Der Rembetiko zwischen Orient und Okzident

Das Comeback der Schwermut

Er hat seinen Ursprung in einer Flüchtlingstragödie und erinnert an die Vertreibung der osmanischen Griechen: Der Rembetiko erfährt in Zeiten der Wirtschaftskrise eine neue Popularität in Griechenland. Aus Athen informiert Mey Dudin.

Gegen Mitternacht treten in einem ehemaligen osmanischen Dampfbad in Athen Musiker auf die Bühne, um die alten Lieder der Gestrandeten und Verzweifelten zu spielen. Der Sänger Manolis Dimitrianakis gibt im Hamam-Club im Viertel Petralona seine Lieder zum Besten, singt von Kummer und Verlust. Die Zuschauer singen mit. Sie trinken Whisky und Wein, Teller mit Blumen liegen auf den Tischen bereit. Immer wieder wirft jemand Blüten auf die Bühne, wenn eine besonders ergreifende Passage gespielt wird.

Der Künstler spielt den Rembetiko, den griechischen Blues. Er zupft an seiner Bouzouki, einem bauchigen Saiteninstrument ähnlich der Laute. Einst spielten Musiker den Rembetiko in den Hafenspelunken von Piräus. Seit der Wirtschaftskrise erlebt die einstige Musik des Untergrunds mit ihren schwermütigen Gesängen ein Comeback.

Melange aus Orient und Okzident

Die Geschichte des Rembetikos begann vor hundert Jahren während einer großen Flüchtlingskrise. Als Melange aus Orient und Okzident feierte er rasch Erfolge. Die orientalischen Elemente brachten osmanische Griechen mit, die einst auf dem Gebiet der heutigen Türkei lebten. Die Griechen aus Piräus wiederum, die trotz harter Arbeit in bitterer Armut lebten, sangen trotzige Spottlieder über gemeinsames Kiffen, käufliche Liebe und soziale Ungleichheit. Ein blutiger Krieg sollte beide Gruppen schließlich zusammenführen.

Der Erste Weltkrieg ging gerade zu Ende, als Griechenland sich aufmachte, um große Teile der Türkei zuerobern. Zu der Zeit lebten etwa 140.000 Griechen in der Hafenstadt Smyrna (Izmir). Am Ende des griechisch-türkischen Krieges 1922 überrannten türkische Truppen unter der Führung von Kemal Atatürk Smyrna und zwangen Hunderttausende zur Flucht. Im September jährt sich die "Katastrophe von Smyrna", wie die Griechen das Ereignis nennen, zum 95. Mal. Die Türken sprechen hingegen vom "Befreiungskrieg". Der Frieden von Lausanne regelte 1923, dass 1,5 Millionen Christen aus Kleinasien nach Griechenland übersiedeln und rund 500.000 griechische Muslime in die Türkei.

Hunderttausend Flüchtlinge kamen damals allein nach Piräus, wo sie unter Hafenarbeitern, Huren und Kleinkriminellen lebten. Es entstanden provisorische Unterkünfte, in denen die osmanischen Griechen gemeinsam mit anderen Zugereisten jahrelang hausten.

Unter ihnen war auch einer der bekanntesten Rembeten, Markos Vamvakaris von der Insel Syros, der gemeinsam mit einem Musiker aus Piräus und zwei Flüchtlingen aus Smyrna eine Band formte und schlagartig berühmt wurde. Wegen des harten Lebens auf engstem Raum entstanden Freundschaften unter lokalen Musikern und musizierenden Griechen aus Smyrna, die einst in Kaffeehäusern gespielt und auch Frauen in ihren Bands hatten.

Klänge aus Spelunken und Haschischhöhlen

In den "Tekedes", den lokalen Haschischhöhlen, spielten sie gemeinsam. Ihre melancholischen Klänge waren griechisch, sephardisch und armenisch beeinflusst. Einige Rembeten spielten auch Klarinette. Das Instrument hatten Roma-Musiker nach Griechenland gebracht. Woher das Wort Rembetiko kommt, ist bis heute unklar. Manche sagen, es sei aus dem türkischen Wort Harabati hergeleitet, das Taugenichts bedeutet oder auch Trunkenbold.

Trotz des raschen Erfolgs behielt der Rembetiko zunächst seinen schlechten Ruf, galt weiter als Elendsfolklore, als Musik der Gescheiterten. Rembeten trugen Hüte, Anzüge und Oberlippenbärte, das Fluchen und der vulgäre Sprachgebrauch gehörten zu ihrem Repertoire. Die besonders Bedürftigen unter ihnen bastelten sich ihre Instrumente selbst aus einem ausgehöhlten Kürbis, einem Stück Holz und Drähten.

Von den Rechten wurde die Subkultur wegen ihrer osmanischen Einflüsse verabscheut. 1936 verbot der Diktator Ioannis Metaxas die Musik und ließ Interpreten sogar einsperren. Musiker flohen daraufhin aus Piräus und Athen in den Norden nach Thessaloniki, wo der Polizeichef ein Rembetiko-Liebhaber gewesen sein soll. Er habe höchstpersönlich Haschisch besorgt, um es den Künstlern als Gage zu geben, heißt es.

Die Kommunisten verschmähten den Rembetiko anfangs auch. Sie betrachteten ihn als Musik des Lumpenproletariats. Bis der damalige Kommunist Mikis Theodorakis die Melodien für sich entdeckte. Mit seinen kämpferischen Kompositionen wurde er zur Zeit der griechischen Militärjunta (1967-1974) zum Helden der Widerstandsbewegung.

Die Rückkehr des "Griechenblues"

Weltberühmt wurde er später mit seiner Filmmusik zu "Alexis Sorbas". Nach Ende der Diktatur setzte sich der Rembetiko – vor allem die Liebeslieder – auch in bürgerlichen Kreisen durch und wurde zum Kult. Nach den Kriegen und Diktaturen aber, als es den Menschen besser ging, wurde der Rembetiko nicht mehr gefragt – bis zur aktuellen Wirtschaftskrise, als die Griechen ihren Blues wiederentdeckten.

Die Reggae-Band "Locomondo" tritt heute mit eigenen Varianten alter Rembetiko-Hits auf. Ihre Version des alten Liebeslieds "Frangosyriani" ist im Film "Soul Kitchen" des deutsch-türkischen Regisseurs Fatih Akin zu hören.

Der Sänger Markos Koumaris sagte jüngst der "Griechenland Zeitung": "Reggae und Rembetikosind Volksmusikstile, die aus einer Fusion von zwei Kulturen entstanden." Im Reggae seien Rhythmen der Sklaven, die aus Afrika in die Karibik gebracht worden waren, mit westlichen Harmonien der Besatzer verschmolzen. "Beide Stile kamen aus dem Untergrund – Volksmusiken, einfach gebaut, sehr gut tanzbar, aber trotzdem auch politisch."

Die griechische Smyrna-Nostalgie lebt übrigens nicht nur im Rembetiko weiter, sondern auch an einigen Orten in Athen. Im Stadtteil Nea Smirni (Neu Smyrna) zum Beispiel, wo einst viele Flüchtlinge angesiedelt wurden, erinnert ein Park an die Märtyrer. Er ist benannt nach Erzbischof von Smyrna Chrysostomos. Der orthodoxe Geistliche war von einem türkischen Mob gelyncht und sein Leichnam den Hunden zum Fraß vorgeworfen worden.

Mey Dudin

© Qantara.de 2017

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