Günter Grass; Foto: Stephan Jansen dpa/lby
Debatte um Günter Grass' Gedicht

Der alte Mann und das Stereotyp

Es ist verheerend, wenn ein weltweit bekannter deutscher Literat wie Günter Grass mit antisemitischen Klischees hantiert. Ein Kommentar von Klaus Hillenbrand

Es ist mehr als erfreulich, dass Lyrik in diesem Land endlich mehr als nur eine Nischenrolle spielen darf. Wann hat die halbe Republik schon einmal über ein Gedicht diskutiert?

Allein es steht zu befürchten, dass dies der einzige erfreuliche Aspekt rund um Günter Grass' Zeilen "Was gesagt werden muss" bleiben wird, und das liegt keineswegs daran, dass sich das Gedicht nicht reimt. Denn dieses Gedicht spielt falsch, so falsch wie viele der Reaktionen darauf.

Dabei geht es nicht darum, dass Grass die israelische Regierung für ihre Iranpolitik scharf kritisiert. Solche Kritik ist alltäglich und nur allzu berechtigt. Doch Grass nutzt seine Gedichtveröffentlichung für etwas ganz anderes: Er entschuldigt sein langes Schweigen mit der Furcht, als Antisemit abgestempelt werden zu können.

Günter Grass; Foto: AP/dapd
In der Kritik: Der Literaturnobelpreisträger Günter Grass sorgt mit seinem Gedicht "Was gesagt werden muss" international für Schlagzeilen.

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Falsch und perfide

Das aber ist falsch und perfide. Die auch in deutscher Sprache verfassten Beiträge, die den Kurs der Regierung Netanjahu für gefährlich halten, sind nicht zu zählen, so viele sind es. Und selbstverständlich hat es nicht das Geringste mit Judenhass zu tun, wenn man seine Ablehnung von Israels Iranpolitik öffentlich äußert.

Wenn Grass aber genau das behauptet, dann produziert er ein Tabu, das nicht existiert.

Dann erzeugt er neue Vorurteile. Und dann passt es ins Bild, wenn Grass über das Teheraner Regime wenige milde, über Israels Atommacht aber viele deutliche Worte verliert.

Antisemitisches Stereotyp

Der Skandal besteht also nicht in Grass' Israelkritik, sondern darin, dass er sich bei dieser Kritik zum Märtyreropfer von Juden stilisiert, die mit der Antisemitismuskeule angeblich die Wahrheit zensieren wollen.

Das ist ein antisemitisches Stereotyp. Doch das haben weder die konservativen Politiker begriffen, die sich nun mit Gebrüll auf den vermeintlich linken Grass stürzen, noch die Linken, die Grass unterstützen, weil er als einer der Ihren gilt.

Beide Seiten bedienen lediglich einen Reflex. Ihnen dient das Grass-Gedicht nur als billiger Schwung, um dem politischen Gegner einen – wahlweise rechten oder linken – Haken zu versetzen.

Die Wahrheit ist schlimmer. Denn es ist ziemlich unwichtig, ob ein älterer Schriftsteller, der offenbar an einer gewissen Selbstüberschätzung leidet, Israel kritisiert und dabei Angst vor einem Atomkrieg äußert. Aber es ist verheerend, wenn ein deutscher Literaturnobelpreisträger mit antisemitischen Stereotypen hantiert.

Klaus Hillenbrand

© Die Tageszeitung 2012

Klaus Hillenbrand ist Ko-Leiter des Ressorts "taz.eins".

Redaktion: Arian Fariborz/Qantara.de

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Leserkommentare zum Artikel: Der alte Mann und das Stereotyp

Kein alter Mann mit Stereotypen, sondern ein mutiger Mann, der die Holocaust-Religion und ihre schlimmen Folgen (deutsche Atom-U-Boote im Krieg gegen den Iran etc) beim Namen nennt, während Qantara.de sich als zionistische Propagandaabteilung von Frau Merkel erneut beweist,

Rudolf Steinmetz05.04.2012 | 15:15 Uhr

Das es ein Tabu tatsächlich gibt,Israel zu kritisieren dürfte nur jemand entgangen sein,der mit verschlossenen Augen durch die Welt rennt.Man muß sich doch nur die Reaktionen der allermeisten Medien im Bezug zum Gazaüberfall der Israelis,oder den Piratenakt Israels auf das türkische Hilfsschiff in internationalen Gewässern ansehen.
Würde man in Deutschland eine Umfrage starten,bin ich mir ziemlich sicher das eine große Mehrheit der Deutschen sich hinter Grass stellen würde.Ich finde es beschämend,wie mit einem verdienten Nobelpreisträger umgegangen wird.Durch solche Äußerungen wie in der taz wird die Antisemitismuskeule immer stumpfer.Irgendwann regt sich niemand mehr auf,wenn der Zentralrat der Juden,der eigentlich die Zionisten vertritt,jemanden des Antisemitismus bezichtigt.
Und was dann?

Pablo Renner05.04.2012 | 16:24 Uhr

Es ist erschreckend, wie zügig und reflexhaft der Begriff "Antisemitismus" verwendet wird.
Israelkritik ist nicht gleichbedeutend mit Kritik an, gar Ablehnung von Juden bzw. des Judentums, was bekanntlich den Kernbereich des Antisemitismus bildet.

Gleiches gilt für diejenige veröffentlichte Meinung, die keinen Unterschied zwischen Antisemitismus und Anti-Zionismus macht.

Es ist bemerkenswert, daß die veröffentlichte Meinung (jedenfalls noch) nicht verstanden hat, daß Zionismus im Kern mit Islamismus auf gleicher Stufe gesetzt werden muß und nicht jeder Jude ein Zionist ist genaus so wie die Gleichung Israelkritik = Antisemitismus nicht zutrifft.

Mögen die vorauseilend Aufgeregten und Gehorsamen zur Kenntnis nehmen, daß die israelische Administration keine Botschafter der frohen Kunde und keine Verteidiger auf Gedeih und Verderb benötigt, jedenfalls aber in ihrer Radikalität und Verfehlung keine Verteidigung, sondern gerade Kritik erfahren sollte.

Freie Meinung05.04.2012 | 16:51 Uhr

... weist alleine durch seine 'Meinung': "...ein älterer Schriftsteller, der offenbar an einer gewissen Selbstüberschätzung leidet..." aus, dass es ihm gar nicht um die Kritik an Grass' Worten geht.
Hier bewegt sich ein von Komplexen geplagter Schreiberling auf einem persönlichen Rachefeldzug gegen einen Mann, dem er lebenslänglich nicht das Wasser reichen kann!
Der von Mitmenschen jüdischen Glaubens gerne und reflexartig genutzte Terminus 'Antisemitismus' geht, siehe Wikipedia, an der Sache insgesamt vorbei.
Näher kommt man der Realität, wenn man über 'Antizionismus' redet.
Also, erst mal schlau machen, bevor man sich zum normalen Unsinn auch noch schriftlich bekennt!

Gerd Wieding05.04.2012 | 17:30 Uhr

"Doch Grass nutzt seine Gedichtveröffentlichung für etwas ganz anderes: Er entschuldigt sein langes Schweigen mit der Furcht, als Antisemit abgestempelt werden zu können."
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Genau das ist doch passiert! Und es sind wahrlich nicht nur die Zionisten, wie Hillenbrand meint, die jeden als Antisemiten beschimpfen, der ihre Kriegstreiberei kritisiert, es sind auch die Rechten im Lande, die Islamhasser, die sich als Verbündete Israels masikeren, die so etwas gerne tun. Und denkfaule Tugendbolde tun das ebenfalls, die, die meinen, Israel nicht zu kritisieren sei dasselbe wie eine weiße Weste zu tragen.
Hillenbrand muss seinen Artikel geschrieben haben, bevor der vorhersehbare Sturm der Entrüstung sich erhob, denn der kann ihm jetzt nicht entgangen sein. Als eine unmittelbare Reaktion allein auf das Gedicht zeugt der Artikel von einem beachtlichen Mangel an Gespür für die Zeichen der Zeit - im Unterschied zu dem klaren Realitätssinn, den die kritisierten Zeilen von Grass beweisen.
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Man kann dem Gedicht vorwerfen, dass es nicht mehr sagt, als 1000 andere Autoren auch. Vielleicht ging es aber auch gar nicht darum, eine neue Weisheit auszubrüten, sondern nur um das, was auch wirklich passiert ist: Ein Großer hat die Stimme erhoben und unter den Vielen ein Zeichen gesetzt.

Hanya Dikaton05.04.2012 | 18:29 Uhr

Diese Meldung sagt doch alles über unsere Medien: Als einer der ersten hatte sich der Publizist Henryk M. Broder gemeldet. In einem Radio-Interview sagte er, Grass sei zu seinen nationalsozialistischen Ursprüngen zurückgekehr. Der edle Kritiker ist voll in seinem Element. Auch das darf man ja wohl sagen. Ende der Debatte. Gute Nacht Deutschland.

Dalia Damian05.04.2012 | 20:16 Uhr

Die Meinungsfreiheit wird heute auch nur noch dann toleriert, wenn sie gerade passt. Fakt jedenfalls ist: Grass hat sich auf genau diese beruht.Fakt ist auch, dass Israel Atomwaffen besitzt. Man regt sich künstlich über ein Gedicht auf, dass nichts Neues sagt, anstatt darüber nachzudenken, dass Deutschland mit der Auslieferung von U-Booten verfassungswidrig handelt und einen evtl. Krieg aktiv unterstützen würde. Zwei Weltkriege haben anscheinend nicht gereicht um dazu zulernen. So nebenbei ist ein U-Boot nicht gerade das billigste Geschenk.

wim den08.04.2012 | 17:14 Uhr

Wenn jemand wie Herr Grass so eine seit über 60 Jahren andauernde Spannung thematisiert, wird er von fast allen Seiten angegriffen. Ich würde gerne alle wie auch Herr Hildebrand fragen, ob seit Jahren ignorierte Menschenrechte in Palestina, ignorierte Resolutionen des Sicherheitsrate sowie menschenunwürdige Lebensbedinungen der Flüchtlinslager ok ist?
Bevor Sie etwas schreiben, machen Sie sich ein persönliches Bild von dem Schweizer Käse! Ich verspreche Ihnen, Sie werden Ihr Bild vollständig umkehren!!!

M. Dr. Irani09.04.2012 | 18:45 Uhr

Es wird sehr schwer sein, eine sachliche Debatte über einen möglichen Krieg gegen den Iran nach dieser unsinnigen Debatte zu führen. Warum schreibt Günter Grass keinen politischen Essay, in dem er vor diesem Krieg warnt? Mit diesem sehr problemtischen „Gedicht“ hilft er nur den Hardlinern und Demagogen in Israel und Iran, die diesen Krieg ja gerade zu benötigen.

Altmeier David09.04.2012 | 22:37 Uhr

Grass hantiert nicht mit Klichees. Grass hat mit seinem Gedicht das Schweigen der Lämmer durchbrochen. Sein Gedicht entlarvt die psychischen Störungen der Bildungselite in diesem Land. Die Angst vor dem Naziterror wird ersetzt durch die Angst vor der antisemitischen Keule.

salim Karimi12.04.2012 | 20:09 Uhr