Türkische und Palästinensische Flagge; Foto: AP
Die Türkei und der „Arabische Frühling“

Die türkische Schimäre

Da die arabischen Länder nicht auf die gleiche moderne und pluralistische Tradition der Türkei zurückblicken, wird dort der demokratische Umbruch langfristig von erheblichen politischen Unruhen begleitet, befürchtet der US-amerikanische Politologe F. Stephen Larrabee.

Die dramatischen Umbrüche in Tunesien, Ägypten und Libyen dienten als Auslöser für ein umfassendes arabisches Erwachen, das die seit den späten 1970er Jahren bestehende politische Ordnung des Nahen Ostens fundamental erschüttert hat. Noch ist es zu früh, das Endergebnis dieses Prozesses vorherzusagen, aber einige wichtige regionale Auswirkungen werden bereits sichtbar.

Der iranische Präsident Ahmadinedschad bekundet am Jahrestag der Revolution von 1979 seine Unterstützung für den ägyptischen Protest
Zweifelhaftes Lob: Der iranische Präsident Mahmud Ahmadinedschad hatte in einer Rede zum 32. Jahrestag der Revolution Solidarität mit den "islamischen Demonstranten" in Ägypten bekundet.

​​Zunächst einmal sind die Revolten ein zweischneidiges Schwert für den Iran. Das iranische Regime mag zwar vom Sturz oder von der Schwächung pro-westlicher arabischer Führer und Regierungen in Ägypten, Jordanien und Saudi-Arabien profitieren.

Der Zuspruch aber, den die demokratischen Aufstände in Tunesien und Ägypten anfänglich vom Iran erhielten, hatte einen Pferdefuß. Sobald die iranische Bevölkerung selbst diese demokratischen Rechte einforderte, mussten die iranischen Beamten schnell einen Rückzug machen, um die Möglichkeit eines zukünftig stärkeren Drucks in Richtung Demokratie und politischer Veränderung zu verhindern.

Die zweite Auswirkung ist, dass Israel durch die Aufstände weiter in Isolation geraten könnte. Mit Mubarak hat Israel seinen wichtigsten regionalen Partner verloren. Berücksichtigt man den massiven Verfall der israelischen Beziehungen zur Türkei, wurde Israel mit Mubaraks Abschied seiner beiden besten Verbündeten in der Region beraubt. Das militärische Übergangsregime Ägyptens hat zwar zugesichert, sich an das Friedensabkommen von 1979 zu halten, aber eine neue demokratischere Regierung könnte eine andere Haltung einnehmen.

Drittens hat der Druck in Richtung demokratischer Veränderungen den regionalen Einfluss der Türkei deutlich verstärkt. Während die Vereinigten Staaten und die Europäische Union sich zunächst nach allen Seiten abgesichert hatten, ergriff der türkische Premierminister Recep Tayyip Erdogan eindeutig Partei für die Demonstrationen auf dem Tahrir-Platz – eine Aktion, die das Prestige der Türkei unter den demokratischen Oppositionen in Ägypten und anderswo deutlich vergrößerte.

Die Türkei als "Quelle der Inspiration"?

Wehende türkische Flaggen und AKP-Flaggen während einer Wahlverantaltung; Foto: AP
Ungebremste Popularität: Erdogan ist bei den Anhängern seiner islamisch-konservativen AKP, die sich im Sommer nächsten Jahres den Parlamentswahlen stellen muss, überaus beliebt.

​​Viele Araber sehen im gemäßigten Islam der regierenden türkischen Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung (AKP) ein mögliches Modell für den Nahen Osten. Und mehr und mehr Türken sehen dies genauso. In einem Interview bemerkte Erdogan kürzlich, dass die Türkei zu einer "Quelle der Inspiration" für Länder des Nahen Ostens werden könnte, da sie gezeigt hat, dass Islam und Demokratie harmonisch Seite an Seite existieren können.

Auf den ersten Blick ist das türkische Modell – mit seiner Betonung von Säkularismus und Demokratie – offensichtlich attraktiv für eine Region, die unter korrupten, autokratischen, inkompetenten und ineffizienten Regierungen leidet. Aber die historischen Erfahrungen und politischen Entwicklungen der Türkei unterscheiden sich von denjenigen der arabischen Länder in wichtigen Punkten. Daher kann dieses Modell nicht einfach übertragen werden.

Der türkische Islam ist moderner und pluralistischer als überall sonst im Nahen Osten, und die Türkei hat sich mindestens seit der späten osmanischen Periode bemüht, den Islam mit einer Öffnung zum westlichem Lebensstil zu vereinen. Dies unterscheidet sie von den meisten anderen muslimischen Ländern des Nahen Ostens, und war hilfreich dabei, die scharfen Auseinandersetzungen sowie Spannung und Gewalt zu vermeiden, die die politische Modernisierung woanders in der Region mit sich brachte.

Der Aufstieg des moderaten Islams der AKP ist hauptsächlich auf einige interne Faktoren zurückzuführen. Die wichtigsten davon waren die kumulierten Effekte einiger Jahrzehnte von Demokratisierung und sozioökonomischer Veränderung, die zum Aufstieg einer wirtschaftlich liberalen, aber sozial und politisch konservativen anatolischen Unternehmerklasse führten. Diese Klasse, die bei Wahlen eine der Hauptstützen der AKP ist, existiert nirgendwo sonst im Nahen Osten.

Darüber hinaus verdankt das türkische Modell viel der Führung von Kemal Atatürk, dem Gründer der Türkischen Republik. Der stark westlich orientierte politische Visionär Atatürk verwandelte das multinationale Osmanenreich in einen modernen, auf türkischem Nationalismus beruhenden Staat.

Frühe Modernisierung und Öffnung nach Westen

Recep Tayyip Erdogan wendet sich in der AKP-Parteizentrale an die Medien; Foto: AP
Neues politisches Selbstbewusstsein am Bosporus: Erdogan hatte jüngst erklärt, dass die Türkei zu einer "Quelle der Inspiration" für Länder des Nahen Ostens werden könnte.

​​Damit fing er allerdings nicht bei Null an. Die Modernisierung und Öffnung nach Westen begann bereits im späten 19. Jahrhundert unter den Osmanen während der Tanzimat-Periode. Obwohl die Kemalisten einen radikalen Bruch mit der osmanischen Vergangenheit anstrebten, gab es wichtige Elemente von Kontinuität zwischen ihren Bemühungen zur Verwestlichung und denen der späten Osmanen. Beide waren elitär und staatsbezogen.

Diese wichtigen Vorbedingungen sind im arabischen Nahen Osten nicht vorhanden. Die meisten Länder dieser Region haben keine unabhängigen politischen Institutionen und Traditionen, auf die eine demokratische politische Ordnung aufgebaut werden könnte. Außerdem fehlt ihnen eine dynamische Zivilgesellschaft.

Letztlich haben die arabischen Länder nicht die Vorteile der türkischen Tradition: den gemäßigten Islam und dessen erfolgreiche Verschmelzung mit der Öffnung zum Westen. Deshalb wird der Zusammenbruch der alten Machtstrukturen in vielen Nahostländern wahrscheinlich mit erheblichen politischen Unruhen und Gewalt einhergehen.

F. Stephen Larrabee

Der Autor ist Politologe mit dem Schwerpunkt türkisch-amerikanische Beziehungen und Sicherheitspolitik sowie als Vorsitzender der RAND-Corporation tätig. Unter US-Präsident Jimmy Carter war er Mitglied des Nationalen Sicherheitsrates der USA.

© Project Syndicate 2011

Aus dem Englischen von Harald Eckhoff

Redaktion: Arian Fariborz/Qantara.de

Mehr zum Thema
Druckversion
E-Mail verschicken
Ihre Meinung zu diesem Artikel
Mit dem Absenden des Kommentars erklärt sich der Leser mit nachfolgenden Bedingungen einverstanden: Die Redaktion behält sich vor, Kommentare zu kürzen oder nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Telefonische Auskünfte werden keine erteilt. Ihr Kommentar kann auch auf Google und anderen Suchseiten gefunden werden.
To prevent automated spam submissions leave this field empty.

Leserkommentare zum Artikel: Die türkische Schimäre

Ich befürchte auch, dass der Politologe F. Stephen Larrabee Recht hat, denn die Bedingungen in der Türkei und vor allem die lange Tradation des Kampfes um Demokratie unterscheiden sich in der Tat von denen in den meisten arabischen Ländern. Schöner Beitrag.

Ahmad Ezzat12.04.2011 | 17:13 Uhr