«Ein Traum wird wahr» - Saudi-Arabien erlaubt wieder Kinos

15.12.2017

Öffentliche Filmvorführungen waren im islamisch-konservativen Saudi-Arabien mehr als 35 Jahre lang verboten. Jetzt soll die Gesellschaft des Landes wieder ein Stück Freiheit mehr bekommen. Von Jan Kuhlmann und Nehal el-Sherif

Der saudische Schauspieler Hisham Fakih war glücklich und geschockt zugleich, als er die Nachricht bekam - und so richtig fassen kann er sie noch immer nicht. «Wir haben das seit Jahren gehört, und nun heißt es, es passiert bald», sagt er am Telefon mit einer Stimme, die sich vor Begeisterung beinahe überschlägt. «Aber ich kann es nicht glauben, bis ich es wirklich sehe.»

Tatsächlich stellt die Mitteilung, die Saudi-Arabiens Regierung am Montag verbreitete, nicht nur für den 30 Jahre alten Künstler, sondern für das gesamte Land einen Kulturbruch dar: Erstmals seit mehr als 35 Jahren erlaubt das islamisch-konservative Königreich wieder öffentliche Kinos. Diese hatte die Führung Anfang der 1980er Jahre im Zuge einer konservativeren Politik verboten. Bis heute sehen konservative Saudis in jeder Art von Vergnügung einen Frevel.

«Ein Traum wird wahr», twitterte ein junger Mann mit dem Namen Abdullah unter dem massenhaft verwendeten Hashtag «Kino in Saudi-Arabien». Andere verbreiteten Videos von Menschen, die vor Freude tanzten. Die saudische Regisseurin Haifai al-Mansur sah einen geradezu «historischen Tag». Und Schauspieler Fakih jubelt: «Es fühlt sich an, als hätten wir den Weltuntergang überlebt, und jetzt bauen wir eine neue Zivilisation auf.»

Schon im kommenden März sollen die ersten Kinos in Saudi-Arabien öffnen und bis zum Jahr 2030 mehr als 300 Lichtspielhäuser im Land Filme zeigen. Zwar gab es Filmvorführungen in dem Königreich auch schon in der Vergangenheit, allerdings nur im privaten Rahmen. «Wenn du reich bist, kannst du dir ein Filmtheater im Hinterhof einrichten», sagt Fakih. «Oder die Menschen gehen in Botschaften, um Filme zu sehen. Alles geschieht hier hinter verschlossenen Türen.»

Die Entscheidung des Königreichs steht in einer Reihe von Maßnahmen, mit denen die Führung des Landes den Saudis mehr gesellschaftliche Freiheiten gibt. Ab Mitte 2018 sollen saudische Frauen endlich Auto fahren dürfen, was ihnen bisher verboten ist. Auch der Zutritt zu Sportstadien soll ihnen gestattet werden, wenn sie mit der Familie kommen.

Vor einer Woche begeisterte die libanesische Sängerin Habi Tawadschi ihr - ausschließlich weibliches - Publikum in einer Konzerthalle der Hauptstadt Riad. Bei den zwei ersten Comic-Messen im Königreich konnten sich Fans als ihre Lieblingshelden verkleiden.

Hinter der Liberalisierung steckt Mohammed bin Salman, der 32 Jahre alte Kronprinz, in dem eine ganze Generation an jungen Saudis einen Hoffnungsträger sieht. Längst gilt der Sohn von König Salman als eigentlicher Herrscher des Landes. Mit Entschlossenheit, aber auch mit Ungeduld treibt er Reformen voran, die viele junge Frauen und Männer im Königreich längst für überfällig halten.

Denn die Lesart des Islam mag in Saudi-Arabien ultrakonservativ sein - zugleich ist der Reformdruck in einer jungen Gesellschaft jedoch riesig geworden. Mehr als 70 Prozent der Saudis sind nach offiziellen Angaben jünger als 30 Jahre. Viele der jungen Menschen waren zum Studium im Ausland, oder sie sind über soziale Medien mit der Welt verbunden. Sie fordern das ein, was sie aus anderen Ländern kennen.

Auch die Wirtschaft des Landes verlangt Reformen. Bislang hängt Saudi-Arabien fast vollständig von seinen Ölvorkommen ab, die jedoch in nicht allzu ferner Zukunft erschöpft sein werden. Die «Vision 2030» von Kronprinz Mohammed bin Salman, oft kurz «MbS» genannt, will die Wirtschaft breiter aufstellen. Kinos sollen dazu beitragen, das Land für Besucher attraktiver zu machen und den Tourismus auszubauen.

Schauspieler wie Hisham Fakih hoffen, dass auch ihre Branche im Land einen Boom erlebt. Bislang hatte die saudische Filmproduktion mit geradezu grotesken Problemen zu kämpfen. Fakih etwa trat in der Liebeskomödie «Barakh meets Barakah» auf, die auch in deutschen Kinos lief. Als überhaupt erst zweiten Beitrag in der Geschichte des Landes reichte Saudi-Arabien den Streifen für einen Oscar ein. Weil die Hollywood-Academy dafür aber mindestens eine öffentliche Vorführung verlangt, wurde der Film genau einmal in Saudi-Arabien gezeigt.

In die Begeisterung über das Ende des Kinoverbots mischt sich aber zugleich Skepsis. «Kino ohne Mischung (von Frauen und Männern) ist kein Kino», twitterte eine Frau aus der saudischen Hafenstadt Dschidda. Dass aber die strikte Trennung der Geschlechter bald aufgehoben wird, ist nicht zu erwarten.

Auch mit größeren politischen Freiheiten ist nicht zu rechnen. Um potenziellen Widerstand gegen Reformen aus dem Weg zu räumen, ließ «MbS» im September prominente Geistliche festnehmen, die als Regierungskritiker gelten. Die britische Golf-Expertin Jane Kinninmont sieht deshalb in Saudi-Arabien derzeit eine «Modernisierung des Autoritarismus». Und Schauspieler Fakih äußerte bei Twitter böse Vorahnungen: «Das Material wird die Zensur durchlaufen, damit sichergestellt wird, dass es in Einklang mit den Werten und der Medienpolitik des Königreichs steht.» (dpa)

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