''Tracks of Cairo''; Foto: © Movimientos
Der Film ''Tracks of Cairo''

Tönendes Tagebuch der Revolution

Im Januar 2011 brach der Freiburger Filmemacher Alexander Brief nach Kairo auf, um zusammen mit dem Ethnologen und Mediendesigner Johannes Roskamm eine Dokumentation über die aktuelle Musikszene Kairos zu drehen. Kurz nach der Ankunft kam es zu den ersten Massenprotesten auf dem Tahrir-Platz. Ganz ungeplant wurde "Tracks of Cairo" zu einem ebenso musikalischen wie politischen Tagebuch. Von Stefan Franzen

Ägypten bereist Alexander Brief seit 20 Jahren intensiv, als Tauchlehrer und Unterwasserfotograf suchte er vor allem immer wieder den Sinai auf. Vor einigen Jahren lernte er über Freunde auch die kulturelle Szene Kairos kennen und war begeistert: "Mich faszinierte sofort die Morbidität und Diversität der Stadt. Ich habe schnell gespürt, dass da viel im Umbruch ist, gerade auf dem Sektor der Independentbands, die jenseits der Öffentlichkeit wirkten, vom Regime natürlich nicht unterstützt wurden. Dieses Brodeln im Untergrund war für mich Ansporn, einen Film zu machen." Als Inspiration diente ihm dabei auch Fatih Akins "Crossing the Bridge".

Man darf annehmen, dass unter normalen Umständen "Tracks of Cairo" tatsächlich ein ägyptisches Pendant zu Akins musikalischem Istanbulporträt geworden wäre. Doch als Brief nach langen Recherchen und Vorbereitungen im Januar 2011 für den Beginn der Dreharbeiten in Kairo auf Johannes Roskamm wartete, der mit seiner Medienagentur Movimientos das Equipment liefern sollte, formierten sich die Massenproteste auf dem Tahrir-Platz.

Sein Partner konnte nicht mehr nachkommen, Flüge wurden zu diesem Zeitpunkt bereits gecancelt. Brief machte aus der Not eine Tugend und protokollierte zunächst selbst die aktuellen Geschehnisse: "Unser Musikfilm war erstmal klein und unwichtig geworden", erinnert er sich. "Ich wollte auf sensible Art dokumentieren, was da gerade in Kairo passierte. Natürlich habe ich mich nicht mitten auf den Tahrir-Platz gestellt, denn ich wollte nicht das Gerücht noch zusätzlich nähren, dass diese Revolution von Europäern gesteuert wird."

Im elektrisierten Schwebezustand

Die Band Massive Scar Era während eines Konzerts in Ägypten; Foto: © Mascara
"Mascara" ist die erste erfolgreiche ägyptische Heavy-Metal Band, die fast nur aus jungen Frauen besteht. Sollten jedoch die Muslimbrüder die politische Führung übernehmen, fürchten sie um ihre neugewonnenen Freiheiten.

​​Nach den 18 spannungsgeladenen Tagen und dem Sturz Mubaraks wurde die ursprüngliche Idee jedoch wieder aufgegriffen – unter veränderten, politisierten Vorzeichen freilich. Die Musikerporträts sind nun eingebettet in ein hektisches, clipartiges Telegramm der Revolutionstage.

Den schnellen Puls der Filmästhetik treiben Taxifahrten durch Kairos Straßen mit zittrig eingeblendeten Wegweisern empor. Sie verbinden die Interviewsequenzen, die geprägt sind von der Aktualität der Umbrüche. Und auch die Bedingungen, unter denen der Film entstand, haben den Charakter eines Wechselbads. "Anfangs wurde uns vom Presseministerium noch ein Begleiter an die Seite gestellt, der die alte Mentalität durchblicken ließ", erinnert sich der nachgereiste Roskamm. "Doch irgendwann hieß es einfach: Drehen Sie was Sie wollen, wir sind ein freies Ägypten."

"Tracks of Cairo" ist so zu einer einmaligen, wenn auch unfreiwilligen Momentaufnahme einer Szene geworden, die sich bis Dezember 2011 – so lange begleiteten Brief und Roskamm die Musiker – in einem elektrisierten Schwebezustand befindet. Dies tritt vor allem in den Gesprächen mit den Künstlern des Untergrunds zutage, etwa dem "Trio Bikya" mit ihrer Musik zwischen Jazz, Progressive Rock und experimentellen Sounds, die Ägypten abseits der Pyramidenklischees "nullen" wollen und betonen, dass jeglicher Bezugspunkt nun neu gesucht werden müsse.

Die Band Wust el Balad; Foto: privat
Ein Hauch von Religion, Politik, Liebe und Revolution - die ägyptische Musikgruppe Wust el Balad

​​Die Independent-Stars "Wust El-Balad" sehen in der Revolution die Chance für neue Kollaborationen zwischen allen Bands des Landes. Weniger optimistisch ist die Heavy Metal-Frauenband "Mascara". In Ahmad Abdallas "Microphone" (2010) hatten sie sich nur mit Balken über den Augen zeigen lassen.

Nun sind Dina El Wedidi, Nancy Mounir und ihre Kolleginnen zwar nicht mehr unkenntlich. Doch sie fürchten, dass bei einer womöglich anbrechenden Herrschaft der Muslimbrüder ihre neugewonnenen Freiheiten auf der Strecke bleiben könnten.

Zwischen Euphorie und Depression

Auch die "alten Hasen" sind nicht frei von Zukunftsängsten: Als Gratwanderung zwischen Freiheit, Chaos und Bürgerkrieg charakterisiert der Jazzer Faty Salama die neuen politischen Zustände, und er vermutet bei den Präsidentschaftswahlen einen Deal zwischen Militärrat und Muslimbrüdern. Einen langfristigen Erfolg des Umsturzes sieht er nur, wenn nun auch eine Revolution der Bildung passiere.

Der künstlerische Leiter des Kollektivs "Nass Makan", Ahmed El Maghraby, setzt auf den Kontakt zum Volk, für das er die traditionelle Musik bewahren will, sie aber zugleich mit weltweiten Kollaborationen weiterentwickeln möchte. Den Kontakt zur Straße sucht auch das "Choir Project": Hier kann jeder aus der Bevölkerung seine Beschwerden kreativ vorbringen – die sehr spontan wirkenden Konzertmitschnitte des Chors zählen zu den eindrücklichsten von "Tracks of Cairo."

Demonstration auf dem Tahrirplatz; Foto: Reuters
Noch weiß keiner, wie es weiter gehen wird: "Tracks of Cairo" wurde zu einer Momentaufnahme der ägyptischen Musikszene, die 2011 von den revolutionären Umbrüchen erfasst wurde und derzeit noch zwischen Euphorie und Depression schwankt.

​​Spannend schließlich auch die Interviewsequenz mit Mohammed Mounir, den Brief und Roskamm als erstes Filmteam nach dem Aufstand vor die Kamera holten. Bekannt ist, dass der Superstar, dem durch alle ägyptischen Bevölkerungsschichten und politischen Überzeugungen hindurch Sympathien zufliegen, sich zuvor mit den Herrschenden arrangiert hatte, vor der versammelten Offiziersriege Mubaraks aufgetreten war. Immerhin: Seinem Revolutionssong "Ezzay" kann man wohl keinen Opportunismus anlasten, denn er schrieb ihn bereits vor Ausbruch der Massenproteste. Den deutschen Filmemachern zeigte sich ein Musiker, der sich deshalb gar selbstbewusst als Wegbereiter des Umsturzes bezeichnet.

 

"Emotional schwanken die Musiker zwischen Euphorie und Depression", so Brief, "noch weiß keiner, wie es weiter gehen wird." "Doch immerhin haben sie Mubarak gestürzt und das verleiht ihnen neues Selbstbewusstsein", ergänzt Roskamm.

Die persönliche Einschätzung der beiden: Das Rad kann nicht komplett zurückgedreht werden. "Der Tahrir-Platz ist sofort wieder randvoll, sollten die neuen Machthaber zu restriktiv vorgehen." Brief und Roskamm wollen an den Musikern dranbleiben, für ihr selbstfinanziertes Projekt sind sie auf der Suche nach Sponsoren.

In Kairo wurde ihr Film bereits mit großer Resonanz gezeigt, Festivals in Ismailya und Oberaudorf folgen. Ihr Traum ist es, eines Tages einen Soundtrack und ein Open Air-Konzert in Deutschland auf die Beine zu stellen – damit die Klangspuren Kairos auch internationale Kreise ziehen.

Stefan Franzen

© Qantara.de 2012

Redaktion: Arian Fariborz/Qantara.de

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Die internationale Gemeinschaft befindet sich in einem großen Dilemma: wie soll es weitergehen in Libyen? Denn es ist klar, dass sie militärisch eingreifen muss, um das Gaddafi-Regime zu beseitigen. Die Alternative wäre ein endloser Bürgerkrieg vor den Toren Europas.

Makus Halmann12.04.2011 | 09:49 Uhr

Ich befürchte auch, dass der Politologe F. Stephen Larrabee Recht hat, denn die Bedingungen in der Türkei und vor allem die lange Tradation des Kampfes um Demokratie unterscheiden sich in der Tat von denen in den meisten arabischen Ländern. Schöner Beitrag.

Ahmad Ezzat12.04.2011 | 17:13 Uhr

Gesegnt seid ,Anonimität ist ein bestandteil der Freiheit,und des inhalt kontex Qualität was zelt

Jaljaloot Elharoot13.04.2011 | 20:43 Uhr

Wunderbarer Beitrag von Michael Roes, den ich als Autor und kritischer Beobachter der arabischen Welt seit langem sehr schätze. Roes besitzt die nötige Empathie für die arabischen Bürger und den Respekt vor ihren Bedürfnissen und Sehnsüchten.

Hans Zimmermann17.04.2011 | 09:51 Uhr

Das Jahr 2001 sollte nicht wiederholt werden

Beate Elefant18.04.2011 | 23:29 Uhr

Der sogenannte Streit ums Kopftuch ist nur Symptom für die Unfähigkeit aller Akteure, sich den wichtigeren Problemen zu widmen. Das schreibe ich, obwohl ich die Argumente von Frau Kaddor nicht überzeugend finde.

Susan Müller-H...20.04.2011 | 07:46 Uhr

Die Sicherheitskräfte des verhassten Assad-Regimes haben heute und gestern in mehreren Städten und Regionen Syriens Massaker angerichtet. Wo es Tote gab, war das perfide Muster immer dasselbe: Nicht Polizisten in Uniform feuerten die tödlichen Schüsse ab, sondern Heckenschützen in Zivil, die auf Hausdächern lauerten und willkürlich in die Menschenmengen schossen, um Panik und Furcht auszulösen. In Homs sind dadurch so viele Menschen verletzt worden, dass Ärzte unter den Demonstranten in den Gassen der Altstadt improvisierte Lazarette einrichteten, erzählte eine Augenzeugin der BBC. Es ist an der Zeit, auch das Assad-Regime zu ächten und international zu isolieren.

Helmuth Alkadli22.04.2011 | 23:50 Uhr

Mit diesem Satz hat Jesus seinem Bruder gezeigt, dass die Liebe stärker ist als Hass und Neid.
Luzifer wollte seinen Bruder, den Metadron (Jesus) vom Thron stürzen, um für sich selber die Herrschaft zu stehlen. Jesus lies sich aus Liebe zu seinem "verlorenen" Bruder freiwillig am Kreuz morden. Er wußte, dass Gott ihm das Leben zurück geben wird.
GOTT IST >Leben kann man nicht töten. Es wäre sonst nicht das Leben das ewig ist! Es wandelt sich nur.

Die Christen beten beim Gottesdienst: "Deinen Tod oh Herr verkünden wir und deine Auferstehung preisen wir, bis du kommst in Herrlichkeit!" Da haben sich die Herren in Rom aber einen schönen Unsinn ausgedacht. Wer will denn noch immer den Tod Jesu verkünden und warum? Der Teufel will es. Nutzt ihm aber nichts, denn Jesus lebt und ändert von der geistigen Welt aus das Leben auf der Erde. Das ist ein sehr schwieriger Änderungsprozess, weil die Menschen freiwillig nichts ändern und auch nicht umdenken wollen.
Trotzdem wird das Werk gelingen, weil es der Wille Gottes, des Vaters ist.

Die Hoffnung auf eine bessere Zukunft lässt Änderungen wie derzeit in der Arabischen Welt zu und auch im Christentum hat ein Nachdenken bereits begonnen. Gott ist die Liebe und die Liebe ist die stärkste Macht im Universum und Gott liebt uns alle gleich.
http://www.hopeland.at
Möge das Werk gelingen. Das wünsche ich mir und allen Menschen auf der Erde.
Mathilde

Mathilde Heiml30.04.2011 | 10:51 Uhr

exzellenter artikel. danke.

ulrich johannes...30.04.2011 | 12:56 Uhr

Die Idee, die durch die zurückgehende gesellschaftliche Bindungskraft der evangelischen Kirche ausgelöste (innere) Krise als Chance auf eine Neuformierung im Sinne einer neofundamentalistischen, gesellschaftliche Fragen ausblendenden Missionstheologie zu interpretieren, mag als privates Hirngespinst von Herrn Pfarrer (sic!) Teufel hingenommenwerden müssen, als Vorbote einer dadurch beförderten ethnisch-religiösen Kantonisierung unserer Gesellschaft ist es mir jedoch eine Horrorvorstellung! Stattdessen brauchen wir tatsächlich eine weit konsequentere Hinwendung zum Laizismus und die Rückkehr zu einer tatsächlich (statt nur noch alibimäßig betriebenen) umverteilenden Sozialpolitik und ein Bündnis aller (auch der jeweils moderaten Anhänger der diversen Religionen) zu deren Durchsetzung. Sonst können wir uns in zwanzig Jahren mit bosnischen Verhältnissen zwischen Rhein und Oder anfreunden...

Max Schumacher30.04.2011 | 17:02 Uhr

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