Eröffnung des Pierre Boulez Saal

"Musik für das denkende Ohr"

Die Berliner bezeichnen den neuen Konzertsaal hinter der Staatsoper bereits scherzhaft als "unsere kleine Elbphilharmonie": Am vergangenen Wochenende wurde der Pierre Boulez Saal der neuen Barenboim-Said-Akademie eröffnet. Sonja Hegasy hat für uns das Eröffnungskonzert besucht.

"Fahr hin, Habibi. Fahr hin und triff diese Menschen. Du bist die neue Generation", so wirbt die Barenboim-Said Akademie (BSA) in Berlin für ihre aktuelle Ausstellung "Klang der Utopie" über die Geschichte des West-Eastern Divan Orchestra.

Die Ausstellung erzählt die Geschichte von der Gründung des Orchesters 1999 bis zur Eröffnung der Akademie Ende im letzten Jahr. Gleichzeitig eröffnete die Musikhochschule Anfang März mit einer fulminanten Konzertwoche und einem dreieinhalbstündigen Konzert ihren neuen Pierre-Boulez-Saal von Frank O. Gehry.

In zwei übereinander versetzten Ovalen finden dort 680 Zuhörer in einem großzügigen und lichten Raum Platz. Durch die drei leicht gegeneinander verschobenen Ellipsen ist der Saal erstaunlich offen und zugänglich gehalten. Durch eine flexible Bestuhlung sitzen die Zuhörer nur wenige Meter von den Musikern entfernt. Schon immer wollte man flexible Konzertsäle, um Unmittelbarkeit zwischen Publikum und Musikern herzustellen, was mit dem Pierre Boulez Saal gelungen ist.

Gegenüber liegen die Probenräume der Studenten und eine Physiotherapie für die angehenden Musiker. 2012 erhielt das West-Eastern Divan Orchestra das Gebäude für symbolische 99 Euro Erbpacht auf 99 Jahre. 34 Millionen Euro hat der Umbau des 1955 erbauten neoklassizistischen Hauses gekostet, der seine Herkunft als ehemaliges Kulissenmagazin der Staatsoper Unter den Linden nicht leugnet. Sowohl Star-Architekt Gehry, als auch der Klangkünstler Yasuhisa Toyota, der für die Akustik in der Hamburger Elbphilharmonie verantwortlich ist, verzichteten als Geschenk an die BSA auf ihr Honorar.

Talentschmiede Barenboim-Said Akademie

Die Barenboim-Said Akademie ist eine staatlich anerkannte private Musikhochschule. Sie bietet einen Abschluss für alle Orchesterinstrumente, Klavier, Orchesterleitung und Komposition. Eine Gesangsausbildung gibt es dagegen nicht. Die Hochschule nimmt nur außergewöhnliche musikalische Talente aus dem Nahen Osten und Nordafrika auf.

Neunzig Studierende werden hier in den nächsten vier Jahren mit ihrem Studium beginnen. Zwei Abschlüsse werden angeboten: ein BA in Musik und ein Postgraduierten Programm für Künstler, die eine Musikkarriere verfolgen (artist diploma). Für die Dauer des vierjährigen Bachelor erhalten die Studierenden ein Stipendium.

Das Auswärtige Amt finanziert die Musikhochschule mit vier Millionen Euro jährlich. Ein erster Jahrgang mit 37 Studenten aus der arabischen Welt, Israel, der Türkei und dem Iran hat dort inzwischen sein Musikstudium aufgenommen. Ziel ist die Ausbildung von beispielhaften Musikern und kritischen Weltbürgern. Verknüpft wird die Ausbildung daher mit einem studium generale der Geisteswissenschaften in den Fächern Geschichte, Literatur undPhilosophie unter Leitung von Roni Mann.

Das Musikprogramm des Boulez Saal und das grenzüberschreitende Musizieren des West-Eastern Divan Orchestra fordert bei Musikern wie Publikum das Überdenken gegenseitiger Festschreibungen heraus. Daniel Barenboim interessiert sich insbesondere für neue Kompositionen aus dem 20. und 21. Jahrhundert: zweimal im Jahr soll es Uraufführungen geben, insbesondere von Komponisten aus dem Nahen Osten.

Der Musiker Karim Said; Foto: Matthew Percival
Faszination Musik: Der mit Edward Said verwandte Karim Said wurde im Alter von elf Jahren von Daniel Barenboim entdeckt. Als er den Jungen 1999 zum ersten Mal hörte, sagte Barenboim: "What you can't learn, he already knows." Anschließend studierte Said Klavier, Komposition und Dirigieren in Großbritannien; nun ist er nach Berlin umgezogen. Das neu gegründete Berliner Boulez Ensemble, dem Said angehört, setzt sich hauptsächlich aus Musikern des West-Eastern Divan Orchestra und der Staatskapelle Berlin zusammen.

Auf dem Eröffnungsprogramm standen selbstverständlich der Namensgeber des neuen Kammermusiksaals, Pierre Boulez (1925 – 2016) mit Initiale für sieben Blechbläser und sur Incises für drei Klavier, drei Harfen und drei Schlagzeuger, sowie Franz Schubert, Wolfgang Amadeus Mozart und Alban Berg. Der deutsche Klarinettist, Jörg Widmann, der an der BSA die Edward Said Professur inne hat, spielte Fantasie für Klarinette solo, eine eigene Komposition von 1993. Der 29-jährige Palästinenser Karim Said begeisterte am Klavier in Alban Bergs Kammerkonzert für Klavier und Geige mit 13 Bläsern von 1925.

"What you can't learn, he already knows"

Der mit Edward Said verwandte Karim Said wurde im Alter von elf Jahren von Daniel Barenboim entdeckt. Als er den Jungen 1999 zum ersten Mal hörte, sagte Barenboim: "What you can't learn, he already knows." Anschließend studierte Said Klavier, Komposition und Dirigieren in Großbritannien; nun ist er nach Berlin umgezogen. Das neu gegründete Berliner Boulez Ensemble, dem Said angehört, setzt sich hauptsächlich aus Musikern des West-Eastern Divan Orchestra und der Staatskapelle Berlin zusammen.

Karim Said erwähnt, dass hier Musiker spielen, für die es schon logistisch schwierig ist, zusammen zu kommen. An erster Stelle stehen für ihn jedoch die professionellen Möglichkeiten, die ihm dieses Zusammenspiel ermöglicht.

Es ist die humanistische Idee, sich jederzeit und an jedem Ort allein als Individuen begegnen zu können, ohne ideologischen Überbau oder Stellvertreterdebatten, die hinter dem gemeinsamen Musizieren steht. Hier lernt man, dass man sich gegenseitig sowohl sehr genau zuhören muss, als auch in der Lage sein, den anderen zu Wort kommen zu lassen.

Die Akustik des neuen Pierre Boulez Saal bietet dies ganz besonders. Auf dem Programm stehen ab jetzt europäische wie arabische Klassik und Moderne. In der ersten Spielzeit sind darunter der weltbekannte Oud-Spieler Naseer Shamma, die Damaskus Festival Kammermusiker und das Trio Hiwar vertreten. Und es gibt neue Begegnungen wie zwischen den beiden Klarinettisten Jörg Widmann und Kinan Azmeh.

Humanismus als letzte Verteidigungslinie

Barenboim selbst hat einmal gesagt, dass Berlin nicht der richtige Ort für die Akademie sei, sondern sie gehöre nach Ramallah, Tel Aviv oder Damaskus. Auch im Nahen Osten wird der Standort kritisiert. Aber, verteidigt Barenboim das Projekt: Berlin ist der richtige Ausweichort -  für die Musik und für die Studenten.

Gleichzeitig zum Programm des Pierre Boulez Saal wird in Berlin gerade damit begonnen, eine Bleibe für das Naseer Shamma Oud House für klassische arabische Saiteninstrumente zu finden.

Edward Said, der über ein absolutes Gehör verfügte und eine klassische Klavierausbildung erhalten hatte, sah wie die Musik jungen Menschen, denen Grenzen aufgezwungen werden, Zugang zu universalen Grundwerten bot: "Humanismus ist die einzige, genauer, die letzte Verteidigungslinie, die wir haben, um uns gegen die unmenschlichen Exzesse und Ungerechtigkeiten zu wehren, die unsere Menschheitsgeschichte verunstalten".

Sonja Hegasy

© Qantara.de 2017

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