Palästinensische Flüchtlinge während der Nakba; Foto: Public Domain
Buchtipp: "Nakba – Die offene Wunde"

Spiegelbild der Gesellschaft

Die Schweizer Journalistin Marlène Schnieper beschreibt in ihrem Buch anhand von Biographien prominenter und unbekannter Palästinenser, wie Flucht und Vertreibung im Jahr 1948 noch heute die palästinensische Gesellschaft prägen. Moritz Behrendt hat das Buch gelesen.

Nein, die Schlüssel dürfen auch in diesem Buch über die Nakba nicht fehlen – die großen, angerosteten Schlüssel ihrer alten Häuser, die vertriebene Palästinenser in Flüchtlingslagern schon fast reflexhaft vorzeigen als Symbol für das Unrecht, das ihnen und ihren Familien 1948 durch den entstehenden Staat Israel angetan wurde.

Die Schlüssel stehen im Zentrum vieler Publikationen über die "Nakba", die Katastrophe, so wie die Palästinenser die Vertreibung aus ihrer Heimat im Jahr 1948 empfunden haben. Das bildstarke Symbol hat aber an Kraft verloren, weil eine Konfliktlösung im Nahen Osten – wie auch immer sie zustande kommen mag –, sicherlich keine Rückkehr der Flüchtlinge in ihre alten Wohnorte und Häuser auf israelischem Staatsgebiet beinhalten wird.

So ist es äußerst wohltuend, dass die Schweizer Journalistin Marlène Schnieper in ihrem Buch "Nakba – die offene Wunde" äußerst sparsam mit emotionsbeladenen Klischees wie den Schlüsseln umgeht.

Palästinenserin hält Schlüssel, das Symbol für die Nakba vom 15. Mai 1948, hoch; Foto: AP
Sinnbild für Flucht und Vertreibung: Das bildstarke Symbol hat jedoch an Kraft verloren, weil eine Konfliktlösung im Nahen Osten sicherlich keine Rückkehr der Flüchtlinge in ihre alten Wohnorte und Häuser beinhalten wird.

​​Ihr gelingt der Spagat, einerseits ihre Sympathien für die Palästinenser deutlich offenzulegen und andererseits bei der Schilderung der Ereignisse auf der Sachebene zu bleiben. Ausführlich und präzise beschreibt sie die bürgerkriegsähnlichen Zustände vor der israelischen Staatsgründung.

Sie betont, dass die arabischen Staaten im Krieg nach der Staatsgründung weit weniger geeint, ausgerüstet und entschlossen für die Sache der Palästinenser kämpften als ihre martialische Rhetorik dies suggerierte. ("Egal, wie viele Juden es da gibt. Wir werden sie ins Meer werfen", so Abd al-Rahman Azzam Pasha, der erste Generalsekretär der Arabischen Liga).

Die Folgen des Massakers von Deir Yassin

In ihrer Schilderung beruft sich Schnieper in erster Linie auf die Erkenntnisse der israelischen Neuen Historiker, die seit Ende der 1980er Jahre die Gründungsmythen ihres Staates erschüttert haben. Etwa, dass die Palästinenser vor der israelischen Unabhängigkeit freiwillig ihre Häuser verlassen hätten.

Schnieper stellt dar, wie die geplante und teilweise brutale Vertreibung der Palästinenser aus einzelnen Orten eine Kettenreaktion im gesamten Land auslöste: So hätten Nachrichten und Gerüchte über das Massaker von Deir Yassin zahlreiche Palästinenser zu Flucht bewogen.

Am 9. April 1948 hatten die zionistischen Untergrundorganisationen Irgun und Léhi in dem Dorf nahe Jerusalem zwischen 100 und 120 Menschen getötet – Gerüchte machten schnell die Runde, die Zahl der Getöteten läge doppelt so hoch und die Milizionäre hätten auch arabische Frauen vergewaltigt.

Buchcover Nakba – Die offene Wunde. Die Vertreibung der Palästinenser 1948 und die Folgen, im Rotpunktverlag
Es gehört zu den Stärken von Schniepers Buch, dass die Palästinenser nicht als passive Opfer dargestellt werden, sondern als Akteure, die auf mehr oder weniger erfolgreiche Weise mit dem Unrecht umgehen, dass ihren Familien angetan wurde, schreibt Behrendt.

​​Die Berichte aus Deir Yassin hätten auch für seine Familie den Ausschlag für die Flucht gegeben, sagt Hasan Hammami in Schniepers Buch. Die Autorin stellt insgesamt sechs palästinensische Familien vor, beschreibt, wie das Jahr 1948 ihr Leben verändert hat.

Geschickt verknüpft sie dabei Biographisches mit der Zeitgeschichte. Die Hammamis etwa waren eine wohlhabende Obsthändler-Familie aus Jaffa, die nach der Flucht in den Libanon ihr Haus und einen Großteil ihres Vermögens verloren haben. Dank guter Kontakte musste die Familie, anders als viele andere, im Libanon nicht im Flüchtlingslager leben und Hasan Hammami konnte wie seine Schwester im Exil eine erfolgreiche berufliche Karriere starten: "Als Flüchtlingskinder können wir uns sehen lassen, nicht wahr?", zitiert ihn die Schweizer Autorin.

Es gehört zu den Stärken von Schniepers Buch, dass die Palästinenser nicht als passive Opfer dargestellt werden, sondern als Akteure, die auf mehr oder weniger erfolgreiche Weise mit dem Unrecht umgehen, dass ihren Familien angetan wurde.

Da ist der Gelegenheitsjobber, der immer wieder aufs Neue hoffen muss, in Israel eine Arbeitserlaubnis zu bekommen, damit er über die Runden kommt. Da ist der Vater im Flüchtlingslager Balata im Westjordanland, der seine beiden Söhne verloren hat.

Querschnitt durch die palästinensische Gesellschaft

Nachdem der eine durch einen israelischen Angriff getötet wurde, versuchte der andere als Selbstmordattentäter Rache zu nehmen, wurde aber vor der Tat von israelischen Soldaten erschossen.

Da ist eine Beduinenfamilie, die sich von niemandem so richtig repräsentiert fühlt. Sie alle kommen ebenso ausführlich zu Wort wie Sari Nusseibeh, der querdenkende Philosoph aus einer alten Jerusalemer Adelsfamilie und Ahmed Yousef, intellektueller Berater der Hamas-Führung im Gaza-Streifen – ein Islamist, der von sich sagt, seine beste Zeit in Washington verlebt zu haben.

Es ist dieser biographische Querschnitt durch die palästinensische Gesellschaft, der dieses Buch so lesenswert macht. In der Familiengeschichte der Portraitierten findet die Autorin immer wieder Belege dafür, dass die Geschichte von 1948 noch heute nachwirkt und Muster, die den Konflikt im Nahen Osten noch heute prägen: von der Zerstrittenheit der palästinensischen Führung über die mangelnde Unterstützung der arabischen Staaten für die Palästinenser bis zur andauernden Landnahme durch Israel und seine Siedler, gestützt durch die militärische Überlegenheit des jüdischen Staates.

Das alles ist nicht wirklich neu, und wer sich bereits ausführlich mit dem Nahostkonflikt beschäftigt hat, dem kommt bei der Lektüre manches bekannt vor. Sehr zu empfehlen ist Marlène Schniepers Buch daher vor allem für Einsteiger: Wer verstehen will, was die Gründung des Staates Israel für viele Palästinenser bedeutet hat, dem gibt "Nakba – die offene Wunde" einen gut lesbaren Einblick – hilfreich sind dabei auch die ausführliche Chronologie und das Glossar.

Moritz Behrendt

© Qantara.de 2012

Marlène Schnieper: Nakba – Die offene Wunde. Die Vertreibung der Palästinenser 1948 und die Folgen, Rotpunktverlag, Zürich 2012

Redaktion: Arian Fariborz/Qantara.de

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Die internationale Gemeinschaft befindet sich in einem großen Dilemma: wie soll es weitergehen in Libyen? Denn es ist klar, dass sie militärisch eingreifen muss, um das Gaddafi-Regime zu beseitigen. Die Alternative wäre ein endloser Bürgerkrieg vor den Toren Europas.

Makus Halmann12.04.2011 | 09:49 Uhr

Ich befürchte auch, dass der Politologe F. Stephen Larrabee Recht hat, denn die Bedingungen in der Türkei und vor allem die lange Tradation des Kampfes um Demokratie unterscheiden sich in der Tat von denen in den meisten arabischen Ländern. Schöner Beitrag.

Ahmad Ezzat12.04.2011 | 17:13 Uhr

Gesegnt seid ,Anonimität ist ein bestandteil der Freiheit,und des inhalt kontex Qualität was zelt

Jaljaloot Elharoot13.04.2011 | 20:43 Uhr

Wunderbarer Beitrag von Michael Roes, den ich als Autor und kritischer Beobachter der arabischen Welt seit langem sehr schätze. Roes besitzt die nötige Empathie für die arabischen Bürger und den Respekt vor ihren Bedürfnissen und Sehnsüchten.

Hans Zimmermann17.04.2011 | 09:51 Uhr

Das Jahr 2001 sollte nicht wiederholt werden

Beate Elefant18.04.2011 | 23:29 Uhr

Der sogenannte Streit ums Kopftuch ist nur Symptom für die Unfähigkeit aller Akteure, sich den wichtigeren Problemen zu widmen. Das schreibe ich, obwohl ich die Argumente von Frau Kaddor nicht überzeugend finde.

Susan Müller-H...20.04.2011 | 07:46 Uhr

Die Sicherheitskräfte des verhassten Assad-Regimes haben heute und gestern in mehreren Städten und Regionen Syriens Massaker angerichtet. Wo es Tote gab, war das perfide Muster immer dasselbe: Nicht Polizisten in Uniform feuerten die tödlichen Schüsse ab, sondern Heckenschützen in Zivil, die auf Hausdächern lauerten und willkürlich in die Menschenmengen schossen, um Panik und Furcht auszulösen. In Homs sind dadurch so viele Menschen verletzt worden, dass Ärzte unter den Demonstranten in den Gassen der Altstadt improvisierte Lazarette einrichteten, erzählte eine Augenzeugin der BBC. Es ist an der Zeit, auch das Assad-Regime zu ächten und international zu isolieren.

Helmuth Alkadli22.04.2011 | 23:50 Uhr

Mit diesem Satz hat Jesus seinem Bruder gezeigt, dass die Liebe stärker ist als Hass und Neid.
Luzifer wollte seinen Bruder, den Metadron (Jesus) vom Thron stürzen, um für sich selber die Herrschaft zu stehlen. Jesus lies sich aus Liebe zu seinem "verlorenen" Bruder freiwillig am Kreuz morden. Er wußte, dass Gott ihm das Leben zurück geben wird.
GOTT IST >Leben kann man nicht töten. Es wäre sonst nicht das Leben das ewig ist! Es wandelt sich nur.

Die Christen beten beim Gottesdienst: "Deinen Tod oh Herr verkünden wir und deine Auferstehung preisen wir, bis du kommst in Herrlichkeit!" Da haben sich die Herren in Rom aber einen schönen Unsinn ausgedacht. Wer will denn noch immer den Tod Jesu verkünden und warum? Der Teufel will es. Nutzt ihm aber nichts, denn Jesus lebt und ändert von der geistigen Welt aus das Leben auf der Erde. Das ist ein sehr schwieriger Änderungsprozess, weil die Menschen freiwillig nichts ändern und auch nicht umdenken wollen.
Trotzdem wird das Werk gelingen, weil es der Wille Gottes, des Vaters ist.

Die Hoffnung auf eine bessere Zukunft lässt Änderungen wie derzeit in der Arabischen Welt zu und auch im Christentum hat ein Nachdenken bereits begonnen. Gott ist die Liebe und die Liebe ist die stärkste Macht im Universum und Gott liebt uns alle gleich.
http://www.hopeland.at
Möge das Werk gelingen. Das wünsche ich mir und allen Menschen auf der Erde.
Mathilde

Mathilde Heiml30.04.2011 | 10:51 Uhr

exzellenter artikel. danke.

ulrich johannes...30.04.2011 | 12:56 Uhr

Die Idee, die durch die zurückgehende gesellschaftliche Bindungskraft der evangelischen Kirche ausgelöste (innere) Krise als Chance auf eine Neuformierung im Sinne einer neofundamentalistischen, gesellschaftliche Fragen ausblendenden Missionstheologie zu interpretieren, mag als privates Hirngespinst von Herrn Pfarrer (sic!) Teufel hingenommenwerden müssen, als Vorbote einer dadurch beförderten ethnisch-religiösen Kantonisierung unserer Gesellschaft ist es mir jedoch eine Horrorvorstellung! Stattdessen brauchen wir tatsächlich eine weit konsequentere Hinwendung zum Laizismus und die Rückkehr zu einer tatsächlich (statt nur noch alibimäßig betriebenen) umverteilenden Sozialpolitik und ein Bündnis aller (auch der jeweils moderaten Anhänger der diversen Religionen) zu deren Durchsetzung. Sonst können wir uns in zwanzig Jahren mit bosnischen Verhältnissen zwischen Rhein und Oder anfreunden...

Max Schumacher30.04.2011 | 17:02 Uhr

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