten, da sich erstmals in der Geschichte beträchtliche Zahlen nicht-westlicher Immigranten im Westen bzw. Norden wiederfinden. Unter diesen Umständen geraten, wie Said feststellt, Definitionen von Kulturen und Gesellschaften zu äußerst schwer fassbaren, hoch umstrittenen Angelegenheiten.

Hier sind Erkenntnisse über "Gegenkulturen" gefragt: Said versteht darunter ein Ensemble an Praktiken, die mit den unterschiedlichsten Außenseitern in Verbindung gebracht werden – was nicht nur Immigranten einschließt, sondern auch Arme, Künstler, Bohemiens, Arbeiter und Rebellen.

Es verwundert daher nicht, dass Said – im Rückgriff auf Frantz Fanon [den Vordenker der Dekolonisation] – vehement für ein soziales Bewusstsein anstelle eines nationalen eintrat. Letzteres war für ihn ein rückwärtsgewandtes, geradezu atavistisches Festhalten an einer in sich geschlossenen Kolonial- oder Inländeridentität. Der Wunsch, Sozialbewusstsein über Nationalbewusstsein zu stellen, ist in seiner Forderung nach einer Ein-Staaten-Lösung in der Palästina/Israel-Frage deutlich erkennbar, ebenso wie in seiner Definition des Universalismus, den er vom Imperialismus klar absetzt.

Riss im Selbst

Wer diese Problematik ignoriert, riskiert – als Widerhall der bekannten Ausschlussmechanismen – einen Riss im Selbst, insbesondere unter den Immigranten im Norden/Westen, aber auch im Süden/Osten. Bezeichnenderweise verrät Said in Out of Place, dass er an der "Cairo School for American Children" seine Arabischkenntnisse verheimlichte. Schlussendlich wird er sich in der arabischen Sprache auch nicht wirklich zuhause fühlen, obwohl sie seine Muttersprache ist (Al-Ahram Weekly, 12.–18.2.2004).

Diese Haltung verweist auch auf die zentrale Bedeutung von Begriffen wie Ort, Zeit und Reisen. Die Bedeutung von Orten – und nicht weniger von Zeit – rührt in Saids Sicht daher, dass "ein Territorium der Ort ist, an dem du [etwas] tust" (Boundary 2, Frühjahr 1993).

Eine unkompromittierte Denkweise, insbesondere in politischer Hinsicht, so Said, hält einen Menschen in Bewegung, macht ihn zum Reisenden. Reisende wiederum setzen eingefahrene Routinen außer Kraft, erproben neue Rhythmen und Rituale. Im Gegensatz zum Sultan, der einen Ort absichern und dessen Grenzen verteidigen muss, begibt sich der Reisende über territoriale Grenzen hinaus und lässt so immer wieder fest umrissene Positionen hinter sich. Daher ist nach Said das Abweichen von ausgetretenen und klar zugewiesenen Pfaden ein Akt der Befreiung, der in einen "flüchtigen Augenblick der Freiheit" mündet (Am falschen Ort, S. 45).

Gleichzeitig haben Räume vielschichtige Konnotationen, je nachdem ob man drinnen ist oder draußen, oder ob man sich deplatziert fühlt, wenn man kein Recht auf den Ort hat –was wiederum auf Saids Erfahrung in Bezug auf Palästina verweist: "der unversöhnliche Gegensatz, den dieser Ort vermittelt, zum einen sein Verlust, der […] sich in so vielen gebrochenen Lebensläufen einschließlich dem meinen niederschlägt, und zum anderen sein Status als gelobtes Land für sie (aber natürlich nicht für uns)" (Am falschen Ort, S. 223).

Said ergreift hier die Gelegenheit, um die Reaktion seiner Familie, insbesondere seines Vaters, auf den Verlust Palästinas zu beschreiben: des Ortes, an den die Familie nach seiner Besetzung 1948 und der Neugründung des Staates Israel nicht würde zurückkehren können.

Emotionale Leere

Buchcover Orientalism von Edward Said
Schock für alle Ewigkeit: "Es ist wohl keine Übertreibung, wenn man sagt, dass das 1978 erstmals erschienene Werk Edward Saids die klassische Orientalistik traumatisierte", schreibt der Literaturkritiker Stefan Weidner.

Saids Vater scheint sich nach dem Fall Palästinas ins Kartenspiel zurückgezogen zu haben. Er erinnert sich, neben seinem Vater gesessen zu haben – eine Art Bestrafung für schlechtes Benehmen – und dieses Kartenspielen als hoffnungslose Leere wahrgenommen zu haben; als eine Handlung, die ein Minimum an emotionalem Einsatz erfordert; als einen Weg, Angst und Beklemmung zu sublimieren; als eine Flucht vor der Konfrontation mit der Realität – und all dies unter Einsatz möglichst weniger Worte: oder, anders ausgedrückt, als Schweigen.

Für Said lief das auf eine mentale und moralische Unterwerfung hinaus, die das Gefühl der Macht anderer über einen selbst noch verstärkte. Wenn er seinem Vater beim Kartenspielen zusah, konnte sich Said nur mithilfe seiner Vorstellungskraft aus dieser beklemmenden Situation lösen. Nicht von Ungefähr ist es in seiner Sicht die Welt der Imagination, die sich als Befreiung aus der real erfahrenen Autorität erweist.

Machtstrukturen mit massiven destruktiven Auswirkungen sind also gegeben; viele davon hat Said offen gelegt. Er sieht aber auch Möglichkeiten, ihnen entgegenzuwirken. Solche Gelegenheiten können in Saids Fall an den unwahrscheinlichsten Orten auftauchen, in Verhaltensweisen oder Emotionen aufscheinen. Fragilität, Schmerz und Einsamkeit zählen zu den immer wiederkehrenden Gefühlen in jungen Jahren.

Strategien der Verweigerung

Daran wird sich auch im Verlauf der Jahre nichts ändern, als physische – insbesondere aus seiner Krankheit rührende –, aber auch emotionale Schwäche bestimmte Abschnitte seines Lebens charakterisierten. Der Kritik durch Entkörperlichung, durch absichtliches Zurückbleiben, durch Trödelei oder Zappelei, durch Nägelbeißen zu begegnen – all dies sind Strategien des Widerstands gegen die Mächtigen, sei es der Vater, seien es die Schulen, die er besuchte.

Gerade die Techniken, die landläufig mit Schwäche assoziiert werden – von "Versagen" und "Fehlverhalten" bis hin zu "Steine werfen" und "Musik spielen" (wobei Letzteres einen Menschen auf so spezifische wie wortlose Weise berühren kann) – können sich in bestimmten Situationen als nützlich erweisen. Wenn es nämlich darum geht, das zu fördern, was Said als Quelle nicht der Konformität, sondern des Widerstands bezeichnet; als individuelle Handlungsfähigkeit anstelle von kollektivem Determinismus – und zwar in genau den Situationen exzessiver Autorität und Dominanz, in denen es an physischer Kraft zurückzuschlagen fehlt.

Wir sind zwar gezwungen zu akzeptieren, dass unter der Oberfläche ein Abgrund lauert, an dem wir nicht vorbeikommen, ein Apparat, der den kritischen Geist einschläfert. Aber: Alles zu riskieren, um einen Weg zu finden, eine Brücke zu bauen, fantasievoll und kritisch, birgt die Möglichkeit, der Passivität, dem Gefühl der Niederlage und der Hoffnungslosigkeit Einhalt zu gebieten.

Adania Shibli

Übersetzt aus dem Englischen von Martin Hager

© Qantara.de 2013

Redaktion: Arian Fariborz/Qantara.de

Der Text basiert auf Adania Shiblis Recherchen in ihrer Funktion als Kuratorin des Symposiums "A Journey of Ideas Across: Im Dialog mit Edward Said", das vom 31. Oktober bis 2. November 2013 am Haus der Kulturen der Welt, Berlin stattfindet. Er erschien am 27.10.2013 in gekürzter Fassung im Berliner Tagesspiegel.

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