Teilnehmer des Projektes Projekt Music for the One God; Foto: © www.one-god.eu
Dialogprojekt ''Music for the one God''

Dreiklang der Religionen

Das multinationale Projekt "Music for the One God" unter der Leitung des türkischen Oudspielers und Komponisten Mehmet Yeşilçay vereint auf faszienierende Art und Weise islamische, sephardische und christliche Klangwelten. Stefan Franzen berichtet.

Es hört sich nach einem logistischen Kraftakt an: Ein orientalisch-okzidentales Kammerensemble, Barockinstrumentalisten, ein byzantinischer Chor, jüdische und armenische Kantoren, Gesangssolisten aus der osmanischen Klassik und dem Barock kommen zusammen, um sakrale Musik aus den drei großen monotheistischen Weltreligionen in einer schlüssigen Konzertdramaturgie zu bündeln.

Ihr Ziel ist der musikalische Lobpreis dessen, der verschiedene Namen trägt, aber der eine, gemeinsame Gott ist. Mehmet Yeşilçay hat sich als künstlerischer Leiter eine Menge vorgenommen, und er sprüht geradezu vor Erwartungsfreude und Fachwissen, wenn man ihn über die Hintergründe des Projekts "Music for the one God" befragt.

Traditionsreicher musikalischer Dialog

"Der Kontakt zwischen Osmanen und Europa war im 17. und 18. Jahrhundert sehr stark und effizient", begründet er die Auswahl der musikalischen Epoche für das Konzertprogramm und die Fokussierung auf Istanbul. "Denken Sie nur an die Türkenmode, an die Belagerung von Wien.

Mehmet Yeşilçay; Foto: © www.one-god.eu/
Künstlerischer Leiter und Mastermind des Projekts "Music for the one God": der in München lebende Komponist und Oudspieler Mehmet Yeşilçay

​​Unter Friedrich II. sind am Hofe in Berlin türkische Musiker zu Gast gewesen, ebenfalls bei August dem Starken in Sachsen. Ludwig XIV. empfing einen Gesandten, der ein großes Ensemble mitgebracht hat. Im Gegenzug ist belegt, dass seine Barock-Kammerensembles vor dem Sultan gespielt haben."

Kuriosestes Beispiel für den Austausch zwischen Orient und Okzident ist wohl Wojciech Bobowski: Der 1607 in Breslau geborene Komponist und Kirchenmusiker wurde von Tartaren an den Sultanshof verschleppt, wirkte dort unter dem Namen Akli Ufti als Organist und Lautenist weiter. "Er hat nach seiner Konvertierung geistliche islamische Musik geschrieben, die bis heute erhalten ist, hat das Alte Testament und Hugenottenpsalmen, die er mit sich führte, ins Türkische übersetzt", berichtet Yeşilçay.

Seine Musik wird nun im Projekt "Music for the one God" genauso erklingen wie die von Itrî, des Begründers der osmanischen Klassik, von der man dank ungebrochener Überlieferung bis heute genau weiß, wie sie damals aufgeführt wurde. Auf der anderen Seite stehen Werke von Bach, Domenico Scarlatti, Lorenzo de Rossi, Vivaldi, Pergolesi, Schütz und Praetorius.

Vervollständigt wird der religiöse Dreiklang durch armenische und sephardisch-jüdische Gesänge. Gerade letztere stellten im damaligen Istanbul auch eine wichtige Komponente interreligiösen Austauschs dar: Am Hofe von Selim III., so ist historisch verbürgt, spielten viele hebräische und sephardische Musiker. Einer von ihnen, Tanburi Ishak, unterrichtete gar den Sultan, sang in der Synagoge und war zugleich im Sufiorden.

Auf Augenhöhe

Armenisch-christliche, sephardische und muslimische Komponisten wirkten im Sultanspalast damals auf Augenhöhe, waren gleichberechtigt. "Wir denken die Idee dieser Zeit, dieses Zusammenspiel von Istanbul und den europäischen Höfen hier und heute weiter", so Yeşilçay. "Als jemand, der in Europa lebt, wähle ich die Musik dieser Epoche aus, verfrachte sie nach Istanbul und bringe Musiker verschiedener Nationen und Religionen zusammen."

Projekt Music for the one God; Foto: © www.one-god.eu
"Flöge man mit einer Zeitmaschine ins Istanbul des 17. und 18. Jahrhunderts, so wäre man über das friedliche und befruchtende Miteinander der Kulturen erstaunt. Dieses spielte sich gerade auch auf dem Gebiet der Religionen und der sakralen Musik ab. Das multinationale Projekt "Music for the one God“ lässt sich von dieser Epoche zu einem einzigartigen Konzertprogramm inspirieren", schreibt Franzen.

​​In der Dramaturgie hat er fließende Übergänge geschaffen, koppelt verschiedene Glorias und Amens mit griechischen und hebräischen Hallellujahs sowie einem Sufi-Ritual.

Der in München lebende Komponist und Oudspieler ist prädestiniert für diese anspruchsvolle Aufgabe. Als Leiter des euro-türkischen "Pera Ensembles", Kollaborant von Jordi Savall und des "Ensembles Sarband", musikalischer Direktor der Münchner Philharmonie und Neubearbeiter von Händel-Arien und Satie-Kompositionen ist er sowohl in der abendländischen wie der osmanischen Kultur fest verankert.

Beauftragt wurde Yeşilçay von Istanbuls traditionsreichster musikalischer Bildungsinstitution Eyüp Mûsıkî Vakfı, unterstützt wird das Projekt nun sowohl von der EU als auch dem türkischen Kulturministerium. "In der Türkei gibt es ein gigantisches Feedback, gerade auch bei den religiösen Führern der Muslime und Christen", berichtet Yeşilçay. In Deutschland sei das noch etwas verhaltener, auch was das Sponsoring angeht. Durch gezieltes Ansprechen von interreligiösen Gruppierungen, Vereinen, Gemeinden und Jugendeinrichtungen, versucht er, eine breite öffentliche Aufmerksamkeit zu wecken.

Internationale Besetzung

Im Line-Up von "Music for the one God" agieren etliche Koryphäen: Neben Yeşilçays eigenem international renommierten "Pera Ensemble" konnte mit Ahmet Özhan ein großer Star der türkischen Klassik gewonnen werden, des weiteren der Countertenor Valer Barna-Sabadus und die Sopranistin Francesca Lobardi Mazzulli.

Derzeit ist man in Istanbul dabei, die erste Konzertphase zu erarbeiten. Am 24. April ist dort in der byzantinischen Kirche Aya Irini Premiere, die auch mitgeschnitten wird – eine CD und DVD soll im Herbst erscheinen. Im kommenden Juli wandert der Tross dann nach Deutschland und veranstaltet Konzerte in München, Nürnberg und Völklingen bei Saarbrücken.

Gerade in der saarländischen Stadt, die eine lange Gastarbeitertradition und einen hohen Migrantenanteil besitzt und in jüngerer Zeit Schauplatz etlicher Brandanschläge war, soll die Aufführung ein Signal setzen. Der jetzige Oberbürgermeister möchte den erlahmten interkulturellen Kontakt wieder in Gang bringen und bietet dem Projekt in diesem Rahmen ein Forum.

"Music for the one God" hat jedoch noch ein zweites, wissenschaftliches Gesicht: Derzeit präsentieren internationale Musikwissenschaftler unter Leitung des Istanbuler Professors Sehvar Beşiroğlu auf einem Symposium die Ergebnisse ihrer Forschungsarbeiten zum interreligiösen Musikdialog.

"In diesem Rahmen wurde beispielweise untersucht, wie die Sepharden Sufi-Lieder genommen haben und darauf ihre hebräischen und ladinischen Texte gesetzt haben, damit sie in den Synagogen gesungen werden konnten. Das war kein Klau, sondern eine Ehrfurcht gegenüber dieser tollen Musik. Armenier, Griechen, Juden und Assyrer, sie alle haben dieselbe Musik verwendet, um ihre eigenen Verse dazu zu erfinden."

Ein gemeinsamer Gott und eine musikalische Basis, aus der viele Stimmen im friedlichen Miteinander hinaufsteigen – man wünschte sich dieses Modell und das von ihm inspirierte Projekt "Music for the one God" als klingendes Vorbild für die heutige Realität.

Stefan Franzen

© Qantara.de 2012

Redaktion: Arian Fariborz/Qantara.de

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Die internationale Gemeinschaft befindet sich in einem großen Dilemma: wie soll es weitergehen in Libyen? Denn es ist klar, dass sie militärisch eingreifen muss, um das Gaddafi-Regime zu beseitigen. Die Alternative wäre ein endloser Bürgerkrieg vor den Toren Europas.

Makus Halmann12.04.2011 | 09:49 Uhr

Ich befürchte auch, dass der Politologe F. Stephen Larrabee Recht hat, denn die Bedingungen in der Türkei und vor allem die lange Tradation des Kampfes um Demokratie unterscheiden sich in der Tat von denen in den meisten arabischen Ländern. Schöner Beitrag.

Ahmad Ezzat12.04.2011 | 17:13 Uhr

Gesegnt seid ,Anonimität ist ein bestandteil der Freiheit,und des inhalt kontex Qualität was zelt

Jaljaloot Elharoot13.04.2011 | 20:43 Uhr

Wunderbarer Beitrag von Michael Roes, den ich als Autor und kritischer Beobachter der arabischen Welt seit langem sehr schätze. Roes besitzt die nötige Empathie für die arabischen Bürger und den Respekt vor ihren Bedürfnissen und Sehnsüchten.

Hans Zimmermann17.04.2011 | 09:51 Uhr

Das Jahr 2001 sollte nicht wiederholt werden

Beate Elefant18.04.2011 | 23:29 Uhr

Der sogenannte Streit ums Kopftuch ist nur Symptom für die Unfähigkeit aller Akteure, sich den wichtigeren Problemen zu widmen. Das schreibe ich, obwohl ich die Argumente von Frau Kaddor nicht überzeugend finde.

Susan Müller-H...20.04.2011 | 07:46 Uhr

Die Sicherheitskräfte des verhassten Assad-Regimes haben heute und gestern in mehreren Städten und Regionen Syriens Massaker angerichtet. Wo es Tote gab, war das perfide Muster immer dasselbe: Nicht Polizisten in Uniform feuerten die tödlichen Schüsse ab, sondern Heckenschützen in Zivil, die auf Hausdächern lauerten und willkürlich in die Menschenmengen schossen, um Panik und Furcht auszulösen. In Homs sind dadurch so viele Menschen verletzt worden, dass Ärzte unter den Demonstranten in den Gassen der Altstadt improvisierte Lazarette einrichteten, erzählte eine Augenzeugin der BBC. Es ist an der Zeit, auch das Assad-Regime zu ächten und international zu isolieren.

Helmuth Alkadli22.04.2011 | 23:50 Uhr

Mit diesem Satz hat Jesus seinem Bruder gezeigt, dass die Liebe stärker ist als Hass und Neid.
Luzifer wollte seinen Bruder, den Metadron (Jesus) vom Thron stürzen, um für sich selber die Herrschaft zu stehlen. Jesus lies sich aus Liebe zu seinem "verlorenen" Bruder freiwillig am Kreuz morden. Er wußte, dass Gott ihm das Leben zurück geben wird.
GOTT IST >Leben kann man nicht töten. Es wäre sonst nicht das Leben das ewig ist! Es wandelt sich nur.

Die Christen beten beim Gottesdienst: "Deinen Tod oh Herr verkünden wir und deine Auferstehung preisen wir, bis du kommst in Herrlichkeit!" Da haben sich die Herren in Rom aber einen schönen Unsinn ausgedacht. Wer will denn noch immer den Tod Jesu verkünden und warum? Der Teufel will es. Nutzt ihm aber nichts, denn Jesus lebt und ändert von der geistigen Welt aus das Leben auf der Erde. Das ist ein sehr schwieriger Änderungsprozess, weil die Menschen freiwillig nichts ändern und auch nicht umdenken wollen.
Trotzdem wird das Werk gelingen, weil es der Wille Gottes, des Vaters ist.

Die Hoffnung auf eine bessere Zukunft lässt Änderungen wie derzeit in der Arabischen Welt zu und auch im Christentum hat ein Nachdenken bereits begonnen. Gott ist die Liebe und die Liebe ist die stärkste Macht im Universum und Gott liebt uns alle gleich.
http://www.hopeland.at
Möge das Werk gelingen. Das wünsche ich mir und allen Menschen auf der Erde.
Mathilde

Mathilde Heiml30.04.2011 | 10:51 Uhr

exzellenter artikel. danke.

ulrich johannes...30.04.2011 | 12:56 Uhr

Die Idee, die durch die zurückgehende gesellschaftliche Bindungskraft der evangelischen Kirche ausgelöste (innere) Krise als Chance auf eine Neuformierung im Sinne einer neofundamentalistischen, gesellschaftliche Fragen ausblendenden Missionstheologie zu interpretieren, mag als privates Hirngespinst von Herrn Pfarrer (sic!) Teufel hingenommenwerden müssen, als Vorbote einer dadurch beförderten ethnisch-religiösen Kantonisierung unserer Gesellschaft ist es mir jedoch eine Horrorvorstellung! Stattdessen brauchen wir tatsächlich eine weit konsequentere Hinwendung zum Laizismus und die Rückkehr zu einer tatsächlich (statt nur noch alibimäßig betriebenen) umverteilenden Sozialpolitik und ein Bündnis aller (auch der jeweils moderaten Anhänger der diversen Religionen) zu deren Durchsetzung. Sonst können wir uns in zwanzig Jahren mit bosnischen Verhältnissen zwischen Rhein und Oder anfreunden...

Max Schumacher30.04.2011 | 17:02 Uhr

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