Marcus Vetter; Foto: Senator Filmverleih
Das Cinema Jenin im Westjordanland

Hoffnungsstreifen am Horizont

Der deutsche Regisseur Marcus Vetter ist Mitbegründer des Kinos "Cinema Jenin" im Westjordanland, das im August 2010 eröffnet wurde. Im Gespräch mit Daniella Cheslow berichtet er über die Projektidee, der von Krieg und Gewalt gezeichneten Region eine neue kulturelle Perspektive zu eröffnen.

Der Zufall führte den deutschen Filmemacher Marcus Vetter nach Jenin – und zwar in Form eines Angebots: Er sollte eine Dokumentation in der im Norden der Westbank gelegenen Stadt drehen. Thema war die (wahre) Geschichte des Palästinensers Ismail Khatib, dessen Sohn von der israelischen Armee erschossen wurde, und der sich dazu entschließt, die Organe seines Sohns zu spenden, wobei ein israelisches Kind das Herz erhält.

Als er an seinem Film "Das Herz von Jenin" (2008) arbeitete, beschloss Vetter das seit langem geschlossene Kino in Jenin wieder zu eröffnen. Dank der Unterstützung durch freiwillige Helfer, hauptsächlich aus Deutschland, sowie Spenden der Bundesregierung gelang es Vetter schließlich, das Projekt "Cinema Jenin" auf die Beine zu stellen, das ihn drei Jahre lang in der Westbank halten sollte. Ziel des Projektes war es vor allem, Kultur und Leben in die vom Krieg zerstörte Stadt in der Westbank zurückzubringen.

Eine Stadt im Ausnahmezustand

Filmplakat Das Herz von Jenin
Vetters Film "Das Herz von Jenin" erhielt im Februar 2009 den "Cinema for Peace Award" in der Kategorie "Bester Dokumentarfilm". Außerdem wurde er mit dem Publikumspreis des Internationalen Filmfestival in Dubai ausgezeichnet.

​​Als Vetter zum ersten Mal nach Jenin kam, erwartete ihn das Bild einer zerstörten und verarmten Stadt. Während der zweiten Intifada entwickelte sich Jenin zu einer Brutstätte palästinensischer Militanz gegen den Staat Israel.

Als Antwort auf die Welle palästinensischer Selbstmordanschläge in israelischen Metropolen erfolgten Vergeltungsmaßnahmen der israelischen Armee: Große Teile des bei Jenin gelegenen Flüchtlingslagers wurden dem Erdboden gleichgemacht, die lokale Wirtschaft kam zum Erliegen. Anschließend wurde die Stadt von Checkpoints umgeben, die den Zugang zur Westbank und nach Israel abschnitten.

"Ich sah die Erniedrigung und die zerstörten Häuser und dachte: das ist nicht normal", erinnert sich Vetter an seine ersten Eindrücke. Trotz allem empfand er die Menschen in Jenin als überaus freundlich und offen und sah einen Hoffnungsstreifen am Horizont. Er tat sich mit Ismail Khatib, dem trauernden Vater, und einem lokalen palästinensischen Filmproduzenten zusammen.

Zusammen mit Cinema Jenin wuchs auch die Schar internationaler Freiwilliger: Etwa 300 Menschen kamen und halfen die Böden herzurichten, die alten Sitze aufzupolstern und die Wände zu streichen. Die Türen des Kinos öffneten sich im August 2010 mit einer großen, in der ganzen Stadt zelebrierten Eröffnungsfeier, an der auch der palästinensische Premierminister Salam Fayyad teilnahm. Der Eröffnungsfilm war "Das Herz von Jenin".

Außerhalb der Westbank wurde Vetters Film jedoch weniger begrüßt: "Die Menschen fanden, der Film sei zu pro-palästinensisch. Sie fragten, warum ich nicht auch die andere Seite dargestellt hätte", meint Vetter.

Stimmungswandel der Deutschen

Heute jedoch habe niemand mehr Einwände, was zeige, dass sich die allgemeine Meinung der Deutschen über die Palästinenser geändert habe. "Sie stellen mehr und mehr in Frage, ob Israel richtig handelt, wenn es palästinensische Häuser zerstört oder Checkpoints aufbaut", sagt Vetter.

Israelischer Soldat im zerstörten Flüchtlingslager Jenin; Foto: AP
Hass, Gewalt, Zerstörung: Nach einem Attentat der Hamas am jüdischen Pessachfest mit 30 Toten reagierte Israels Armee im April 2002 mit dem Einmarsch in Jenin. Nach tagelangen Kämpfen zerstörten israelische Abrisskommandos mit Bulldozern Teile des Flüchtlingslagers.

​​Obwohl zwischen deutscher und israelischer Regierung nach wie vor eine gute Beziehung besteht, wird Israels Politik in der deutschen Gesellschaft mehr und mehr als "ungerecht" empfunden und nicht mehr mit den schrecklichen Erlebnissen des Holocaust entschuldigt. Die Solidarität gegenüber den Palästinensern wächst – was auch die große Zahl deutscher Freiwilliger beim Projekt "Cinema Jenin" beweist.

Vetter glaubt, dass vor allem zwei Ereignisse zu diesem Stimmungsumschwung in den letzten Jahren beigetragen haben. Zum einen der Libanon-Krieg von 2006 – ein Vergeltungsschlag Israels gegen die Hizbollah, der 1.300 libanesische und 165 israelische Todesopfer zur Folge hatte. Das zweite Ereignis war die Gaza-Invasion von 2008/2009, bei dem 1.400 Palästinenser – hauptsächlich Zivilisten – getötet wurden, was internationale Proteste nach sich zog.

Der 28jährige Berliner Musiker Felix Gebauer war einer der freiwilligen Helfer in Jenin. Er empfindet die deutsche Unterstützung Israels als einseitig: "Wir haben eine besondere Verpflichtung gegenüber dem jüdischen Volk", sagt er. "Aber wir unterstützen das jüdische Volk nicht, indem wir der israelischen Regierung Waffen schicken. Und wir tun unseren israelischen Freunden keinen Gefallen, indem wir die schändliche Besatzung unterstützen."

Der jüngste Gazakonflikt traf Vetter völlig unvorbereitet. "Dieser Krieg ist ebenso ungerecht wie es der Krieg von 2008 war", meint er. Dennoch hat auch er keine befriedigende Lösung für die nach wie vor angespannte Situation parat: "Ich weiß nicht, was ich denken soll. Ich bin mehr oder weniger verzweifelt."

Marcus Vetter verließ Jenin im vergangenen Jahr, nachdem radikale Palästinenser den renommierten Theatermacher und Schauspieler Juliano Mer Khamis ermordet hatten. Danach habe er sich in der Westbank einfach nicht mehr sicher gefühlt, so Vetter und kehrte schließlich wieder zurück nach Deutschland. "Nach dreijähriger Tätigkeit im Cinema Jenin muss ich mich mental erholen, aber auch finanziell", sagt er. "Ich habe drei Jahre lang kostenlos gearbeitet und brauche nun eine Pause, bevor ich etwas Ähnliches wieder machen kann."

Daniella Cheslow

© Deutsche Welle 2012

Aus dem Englischen von Laura Overmeyer

Redaktion: Arian Fariborz/Qantara.de

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Die internationale Gemeinschaft befindet sich in einem großen Dilemma: wie soll es weitergehen in Libyen? Denn es ist klar, dass sie militärisch eingreifen muss, um das Gaddafi-Regime zu beseitigen. Die Alternative wäre ein endloser Bürgerkrieg vor den Toren Europas.

Makus Halmann12.04.2011 | 09:49 Uhr

Ich befürchte auch, dass der Politologe F. Stephen Larrabee Recht hat, denn die Bedingungen in der Türkei und vor allem die lange Tradation des Kampfes um Demokratie unterscheiden sich in der Tat von denen in den meisten arabischen Ländern. Schöner Beitrag.

Ahmad Ezzat12.04.2011 | 17:13 Uhr

Gesegnt seid ,Anonimität ist ein bestandteil der Freiheit,und des inhalt kontex Qualität was zelt

Jaljaloot Elharoot13.04.2011 | 20:43 Uhr

Wunderbarer Beitrag von Michael Roes, den ich als Autor und kritischer Beobachter der arabischen Welt seit langem sehr schätze. Roes besitzt die nötige Empathie für die arabischen Bürger und den Respekt vor ihren Bedürfnissen und Sehnsüchten.

Hans Zimmermann17.04.2011 | 09:51 Uhr

Das Jahr 2001 sollte nicht wiederholt werden

Beate Elefant18.04.2011 | 23:29 Uhr

Der sogenannte Streit ums Kopftuch ist nur Symptom für die Unfähigkeit aller Akteure, sich den wichtigeren Problemen zu widmen. Das schreibe ich, obwohl ich die Argumente von Frau Kaddor nicht überzeugend finde.

Susan Müller-H...20.04.2011 | 07:46 Uhr

Die Sicherheitskräfte des verhassten Assad-Regimes haben heute und gestern in mehreren Städten und Regionen Syriens Massaker angerichtet. Wo es Tote gab, war das perfide Muster immer dasselbe: Nicht Polizisten in Uniform feuerten die tödlichen Schüsse ab, sondern Heckenschützen in Zivil, die auf Hausdächern lauerten und willkürlich in die Menschenmengen schossen, um Panik und Furcht auszulösen. In Homs sind dadurch so viele Menschen verletzt worden, dass Ärzte unter den Demonstranten in den Gassen der Altstadt improvisierte Lazarette einrichteten, erzählte eine Augenzeugin der BBC. Es ist an der Zeit, auch das Assad-Regime zu ächten und international zu isolieren.

Helmuth Alkadli22.04.2011 | 23:50 Uhr

Mit diesem Satz hat Jesus seinem Bruder gezeigt, dass die Liebe stärker ist als Hass und Neid.
Luzifer wollte seinen Bruder, den Metadron (Jesus) vom Thron stürzen, um für sich selber die Herrschaft zu stehlen. Jesus lies sich aus Liebe zu seinem "verlorenen" Bruder freiwillig am Kreuz morden. Er wußte, dass Gott ihm das Leben zurück geben wird.
GOTT IST >Leben kann man nicht töten. Es wäre sonst nicht das Leben das ewig ist! Es wandelt sich nur.

Die Christen beten beim Gottesdienst: "Deinen Tod oh Herr verkünden wir und deine Auferstehung preisen wir, bis du kommst in Herrlichkeit!" Da haben sich die Herren in Rom aber einen schönen Unsinn ausgedacht. Wer will denn noch immer den Tod Jesu verkünden und warum? Der Teufel will es. Nutzt ihm aber nichts, denn Jesus lebt und ändert von der geistigen Welt aus das Leben auf der Erde. Das ist ein sehr schwieriger Änderungsprozess, weil die Menschen freiwillig nichts ändern und auch nicht umdenken wollen.
Trotzdem wird das Werk gelingen, weil es der Wille Gottes, des Vaters ist.

Die Hoffnung auf eine bessere Zukunft lässt Änderungen wie derzeit in der Arabischen Welt zu und auch im Christentum hat ein Nachdenken bereits begonnen. Gott ist die Liebe und die Liebe ist die stärkste Macht im Universum und Gott liebt uns alle gleich.
http://www.hopeland.at
Möge das Werk gelingen. Das wünsche ich mir und allen Menschen auf der Erde.
Mathilde

Mathilde Heiml30.04.2011 | 10:51 Uhr

exzellenter artikel. danke.

ulrich johannes...30.04.2011 | 12:56 Uhr

Die Idee, die durch die zurückgehende gesellschaftliche Bindungskraft der evangelischen Kirche ausgelöste (innere) Krise als Chance auf eine Neuformierung im Sinne einer neofundamentalistischen, gesellschaftliche Fragen ausblendenden Missionstheologie zu interpretieren, mag als privates Hirngespinst von Herrn Pfarrer (sic!) Teufel hingenommenwerden müssen, als Vorbote einer dadurch beförderten ethnisch-religiösen Kantonisierung unserer Gesellschaft ist es mir jedoch eine Horrorvorstellung! Stattdessen brauchen wir tatsächlich eine weit konsequentere Hinwendung zum Laizismus und die Rückkehr zu einer tatsächlich (statt nur noch alibimäßig betriebenen) umverteilenden Sozialpolitik und ein Bündnis aller (auch der jeweils moderaten Anhänger der diversen Religionen) zu deren Durchsetzung. Sonst können wir uns in zwanzig Jahren mit bosnischen Verhältnissen zwischen Rhein und Oder anfreunden...

Max Schumacher30.04.2011 | 17:02 Uhr

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