Demonstration gegen das Assad-Regime in Maadamiya, in der Nähe von Damaskus; Foto: dapd
Bürgerkrieg in Syrien

Assads letzte Tage können noch Jahre dauern

Die syrische Bloggerin Jasmine Roman schreibt über den Krieg in ihrem Land, der ein konfessioneller geworden ist – und der auch nach dem Sturz Assads andauern könnte.

Die Lage in Syrien ist unübersichtlich. So unübersichtlich, dass es beinahe unmöglich erscheint, Wege zu finden, um dem Töten und der Gewalt ein Ende zu setzen. Die syrische Krise ist festgefahren, und angesichts des andauernden Konflikts nehmen Brutalität und Gräueltaten immer grauenhaftere Formen an. Ein fruchtbarer Boden für noch mehr Unterdrückung, Vergeltung, Radikalisierung und Rechtlosigkeit.

Die regionale und internationale Unterstützung für die einzelnen Konfliktparteien hat das Kräfteverhältnis auf dem Schlachtfeld verändert. Sie hat die Fragmentierung des Rebellenlagers befördert und radikalen Islamisten Auftrieb gegeben. In letzter Zeit wurde häufig über eine Unterwanderung der syrischen Revolution durch al-Qaida und über zunehmende Umtriebe des Terrornetzwerks in Syrien berichtet. Es gibt sie – das ist nicht zu leugnen. Doch alles in allem sollte man die Präsenz von al-Qaida nicht überbewerten.

Salafistischer Prediger Ahmed al-Assir in Beirut, Foto: picture-alliance/dpa
Stunde der religiösen Eiferer: Radikal-islamische Gruppierungen profitieren von der gegenwärtigen Unsicherheit und desaströsen Lage in Syrien sowie in den vom Bürgerkrieg betroffenen Nachbarstaaten: Salafistischer Prediger wettert gegen das Assad-Regime in Beirut

​​Die politische Opposition ebenso wie die friedlichen Demonstranten und die Freie Syrische Armee haben sich in aller Deutlichkeit und Schärfe gegen al-Qaida gewandt. Aus ihrer Sicht ist die Präsenz der Terrororganisation eine reale Bedrohung für die Revolution.

Denn am Ende spielen übertriebene Diskussionen über die Präsenz von al-Qaida in Syrien dem Regime in die Hände: Sie untermauern dessen Behauptung, dass es kämpfende Islamisten und terroristische Gruppen sind, die die staatliche Ordnung bedrohen. Auch wenn die Sorge vor einem Erstarken des Terrornetzwerks in Syrien berechtigt ist, lässt sich seine tatsächliche Stärke im Land nur sehr schwer einschätzen.

Politische und diplomatische Mittel sind ausgeschöpft

Inmitten all der Zerstörung und der verzweifelten Versuche, Assad zu stürzen, könnte jedoch der Einfluss der Dschihadisten zunehmen. Ein willkommener Vorwand für das Regime, noch mehr Gräueltaten zu begehen und sein eigenes Überleben durch ein weiteres unerhörtes Massaker zu sichern.

Die politischen und diplomatischen Mittel sind ausgeschöpft. Sie haben nicht nur in einen Teufelskreis geführt, sondern auch im ganzen Land eine humanitäre Katastrophe ausgelöst. Nach jüngsten Angaben gehen die Vereinten Nationen davon aus, dass zehn Millionen Syrer von dem Konflikt betroffen sind und bis zu 1,5 Millionen Menschen dringend jedwede Form humanitärer Unterstützung benötigen.

Flüchtlinge in der türkischen Hatay-Provinz; Foto: Reuters
Flüchtlingsdrama grenzenlos: Allein in der Türkei sind bisher etwa 80.000 registrierte Flüchtlinge aus Syrien. In den letzten zwei Wochen trafen dort an jedem Tag rund 5.000 Syrer ein. Die türkische Regierung versucht daher seit einigen Tagen, den Flüchtlingsstrom an ihrer Grenze mit schärferen Kontrollen einzudämmen.

​​In den Nachbarländern sind bereits rund 124.000 syrische Flüchtlinge registriert, eine Million Menschen wurden innerhalb des Landes vertrieben. Unabhängig davon, ob Assad gestürzt wird oder an der Macht bleibt: Das Leiden der Menschen kann ebenso wenig beziffert werden wie die finanziellen Kosten für den Wiederaufbau des Landes und die Rückkehr zum Vorkriegsniveau.

Das Land, seine Infrastruktur, seine historischen Schätze – ein Trümmerhaufen. Bleibt die Frage, wer für den Wiederaufbau aufkommt und die Syrer in ihre Häuser zurückbringt.

Anfangs hatten die Menschen in Syrien Angst davor, ihr Land könnte die gleiche Entwicklung nehmen wie der benachbarte Irak, der Libanon oder gar Afghanistan. Mittlerweile fürchtet man, dass eine unheilvolle Verquickung aller drei Szenarien Realität werden könnte.

Abgleiten in einen konfessionellen Konflikt

Der Bürgerkrieg ist in einen konfessionellen Konflikt abgeglitten. Die Konzentration auf konfessionelle und religiöse Elemente verstärken das Vakuum und die Polarisierung sowohl der innersyrischen als auch der externen Akteure.

Durch Kofi Annans Rücktritt rückt eine politische Lösung derzeit in weite Ferne. Das Mantra, Assads Tage seien gezählt, überzeugt nicht mehr.

Zivilisten in am Bab Al-Salameh-Grenzübergang in Nordsyrien; Foto: dapd
Die Opfer des Bürgerkrieges: "Viele Syrer sind zunehmend frustriert, während sie dabei zusehen müssen, wie die Revolution von anderen Kräften gekapert wird. Doch ganz gleich, wie sich die Situation entwickelt, werden die Syrer nicht aufgeben und über ihre Zukunft entscheiden", schreibt Jasmine Roman.

​​Diese "gezählten Tage" können noch Jahre andauern. Auch wenn das Regime die Kontrolle verlieren oder einige ländliche Regionen und den Norden des Landes aufgeben würde: Ausschlaggebend ist der Kampf um die großen Städte.

Und doch: Langsam, aber sicher zerstört das Regime sich selbst. Am Ende werden seine Mittel begrenzt sein. Andererseits können aber drohender Radikalismus und das Unvermögen, dem Extremismus entgegenzuwirken, einen weiteren dunklen Flecken auf einem so wichtigen Kapitel der jüngsten Geschichte Syriens hinterlassen.

Viele Syrer sind zunehmend frustriert, während sie dabei zusehen müssen, wie die Revolution von anderen Kräften gekapert wird. Doch ganz gleich, wie sich die Situation entwickelt, werden die Syrer nicht aufgeben und über ihre Zukunft entscheiden. Am Ende können sich nur die Syrer selbst von den Jahrzehnten der Unterdrückung und Autokratie befreien.

Jasmine Roman

© ZEIT ONLINE 2012

Die Autorin Jasmine Roman ist das Pseudonym einer jungen syrischen Journalistin und Bloggerin. Sie schreibt aus Damaskus. Ihr Beitrag ist Teil einer Reihe über die neuen Akteure in den Transformationsstaaten der arabischen Welt, die ZEIT ONLINE in Zusammenarbeit mit der Körber-Stiftung veröffentlicht.

Redaktion: Arian Fariborz/Qantara.de

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