Der ägyptische Regisseur Khaled El-Hagar; Foto: Larissa Bender/DW
Die Rolle der Filmemacher im neuen Ägypten

Revolution in Serie

Was passiert, wenn die größten Stars eines Landes gehasst werden, weil sie den Diktator unterstützten? Von den alten TV-Größen in Ägypten ist nur wenig übrig. Doch zwei Filmemacher basteln bereits an der Aufarbeitung der Proteste. Von Moritz Baumstieger

Das Ganze sieht zwar aus wie Kairo, aber irgendetwas stimmt nicht. Gut, da ist die Straßenkreuzung mit Falafelstand, Saftladen und Gemüsehändlern. Geschäftsmänner mit Aktenkoffern und Frauen mit Schleier laufen durcheinander, vorbei am Internet-Café, vorbei auch an den Alten, die vor der Teestube Wasserpfeife rauchen.

Doch es fehlt das Grunddröhnen der 17-Millionen-Maschine Kairo: Gespenstische Ruhe liegt über der Szenerie, bis es "Cut!" aus einem Lautsprecher ruft.

Die Szene geht hörbar an der ägyptischen Wirklichkeit vorbei, trotzdem ist sie Teil des neuen Realismus, der gerade in die Welt der bisher quietschebunten arabischen TV-Serien einzieht. Die Stimme aus dem Lautsprecher gehört Khaled El-Hagar, einem der wenigen, der zur Zeit in Kairo Regieanweisungen gibt.

Mit Nuklearsprengsätzen gegen Demonstranten

Als am 25. Januar die Menschenmassen den Tahrirplatz eroberten, wurden alle Dreharbeiten in Ägypten gestoppt. Zum einen hatte die Regierung eine Ausgangssperre verhängt, das öffentliche Leben kam zum Erliegen. Zum anderen hatten die Studiobosse plötzlich Sorge, ob ihre Stars von heute auch die Stars von morgen sein würden: Die Schauspielerin Samah Anwar forderte, mit Kampfjets und nuklearen Sprengsätzen gegen die Demonstranten vorzugehen, "weil sie Ägypten zerstören".

Und der Überstar Tamer Hosny

Musiker und Schauspieler Tamer Hosny; Foto: AP
Verbannt von den Januar-Revolutionären des Tahrir-Platzes: Musikstar und Schauspieler Tamer Hosny, auch der "Justin Timberlake Arabiens" genannt.

​​, den sie den "Justin Timberlake Arabiens" nennen, und der auch im Fernsehen mitnimmt, was sich so bietet, heulte eine Entschuldigung in eine Kamera, nachdem er vom Tahrirplatz vertrieben worden war. Das Volk hatte nicht vergessen, dass Mubarak noch kurz zuvor seinen "Vater" genannt und die Demonstranten dazu aufgerufen hatte, nach Hause zu gehen.

Wenn Hosny, Anwar und all ihre regimetreuen Kollegen nun auf dem Bildschirm erscheinen, ist das für die Ägypter ein Grund zum Abschalten. Werbekunden und Sponsoren ziehen ihre Gelder zurück, also hieß es oft: Klappe, die letzte. Dabei sollte gerade Hochbetrieb herrschen in Kairos Studios, deren Filme und Serien den gesamten arabischen Markt dominieren: Am 1. August beginnt der Fastenmonat Ramadan, der TV-Höhepunkt des Jahres, an dem jeder Sender das Publikum mit teuren Eigenproduktionen gewinnen will.

An der neuen Realität vorbei

Doch wenn sich die Familien dieses Jahr allabendlich nach dem Fastenbrechen vor dem Fernseher versammeln, werden Wiederholungen laufen: Die meisten Produktionen wurden eingestellt, nur sechs blieben übrig. Fünf von ihnen werden so aussehen, als hätte es nie eine Revolution gegeben. Die Skripts waren fertig, die ersten Episoden gedreht, nun macht man weiter, an der neuen Realität vorbei.

Anders Kahled el-Hagar. Der international etablierte Independent-Filmemacher gehört mit seinen 48 Jahren nicht zu der jungen Generation, die die Revolution getragen hat. Trotzdem ist es el-Hagar, der den Jüngeren zeigt, wie die Zukunft der ägyptischen Filmindustrie aussehen könnte.

Mit einem weiten Hemd und einer Armeemütze sitzt er in seinem Regie-Kabuff in den traditionsreichen "Misr Studios" in der Nähe der Pyramiden. Momentan ist er täglich 12 Stunden am Set von "Dawaran Shubra", seiner 14-teiligen Serie, von der BBC koproduziert. Die Zeit drängt, die Revolutionspause muss aufgeholt werden.

Logo Misr Studio in Kairo
Das legendäre Masr Studio wurde 1935 in Kairo von Talaat Harb gegründet. Hier entstand der erste Spielfilm mit Umm Kulthum ("Wedad"), später folgten populäre Filme wie "Shay' Min La Shay" (Something Out of Nothing) von Ahmed Badrakhan oder Komödien wie Naguib El-Rihanis "Salama Fi Khair" von Niazi Mustafa.

​​Dass el-Hagar weiterdrehen kann, liegt an dem Skript, auf das er vertraute. "Dawaran Shubra" erzählt die Geschichte eines ägyptischen Christen, der von Schulden erdrückt wird und sich in das falsche Mädchen verliebt. Alltägliches in einem Land, in dem der Jugend die Perspektive fehlt und die Sexualität mit Tabus belegt ist.

Eben diese Alltäglichkeit ist die Stärke von "Dawaran Shubra": Die Serie thematisiert die Probleme, die letztlich auch zur Revolution führten: Korruption, Religionskonflikte, Polizeigewalt. Ägyptens wichtigster Filmkritiker, Sherif Awad, sagt, das Publikum habe "die Schnauze voll von den Slapstick-Komödien, mit denen es jahrzehntelang ruhig gestellt wurde."

Die Ägypter, die sich die politische Sphäre auf dem Tahrirplatz zurückerobert haben, würden nun nach ernsthaften Stoffen verlangen.

"Dawaran Shubra" hat schon vor der Revolution auf den neuen Realismus gesetzt. Und el-Hagar war schon immer ein Regisseur, der die Tabus in seinem Heimatland laut thematisierte.

Er studierte Regie in Birmingham, und spätestens als er 1994 mit "A Gulf between us" eine Liebesgeschichte zwischen einem ägyptischen Muslim und einer jüdischen Israelin während des ersten Golfkriegs drehte, hatte er sowohl bei der Zensurbehörde als auch bei den Muslimbrüdern viele Feinde. Seit er 2003 nach Ägypten zurückkehrte, verfilmt er deshalb nur noch Stoffe anderer: "So wird der Hass auf zwei Köpfe verteilt."

Der perfekte Querschnitt

Der zweite Kopf hinter "Dawaran Shubra" ist Amr el-Daly. El-Daly nimmt sich neben dem massigen und tätowierten Regisseur sehr schmal aus. Man könnte ihn für einen der Teejungen halten, die an arabischen Sets den Cateringwagen ersetzen, er ist erst 29.

El-Daly wuchs in Shubra auf, einem Stadtteil im Norden Kairos, Handlungsort und Namensgeber der Serie. Shubra sei eine Art Miniatur des ganzen Landes, sagt el-Daly: Dort wohnen Muslime und Christen zusammen, Reiche und Bettler. Der perfekte Querschnitt.

Schon bevor das Land mit der Revolution in die Moderne aufbrach, wollte el-Daly es anders machen. Er wollte das echte Ägypten zeigen, "eine Szenerie, in der sich das Publikum wiedererkennt." Das gelang zu gut: Die erste Drehbuchfassung wurde von der Zensurbehörde kassiert.

Es folgte eine Morddrohung von Islamisten, und el-Daly griff zu einem Trick: Er gestaltete die Gesamthandlung etwas gefälliger, schärfte dafür aber die einzelnen Dialoge, die von den Zensoren meist nicht bis ins Detail durchgelesen wurden.

Kinobesucher in Kairo; Foto: AP
Nach Ansicht von ägyptischen Filmkritikern, wie Sherif Awad aus Kairo, hat das Kinopublikum inzwischen genug von seichter Unterhaltung und Slapstick-Komödien, mit denen es jahrzehntelang ruhig gestellt wurde.

​​Die Dreharbeiten begannen - und standen einen Monat später vor dem Aus, an dem Tag, an dem auch el-Daly auf dem Tahrirplatz stand, auf dem er dann bis zum Sturz des Diktators zeltete.

Sein Regisseur el-Hagar war nicht so oft bei den Demonstrationen, er hatte Zeit, sich um das Projekt zu sorgen: Ein Hauptdarsteller wurde verhaftet, Schlägertruppen griffen den Set an, der Musiker Hani Adly, der eine Nebenrolle spielt, schrieb mit "Sout el-Horreya" (Stimme der Freiheit) den Soundtrack zur Revolution und war erstmal anderweitig beschäftigt.

El-Hagar machte sich Gedanken, wie er das Skript in die neue Realität holen könnte. Die Revolution zu ignorieren kam nicht in Frage, sie nachzustellen, auch nicht: "Die Bilder vom Tahrirplatz waren so stark, dem kann man als Künstler nichts entgegensetzen."

Die letzte Schlacht um den Tahrirplatz

Als auch el-Daly wieder in sein normales Leben zurückkehrte, fanden sie eine Lösung: Die politischen Ereignisse stehen nicht im Vordergrund, werden in den Dialogen aber angedeutet oder wie beiläufig eingewoben. Etwa, wenn sich im Hintergrund einer Abschiedsszene Polizeieinheiten in Kampfmontur formieren, die vom Innenministerium gleich in die letzte Schlacht um den Tahrirplatz geschickt werden.

Die Geschichte von el-Hagar und el-Daly zeigt auch, wie schwer sich der Kulturbetrieb teils noch mit seiner neugewonnenen Freiheit tut: Der Set von "Dawaran Shubra" gleicht oft einem Debattierclub, immer wieder muss el-Hagar eingreifen, wenn ein politischer Streit zweier Schauspieler handgreiflich zu werden droht.

"In den 30 Jahren unter Mubarak sind wir alle kleine Diktatoren geworden", sagt er, "wir müssen erst wieder lernen, andere Meinungen auszuhalten." Fast wie eine Therapie-Sitzung wirkt es, wenn sich alle Beteiligten um ein Mubarakportät versammeln und diskutieren, ob man es nach der Revolution noch in der Kulisse hängen haben will.

Der Sturz des Systems hat die Aufmerksamkeit für die Serie erhöht. "Die Revolution wird Ägyptens Filmszene auf Jahre beschäftigen", meint der Kritiker Sherif Awad. "Viele Projekte sind in Planung - doch Khaled ist mit 'Dawaran Shubra' der erste."

Wenn die Serie abgedreht ist, will el-Hagar nachlegen: El-Daly schreibt an einem Kino-Plot, einem Episodenfilm, der den Weg einzelner Demonstranten zum Tahrirplatz nachzeichnen soll.

Auch der ist dem neuen Realismus verschrieben, für el-Hagar sogar im doppelten Sinne: Einer der Protagonisten leidet in Menschenmassen unter Panikattacken - so wird der Protest für ihn zu einem Kampf mit sich selbst. El-Hagar kennt das: Seine Platzangst war der Grund, warum er in den Revolutionstagen so viel Zeit hatte, über den Fortgang der Serie zu grübeln.

Moritz Baumstieger

© Süddeutsche Zeitung 2011

Redaktion: Arian Fariborz/Qantara.de

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