Tanzende Afrotürken auf dem Kalbsfest 2012, Foto: Ekrem Güzeldere
Das Schicksal der Afro-Türken in der Türkei

Außer der Farbe ist nichts geblieben

Bis heute stellen die Afro-Türken, deren Vorfahren im 19. Jahrhundert als Sklaven ins Osmanische Reich kamen, eine gesellschaftlich isolierte Minderheit dar, deren Wunsch nach Assimilation inzwischen größer ist, als die Bewahrung der eigenen Identität. Von Ekrem Güzeldere

Ein Transparent mit der Aufschrift "Sechstes Frühlingsfest" hängt über der Straße am Park von Cirpi, einem kleinen Dorf etwa 20 Kilometer vor Bayindir, einer Kreisstadt südöstlich von Izmir. Solche Feierlichkeiten gibt es in Anatolien gewöhnlich Hunderte im Zeitraum von März bis Mai.

Doch im kleinen Cirpi handelt es sich um eine Besonderheit. Das "Sechste Frühlingsfest" ist nämlich eigentlich das "Sechste Kalbfest", das traditionelle Fest der Afro-Türken, das seit dem 19. Jahrhundert in und um Izmir gefeiert wird. 1924 wurde das Fest in der Republik Türkei verboten.

Es dauerte bis 2007, als es dann vom Verein der Afro-Türken wieder ins Leben gerufen wurde. Waren die ersten fünf Feste noch eher beschaulich, wurde das sechste zu einem Volksfest mit rund 400 Teilnehmern. Ein Kalb wurde bis jetzt jedoch noch nie geschlachtet.

Zwischen Diskriminierung und Assimilation

Alev Karakatal in Istanbul, Foto: Ekrem Güzeldere
Alev Karakatal: "Durch Mischehen versuchen Afro-Türken, hellere Kinder zu bekommen, damit irgendwann die Farbe ganz verschwindet."

​​Der Verein der Afro-Türken wurde 2006 von Mustafa Olpak in Ayvalik (Nordägäis) gegründet. Olpaks Familienmitglieder kamen 1924 im Zuge des türkisch-griechischen Bevölkerungsaustausches als "Türken", weil Muslime, aus Kreta in die Türkei. Wegen Hänseleien in der Schule, blieb Olpak ein Jahr der Schule fern, beendete sie dann aber doch.

Später heiratete er eine weiße Türkin, mit der er 25 Jahre verheiratet war, bis deren Familie barsch erklärte: "Dem Araber soll bloß kein Erbe zufallen." Schwarze werden auf Türkisch oftmals auch als "Araber" bezeichnet. Olpak ließ sich scheiden. Es war nicht die einzige rassistische Bemerkung oder Diskriminierung, die er in seinem Leben erfahren musste.

Alev Karakartal, eine Afro-Türkin, die mittlerweile in Istanbul lebt, beschrieb Anfang Juni 2012 bei einer Konferenz in Istanbul eine Strategie, der Diskriminierung zu begegnen: "Durch Mischehen versuchen Afro-Türken, hellere Kinder zu bekommen, damit irgendwann die Farbe ganz verschwindet." "Außer der Farbe", so erwiderte Olpak "ist uns aber nichts geblieben, kulturell ist nichts mehr da."

Als Karakartal, die selber Mestizin ist, ihre Eltern nach der Herkunft fragte, war die Antwort immer "wir sind Türken und Muslime" und dass die Wurzeln nicht wichtig seien.

In seiner Autobiographie schrieb Olpak, dass "die erste Generation erlebt, die zweite leugnet und die dritte nachforscht." Das trifft auch auf die Afro-Türken zu. Karakartal hat später selbst nachgeforscht und den Grund für die Scham und das Schweigen gefunden.

"Unsere Vorfahren sind nicht freiwillig nach Anatolien gekommen. Sie wurden als Sklaven verkauft, benutzt, missbraucht und als Freie ausgegrenzt." Aber nicht nur die Familien schweigen, wie Olpak erläutert. "Über uns wird nicht gesprochen, weil man sonst in Konflikt mit der offiziellen Geschichtsschreibung geraten würde, wenn man unsere Geschichte erzählt. Dann müsste man auch von Sklaverei sprechen."

Sklaven im Dienste des Sultans

Sklaverei im Osmanischen Reich ist ein wenig erforschtes Feld. Dies überrascht insofern, da Sklaverei über einen langen Zeitraum (14. bis 19. Jahrhundert) existierte und Hunderttausende Menschen hiervon betroffen waren. Die wohl bekanntesten Sklaven waren die Janitscharen, die Elitetruppe des Sultans, die sich aus christlichen Jungen rekrutierten, die ihren Familien genommen und am Hof einer strengen Ausbildung unterzogen wurden.

Kalbfest im Stadtpark von Bayindir im Jahr 2011, Foto: Ekrem Güzeldere
Anlass zur Sorge: Die Situation der Afro-Türken hat sich in der Türkei in den vergangenen Jahren verschlechtert. Die Nachkommen schwarzer Sklaven, die im 19. Jahrhundert in das Osmanische Reich deportiert wurden, brachten eigene Traditionen mit. Bis heute ringen sie um gesellschaftliche Anerkennung.

​​Besonders intelligente Jungen dienten später als Bürokraten wie Sokullu Mehmet Pasa, ein ursprünglich serbisch-orthodoxes Kind aus der Region Visegrad. Andere Sklaven waren viele Frauen des Harem. Die vielleicht bekannteste Haremsdame war die Frau Süleyman des Prächtigen, die als Roxelana bekannt wurde und aus dem Gebiet der heutigen Ukraine als Sklavin an die Hohe Pforte kam. Und ebenso bekannt sind sicherlich die Haremswächter, die Eunuchen.

Bis auf letztere Gruppe, handelte es sich mehrheitlich um weiße Sklaven. Schwarze Sklaven wurden bis ins 19. Jahrhundert nur wenig "gehandelt". Das änderte sich nachdem auf Druck europäischer Mächte der Sklavenhandel aus dem Balkan und dem Kaukasus verboten wurde. Dies führte dazu, dass zwischen 1860 und 1890 jährlich etwa 10.000 afrikanische Sklaven ins Osmanische Reich kamen, insgesamt waren es etwa 250.000 Personen.

"Afrikanische" Dörfer in der Türkei

Endgültig beendet wurde der Sklavenhandel erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts, als man Sklaven durch bezahlte Hausangestellte ersetzte, was als schicker und europäischer galt. Das Schicksal der Freigelassenen war von Region zu Region sehr verschieden. In der Provinz Aydin soll sich angeblich sogar die osmanische Bürokratie um die Freigelassenen gekümmert und 1.500 Familien mit 1.500 Häusern, Möbeln, je zwei Ochsen und etwas Handgeld ausgestattet haben.

Mustafa Olpak auf dem Kalbsfest 2011, Foto: Ekrem Güzeldere
"Nur noch ein winziger Farbtupfer": Noch am Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts gab es türkische Dörfer mit schwarzer Bevölkerungsmehrheit. Heute sind sie meist in der Minderheit oder leben in Mischehen.

​​Aus diesem Grund gab es lange Zeit in dieser Region relativ homogene "afrikanische" Dörfer. Mittlerweile sind aber auch dort die schwarzen Bewohner eine Minderheit, in der gesamten Türkei gewiss nur ein winziger Farbtupfer: "An der Ägäisküste habe ich etwa 2.000 Menschen mit schwarzer Hautfarbe in den letzten Jahren persönlich getroffen", erklärt Olpak. Die meisten Afro-Türken sind mittlerweile in Mischehen aufgegangen.

Elif Cici, Doktorandin an der Yeditepe Universität, forschte 2011 über das Heiratsverhalten und die Identität der Afro-Türken in drei Dörfern um Bayindir. Was die Identität betrifft, fand Cici heraus, dass so gut wie kein Wissen über die Herkunft und Wurzeln der Familien existieren.

Bei der Selbstbeschreibung gab die große Mehrheit an, sich in erster Linie als Türken zu definieren. Nur eine Minderheit bezeichnete sich als "türkische Staatsbürger mit afrikanischen Wurzeln." Und noch steht der Wunsch nach völliger Assimilation vor der Bewahrung der Identität: "Auch wenn es die Afrotürken nicht offen zugeben, so bevorzugen doch sowohl Männer als auch Frauen weiße Ehepartner."

Chancenlos im Berufsleben

Die Heiratsfrage ist aber eher ein nachrangiges Problem: "90 Prozent der Afro-Türken sind arm, mit geringer Bildung, die meisten Männer haben keinen Job, die Frauen sowieso nicht. Die Schwarzen sind deshalb aber nicht weniger intelligent oder talentiert, sondern sie haben einfach keine Chance", beschreibt Karakartal die aktuelle Situation.

Es gibt aber auch Positives zu berichten – und dies vor allem aufgrund der Anstrengungen des auf freiwilliger Basis arbeitenden Vereins der Afrotürken. Deren Schwerpunkt liegt unter anderem auf Projekten zur mündlichen Geschichte. Im Rahmen des von der EU finanzierten Projekts "Stimmen einer wortlosen Vergangenheit" wurden 100 Afro-Türken interviewt. Olpaks Autobiografie hat der staatliche Fernsehsender TRT als Grundlage für einen Dokumentarfilm benutzt.

Der bekannte Verleger Osman Köker hat über die Geschichte der Afro-Türken 2010 eine Wanderausstellung organisiert. Und zur Konferenz in Istanbul im Juni 2012 wurde eine neue Ausstellung mit Bildern und Lebensgeschichten einiger Afro-Türken eröffnet. Junge afro-türkische und "weiße" Studierende, wie Frau Cici, haben sich dem Thema für Magister- oder Doktorarbeiten angenommen. Damit erhöht sich nicht nur das Wissen über die Afro-Türken, sondern auch die Multiplikatoren und die Wahrscheinlichkeit, dass außer der Farbe doch was bleiben wird.

Ekrem Güzeldere

© Qantara.de 2012

Redaktion: Arian Fariborz/Qantara.de

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