Gottesdienst in der griechisch-katholischen Kirche Al-Niyah in Damaskus; Foto: AFP/Getty Images
Die Spaltung der Kirchen im Syrienkonflikt

Konfessionelle Zerreißprobe

Namhafte syrische Dissidenten kritisieren die Folgen der massiven Beeinflussung der Kirchen durch das Assad-Regime. Der syrische Journalist Michel Kilo warnt vor einer "Bunkermentalität" der Kirchen und einem neuen "konfessionellen Rassismus". Von Claudia Mende

Die Spirale der Gewalt in Syrien stellt auch die syrischen Kirchen zunehmend vor eine Zerreißprobe. Rund zwei Millionen Syrer, rund zehn Prozent der Bevölkerung, sind Christen, verteilt auf elf verschiedene Konfessionen. Seit Beginn der Proteste im März 2011 haben Kirchenführer immer wieder betont, die große Mehrheit der Christen stünde hinter Assad.

Dass das nicht die ganze Wahrheit sein kann, zeigen die Vorwürfe, die jetzt gegen die Spitzen der Kirchen ans Licht kommen. Der Journalist Michel Kilo und der italienische Jesuit Paolo Dall'Oglio berichten von massiven Konflikten innerhalb der Konfessionen, egal ob sie eher dem westlichen, mit Rom verbundenen oder dem östlichen, orthodoxen Christentum zuzuordnen sind.

Schon Hafiz al-Assad hat sich als Beschützer der christlichen Minderheit inszeniert, sein Sohn Baschar hat diese Politik weiter geführt. Das selbstverständliche Zusammenleben der verschiedenen Religionen in Syrien haben aber nicht die Assads erfunden, es ist über die Jahrhunderte gewachsen. Je länger der Konflikt in Syrien anhält, umso deutlicher wird, dass Christen nur solange Schutz genießen, wie sie sich regimetreu verhalten. Wer den Mund aufmacht, egal ob Christ, Sunnit oder Alawit, riskiert die offene Repression durch den Unterdrückungsapparat.

"Sehr viele Christen sind inzwischen gegen die Kirchenleitungen", betont Michel Kilo. Das 71-jährige Urgestein der syrischen Opposition stammt aus einer christlichen Familie in Lattakia. Nach seiner Einschätzung bevölkern Tausende von meist jungen Christen die Gefängnisse, weil sie demonstriert oder regimekritische Flugblätter verteilt haben.

Michel Kilo in Moskau; Foto: AP/dapd
Im Zwist mit den Kirchenoberen: "Sehr viele Christen sind inzwischen gegen die Kirchenleitungen", meint der renommierte syrische Dissident Michel Kilo.

​​Die Haltung einiger Bischöfe stoße aber zunehmend auf Unverständnis in den eigenen Reihen. Es komme sogar vor, dass Bischöfe direkt mit dem Geheimdienst kooperieren. Ein konkretes Beispiel dazu hat Kilo von den Betroffenen in Syrien selbst erfahren. Solche Fälle, glaubt er, würden häufiger vorkommen.

Der direkte Draht zum "Mukhabarat"

Der orthodoxe Bischof von Damaskus, Luka al-Khoury, habe Gemeindemitglieder an die Geheimpolizei verraten, kritisiert Kilo. Einige Christen hatten bei dem Bischof dagegen protestiert, dass dieser den Tod von Muslimen bejubelte.

Luka al-Khoury rief kurzerhand den Geheimdienst herbei. Die jungen Christen kamen für einen Monat ins Gefängnis. Dort wurden sie "hübsch zusammengeschlagen", so erzählt es Kilo mit seinem trockenen Humor. Er hatte nach ihrer Freilassung von der Geschichte erfahren. "Die Kirche ist durch die politische Macht dermaßen beeinflusst, dass sie nicht mehr als unabhängig gelten kann", folgert der Dissident. Er fordert seine christlichen Landsleute dazu auf, die Kirchen zu boykottieren.

In einem offenen Brief an Papst Benedikt aus Anlass dessen Reise in den Libanon kritisiert Kilo die "Bunkermentalität" und den "konfessionellen Rassismus" der syrischen Kirchen. Sie mauerten sich immer mehr ein und isolierten sich von ihrer orientalischen, muslimischen Umgebung, während die Christen an der Basis auch in der Opposition im Lande selbst aktiv seien. Eine Antwort hat er bisher nicht erhalten.

Dialog unerwünscht

Auch der italienische Jesuit Paolo Dall'Oglio, der bis zu seiner Ausweisung im Juni 2012 dreißig Jahre lang christlich-islamische Dialogarbeit betrieb, ist zutiefst enttäuscht von der Haltung einiger Kirchenvertreter. Dall'Oglio hatte Anfang der 1980er Jahre aus dem alten Wüstenkloster Mar Musa, rund 80 Kilometer nördlich von Damaskus, einen beliebten Ort der Begegnung für alle Konfessionen und Religionen im Land geschaffen. Mar Musa wurde ein auch von vielen Muslimen verehrter, von konservativen Kirchenkreisen immer schon kritisch beäugter Ort.

Dall'Oglio war als Ausländer nie so eng mit den Interessen der syrischen Kirche verflochten. Im letzten Juni verwies das Regime den Jesuiten wegen seiner kritischen Haltung des Landes.

italienische Jesuit Paolo Dall'Oglio; Foto: AFP/Getty Images
Vom Assad-Regime zur "persona non grata" erklärt: Im letzten Juni wurde der streitbare Jesuit italienische Jesuit Paolo Dall'Oglio wegen seiner kritischen Haltung des Landes verwiesen.

​​Ausschlaggebend waren sein offener Brief an den damaligen UN-Syrien-Beauftragen Kofi Annan und die Trauerfeier zur Beerdigung für den in Homs ermordeten 28-jährigen christlichen Filmemacher Basel Shahade. Der zuständige Bischof hatte Shahade eine Beerdigung verweigert. Deshalb hatte dall'Oglio die Freunde des Filmemachers – Christen und Muslime – zu einer Trauerfeier nach Mar Musa eingeladen.

Dall'Oglio gesteht den Kirchenvertretern durchaus zu, dass ihre Ängste angesichts der Zukunft des Landes berechtigt sind. Doch er kann nicht verstehen, warum sie sich derart eng an ein Regime binden, das früher oder später stürzen wird. Es ist für ihn nicht nachvollziehbar, dass sie kaum Worte gegen die Orgie der Gewalt im Land finden.

Sich häufende Berichte über Überfälle auf Christen sehen sowohl Dall'Oglio als auch Kilo kritisch, denn es sei oftmals nicht eindeutig, ob sie überfallen wurden, weil sie Christen sind. "Das mag es im Einzelfall geben", gibt Kilo zu, "aber es ist nicht die allgemeine Erscheinung."

Für Dall'Oglio ist es angesichts von soviel Regimetreue der Kirchen immerhin ein Lichtblick, dass es auch Priester und Bischöfe gibt, die im Sinne des syrischen Volkes arbeiten. "Sie genießen meinen tiefen Respekt – und ich bin ein wenig neidisch, weil sie im Gegensatz zu mir noch in Syrien arbeiten dürfen."

Claudia Mende

© Qantara.de 2012

Redaktion: Arian Fariborz/Qantara.de

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Die internationale Gemeinschaft befindet sich in einem großen Dilemma: wie soll es weitergehen in Libyen? Denn es ist klar, dass sie militärisch eingreifen muss, um das Gaddafi-Regime zu beseitigen. Die Alternative wäre ein endloser Bürgerkrieg vor den Toren Europas.

Makus Halmann12.04.2011 | 09:49 Uhr

Ich befürchte auch, dass der Politologe F. Stephen Larrabee Recht hat, denn die Bedingungen in der Türkei und vor allem die lange Tradation des Kampfes um Demokratie unterscheiden sich in der Tat von denen in den meisten arabischen Ländern. Schöner Beitrag.

Ahmad Ezzat12.04.2011 | 17:13 Uhr

Gesegnt seid ,Anonimität ist ein bestandteil der Freiheit,und des inhalt kontex Qualität was zelt

Jaljaloot Elharoot13.04.2011 | 20:43 Uhr

Wunderbarer Beitrag von Michael Roes, den ich als Autor und kritischer Beobachter der arabischen Welt seit langem sehr schätze. Roes besitzt die nötige Empathie für die arabischen Bürger und den Respekt vor ihren Bedürfnissen und Sehnsüchten.

Hans Zimmermann17.04.2011 | 09:51 Uhr

Das Jahr 2001 sollte nicht wiederholt werden

Beate Elefant18.04.2011 | 23:29 Uhr

Der sogenannte Streit ums Kopftuch ist nur Symptom für die Unfähigkeit aller Akteure, sich den wichtigeren Problemen zu widmen. Das schreibe ich, obwohl ich die Argumente von Frau Kaddor nicht überzeugend finde.

Susan Müller-H...20.04.2011 | 07:46 Uhr

Die Sicherheitskräfte des verhassten Assad-Regimes haben heute und gestern in mehreren Städten und Regionen Syriens Massaker angerichtet. Wo es Tote gab, war das perfide Muster immer dasselbe: Nicht Polizisten in Uniform feuerten die tödlichen Schüsse ab, sondern Heckenschützen in Zivil, die auf Hausdächern lauerten und willkürlich in die Menschenmengen schossen, um Panik und Furcht auszulösen. In Homs sind dadurch so viele Menschen verletzt worden, dass Ärzte unter den Demonstranten in den Gassen der Altstadt improvisierte Lazarette einrichteten, erzählte eine Augenzeugin der BBC. Es ist an der Zeit, auch das Assad-Regime zu ächten und international zu isolieren.

Helmuth Alkadli22.04.2011 | 23:50 Uhr

Mit diesem Satz hat Jesus seinem Bruder gezeigt, dass die Liebe stärker ist als Hass und Neid.
Luzifer wollte seinen Bruder, den Metadron (Jesus) vom Thron stürzen, um für sich selber die Herrschaft zu stehlen. Jesus lies sich aus Liebe zu seinem "verlorenen" Bruder freiwillig am Kreuz morden. Er wußte, dass Gott ihm das Leben zurück geben wird.
GOTT IST >Leben kann man nicht töten. Es wäre sonst nicht das Leben das ewig ist! Es wandelt sich nur.

Die Christen beten beim Gottesdienst: "Deinen Tod oh Herr verkünden wir und deine Auferstehung preisen wir, bis du kommst in Herrlichkeit!" Da haben sich die Herren in Rom aber einen schönen Unsinn ausgedacht. Wer will denn noch immer den Tod Jesu verkünden und warum? Der Teufel will es. Nutzt ihm aber nichts, denn Jesus lebt und ändert von der geistigen Welt aus das Leben auf der Erde. Das ist ein sehr schwieriger Änderungsprozess, weil die Menschen freiwillig nichts ändern und auch nicht umdenken wollen.
Trotzdem wird das Werk gelingen, weil es der Wille Gottes, des Vaters ist.

Die Hoffnung auf eine bessere Zukunft lässt Änderungen wie derzeit in der Arabischen Welt zu und auch im Christentum hat ein Nachdenken bereits begonnen. Gott ist die Liebe und die Liebe ist die stärkste Macht im Universum und Gott liebt uns alle gleich.
http://www.hopeland.at
Möge das Werk gelingen. Das wünsche ich mir und allen Menschen auf der Erde.
Mathilde

Mathilde Heiml30.04.2011 | 10:51 Uhr

exzellenter artikel. danke.

ulrich johannes...30.04.2011 | 12:56 Uhr

Die Idee, die durch die zurückgehende gesellschaftliche Bindungskraft der evangelischen Kirche ausgelöste (innere) Krise als Chance auf eine Neuformierung im Sinne einer neofundamentalistischen, gesellschaftliche Fragen ausblendenden Missionstheologie zu interpretieren, mag als privates Hirngespinst von Herrn Pfarrer (sic!) Teufel hingenommenwerden müssen, als Vorbote einer dadurch beförderten ethnisch-religiösen Kantonisierung unserer Gesellschaft ist es mir jedoch eine Horrorvorstellung! Stattdessen brauchen wir tatsächlich eine weit konsequentere Hinwendung zum Laizismus und die Rückkehr zu einer tatsächlich (statt nur noch alibimäßig betriebenen) umverteilenden Sozialpolitik und ein Bündnis aller (auch der jeweils moderaten Anhänger der diversen Religionen) zu deren Durchsetzung. Sonst können wir uns in zwanzig Jahren mit bosnischen Verhältnissen zwischen Rhein und Oder anfreunden...

Max Schumacher30.04.2011 | 17:02 Uhr

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