Christen und Muslime während einer Solidaritätsdemonstration auf dem Tahrir-Platz in Kairo, Foto: picture-alliance
Christliche Minderheiten in der islamischen Welt

Kein Arabischer Frühling für Christen

Im Orient entstand einst das Christentum. Doch heute sind die Christen in der islamischen Welt marginalisiert und von Verfolgung bedroht. Eine Veranstaltung der Friedrich-Ebert-Stiftung in Berlin beschäftigte sich mit der Problematik. Bettina Marx informiert.

Sie werden im besten Fall geduldet, meistens jedoch diskriminiert und im schlimmsten Fall sogar verfolgt, die Christen in der islamischen Welt. Vor allem in den arabischen Ländern schrumpft ihre Zahl mit besorgniserregender Geschwindigkeit.

Beispiel Irak: Vor dem Einmarsch der amerikanischen Truppen 2003 lebten noch 1,5 Millionen Christen im Irak. Heute sind es noch geschätzte 400.000.

Beispiel Palästina: Im Ursprungsland des Christentums gibt es nach Schätzungen noch 49.000 Christen, rund 1,2 Prozent der Bevölkerung. Etwa die Hälfte von ihnen leben im Distrikt Bethlehem. In der Geburtsstadt Jesu selbst gibt es nur noch rund 6.500 Christen.

Zwischen Bürgerkrieg und der Dominanz der Hisbollah

Martin Tamcke, Foto. Bettina Marx
Drohende Marginalisierung des Christentums in der arabischen Welt: der Göttinger Theologe Martin Tamcke

​​Auch im Libanon, in dem die Christen vor einem Jahrhundert noch die Mehrheit darstellten, sind sie heute, bedingt durch Abwanderung und die hohe Geburtenrate der Muslime, in der Minderheit. Nur noch zwischen 30 und 35 Prozent der Bevölkerung sind Christen.

Dies habe in erster Linie mit der wirtschaftlichen und politischen Lage seit dem Ende des Bürgerkriegs zu tun, meinte der Historiker Abdel Raouf Sinno aus Beirut während einer Veranstaltung der Friedrich-Ebert-Stiftung in Berlin. Durch das Abkommen von Taif, mit dem der Bürgerkrieg im Jahr 1989 beendet wurde, seien den Christen viele Privilegien entzogen worden.

Die Entstehung der Hisbollah, die seit 2006 das politische Leben im Libanon präge, habe bei den Christen im Libanon Ängste vor einem erstarkenden schiitischen Fundamentalismus ausgelöst.

"Viele Christen und auch Sunniten fühlen sich von der extremen Ideologie der Hisbollah bedroht", so Sinno. Die "Partei Gottes" sähe in Ajatollah Ali Khamenei, dem Oberhaupt der Islamischen Republik, den religiösen und politischen Führer der islamischen Welt.

Gefahr drohe aber nicht nur von der schiitischen Bevölkerungsmehrheit des Libanon. Auch die Eskalation im Nachbarland Syrien beunruhige die christliche Gemeinschaft, erläutert Sinno. "Nach der Ausdehnung der syrischen Revolution fürchten Christen, dass der Libanon in ein islamisches Staatsgebilde umgewandelt wird. Sie befürchten eine Koalition zwischen syrischen und libanesischen Sunniten, die eine weitere Marginalisierung der christlichen Präsenz bedeuten würde."

Tendenz zur Auswanderung

Nicht nur im Libanon, auch in den Staaten des arabischen Frühlings denken viele Christen inzwischen über Auswanderung nach. Denn vor dem Hintergrund wachsender Islamisierung sehen sie für sich keine Zukunft mehr in den Ländern, in denen sie nach eigenem Verständnis sozusagen die Ureinwohner darstellen.

Bischof Anba Damian, Foto: Bettina Marx
Wünscht sich für seine Heimat Freiheit und Toleranz: Bischof Anba Damian, Oberhaupt der Kopten in Deutschland

​​Die Hoffnungen auf eine pluralistische Gesellschaft mit weitreichenden Freiheitsrechten, die die Demonstrationen vor einem Jahr begleiteten, sind inzwischen zerstoben, sagt Anba Damian, Generalbischof der Kopten in Deutschland. Die koptische Kirche ist die größte christliche Gemeinschaft in Ägypten. Seit der Revolution häufen sich die Übergriffe gegen sie. Doch auch zuvor waren sie nur geduldet.

"In der Zeit von Mubarak haben wir keinen Schutz durch das Gesetz erfahren dürfen", erinnert sich Damian. "Aber durch die Gnade des Präsidenten bekamen wir einen Teil unserer Rechte. Heute aber ist kein Gesprächspartner mehr da und auch keine Gnade." Im Gegenteil: Viele Kopten fühlten sich in ihrem Heimatland schutzlos.

Koptische Mädchen und Frauen, die ohne Kopftuch herumliefen, sähen sich zunehmend Belästigungen ausgesetzt. Kirchen würden angezündet und Christen bedroht. Bischof Damian hofft, dass die Toleranz, die er in Deutschland erlebe, auch in den islamischen Ländern Anhänger findet. So könnten zum Beispiel in deutschen Städten sogenannte Salafisten ungehindert den Koran an Passanten verteilen. Für Christen in der arabischen Welt gälten solche Freiheiten nicht.

Gemeinden vor dem Ende

Mit Bedauern und mit Sorge beobachtet Professor Martin Tamcke von der Universität Göttingen die Entwicklung der christlichen Gemeinden in den islamischen Ländern. Er ist Experte für die Kirchen des Orients.

"Einst war hier das Zentrum der christlichen Welt", sagt er. In dieser Welt seien die grundlegenden Glaubenslehren des Christentums definiert worden, das die europäische Kultur präge. Doch inzwischen stünden viele Gemeinden vor ihrem Ende. Christliche Präsidenten oder Ministerpräsidenten, wie es sie noch in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts im Nahen und Mittleren Osten gegeben habe, seien wohl auf absehbare Zeit unvorstellbar.

Bettina Marx

© Deutsche Welle 2012

Redaktion: Arian Fariborz/Qantara.de

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Leserkommentare zum Artikel: Kein Arabischer Frühling für Christen

Liebe Frau Marx : Sie sollten m.E. nicht den Teufel an die Wand malen, was die Situation der arabischen Christen angeht. Diese Bevölkerungsgruppe ist nicht stärker bedroht als ihre islamischen Mitbürger. Der Nahe Osten ist bekanntlich ein Krisenherd, wo alle Menschen im Grunde bedroht sind. Die arabischen Muslime sind sehr tolerant, und der Islam lehnt ausdrücklich jede Form von religiösem Zwang ab. Das ist allgemein bekannt und wissenschaftlich belegt und nachgewiesen. Darüber braucht man keine Worte zu verlieren. Probleme können den arabischen Christen aus nichtreligiösen Gründen entstehen, nämlich als Folge von falschen politischen Entscheidungen politischer Repräsentanten. Wer, ob Christ oder Muslim, falsche politische Entscheidungen trifft, muss mit negativen Folgen rechnen bzw. diese Folgen tragen. Ein aktuelles Beispiel dafür ist der "Arabische Frühling" . Falls die Repräsentanten der arabischen Christen sich dafür entscheiden, aus Angst vor einer Regierung der islamischen Mehrheit Diktaturen zu unterstützen, dürfen die arabischen Christen sich nicht wundern, wenn sie in Zukunft als "willige Helfer" dieser Diktaturen hingestellt werden und auch dastehen, was ich den arabischen Christen nicht wünsche. Ich finde es auf der aneren Seite höchst erfreulich, dass an vorderster Stelle und in Führungspositionen des Arabischen Frühlings arabische Christen wie die Syrer Michel Kilo, Haitham Manna, Faiz Sara und Georg Sabra stehen. Der mutige Kampf dieser Oppositionellen ist die beste Garantie dafür, dass die christlichen arabischen Gemeinschaften den ihnen gebührenden Platz in einer künftigen freiheitlich-demokratischen arabischen Welt haben werden. Davon wird die Zukuft der arabischen Christen abhängen. Diesbezüglich bin ich optimistisch und möchte noch einmal davor warnen, den Teufel an die Wand zu malen. Gerade dies könnte für die arabischen Christen schädlich und sogar gefährlich sein.

Prof. Dr. Abdo ...28.04.2012 | 13:25 Uhr

Der Artikel beschreibt wahrhaftig eine Situation, die wir evtl. im Nahen Osten erwarten dürften. Minderheiten leben immer unter einer anderen Gefühlslage als die Mehrheit der Bevölkerung. Wie im anderen Kommentar schon zu lesen ist, ist es nicht der christliche Glauben, der die Christen im Nahen Osten in die Bedrängnis führen wird, sondern ihre politischen Entscheidungen.
Im Libanon wird behauptet, dass die Christen Angst vor einer schiitischen Dominanz haben; die größte christliche Konfession der Maroniten um Michel Aoun ist aber mit den Schiiten und Syriern verbündet. Die eigentliche Angst der Minderheiten im Nahen Osten drehte sich schon immer um eine Sunnitische Dominanz; - vielleicht aus reiner Ablehnung!? oder Angewöhnung europäischer Tradition!?
Man kann nicht wie in Syrien, Ägypten oder im Irak jahrzehntelang Diktaturen unterstützen und dann bei einem Regimewechsel auf Intoleranz und Verachtung hinweisen. Orientalische Christen waren bis ins 19Jh. verachtet aber wohlbehütet. Nun müssen sie offen ihre Seite bekennen.

Andreas Parson30.04.2012 | 10:20 Uhr

"""Im Irak etwa, wo sunnitische Terrorgruppen gezielt Jagd auf Andersgläubige machen. Bei der letzten Volkszählung 1987 lebten noch 1,4 Millionen Christen im Irak, zu Beginn der amerikanischen Invasion 2003 waren es 550 000, jetzt sind es knapp 400 000. Experten sprechen von einem "schleichenden Genozid", und in der Region von Mossul ist ihre Lage besonders dramatisch."""

quelle: http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-69174713.html

Nach dem Spiegelbericht lebten vor 2003 noch 550.000 Christen im Irak. Die meisten Christen sind schon vor der Invasion der USA aus dem Irak gefluechtet, laut den Zahlen in diesem Spiegelartiekel. Demnach sind nicht mehr als 150.000 Christen nach 2003 emmigriert?!?!

Immer Wieder tauchen verschiedene Zahlen auf? Welche sind nun richtig? Welche Quellen könnten zu Hilfe genommen werden?

MFG

Bülent Metin05.05.2012 | 22:25 Uhr