Generalvikar Peter Ebidero vor einer katholischen Kirche in Kano, Foto: dpa
Christen und Muslime in Nigeria

Kano kämpft gegen den Hass

Nach den blutigen Terrorangriffen vom Januar herrscht in Nigerias Metropole Kano gespannte Normalität. Um ein erneutes Aufflammen der Gewalt in ihrer Stadt zu verhindern, suchen Christen und Muslime den Dialog. Aus Kano berichtet Thomas Mösch.

Kano ist eine alte muslimische Metropole, aber seit der Kolonialzeit hat es auch hunderttausende Zuwanderer aus dem christlich dominierten Süden Nigerias angezogen. Viele von ihnen leben im Viertel "Sabon Gari", der "Neustadt".

Tagsüber hat sich das Leben normalisiert, es gibt nur wenige Kontrollposten. Die Geschäfte und Märkte haben geöffnet. Aber abends leeren sich die Straßen schnell, während Militär und Polizei überall Kontrollen einrichten. Neben den zumeist christlichen Igbo leben in Sabon Gari auch viele Yoruba aus Südwest-Nigeria, die selbst oft Muslime sind.

Einer von ihnen, der Student Sadiq, erzählt, dass er als Muslim nun von seinen christlichen Nachbarn komisch angeguckt werde. "Die Christen sehen das Ganze heute durch die religiöse Brille", beklagt er. "Viele sagen: Die Muslime sind schuld an der Situation. Die verstehen nicht, dass es Terroristen sind, die die Religion kaputt machen wollen."

Angst und Unsicherheit

Sicherheitsontrolle vor einer Kirche in Kano, Foto: Katrin Gänsler)
Allgegenwärtiger islamistischer Terror: Seit 2010 sollen die Islamisten der Boko Haram über 1.400 Menschen getötet haben. Die Gruppe wird für zahlreiche Anschläge auf Kirchen und Behörden verantwortlich gemacht.

​​Eine junge Frau gibt sich als Igbo und Christin zu erkennen. Sie studiere in der Hauptstadt Abuja und komme nur noch ungern zu ihrer Familie nach Kano, erzählt sie, denn viele Menschen hätten die Stadt verlassen. "Es ist schlimm. Freunde, Bekannte, Leute mit denen Du dich triffst - du kommst wieder und sie sind nicht mehr da." Obwohl die Spannungen wieder abgenommen hätten, fühlten sich viele Menschen in Kano nicht mehr wohl.

Ihre Eltern seien Geschäftsleute und die Geschäfte liefen jetzt sehr schlecht. Sie könnten sie nicht mehr so unterstützen wie früher. Den Kontakt zu muslimischen Freunden habe sie angebrochen: "Ich hatte welche, aber jetzt habe ich Angst vor ihnen."

Geschäftsleute in Schwierigkeiten

Pascal Nwosu kennt diese Ängste nur zu gut. Er ist Vorsitzender der Gemeinschaft der Igbo in Kano. Viele hätten die Stadt nach den Anschlägen verlassen. Einige seien zwar wieder zurückgekommen, aber die Igbo-Gemeinde, immerhin die größte nicht-einheimische Volksgruppe in Kano, sei stark geschrumpft.

Nwosu, der selbst mit Baumwolle und Ölsaaten handelt, sieht vor allem einen deutlichen wirtschaftlichen Aderlass: "Auch meine Firma hat Mitarbeiter verloren. Man kann sie ja nicht zwingen zu bleiben. Wenn doch etwas passiert, dann würden sie einem die Schuld geben, weil man sie zum Bleiben gezwungen hat."

In dieser Situation sei es schwer, Ersatz zu finden. Außerdem hätten viele Großhändler ihre Lager in andere Städte verlegt und würden nur noch kleine Mengen nach Kano liefern.

Soziale und politische Konfliktpotentiale

Nwosu selbst sieht keinen Grund zu gehen. Nicht die Muslime insgesamt würden sich gegen die Christen im Norden des Landes wenden. Die Angreifer seien eine kleine Gruppe, die Chaos ins Land bringen wolle. Die Ursachen des Konflikts seien nicht religiöser Natur, sondern sozial und politisch.

Bichof Ramsom Bello, Foto: Thomas Mösch)
"Wir können nicht viel tun, wenn Leute entschlossen sind, Kano zu verlassen", meint resigniert Bischof Ramson Bello, der Vorsitzende der Vereinigung der Christen Nigerias in Kano.

​​Bischof Ransom Bello von der evangelikalen Cavalry Life Assembly sieht es ähnlich. Er ist der Vorsitzende der Vereinigung der Christen Nigerias (CAN) in Kano. Bello ruft seine Glaubensbrüder eindeutig zum Bleiben auf: "Wir glauben, dass es überall Gefahren gibt. Wenn meine Zeit noch nicht gekommen ist, kann mich auch niemand umbringen." Er versuche zwar, auf seine Gemeinde einzuwirken, aber er weiß: "Wir können nicht viel tun, wenn Leute entschlossen sind, Kano zu verlassen. Ich verstehe das ja."

An der Zufahrt zu seiner eigenen Kirche zeigt eine nagelneue Schranke, dass die Gefahr ständig präsent ist. "Sowas haben wir früher nicht gebraucht", erzählt Bello frustriert. "Heute kontrollieren wir jeden Gottesdienstbesucher einzeln." Viele der mehrere hundert weißen Plastikstühle würden während der Gottesdienste leer bleiben, berichtet der Bischof. Die Menschen sind entweder ganz weggegangen oder haben Angst, eine Kirche aufzusuchen.

Christlich-muslimischer Dialog

Grundsätzlich sei das Verhältnis zu den Muslimen in den letzten Jahren deutlich besser geworden, betont Bello. Im Gegensatz zu früher habe es in Kano seit langem keine größere Gewalt zwischen den Religionen gegeben. Der Dialog sei angesichts der aktuellen Gefahren sogar intensiver geworden.

Das bestätigt auch sein Dialogpartner Mohammed Aminu Daurawa. Der muslimische Geistliche ist Oberkommandierender der Religionspolizei Hisbah. Der Dialog mit der christlichen Minderheit habe jetzt feste Strukturen, betont Daurawa: "Früher gab es das nicht. Jetzt hat jede Gruppe ihren festen Vertreter. Es gibt jetzt beim Gouverneur einen Berater für ethnische Gruppen und einen für religiöse Angelegenheiten."

Über deren Büros werde nun der Dialog zwischen den Gruppen organisiert. Ein Beispiel für den neuen Geist der Zusammenarbeit seien die Proteste gegen die Benzinpreiserhöhungen Anfang des Jahres gewesen. An den Sonntagen hätten die Muslime, auch seine Hisbah, während der Gottesdienste Kirchen bewacht und dafür gesorgt, dass die Christen in Ruhe beten konnten.

Mehr Zurückhaltung üben

Bischof Bello hält denn auch gar nichts von Drohungen, dass die Christen wegen der Angriffe auf Kirchen Vergeltung üben sollten. "Die Frage ist, gegen wen kämpft man dann? Sollen wir unsere muslimischen Freunde angreifen, die uns zu Ostern Reis gespendet haben?"

Bello wünscht sich, dass seine Kollegen in Südnigeria etwas mehr Zurückhaltung üben würden, wenn sie über die Lage im Norden reden. Da werde schnell das Wort von der Vergeltung geschwungen, ohne dass der, der spricht wisse, wie es im Norden wirklich aussehe, klagt Bello.

Die Unsicherheit steigt trotzem, denn nach den Anschlägen auf Kirchen im benachbarten Bundesstaat Kaduna veröffentlichte die Terrorgruppe Boko Haram Mitte Juni eine Erklärung, in der sie auch die Einwohner Kanos vor weiteren Anschlägen warnte, falls sie weiter mit den Sicherheitsbehörden gegen die Terroristen zusammenarbeiten.

Thomas Mösch

© Deutsche Welle 2012

Redaktion: Arian Fariborz/Qantara.de

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Die internationale Gemeinschaft befindet sich in einem großen Dilemma: wie soll es weitergehen in Libyen? Denn es ist klar, dass sie militärisch eingreifen muss, um das Gaddafi-Regime zu beseitigen. Die Alternative wäre ein endloser Bürgerkrieg vor den Toren Europas.

Makus Halmann12.04.2011 | 09:49 Uhr

Ich befürchte auch, dass der Politologe F. Stephen Larrabee Recht hat, denn die Bedingungen in der Türkei und vor allem die lange Tradation des Kampfes um Demokratie unterscheiden sich in der Tat von denen in den meisten arabischen Ländern. Schöner Beitrag.

Ahmad Ezzat12.04.2011 | 17:13 Uhr

Gesegnt seid ,Anonimität ist ein bestandteil der Freiheit,und des inhalt kontex Qualität was zelt

Jaljaloot Elharoot13.04.2011 | 20:43 Uhr

Wunderbarer Beitrag von Michael Roes, den ich als Autor und kritischer Beobachter der arabischen Welt seit langem sehr schätze. Roes besitzt die nötige Empathie für die arabischen Bürger und den Respekt vor ihren Bedürfnissen und Sehnsüchten.

Hans Zimmermann17.04.2011 | 09:51 Uhr

Das Jahr 2001 sollte nicht wiederholt werden

Beate Elefant18.04.2011 | 23:29 Uhr

Der sogenannte Streit ums Kopftuch ist nur Symptom für die Unfähigkeit aller Akteure, sich den wichtigeren Problemen zu widmen. Das schreibe ich, obwohl ich die Argumente von Frau Kaddor nicht überzeugend finde.

Susan Müller-H...20.04.2011 | 07:46 Uhr

Die Sicherheitskräfte des verhassten Assad-Regimes haben heute und gestern in mehreren Städten und Regionen Syriens Massaker angerichtet. Wo es Tote gab, war das perfide Muster immer dasselbe: Nicht Polizisten in Uniform feuerten die tödlichen Schüsse ab, sondern Heckenschützen in Zivil, die auf Hausdächern lauerten und willkürlich in die Menschenmengen schossen, um Panik und Furcht auszulösen. In Homs sind dadurch so viele Menschen verletzt worden, dass Ärzte unter den Demonstranten in den Gassen der Altstadt improvisierte Lazarette einrichteten, erzählte eine Augenzeugin der BBC. Es ist an der Zeit, auch das Assad-Regime zu ächten und international zu isolieren.

Helmuth Alkadli22.04.2011 | 23:50 Uhr

Mit diesem Satz hat Jesus seinem Bruder gezeigt, dass die Liebe stärker ist als Hass und Neid.
Luzifer wollte seinen Bruder, den Metadron (Jesus) vom Thron stürzen, um für sich selber die Herrschaft zu stehlen. Jesus lies sich aus Liebe zu seinem "verlorenen" Bruder freiwillig am Kreuz morden. Er wußte, dass Gott ihm das Leben zurück geben wird.
GOTT IST >Leben kann man nicht töten. Es wäre sonst nicht das Leben das ewig ist! Es wandelt sich nur.

Die Christen beten beim Gottesdienst: "Deinen Tod oh Herr verkünden wir und deine Auferstehung preisen wir, bis du kommst in Herrlichkeit!" Da haben sich die Herren in Rom aber einen schönen Unsinn ausgedacht. Wer will denn noch immer den Tod Jesu verkünden und warum? Der Teufel will es. Nutzt ihm aber nichts, denn Jesus lebt und ändert von der geistigen Welt aus das Leben auf der Erde. Das ist ein sehr schwieriger Änderungsprozess, weil die Menschen freiwillig nichts ändern und auch nicht umdenken wollen.
Trotzdem wird das Werk gelingen, weil es der Wille Gottes, des Vaters ist.

Die Hoffnung auf eine bessere Zukunft lässt Änderungen wie derzeit in der Arabischen Welt zu und auch im Christentum hat ein Nachdenken bereits begonnen. Gott ist die Liebe und die Liebe ist die stärkste Macht im Universum und Gott liebt uns alle gleich.
http://www.hopeland.at
Möge das Werk gelingen. Das wünsche ich mir und allen Menschen auf der Erde.
Mathilde

Mathilde Heiml30.04.2011 | 10:51 Uhr

exzellenter artikel. danke.

ulrich johannes...30.04.2011 | 12:56 Uhr

Die Idee, die durch die zurückgehende gesellschaftliche Bindungskraft der evangelischen Kirche ausgelöste (innere) Krise als Chance auf eine Neuformierung im Sinne einer neofundamentalistischen, gesellschaftliche Fragen ausblendenden Missionstheologie zu interpretieren, mag als privates Hirngespinst von Herrn Pfarrer (sic!) Teufel hingenommenwerden müssen, als Vorbote einer dadurch beförderten ethnisch-religiösen Kantonisierung unserer Gesellschaft ist es mir jedoch eine Horrorvorstellung! Stattdessen brauchen wir tatsächlich eine weit konsequentere Hinwendung zum Laizismus und die Rückkehr zu einer tatsächlich (statt nur noch alibimäßig betriebenen) umverteilenden Sozialpolitik und ein Bündnis aller (auch der jeweils moderaten Anhänger der diversen Religionen) zu deren Durchsetzung. Sonst können wir uns in zwanzig Jahren mit bosnischen Verhältnissen zwischen Rhein und Oder anfreunden...

Max Schumacher30.04.2011 | 17:02 Uhr

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