Comic-Strip aus Zahra's Paradise von Amir & Khalil
Die iranische Graphic Novel ''Zahra's Paradise''

Künstlerische Einblicke in einen düsteren Kosmos

Mehr als zwei Jahre nach den Protesten der "grünen Bewegung" fasst eine Graphic Novel die politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse in der Islamischen Republik in Bilder. Die Autoren Amir und Khalil zeigen darin den Iran als ein düsteres Land voller Abgründe und Widersprüche. Von Marian Brehmer

"Zahra's Paradise", verfasst von den anonymen Künstlern Amir und Khalil, spielt in den Tagen nach Irans Wahlprotesten im Sommer 2009. Die Graphic Novel, die zunächst serienweise im Internet veröffentlicht wurde, beginnt mit einer bizarren Eröffnungsszene: Ein kleiner Junge irgendwo in den Bergen Irans füttert einige Haufen Hundewelpen, die von ihrer Mutter gestillt werden. Der Junge gibt ihnen die Namen der großen Sagengestalten aus dem "Schahname" Ferdowsis, dem großen persischen Nationalepos, der Verkörperung der persischen Kultur schlechthin.

In diesem Moment ertönt vom Berg der Gebetsruf aus der Moschee. Augenblicklich rennt der Junge nach hause, wo ein streng blickender Vater auf ihn wartet. Der Vater verlässt mit einem Spaten das Haus und schaufelt ein Grab.

Buchcover der englischen Ausgabe von Zahra's Paradise
Aufarbeitung der Niederschlagung der grünen Protestbewegung vom Sommer 2009 in Comicform: "Zahra's Paradise" von Amir & Khalil

​​Dann steckt er die Welpen und ihre Mutter in einen Sack und drischt so lange mit dem Spaten darauf ein, bis das Blut herausquillt. Den Sack mit den "unreinen Kreaturen" schmeißt er in einen Fluss. "Eine verlorene Generation" heißt es in der Box am Bildrand. Der Sack treibt noch einen Moment im Fluss und sinkt dann auf den Grund.

Mit der Symbolik dieser Bilder wird der Leser erstmal allein gelassen und auf der nächsten Seite in die Handlung von "Zahra's Paradise" geworfen. Der Plot der Graphic Novel beginnt mit einer verzweifelten Mutter, die wenige Tage nach der Präsidentschaftswahl im Juni 2009 ihren Sohn Mehdi vermisst.

Seit den Protesten am Azadi-Platz im Westen Teherans ist Mehdi verschwunden. Es ist sein kleiner Bruder Hassan, der nun Mehdis Geschichte in dem Blog "Zahra's Paradise" aufschreibt.

Crashkurs für Geschichte und Politik Irans

Die Graphic Novel zeichnet auf, was in den Junitagen 2009 passierte: Menschen, die von Freiheitsdrang getrieben auf ihren Dächern "Allahu Akbar" in die Nacht riefen, überfüllte Notaufnahmen mit zusammengeschlagenen Demonstranten, verzweifelte Eltern, die vor den Toren des berüchtigten Evin-Gefängnisses nach dem Verbleib ihrer Söhne und Töchter fragten. Auf einer Doppelseite zeichnen die Autoren mit detailgetreuen Mussawi-Plakaten und "Where is my vote?"-Bannern einen großen Demonstrationszug. "Ein gewaltiger Strom", der, wie sie schreiben, "alles mit sich hätte fortreißen" können.

Wer Geschichte und Politik der Islamischen Republik Iran nicht kennt, bekommt in "Zahra's Paradise" einen Crashkurs geliefert. Dabei verzichtet das Buch nicht auf Stereotypen und lässt die Fronten graphisch effektvoll herausstechen: Die Basidschis, also die paramilitärischen Milizionäre der Iranischen Revolutionsgarde, werden als finstere und grobschlächtige Typen abgebildet, Mullahs werden als Vogelscheuchen dargestellt.

Staatsoberhaupt Khamenei hat die Hakennase eines Adlers und wird von einer Garde von Politikern umringt, die als bloße Lakaien neben dem obersten Führer einander an die Gurgel gehen. Selbst Hinrichtungen und eine Vergewaltigung im Gefängnis werden abgebildet.

Irans Revolutionsführer Ali Khamenei in Zahra's Paradise; © Knesebeck-Verlag
Von der Allmacht und Unfehlbarkeit des Revolutionsführers: In "Zahra's Paradise", einer kunstvoll komponierten Symbiose von Wort und Bild, prangern die Autoren ein System an, das seit seiner Gründung mit der ideologischen Auslegung von "Islam" und "Republik" in tiefen Widersprüchen steckt, schreibt Brehmer.

​​Der Iran von Amir und Khalil ist mitunter sehr düster. Khalil sagt dazu in einem Interview mit dem Deutschlandfunk: "Ich habe für meine Zeichnungen viel recherchiert und es war dann, als würde ich die Orte besuchen und die Leute sehen. Das war hart. Da musste ich in mich gehen und erstmal diese Bilder in Bilder fassen. Ich konnte manchmal tagelang nicht schlafen oder essen."

Omnipräsenz des Todes

Aber es gibt auch feinsinnige tragikomische Szenen, die mit den Eigenarten der iranischen Mentalität spielen: ein gut gelaunter Taxifahrer, der mit der Wendigkeit wie sie eben nur ein Teheraner Taxifahrer besitzt, durch den Verkehr manövriert und dabei freimütig schimpfend die Widersprüche im Iran von heute aufdeckt.

"Alles in dieser Stadt ist nach dem Tod benannt!", ruft er und deutet auf die nach Märtyrern des Iran-Irak-Krieges getauften Straßen. In der Islamischen Republik soll alles islamisch sein, als aber das Taxi an einem bettelnden Kind vorbeifährt, fragt der Taxifahrer mit höhnischem Unterton, was daran bitteschön islamisch sei. Dann kommt das Taxi an Kränen vorbei, an denen exekutierte  Männer baumeln. "Christen haben das Kreuz, wir haben den Kran…", heißt es dazu in einer Textblase am Rande des Bildes.

An anderer Stelle kommentiert der Zigarre rauchende Onkel von Hassan und Mehdi die Rolle von ausländischer Überwachungstechnologie im iranischen Spionageapparat: "Ihr seid wie die Fliegen, gefangen in unsichtbaren Spinnennetzen. Siemens, Nokia, oder wie sie alle heißen. Oder glaubt ihr etwa, dass Iraner den iranischen Geheimdienst leiten?"

Alle Wege führen zum Friedhof

Interessant ist auch die Figur des Ayatollah Zaheer, ein höflicher und gütig dreinblickender älterer Herr mit schwarzem Turban, der von seinem Aussehen her an den iranischen Expräsidenten Mohammed Khatami erinnert. Kann das ein Zufall sein? Zaheer verspricht der Mutter Mehdis zu helfen und entpuppt sich dann aber doch als Marionette des Systems und verbietet der Familie, das Schicksal ihres Sohnes bekannt zu machen.

Hinrichtung von Dissidenten an Kränen in Zahra's Paradise; &copy Knesebeck-Verlag
"Christen haben das Kreuz, wir haben den Kran…" - Szene aus der iranischen Graphic Novel "Zahra's Paradise" von Amir & Khalil

​​Wie viele der realen Schicksale von jungen Menschen, die 2009 protestierten, nimmt auch Mehdis fiktives Schicksal kein gutes Ende. Alle Wege führen am Ende nach Behesht-e-Zahra ("Zahras Paradise"), jenem riesigen Friedhof am Rande Teherans, der nach der Tochter des Propheten Mohammed benannt ist. Behesht-e-Zahra enthält über eine Millionen Gräber. Darunter sind auch jene der bei den Protesten Umgekommenen. Es sind die Welpen, denen der kleine Junge vom Anfang der Geschichte die Namen der großen klassischen Volkshelden gab.

Nicht nur die junge Generation ist bedroht, so meinen es Amir und Khalil, sondern auch das alte persische Kulturgut – in "Zahra's Paradise" steht es für einen Iran, der verloren gegangen ist.

Mehdi ist nicht nur der Protagonist dieser Graphic Novel, sondern auch der Name des "Verborgenen Imam" und Messias der Zwölferschiiten, der zur Rettung der Welt wiederkehren soll. Dass in der Islamischen Republik ein Mehdi sterben muss, ist auch als eine von den Autoren bewusst eingesetzte Metaphorik zu sehen: Die Wächter der religiösen Revolution haben ein Regime in Gottes Namen errichtet, das sein Volk knechtet – und nicht etwa den Weg der religiösen Erlösung weist.

In einer kunstvoll komponierten Symbiose von Wort und Bild prangern die Autoren ein System an, das seit seiner Gründung mit der ideologischen Auslegung von "Islam" und "Republik" in tiefen Widersprüchen steckt.

Marian Brehmer

© Qantara.de 2012

Amir und Khalil: Zahra's Paradise: Die Grüne Revolution im Iran und die Suche einer Mutter nach ihrem Sohn, Knesebeck, September 2011

Redaktion: Lewis Gropp & Arian Fariborz/Qantara.de

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Die internationale Gemeinschaft befindet sich in einem großen Dilemma: wie soll es weitergehen in Libyen? Denn es ist klar, dass sie militärisch eingreifen muss, um das Gaddafi-Regime zu beseitigen. Die Alternative wäre ein endloser Bürgerkrieg vor den Toren Europas.

Makus Halmann12.04.2011 | 09:49 Uhr

Ich befürchte auch, dass der Politologe F. Stephen Larrabee Recht hat, denn die Bedingungen in der Türkei und vor allem die lange Tradation des Kampfes um Demokratie unterscheiden sich in der Tat von denen in den meisten arabischen Ländern. Schöner Beitrag.

Ahmad Ezzat12.04.2011 | 17:13 Uhr

Gesegnt seid ,Anonimität ist ein bestandteil der Freiheit,und des inhalt kontex Qualität was zelt

Jaljaloot Elharoot13.04.2011 | 20:43 Uhr

Wunderbarer Beitrag von Michael Roes, den ich als Autor und kritischer Beobachter der arabischen Welt seit langem sehr schätze. Roes besitzt die nötige Empathie für die arabischen Bürger und den Respekt vor ihren Bedürfnissen und Sehnsüchten.

Hans Zimmermann17.04.2011 | 09:51 Uhr

Das Jahr 2001 sollte nicht wiederholt werden

Beate Elefant18.04.2011 | 23:29 Uhr

Der sogenannte Streit ums Kopftuch ist nur Symptom für die Unfähigkeit aller Akteure, sich den wichtigeren Problemen zu widmen. Das schreibe ich, obwohl ich die Argumente von Frau Kaddor nicht überzeugend finde.

Susan Müller-H...20.04.2011 | 07:46 Uhr

Die Sicherheitskräfte des verhassten Assad-Regimes haben heute und gestern in mehreren Städten und Regionen Syriens Massaker angerichtet. Wo es Tote gab, war das perfide Muster immer dasselbe: Nicht Polizisten in Uniform feuerten die tödlichen Schüsse ab, sondern Heckenschützen in Zivil, die auf Hausdächern lauerten und willkürlich in die Menschenmengen schossen, um Panik und Furcht auszulösen. In Homs sind dadurch so viele Menschen verletzt worden, dass Ärzte unter den Demonstranten in den Gassen der Altstadt improvisierte Lazarette einrichteten, erzählte eine Augenzeugin der BBC. Es ist an der Zeit, auch das Assad-Regime zu ächten und international zu isolieren.

Helmuth Alkadli22.04.2011 | 23:50 Uhr

Mit diesem Satz hat Jesus seinem Bruder gezeigt, dass die Liebe stärker ist als Hass und Neid.
Luzifer wollte seinen Bruder, den Metadron (Jesus) vom Thron stürzen, um für sich selber die Herrschaft zu stehlen. Jesus lies sich aus Liebe zu seinem "verlorenen" Bruder freiwillig am Kreuz morden. Er wußte, dass Gott ihm das Leben zurück geben wird.
GOTT IST >Leben kann man nicht töten. Es wäre sonst nicht das Leben das ewig ist! Es wandelt sich nur.

Die Christen beten beim Gottesdienst: "Deinen Tod oh Herr verkünden wir und deine Auferstehung preisen wir, bis du kommst in Herrlichkeit!" Da haben sich die Herren in Rom aber einen schönen Unsinn ausgedacht. Wer will denn noch immer den Tod Jesu verkünden und warum? Der Teufel will es. Nutzt ihm aber nichts, denn Jesus lebt und ändert von der geistigen Welt aus das Leben auf der Erde. Das ist ein sehr schwieriger Änderungsprozess, weil die Menschen freiwillig nichts ändern und auch nicht umdenken wollen.
Trotzdem wird das Werk gelingen, weil es der Wille Gottes, des Vaters ist.

Die Hoffnung auf eine bessere Zukunft lässt Änderungen wie derzeit in der Arabischen Welt zu und auch im Christentum hat ein Nachdenken bereits begonnen. Gott ist die Liebe und die Liebe ist die stärkste Macht im Universum und Gott liebt uns alle gleich.
http://www.hopeland.at
Möge das Werk gelingen. Das wünsche ich mir und allen Menschen auf der Erde.
Mathilde

Mathilde Heiml30.04.2011 | 10:51 Uhr

exzellenter artikel. danke.

ulrich johannes...30.04.2011 | 12:56 Uhr

Die Idee, die durch die zurückgehende gesellschaftliche Bindungskraft der evangelischen Kirche ausgelöste (innere) Krise als Chance auf eine Neuformierung im Sinne einer neofundamentalistischen, gesellschaftliche Fragen ausblendenden Missionstheologie zu interpretieren, mag als privates Hirngespinst von Herrn Pfarrer (sic!) Teufel hingenommenwerden müssen, als Vorbote einer dadurch beförderten ethnisch-religiösen Kantonisierung unserer Gesellschaft ist es mir jedoch eine Horrorvorstellung! Stattdessen brauchen wir tatsächlich eine weit konsequentere Hinwendung zum Laizismus und die Rückkehr zu einer tatsächlich (statt nur noch alibimäßig betriebenen) umverteilenden Sozialpolitik und ein Bündnis aller (auch der jeweils moderaten Anhänger der diversen Religionen) zu deren Durchsetzung. Sonst können wir uns in zwanzig Jahren mit bosnischen Verhältnissen zwischen Rhein und Oder anfreunden...

Max Schumacher30.04.2011 | 17:02 Uhr

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