Daniel Barenboim; Foto: dpa
Daniel Barenboim

Die vielleicht letzte Chance

Die jüngste Anerkennung Palästinas als UN-Beobachterstaat stellt vielleicht die letzte Chance dar, um dem Vorhaben zweier unabhängiger Staaten Leben zu verleihen, meint der Pianist und Star-Dirigent Daniel Barenboim in seinem Kommentar.

Am 29. November 1947 legten die Vereinten Nationen mit dem "Teilungsplan für Palästina" die Aufteilung der Region in ein Gebiet für die Juden und eines für die Palästinenser fest. Bis zu jenem Tag waren wir alle "Palästinenser": Muslime, Christen und Juden.

Die Teilung von 1947 wurde von den Juden in aller Welt mit Freude aufgenommen und von der arabischen Welt abgelehnt, die Palästina ausschließlich als ihr Land ansah. In der Folge kam es zu einem Krieg, der am Tag nach der Unabhängigkeitserklärung des Staates Israel am 14. Mai 1948 begann.

Am 29. November 2012, genau 65 Jahre später, haben die Palästinenser die Anerkennung des Status eines "Beobachterstaates" bei den Vereinten Nationen beantragt und mit großer Mehrheit erhalten. Dies sind die Tatsachen.

Eine Interpretation könnte sein, dass die Palästinenser 65 Jahre brauchten, um sich bewusst zu werden, dass Israel eine nicht zu leugnende Realität ist und sie daher heute bereit sind, das 1947 abgelehnte Prinzip der Aufteilung des palästinensischen Gebiets zu akzeptieren. Dieser Interpretation folgend, wird klar, dass der von der Vollversammlung der Vereinten Nationen gefasste Beschluss Grund zur Zufriedenheit auch für den Staat Israel sein sollte.

Jubel nach Anerkennung Palästinas als Beobachterstaat durch die Vereinten Nationen in Ramallah; Foto: AFP/Getty Images
Jubel nach Anerkennung Palästinas als Beobachterstaat durch die Vereinten Nationen: Zwar haben die Palästinenser künftig kein Stimmrecht in der Vollversamlung, sie könnten jedoch beim Internationalen Strafgerichtshof als Kläger auftreten und Israels Siedlungen in den besetzten Gebieten auf die Tagesordnung bringen.

​​Ich will hier keine Lektionen in Moral oder politischer Strategie erteilen, weder Israelis noch Palästinensern; ich möchte aber daran erinnern, dass, wenn dieser Konflikt auch in vielen Jahren nicht gelöst worden ist, es vielleicht daran lag, dass weder die einen noch die anderen und auch nicht der Rest der Welt sein grundlegendes Wesen erfasst haben.

Ein menschlicher Konflikt zwischen zwei Völkern

Der israelisch-palästinensische Konflikt stellt keine politische Feindseligkeit zwischen zwei Staaten dar, den man mit diplomatischen oder militärischen Mitteln lösen könnte: Politische Uneinigkeit zwischen zwei Nationen kann Probleme wie Grenzen, Kontrolle über Wasser, Erdöl oder Ähnliches betreffen.

Dieses ist vor allem ein menschlicher Konflikt zwischen zwei Völkern, die zutiefst davon überzeugt sind, dass sie beide das Recht haben, auf demselben kleinen Gebiet zu leben, und zwar jeweils ausschließlich. Auch wenn es spät ist, so ist es an der Zeit, die Tatsache anzuerkennen, dass Israelis und Palästinenser nur die Möglichkeit haben, entweder zusammen oder einer neben dem anderen zu leben, aber ohne sich gegenseitig zu verleugnen.

Der von 138 Ländern gefasste Beschluss ist vielleicht die letzte Chance, um dem Vorhaben zweier unabhängiger Staaten Leben zu verleihen, Staaten die sicher sind und je ein ununterbrochenes, nicht zerstückeltes Hoheitsgebiet haben. Vielleicht ist es das Schicksal oder die Gerechtigkeit der Zeit, welche heute den Palästinensern die Möglichkeit gibt, einen Prozess in Richtung Unabhängigkeit einzuleiten, auf dieselbe Art und Weise wie damals die Ursprünge des israelischen Staates verliefen.

Dies ist auch der richtige Augenblick für die für eine Lösung so dringend notwendige innere Aussöhnung, beginnend mit der Aussöhnung zwischen Hamas und Fatah. Dies ist einerseits für die Palästinenser notwendig, um eine einheitliche Position und politische Führung zu haben. Andererseits ist es auch für Israel besser, dass die Palästinenser politisch geeint sind. Denn es ist ein Fehler zu denken - und er wird oft begangen - dass es besser ist, einen gespaltenen Feind vor sich zu haben.

Keine weitsichtige Position der israelischen Regierung

Ich bin mir genauso bewusst, dass die Palästinenser niemals eine ideologische Lösung des Konflikts akzeptieren werden, denn ihre Geschichte ist anders, und es sollte der Staat Israel sein, der eine pragmatische Lösung suchen müsste.

Ich glaube schließlich, dass die Juden ein historisch-religiöses Recht haben, in der Region zu leben, aber nicht nur sie.

Nach den Grausamkeiten der Europäer am jüdischen Volk im zwanzigsten Jahrhundert wäre es nun erforderlich, ihm mit seinen Problemen für die Zukunft zu helfen und nicht nur die Verantwortung für die Vergangenheit anzuerkennen. Die große Anzahl der Nationen, die für die Resolution gestimmt haben, bewegt mich.

Die von der israelischen Regierung eingenommene Position hingegen macht mich traurig. Sie erscheint mir nicht weitsichtig, denn sie ergreift nicht die Chancen, die sich für eine bessere Zukunft anbieten. Ebenso traurig aber macht mich die Position der Vereinigten Staaten, das einzige Land, das wirklich in der Lage wäre, großen Einfluss geltend zu machen.

Daniel Barenboim

© Frankfurter Allgemeine Zeitung 2012

Redaktion: Arian Fariborz/Qantara.de

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Die internationale Gemeinschaft befindet sich in einem großen Dilemma: wie soll es weitergehen in Libyen? Denn es ist klar, dass sie militärisch eingreifen muss, um das Gaddafi-Regime zu beseitigen. Die Alternative wäre ein endloser Bürgerkrieg vor den Toren Europas.

Makus Halmann12.04.2011 | 09:49 Uhr

Ich befürchte auch, dass der Politologe F. Stephen Larrabee Recht hat, denn die Bedingungen in der Türkei und vor allem die lange Tradation des Kampfes um Demokratie unterscheiden sich in der Tat von denen in den meisten arabischen Ländern. Schöner Beitrag.

Ahmad Ezzat12.04.2011 | 17:13 Uhr

Gesegnt seid ,Anonimität ist ein bestandteil der Freiheit,und des inhalt kontex Qualität was zelt

Jaljaloot Elharoot13.04.2011 | 20:43 Uhr

Wunderbarer Beitrag von Michael Roes, den ich als Autor und kritischer Beobachter der arabischen Welt seit langem sehr schätze. Roes besitzt die nötige Empathie für die arabischen Bürger und den Respekt vor ihren Bedürfnissen und Sehnsüchten.

Hans Zimmermann17.04.2011 | 09:51 Uhr

Das Jahr 2001 sollte nicht wiederholt werden

Beate Elefant18.04.2011 | 23:29 Uhr

Der sogenannte Streit ums Kopftuch ist nur Symptom für die Unfähigkeit aller Akteure, sich den wichtigeren Problemen zu widmen. Das schreibe ich, obwohl ich die Argumente von Frau Kaddor nicht überzeugend finde.

Susan Müller-H...20.04.2011 | 07:46 Uhr

Die Sicherheitskräfte des verhassten Assad-Regimes haben heute und gestern in mehreren Städten und Regionen Syriens Massaker angerichtet. Wo es Tote gab, war das perfide Muster immer dasselbe: Nicht Polizisten in Uniform feuerten die tödlichen Schüsse ab, sondern Heckenschützen in Zivil, die auf Hausdächern lauerten und willkürlich in die Menschenmengen schossen, um Panik und Furcht auszulösen. In Homs sind dadurch so viele Menschen verletzt worden, dass Ärzte unter den Demonstranten in den Gassen der Altstadt improvisierte Lazarette einrichteten, erzählte eine Augenzeugin der BBC. Es ist an der Zeit, auch das Assad-Regime zu ächten und international zu isolieren.

Helmuth Alkadli22.04.2011 | 23:50 Uhr

Mit diesem Satz hat Jesus seinem Bruder gezeigt, dass die Liebe stärker ist als Hass und Neid.
Luzifer wollte seinen Bruder, den Metadron (Jesus) vom Thron stürzen, um für sich selber die Herrschaft zu stehlen. Jesus lies sich aus Liebe zu seinem "verlorenen" Bruder freiwillig am Kreuz morden. Er wußte, dass Gott ihm das Leben zurück geben wird.
GOTT IST >Leben kann man nicht töten. Es wäre sonst nicht das Leben das ewig ist! Es wandelt sich nur.

Die Christen beten beim Gottesdienst: "Deinen Tod oh Herr verkünden wir und deine Auferstehung preisen wir, bis du kommst in Herrlichkeit!" Da haben sich die Herren in Rom aber einen schönen Unsinn ausgedacht. Wer will denn noch immer den Tod Jesu verkünden und warum? Der Teufel will es. Nutzt ihm aber nichts, denn Jesus lebt und ändert von der geistigen Welt aus das Leben auf der Erde. Das ist ein sehr schwieriger Änderungsprozess, weil die Menschen freiwillig nichts ändern und auch nicht umdenken wollen.
Trotzdem wird das Werk gelingen, weil es der Wille Gottes, des Vaters ist.

Die Hoffnung auf eine bessere Zukunft lässt Änderungen wie derzeit in der Arabischen Welt zu und auch im Christentum hat ein Nachdenken bereits begonnen. Gott ist die Liebe und die Liebe ist die stärkste Macht im Universum und Gott liebt uns alle gleich.
http://www.hopeland.at
Möge das Werk gelingen. Das wünsche ich mir und allen Menschen auf der Erde.
Mathilde

Mathilde Heiml30.04.2011 | 10:51 Uhr

exzellenter artikel. danke.

ulrich johannes...30.04.2011 | 12:56 Uhr

Die Idee, die durch die zurückgehende gesellschaftliche Bindungskraft der evangelischen Kirche ausgelöste (innere) Krise als Chance auf eine Neuformierung im Sinne einer neofundamentalistischen, gesellschaftliche Fragen ausblendenden Missionstheologie zu interpretieren, mag als privates Hirngespinst von Herrn Pfarrer (sic!) Teufel hingenommenwerden müssen, als Vorbote einer dadurch beförderten ethnisch-religiösen Kantonisierung unserer Gesellschaft ist es mir jedoch eine Horrorvorstellung! Stattdessen brauchen wir tatsächlich eine weit konsequentere Hinwendung zum Laizismus und die Rückkehr zu einer tatsächlich (statt nur noch alibimäßig betriebenen) umverteilenden Sozialpolitik und ein Bündnis aller (auch der jeweils moderaten Anhänger der diversen Religionen) zu deren Durchsetzung. Sonst können wir uns in zwanzig Jahren mit bosnischen Verhältnissen zwischen Rhein und Oder anfreunden...

Max Schumacher30.04.2011 | 17:02 Uhr

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