Junger Ägypter liest Al-Ahram einen Tag nach dem Sturz Mubaraks; Foto: AP
Das Bild des Westens in der arabischen Presse

Die Wahrnehmung des Anderen

Der libanesische Medienexperte Maurice Abu Nader fasst die Ergebnisse des aktuellen Berichts der "Arab Thought Foundation" über den Dialog der Kulturen zusammen, der insbesondere die Wahrnehmung des Westens in den Zeitungen "Al-Hayat" und "Al-Ahram" unter die Lupe nimmt.

Der von der "Arab Thought Foundation" herausgegebene "Status Report about the Dialogue of Cultures in the World" fokussiert auf die Untersuchung des Bildes des Westens im Denken der muslimischen Araber einerseits und des Bildes der Araber im Denken des Westens andererseits.

Dies erfolgt durch die Analyse von Beispielen aus insgesamt 19 in arabischer, französischer, englischer und deutscher Sprache publizierten Zeitungen, in denen politische, kulturelle und gesellschaftliche Aktivitäten in der arabischen Welt im Jahr 2009 thematisiert wurden.

Regionale Printmedien an einem Zeitungsstand in Kairo; Foto: AP
Indikator für die Wahrnehmung des Westens in der ägyptischen Öffentlichkeit: Ausgaben von Al-Ahram und anderen regionalen Zeitungen an einem Zeitungsstand in Kairo.

​​Ziel dieser Untersuchung ist es, herauszufinden, inwieweit die arabischen und westlichen Medien den Dialog zwischen beiden Kulturen fördern oder ob sie ihn eher behindern bzw. blockieren. Der Bericht beruht auf statistischen Erhebungen, wobei nur solche Pressematerialien ausgewertet werden, die sich vergleichend mit der westlichen Welt und den muslimisch geprägten Ländern beschäftigen.

Um das Bild des Westens in der arabischen Presse zu erfassen, ist ein Blick in zwei arabische Zeitungen besonders aufschlussreich: die ägyptische Tageszeitung "Al-Ahram" sowie die libanesische Ausgabe der Zeitung "Al-Hayat".

Westliche Moderne und Dominanz: Die Zeitung "Al-Ahram"

Die Darstellung des Westens als Gegenstand des journalistischen Diskurses in der ägyptischen "Al-Ahram" bewegte sich sowohl zwischen bestimmten theoretischen Sachverhalten als auch konkreten politischen Ereignissen. Aus den von den Verfassern des Berichts aufgelisteten Daten geht hervor, dass das Thema Konflikt zwischen dem Westen und dem Islam insgesamt 37,5 Prozent der theoretischen Erörterungen ausmachte, was belegt, dass dieser Aspekt am stärksten ausgeprägt war.

Dem folgten (mit einem Anteil von jeweils 20 Prozent) inhaltliche Auseinandersetzungen mit dem wissenschaftlichen Fortschritt des Westens, der die Voraussetzung für dessen militärische Expansion schuf, sowie mit dem Vorwurf der "westlichen Arroganz". Die These, dass der Modernismus angeblich ein Konzept westlicher Dominanz darstelle, machte 17 Prozent aus, gefolgt von der Wahrnehmung des Westens als demokratisches Modell mit einem Anteil von allerdings nur vier Prozent.

Plakat der Rechtspopulisten für ein Bauverbot für Minarette in der Schweiz; Foto: AP
Im Fokus der Medien: Mit einem Anteil von 29 Prozent prägten u.a. der Minarett-Streit in der Schweiz das Bild des Westens bei den Blattmachern von "Al-Ahram".

​​Mit einem Anteil von jeweils 29 Prozent prägten vor allem der palästinensisch-israelische Konflikt und der Minarett-Streit in der Schweiz das Bild des Westens im journalistischen Diskurs von "Al-Ahram", gefolgt vom westlichen Vorgehen gegen Al-Qaida und dem iranischen Atomprogramm (mit jeweils 14 Prozent). Der Tod der Ägypterin Marwa El-Sherbini in Deutschland wurde zu 11 Prozent inhaltlich thematisiert.

Bei den Sachthemen in der Darstellung des Westens durch "Al-Ahram" fällt auf, dass die Politik mit 29 Prozent an erster Stelle stand, gefolgt von religiösen und kulturellen Themen (jeweils 22 Prozent) sowie militärischen Kontexten (15 Prozent).

Der journalistische Diskurs in "Al-Ahram" lässt verschiedene Merkmale sowohl positiver als auch negativer Art in der Darstellung des Westens erkennen. Die negativen Aspekte der medialen Wahrnehmung treten besonders in der Vorstellung von einem "hegemonialen Auftreten" auf, wohingegen sich die positiven Aspekte auf Begrifflichkeiten wie "wissenschaftliche Überlegenheit", "Vernunft" und "technischen Fortschritt" stützen.

Neue Werte annehmen: Die Zeitung "Al-Hayat"

In der internationalen Ausgabe von "Al-Hayat" stellt sich das Bild des Westens für den muslimischen Araber ähnlich wie bei "Al-Ahram" dar, auch wenn "Al-Hayat" ein größeres Gewicht auf die politischen Ideen als auf tagespolitische Ereignisse legt.

Screenshot einer Al-Hayat-Ausgabe
"Das Positive im Bild des Westens bei Al-Hayat manifestiert sich in den Vernunft- und Freiheitsaspekten sowie in der prinzipiellen Dialogbereitschaft", schreibt Maurice Abu Nader.

​​Die Autoren des Berichts stellen heraus, dass sich "Al-Hayat" 44 Mal mit dem Bild des Westens in theoretischen Zusammenhängen und 38 Mal im Kontext eines konkreten Ereignisses beschäftigte. Der Redaktion ist also eher daran gelegen, den geistigen, philosophischen oder auch vergleichenden Aspekt bei der Beschäftigung mit dem Bild des Westens herauszuarbeiten.

Das zeigte sich in einer Reihe von Thesen, darunter die vom "Ausnützen des westlichen Anderen" durch die Aufklärung des Denkens der Muslime und deren Motivation, neue Werte anzunehmen, die in eine gesellschaftliche Erneuerung einfließen. Das betrifft auch die These vom Dialog zwischen westlichem und islamischem Denken sowie das Thema der Selbstausgrenzung der muslimischen Minderheiten im Westen.

Das Positive im Bild des Westens bei "Al-Hayat" manifestiert sich in den Vernunft- und Freiheitsaspekten sowie in der prinzipiellen Dialogbereitschaft. Neben der Fokussierung auf die theoretischen Aspekte im Bild des Westens bei "Al-Hayat", konzentrierte sich der redaktionelle Inhalt, wenn auch in geringerem Maße, auf einige wichtige politische, wirtschaftliche und militärische Ereignisse: der arabisch-israelische Konflikt, das iranische Atomprogramm, die internationale Finanzkrise, Obamas Rede an der Kairoer Universität sowie der Krieg gegen den Terror.

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass sich das von "Al-Hayat" gezeichnete Bild des Westens nicht wesentlich von dem der ägyptischen Tageszeitung "Al-Ahram" unterscheidet. Dabei handelt es sich um ein Bild, das entsprechend der jeweiligen Bedeutung eine Abstufung erfährt, und zwar beginnend mit der Politik, gefolgt von der Kultur bis hin zum militärischen Auftreten des Westens.

Damit dokumentiert und belegt dieser mediale Diskurs im Grunde genommen das uns bereits bekannte Bild. Der Bericht der "Arab Thought Foundation" über den Dialog zwischen den Kulturen bestätigt jedoch, wie wichtig es ist, im Umgang mit Inhalten, die sich nur schwer statistisch erheben und dokumentieren lassen, den Weg der methodischen Analyse zu wählen.

Maurice Abu Nader

© Qantara.de 2011

Übersetzt aus dem Arabischen von Gert Himmler

Redaktion: Arian Fariborz/Qantara.de

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Die internationale Gemeinschaft befindet sich in einem großen Dilemma: wie soll es weitergehen in Libyen? Denn es ist klar, dass sie militärisch eingreifen muss, um das Gaddafi-Regime zu beseitigen. Die Alternative wäre ein endloser Bürgerkrieg vor den Toren Europas.

Makus Halmann12.04.2011 | 09:49 Uhr

Ich befürchte auch, dass der Politologe F. Stephen Larrabee Recht hat, denn die Bedingungen in der Türkei und vor allem die lange Tradation des Kampfes um Demokratie unterscheiden sich in der Tat von denen in den meisten arabischen Ländern. Schöner Beitrag.

Ahmad Ezzat12.04.2011 | 17:13 Uhr

Gesegnt seid ,Anonimität ist ein bestandteil der Freiheit,und des inhalt kontex Qualität was zelt

Jaljaloot Elharoot13.04.2011 | 20:43 Uhr

Wunderbarer Beitrag von Michael Roes, den ich als Autor und kritischer Beobachter der arabischen Welt seit langem sehr schätze. Roes besitzt die nötige Empathie für die arabischen Bürger und den Respekt vor ihren Bedürfnissen und Sehnsüchten.

Hans Zimmermann17.04.2011 | 09:51 Uhr

Das Jahr 2001 sollte nicht wiederholt werden

Beate Elefant18.04.2011 | 23:29 Uhr

Der sogenannte Streit ums Kopftuch ist nur Symptom für die Unfähigkeit aller Akteure, sich den wichtigeren Problemen zu widmen. Das schreibe ich, obwohl ich die Argumente von Frau Kaddor nicht überzeugend finde.

Susan Müller-H...20.04.2011 | 07:46 Uhr

Die Sicherheitskräfte des verhassten Assad-Regimes haben heute und gestern in mehreren Städten und Regionen Syriens Massaker angerichtet. Wo es Tote gab, war das perfide Muster immer dasselbe: Nicht Polizisten in Uniform feuerten die tödlichen Schüsse ab, sondern Heckenschützen in Zivil, die auf Hausdächern lauerten und willkürlich in die Menschenmengen schossen, um Panik und Furcht auszulösen. In Homs sind dadurch so viele Menschen verletzt worden, dass Ärzte unter den Demonstranten in den Gassen der Altstadt improvisierte Lazarette einrichteten, erzählte eine Augenzeugin der BBC. Es ist an der Zeit, auch das Assad-Regime zu ächten und international zu isolieren.

Helmuth Alkadli22.04.2011 | 23:50 Uhr

Mit diesem Satz hat Jesus seinem Bruder gezeigt, dass die Liebe stärker ist als Hass und Neid.
Luzifer wollte seinen Bruder, den Metadron (Jesus) vom Thron stürzen, um für sich selber die Herrschaft zu stehlen. Jesus lies sich aus Liebe zu seinem "verlorenen" Bruder freiwillig am Kreuz morden. Er wußte, dass Gott ihm das Leben zurück geben wird.
GOTT IST >Leben kann man nicht töten. Es wäre sonst nicht das Leben das ewig ist! Es wandelt sich nur.

Die Christen beten beim Gottesdienst: "Deinen Tod oh Herr verkünden wir und deine Auferstehung preisen wir, bis du kommst in Herrlichkeit!" Da haben sich die Herren in Rom aber einen schönen Unsinn ausgedacht. Wer will denn noch immer den Tod Jesu verkünden und warum? Der Teufel will es. Nutzt ihm aber nichts, denn Jesus lebt und ändert von der geistigen Welt aus das Leben auf der Erde. Das ist ein sehr schwieriger Änderungsprozess, weil die Menschen freiwillig nichts ändern und auch nicht umdenken wollen.
Trotzdem wird das Werk gelingen, weil es der Wille Gottes, des Vaters ist.

Die Hoffnung auf eine bessere Zukunft lässt Änderungen wie derzeit in der Arabischen Welt zu und auch im Christentum hat ein Nachdenken bereits begonnen. Gott ist die Liebe und die Liebe ist die stärkste Macht im Universum und Gott liebt uns alle gleich.
http://www.hopeland.at
Möge das Werk gelingen. Das wünsche ich mir und allen Menschen auf der Erde.
Mathilde

Mathilde Heiml30.04.2011 | 10:51 Uhr

exzellenter artikel. danke.

ulrich johannes...30.04.2011 | 12:56 Uhr

Die Idee, die durch die zurückgehende gesellschaftliche Bindungskraft der evangelischen Kirche ausgelöste (innere) Krise als Chance auf eine Neuformierung im Sinne einer neofundamentalistischen, gesellschaftliche Fragen ausblendenden Missionstheologie zu interpretieren, mag als privates Hirngespinst von Herrn Pfarrer (sic!) Teufel hingenommenwerden müssen, als Vorbote einer dadurch beförderten ethnisch-religiösen Kantonisierung unserer Gesellschaft ist es mir jedoch eine Horrorvorstellung! Stattdessen brauchen wir tatsächlich eine weit konsequentere Hinwendung zum Laizismus und die Rückkehr zu einer tatsächlich (statt nur noch alibimäßig betriebenen) umverteilenden Sozialpolitik und ein Bündnis aller (auch der jeweils moderaten Anhänger der diversen Religionen) zu deren Durchsetzung. Sonst können wir uns in zwanzig Jahren mit bosnischen Verhältnissen zwischen Rhein und Oder anfreunden...

Max Schumacher30.04.2011 | 17:02 Uhr

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