Die Herrschaft der Mauren und das unblutige Ende der Reconquista

Knapp 800 Jahre herrschten in Spanien die Mauren, bis ihr letztes Reich von Granada fiel. Geblieben sind Wunderwerke wie die Alhambra und die Moschee in Cordoba. Doch der Zauber aus 1.001 Nacht verklärt die Geschichte.

Eine Invasion von Nordafrika über die Straße von Gibraltar leitete 711 den Beginn einer neuen Ära ein: die Herrschaft der Mauren auf der Iberischen Halbinsel. Sie brachten den Islam ins Land und eine fremde Sprache, bauten Moscheen und Bäder, führten innovative Bewässerungsmethoden in der Landwirtschaft ein. Sie breiteten sich zwar rasch aus, scheiterten jedoch beim Vorstoß nach Zentraleuropa - und konzentrierten ihre Hauptmacht schließlich in Spaniens Süden.

In Cordoba rief die Dynastie der Omayyaden 756 ein Emirat aus, das Abd al-Rahman III. 929 zum Kalifat erhob. Ein Jahrhundert lang dauerte die Glanzzeit Cordobas; dann zerfiel das Großreich in Kleinkönigtümer (Taifas). Im weiteren Verlauf des Mittelalters machten sich die Dynastien der Almoraviden und Almohaden stark, doch auf Dauer war niemand mächtig genug, dem Druck der Reconquista standzuhalten.

Die "Reconquista", die ihren Anfang in Nordspanien nahm, bezeichnete die christliche Rückeroberung der Ländereien Spaniens. Sie stand unter dem Patronat des Apostels Jakobus, dessen Grab im 9. Jahrhundert auf wundersame Weise im heutigen Santiago de Compostela wiederentdeckt wurde. Die Legende von "Jakobus als Maurentöter" (Matamoros), der die Christentruppen bei einem Kampf in der Rioja zum Sieg antrieb, wirkte fortan vorbildgebend für die Streiter im Zeichen des Kreuzes. Nach Schlachtenerfolgen wie bei Navas de Tolosa (1212) und den Eroberungen von Cordoba (1236) und Sevilla (1248) blieb das muslimische Terrain schlussendlich auf das Reich der Nasriden von Granada beschränkt.

Die Nasriden erbauten die märchenhafte Residenz Alhambra hoch über Granada. Und eben dort ergab sich der letzte Herrscher Boabdil vor 525 Jahren, am 2. Januar 1492. Angesichts der Übermacht und zehrenden Belagerung überließ er den sogenannten Katholischen Königen, Ferdinand von Aragon und Isabella von Kastilien, kampflos das Feld.

Schon einige Wochen zuvor hatten sich die Beteiligten auf die Kapitulation verständigt. Dabei sagte das Monarchenpaar zu, den Glauben der Mauren künftig zu achten. Als Boabdil hinauszog, soll er an einem Punkt, den man später "Seufzer des Mauren" nannte, ein letztes Mal tränenreich auf Granada zurückgeblickt haben - worauf er laut der Überlieferung einen Wutausbruch der eigenen Mutter über sich ergehen lassen musste: "Du weinst wie ein Weib, weil du dein Reich nicht wie ein Mann verteidigen konntest."

Der unblutige Fall von Granada markiert das Ende der Reconquista. Zeitgleich stand Spanien bereits in den Startlöchern für seinen Aufstieg zur Weltmacht, unterstützt vom historischen Zufall. Im selben Jahr entdeckte Kolumbus im Auftrag der Krone die sogenannte "Neue Welt", Amerika.

Innenpolitisch sollte nach der Wiederherstellung der politischen die Glaubenseinheit folgen. Die Lage blieb jedoch verworren, allein schon bei der Praxis der Integration der unterworfenen Mauren. Die Juden waren den Katholischen Königen ein zusätzlicher Dorn im Auge. Mit dem sogenannten Alhambra-Edikt vom März 1492 sahen sich die Juden in Kastilien und Aragon vor die Wahl zwischen Vertreibung und Übertritt zum Christentum gestellt. Das sollte katastrophale Folgen haben. Denn mit denen, die das Land verließen, ging für Spanien nicht zuletzt entscheidende Manpower in puncto wirtschaftlicher Weitsicht verloren.

Auf Dauer blieben auch die Muslime nicht verschont und wurden unterdrückt. Selbst zwangsbekehrte Muslime, "Morisken" genannt, waren nicht sicher. Im Verdacht stehend, heimlich weiter Allah zu huldigen, wachten über sie die Augen der spanischen Inquisition. Ab 1609 wurden die Morisken definitiv ausgewiesen.

Aus maurischen Zeiten geblieben sind Wunderwerke wie die Alhambra in Granada und die Hauptmoschee in Cordoba. Im Tourismus wirbt Südspanien mit dem Zauber aus 1.001 Nacht - was die Geschichte der Reconquista und ihre Folgen kräftig verklärt. (KNA)

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