Hoda Badran; Foto: Claudia Mende
Die ägyptische Frauenrechtlerin Hoda Badran

Frauen als Verliererinnen der Revolution?

Ägyptens prominenteste Frauenrechtlerin Hoda Badran befürchtet einen Rückschritt beim Kampf der Frauen um ihre gesellschaftlichen und politischen Rechte. Mit der neu gegründeten "Egyptian Feminist Union" will sie den Anliegen von Frauen mehr Gehör verschaffen. Claudia Mende stellt sie vor.

Hoda Badran befürchtet, dass die ägyptische Frauenbewegung zwischen zwei Ideologien zerrieben wird, die beide wenig Verständnis für die Rechte von Frauen haben. Die 58-jährige Soziologin und Vorsitzende der "Arab Alliance for Women" sieht, wie Islamisten auf der einen und Militärs auf der anderen Seiten den Frauenrechtlerinnen die Luft abschnüren.

Muslimbrüder und Salafisten dominieren das Parlament und mit Mohammed Mursi hat der Kandidat der Muslimbrüder gute Chancen, in der Strichwahl zum ersten frei gewählten Präsidenten Ägyptens zu werden. Auf der anderen Seite stehen die gegenwärtig noch regierenden Militärs mit ihrem patriarchalen Männlichkeitskult, der auf Werten wie Stärke und Tapferkeit beruht.

Der zweite Kandidat in der Stichwahl, Ex-Luftwaffengeneral Ahmed Shafik, hat diesen militärischen Hintergrund. Dazwischen stehen Frauen wie Hoda Badran, die fassungslos zusehen müssen, wie ihr ohnehin geringer Einfluss in der ägyptischen Politik weiter schwindet.

Frauenaktivistinnen demonstrieren während des Aufstandes gegen Mubarak in Kairo; Foto: dapd
Kampf gegen Männergewalt und für mehr gesellschaftliche und politische Teilhabe: Frauenaktivistinnen demonstrieren während des Aufstandes gegen Mubarak in Kairo

​​Hoda Badran ist die bekannteste Vertreterin der ägyptischen Frauenbewegung. Als Vorsitzende der "Arab Alliance for Women" ist sie im ganzen Nahen Osten gut vernetzt. Sie hat Ägypten während der Herrschaft Mubaraks auch in offiziellen Gremien wie dem Internationalen Ausschuss der UN-Kinderrechtskonvention repräsentiert.

Keinen Platz in den politischen Gremien

"Frauen haben keinen Platz in den Institutionen der Transformation", kritisiert Hoda Badran. Der Militärat hat die Frauenquote im Parlament abgeschafft. 20 Prozent der Sitze waren unter Mubarak für weibliche Abgeordnete reserviert. Heute sind nur noch sechs Frauen im nationalen Parlament vertreten, das sind nur noch zwei Prozent aller Abgeordneten.

Die einzige Frau, die für das Amt des Präsidenten kandidieren wollte, die Journalistin Bouthaina Kamel, bekam nicht die nötigen Unterschriften für ihre Kandidatur zusammen. "Frauen müssen sich gegenseitig unterstützen und ihre Rechte einfordern", sagt Badran. Sonst sieht sie für die Zukunft der ägyptischen Frauenbewegung schwarz.

Doch Badran und ihre Mitstreiterinnen tun sich schwer, für ihre Arbeit in der Gesellschaft breite Unterstützung zu finden. Auch bei den gut ausgebildeten, meist jungen Aktivistinnen der Protestbewegung stoßen sie auf Widerstände. Diese vertreten vielfach die Ansicht, jetzt sei nicht die Zeit für Frauenrechte, zunächst gehe es um Demokratie. Ist dann der Übergang zur Demokratie geschafft, werde sich auch die Lage der Frauen verbessern.

Für Badran ist das ein Missverständnis, dem in der Geschichte schon viele Frauen erlagen. "Das wird nicht automatisch passieren", davon ist sie überzeugt. "Wir müssen uns unsere Rechte erkämpfen." Sie weiß wovon sie spricht. Denn Badran wurde selbst früh von ihrer Familie an einen älteren Mann verheiratet und musste sich ihre Selbstständigkeit erst mühsam erkämpfen.

Bouthaina Kamel; Foto: dpa
Die Journalistin Bouthaina Kamel erhebt schwere Vorwürfe gegen den ägyptischen Militärrat. Sie vertraut nicht darauf, dass der Oberste Rat der Streitkräfte beabsichtigt, sich aus der Politik zurückzuziehen.

​​Die anderen, die Analphabetinnen – rund 50 Prozent der ägyptischen Frauen können nicht lesen und schreiben – sind mit dem täglichen Überleben für sich und ihre Familien beschäftigt. Frauen, die jeden Tag 12 bis 15 Stunden auf dem Feld arbeiten, kommen gar nicht auf die Idee, eigene Bedürfnisse und Wünsche zu formulieren.

Unwissenheit und mangelnde Bildung

Wenn dann die Muslimbrüder sagen, sie wollten Jobs für die Männer schaffen, damit die Frauen zuhause bleiben und versorgt werden können, dann finden viele dieser einfachen Frauen das gut, weil neben der Erwerbsarbeit auch die Familienarbeit in der Regel an ihnen hängen bleibt. "Außerdem glauben sie nicht an ihre Gleichberechtigung."

Mangelnde Bildung führe dann zu Irrtümern über den Islam. "Sie können den Koran nicht selber lesen", meint Badran, "und lassen sich von den Islamisten alles Mögliche einflüstern." Dann glauben die Frauen, dass sie gegenüber ihren Männern ins zweite Glied gehören. Und sie nehmen auch den Islamisten die Propaganda ab, sie müssten die Religiösen wählen, damit sie nicht in die Hölle kommen.

Jetzt, wo die ägyptische Gesellschaft um ein neues Modell für die Zukunft ringt, schadet den Frauenrechtlerinnen, dass sich auch Diktatorengattin Suzanne Mubarak für ihre Anliegen eingesetzt hat.

Suzanne Mubarak; Foto: AP
Förderin der Frauenrechte in Ägypten: Die ehemalige First Lady hatte ein modernes Scheidungsrecht am Parlament vorbei und gegen den Widerstand der Konservativen durchgedrückt.

​​Die ehemalige First Lady hatte zum Beispiel ein modernes Scheidungsrecht am Parlament vorbei und gegen den Widerstand der Konservativen durchgedrückt. Das neue Familienrecht aus dem Jahr 2000 hat Frauen die Scheidung erleichtert, blieb sogar im Einklang mit dem islamischen Recht. Trotzdem hat es schon damals den Widerstand islamisch orientierter Kreise hervorgerufen.

Grenzen der Verständigung

Badran hat versucht, mit den weiblichen Abgeordneten der Muslimbrüder ins Gespräch zu kommen, hält diese Versuche aber für weitgehend gescheitert. Sie hat zum Beispiel mit Azza El Gharf von der "Freedom and Justice Party", dem politischen Arm der Muslimbrüder, gesprochen und öffentlich mit ihr gestritten. "Es gibt da immer eine Grenze in der Verständigung, weil sie einfach nicht an Gleichberechtigung glauben." Sie hält die weiblichen Abgeordneten der Muslimbrüder einfach für zu borniert und ihr Urteil über sie fällt hart aus: "Es gibt Sklavinnen, die nicht befreit werden wollen."

Eine gemeinsame weibliche Strategie gegen die Dominanz der Männer in der Politik funktioniert ihrer Meinung nach nicht. "Wir haben versucht, uns mit ihnen zu verbünden, aber es klappt nicht", sagt sie. "Die Frauen innerhalb der Muslimbruderschaft sehen sich mehr den Interessen ihrer Partei als den Wählerinnen verpflichtet."

Baumwollpflückerinnen in Ägypten; Foto: AP
Armut und Bildungsmisere: Noch immer sind rund 50 Prozent der ägyptischen Frauen Analphabeten und mit dem täglichen Überleben für sich und ihre Familien beschäftigt.

​​Nach außen geben sich die Muslimbrüder gemäßigt, wollen angeblich die bestehenden Rechte von Frauen nicht antasten und keine islamischen Kleidervorschriften einführen. Doch nach einer endgültigen Machtübergabe, so ihre pessimistische Prognose, werde man schnell die liberale Maske fallen lassen.

Deshalb hat Badran im November 2011 ein neues Bündnis von Frauenorganisationen und Nicht-Regierungsorganisationen initiiert, die "Egyptian Feminist Union". Es ist ein Revival der 1923 von Hoda Sharawi gegründeten Organisation gleichen Namens, die unter Nasser verboten wurde. Die rund 3.000 institutionellen Mitglieder der Organisation wollen in einer gemeinsamen Anstrengung die Stimme von Frauen besser zu Gehör bringen, damit ihre Anliegen während der Transformation Ägyptens nicht völlig untergehen.

"Wir wollen eine Stimme bei allen gesellschaftlichen und politisch wichtigen Fragen", fordert Badran. Themen gibt es genug. Mehr Rechte für Frauen, die im informellen Sektor beschäftigt sind, bessere Unterhaltsregelungen, die weitere Liberalisierung der Scheidung, ein Verbot der Polygamie und eine stärkere Position von Frauen im Justizwesen.

Manche Frauen würden schon jetzt bereuen, dass sie den Islamisten ihre Stimme gegeben haben. Es werde nicht lange dauern, bis sie durchschauen, wie unrealistisch das angeblich so heile Familienbild der Islamisten ist. Der Mann als Alleinverdiener, die Frau als Versorgerin zuhause, das ist auch in Ägypten nicht mehr die Realität. 25 Prozent der Haushalte werden von Frauen geführt, schätzungsweise zwei Millionen Kinder arbeiten, die Mädchen als Haushaltshilfen, die Jungen in Werkstätten. Durch die Verschlechterung der Wirtschaftslage zerfallen die Familien, und die Alten können nicht mehr versorgen werden.

Hoda Badran hofft, dass ihre Schwestern bald aufwachen. Ihre Hoffnung wird genährt von Erlebnissen, die sie in jüngster Zeit hatte. In einem populären Viertel von Kairo bekam sie mit, wie wütende Händlerinnen mit Schuhen nach Muslimbrüdern warfen, die hier auf Stimmenfang im Präsidentschaftswahlkampf waren. Der Grund: Die Islamisten hatten dafür geworben, dass Frauen doch gefälligst zuhause bleiben und ihre Berufstätigkeit aufgeben sollten.

Claudia Mende

© Qantara.de 2012

Redaktion: Arian Fariborz/Qantara.de

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Die internationale Gemeinschaft befindet sich in einem großen Dilemma: wie soll es weitergehen in Libyen? Denn es ist klar, dass sie militärisch eingreifen muss, um das Gaddafi-Regime zu beseitigen. Die Alternative wäre ein endloser Bürgerkrieg vor den Toren Europas.

Makus Halmann12.04.2011 | 09:49 Uhr

Ich befürchte auch, dass der Politologe F. Stephen Larrabee Recht hat, denn die Bedingungen in der Türkei und vor allem die lange Tradation des Kampfes um Demokratie unterscheiden sich in der Tat von denen in den meisten arabischen Ländern. Schöner Beitrag.

Ahmad Ezzat12.04.2011 | 17:13 Uhr

Gesegnt seid ,Anonimität ist ein bestandteil der Freiheit,und des inhalt kontex Qualität was zelt

Jaljaloot Elharoot13.04.2011 | 20:43 Uhr

Wunderbarer Beitrag von Michael Roes, den ich als Autor und kritischer Beobachter der arabischen Welt seit langem sehr schätze. Roes besitzt die nötige Empathie für die arabischen Bürger und den Respekt vor ihren Bedürfnissen und Sehnsüchten.

Hans Zimmermann17.04.2011 | 09:51 Uhr

Das Jahr 2001 sollte nicht wiederholt werden

Beate Elefant18.04.2011 | 23:29 Uhr

Der sogenannte Streit ums Kopftuch ist nur Symptom für die Unfähigkeit aller Akteure, sich den wichtigeren Problemen zu widmen. Das schreibe ich, obwohl ich die Argumente von Frau Kaddor nicht überzeugend finde.

Susan Müller-H...20.04.2011 | 07:46 Uhr

Die Sicherheitskräfte des verhassten Assad-Regimes haben heute und gestern in mehreren Städten und Regionen Syriens Massaker angerichtet. Wo es Tote gab, war das perfide Muster immer dasselbe: Nicht Polizisten in Uniform feuerten die tödlichen Schüsse ab, sondern Heckenschützen in Zivil, die auf Hausdächern lauerten und willkürlich in die Menschenmengen schossen, um Panik und Furcht auszulösen. In Homs sind dadurch so viele Menschen verletzt worden, dass Ärzte unter den Demonstranten in den Gassen der Altstadt improvisierte Lazarette einrichteten, erzählte eine Augenzeugin der BBC. Es ist an der Zeit, auch das Assad-Regime zu ächten und international zu isolieren.

Helmuth Alkadli22.04.2011 | 23:50 Uhr

Mit diesem Satz hat Jesus seinem Bruder gezeigt, dass die Liebe stärker ist als Hass und Neid.
Luzifer wollte seinen Bruder, den Metadron (Jesus) vom Thron stürzen, um für sich selber die Herrschaft zu stehlen. Jesus lies sich aus Liebe zu seinem "verlorenen" Bruder freiwillig am Kreuz morden. Er wußte, dass Gott ihm das Leben zurück geben wird.
GOTT IST >Leben kann man nicht töten. Es wäre sonst nicht das Leben das ewig ist! Es wandelt sich nur.

Die Christen beten beim Gottesdienst: "Deinen Tod oh Herr verkünden wir und deine Auferstehung preisen wir, bis du kommst in Herrlichkeit!" Da haben sich die Herren in Rom aber einen schönen Unsinn ausgedacht. Wer will denn noch immer den Tod Jesu verkünden und warum? Der Teufel will es. Nutzt ihm aber nichts, denn Jesus lebt und ändert von der geistigen Welt aus das Leben auf der Erde. Das ist ein sehr schwieriger Änderungsprozess, weil die Menschen freiwillig nichts ändern und auch nicht umdenken wollen.
Trotzdem wird das Werk gelingen, weil es der Wille Gottes, des Vaters ist.

Die Hoffnung auf eine bessere Zukunft lässt Änderungen wie derzeit in der Arabischen Welt zu und auch im Christentum hat ein Nachdenken bereits begonnen. Gott ist die Liebe und die Liebe ist die stärkste Macht im Universum und Gott liebt uns alle gleich.
http://www.hopeland.at
Möge das Werk gelingen. Das wünsche ich mir und allen Menschen auf der Erde.
Mathilde

Mathilde Heiml30.04.2011 | 10:51 Uhr

exzellenter artikel. danke.

ulrich johannes...30.04.2011 | 12:56 Uhr

Die Idee, die durch die zurückgehende gesellschaftliche Bindungskraft der evangelischen Kirche ausgelöste (innere) Krise als Chance auf eine Neuformierung im Sinne einer neofundamentalistischen, gesellschaftliche Fragen ausblendenden Missionstheologie zu interpretieren, mag als privates Hirngespinst von Herrn Pfarrer (sic!) Teufel hingenommenwerden müssen, als Vorbote einer dadurch beförderten ethnisch-religiösen Kantonisierung unserer Gesellschaft ist es mir jedoch eine Horrorvorstellung! Stattdessen brauchen wir tatsächlich eine weit konsequentere Hinwendung zum Laizismus und die Rückkehr zu einer tatsächlich (statt nur noch alibimäßig betriebenen) umverteilenden Sozialpolitik und ein Bündnis aller (auch der jeweils moderaten Anhänger der diversen Religionen) zu deren Durchsetzung. Sonst können wir uns in zwanzig Jahren mit bosnischen Verhältnissen zwischen Rhein und Oder anfreunden...

Max Schumacher30.04.2011 | 17:02 Uhr

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