Der syrische Oud-Spieler Bahur Ghazi

Hoffnung auf Phoenix

Von der Schweiz aus hat der syrische Musiker Bahur Ghazi eine spannende Synthese aus traditioneller arabischer Musik und Jazzimprovisation geschaffen. Mit seiner Band Palmyra erzählt er von seiner Sehnsucht nach einer friedlichen Heimat. Von Stefan Franzen

"Bidaya", der Titel von Bahur Ghazis Debüt-CD, ist das arabische Wort für Anfang, Start, Beginn. Und in der Tat gab es in der noch jungen Vita des Oud-Spielers gleich mehrfach einen Neustart, privat und musikalisch.

Wer ihn zum Interview trifft, sitzt einem hellwachen, vor Begeisterung sprühenden jungen Mann gegenüber, der in sympathisch bündnerisch gefärbtem Deutsch über sich und seine Musik erzählt. "Ich komme aus Dar‘ā an der jordanischen Grenze, eine kleine Stadt mit 40.000 Einwohnern. Die Gegend ist von der Landwirtschaft geprägt, es gibt viel Gemüse und ein bisschen Musik", erzählt Ghazi lachend.

Das "Bisschen" ist eine glatte Untertreibung, denn die Volksmusik ist überall präsent auf den Straßen, in jedem Haus gibt es eine Oud, wie er gleich hinzufügt. Da bleibt es nicht aus, dass auch er, ältester Sohn in einer Familie mit elf Geschwistern, eine Faszination für die Laute entwickelt und anfängt zu spielen.

Als er elf Jahre alt ist, hört er im Radio eine Oud, die ihn mit ihrem kristallklaren Klang gefangen nimmt. Es ist das Instrument des berühmten irakischen Musikers Naseer Shamma. "Was hat der für Saiten? In welcher Stimmung spielt er? Das fragte ich mich und ging auf die Suche nach CDs und Kassetten von Shamma. Ich fand heraus, dass sie im Irak seit den 1920ern die technischen Möglichkeiten des Instruments vorangetrieben und andere Abmessungen entwickelt haben. So wollte ich auch spielen lernen! Ich versuchte, auf meiner Oud irgendwie Shammas Stücke hinzukriegen."

Ein musikalischer Freigeist

Schließlich trifft Bahur Ghazi den Musiker persönlich bei einem Konzert in Damaskus. Nach seinem Vorspiel ist der Meister so beeindruckt, dass der ihm in Kairo, wo er lehrt, ein Stipendium ermöglicht. Zuvor hatte Ghazi schon versucht, am Konservatorium in Damaskus aufgenommen zu werden. "Doch als sie hörten, dass ich aus dem kleinen Dar‘ā komme, sagten sie nur zu mir: 'Geh wieder zurück, Tomaten pflanzen.'"

Bahur Ghazi gerät in der ägyptischen Hauptstadt während seiner Uni-Zeit mitten in die Aufbruchstimmung des Arabischen Frühlings hinein, wohnt er doch nur einige Straßenzüge entfernt vom Tahrir-Platz. "Kurze Zeit später ging es auch los mit der Revolution zuhause", erinnert er sich. "Wir Künstler haben vor der syrischen Botschaft für ein freies Land demonstriert. Wir wollten kein Syrien mehr, in dem man Angst vor den eigenen Behörden haben muss."

Auch musikalisch entwickelt er sich in Kairo, wo er bald selbst an der Musikakademie lehrt, zu einem Freigeist: Aus den herkömmlichen Taktgebungen bricht er aus, entwickelt krumme Metren, neue Melodien. Bei seinen Kollegen erntet er dafür Unverständnis, sie sind der Auffassung, seine Musik sei "falsch". 

Fluchtpunkt Schweiz

Ein Land, in dem man ohne Angst leben und frei Musik machen kann, findet er schließlich in der Schweiz. Doch es folgen zunächst vier Jahre im Schwebezustand: Im Asylheim von Cazis/Graubünden wartet er auf eine Entscheidung über seine Zukunft. Als klar ist, dass er bleiben kann, sucht er nach neuen Ausdrucksmöglichkeiten: "Die erste Zeit war schwierig. Ich habe Sachen gespielt, die ich nicht kenne, die für mich keinen Sinn ergaben. Aber ich habe immer fest daran geglaubt, dass Musik die universelle Sprache ist, wenn man integriert werden will. Ich sagte mir, ich mache weiter, bis die Schönheit hörbar wird."

Bei den Walliser Seema findet er eine erste musikalische Heimat, spielt mit der Band Chanson, Rock, Reggae, Folk, und er findet mit der Oud in dieser für ihn noch fremdartigen Musik seine Rolle.

Schließlich stößt er auf den Jazzbassisten Luca Sisera, der für ein aktuelles Projekt einen Lautenisten sucht. Er wird für ihn wie ein Bruder, bringt ihm Musik und Sprache der Schweiz nahe. Sie entschließen sich zu langfristiger Zusammenarbeit: Lucas Bruder Darius am Schlagzeug, Christoph Baumann am Piano und die führende helvetische Akkordeonistin Patricia Draeger kommen dazu.

Seine so entstandene neue Band nennt Bahur Ghazi Palmyra, nach der antiken Oasenstadt Syriens: "Ich habe mir immer gewünscht, Palmyra zu besuchen, aber ich war nie da", bedauert Ghazi. "Doch die ganze Geschichte dieser hochstehenden Zivilisation dort mit Kunst und Wissenschaft, dieser Knotenpunkt der Kulturen von Griechen und Persern, von Indien bis nach Marokko, beeindruckt mich. Ich fühle Palmyra so tief in meinem Herzen, den Sonnenuntergang hinter den Tempeln, den Geschmack der Luft, die Wüste."

Der Gewalt etwas entgegensetzen

Wie das Titelstück der CD "Bidaya", das für ihn der Anfang für seine neuen musikalischen Abenteuer war, steht auch die Komposition "Palmyra" in einem ungeradem, "nicht normalen" Metrum. "Denn was dort passiert ist, ist ja auch nicht normal", sagt Ghazi. "Es war sehr traurig, von den Zerstörungen zu hören, die der IS dort angerichtet hat. Als Musiker musste ich dem mit etwas Schönem begegnen. Ich musste dem Krieg, dem Hass und der Gewalt etwas entgegensetzen."

Seine Aufnahmen balancieren mit jazziger Improvisation zwischen lyrischen, geheimnisvollen Momenten und ungestümen, fast rockigen Ausbrüchen, eine Vierteltontrompete schaut vorbei, plötzlich liegt auch ein Salsa-Rhythmus in der Luft.

Ghazis Widmung an den Qasioun, den Hausberg von Damaskus, wird als melancholischer und genauso virtuoser Oud-Gesang ausgekleidet. Und in der epischen "Salvation Voyage" gelingt die Verbindung von Orient und Okzident am organischsten, mit singendem Bass und fast balkanischer Schwermut im Akkordeon.

Ein Stück schließlich nennt sich "Phoenix Ressumption": "Ich glaube daran, dass Palmyra wieder aus der Asche ersteht", sagt Ghazi. Und auch sein Land, so hofft er, werde es dem Phoenix eines Tages gleich tun. Er sehnt sich danach, Syrien und seine Familie wieder besuchen zu können. "Die Politiker und Behörden tun nichts dafür. Die normalen Menschen müssen dafür Sorge tragen, und Musiker müssen in ihrer Arbeit diese Hoffnung zeigen", so seine Überzeugung.

Stefan Franzen

© Qantara.de 2018

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