Libanesische Demonstranten vor der syrischen Botschaft in Beirut, Foto: DW/Dareen Al Omari
Buchtipp: "Der Aufstand" von Volker Perthes

Die arabische Revolution und ihre Folgen

Volker Perthes, Direktor der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin, geht in seinem neuen Buch der Frage nach, was der arabische Aufbruch für die deutsche und die europäische Politik bedeutet. Claudia Mende hat das Buch für Qantara.de gelesen.

Als unabhängige Forschungseinrichtung mit Geldern des Bundeskanzleramts finanziert, hat die SWP auch den Auftrag, die Politik zu beraten. Nach dem Beginn des Arabischen Frühlings im letzten Jahr gerieten Wissenschaftler, die über den Nahen Osten arbeiten, in die Kritik. Man warf ihnen vor, den Umbruch nicht vorhergesehen und stattdessen die Stabilität autoritärer Regime beschworen zu haben. Warum, so fragten Medien und Öffentlichkeit damals, hat denn niemand den Ausbruch einer Protestbewegung von Tunis bis Sanaa vorhergesagt?

Perthes ist nicht nur einer der besten deutschen Nahost-Kenner und ein ausgewiesener Syrien-Experte, sondern auch ein in den Medien viel gefragter Kommentator aktueller Ereignisse. Er analysiert und strukturiert, teilt das revolutionäre Geschehen in typische Phasen ein und beschreibt Gemeinsamkeiten wie Unterschiede in der Region.

Er versucht sich gar nicht erst in der Attitude des "Ich-war-dabei", sondern liefert Hintergründe und Analysen. Dabei gibt der Politologe einen umfassenden Überblick über die gesamte arabische Welt und bezieht auch Staaten an der Peripherie mit ein, wie den Sudan, und Länder, die vordergründig immun gegen den Wandel erscheinen, wie die Golfstaaten.

Einen breiten Raum nehmen in dem Buch auch seine Empfehlungen an die deutsche und europäische Politik ein, was bei der Stellung des Autors als Leiter eines wichtigen deutschen Think Tank nicht verwundert.

"Die Mauer der Angst ist gefallen"

Perthes deutet den arabischen Aufstand vor allem als das Auflehnen einer jungen Generation gegen die Autorität der Älteren. Die ältere Generation hat aus Angst vieles hingenommen, wozu die Jüngeren nicht mehr bereit sind. Bei den Jungen ist die "Mauer der Angst" gefallen und dieser Wandel in den Köpfen läßt sich nicht mehr rückgängig machen. Selbst dann nicht, wenn der politische Prozess bis zur Herstellung demokratischer Verhältnisse langwierig und zäh wird und es zahlreiche Rückschläge zu überwinden gilt.

Protest auf dem Tahrir-Platz in Kairo; Foto: picture-alliance/dpa
Aufstand der Jugend in der arabischen Welt: Europa sollte die Chance zu einer historische Allianz mit der arabischen Jugend ergreifen. Perthes verlangt von Europa "stärkere politische Signale", die eine neue Haltung der Region gegenüber demonstrieren sollen.

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Dazu zitiert er ein interessantes Beispiel aus Syrien, das aus der saudischen Zeitung Sharq al Awsat stammt. Die Zeitung will beobachtet haben, wie in der Stadt Homs zu Beginn der Proteste gegen Assad ältere Gläubige vergeblich versuchten, die "Jungen davon abzuhalten, sich nach dem Freitagsgebet in der großen Khalid-bin-Walid-Moschee einem Protestzug anzuschließen". Doch die Jungen lassen sich nicht mehr beschwichtigen. Deswegen bezeichnet Perthes die arabische Revolution als einen jugendlichen und unideologischen Aufstand gegen die Autoritäten in Staat und Gesellschaft.

Mit der deutschen und europäischen Nahost-Politik geht Perthes in der Sprache moderat, in der Sache aber durchaus hart ins Gericht. Viel zu lange habe man Stabilität mit Stagnation verwechselt und bis heute bleibe für ihn unklar, ob Entscheidungsträger und Öffentlichkeit in Europa wirklich verstanden hätten, was sich in der arabischen Welt tut. "Eine bittere Wahrheit ist, dass westliche Politik eine demokratische Entwicklung in der arabischen Welt nicht wirklich vorwärtsgebracht hat," kritisiert Perthes.

Tatsächlich wertet er vor allem den Irakkrieg als eine "politische Lebensverlängerung" für so manchen Autokraten im Nahen Osten, der zur Rechtfertigung für fehlende Demokratisierung auf das Chaos nach dem Sturz von Saddam Hussein verweisen konnte. Der Kampf gegen den Terror nach den Anschlägen vom 11. September 2001 hat ebenfalls den Regimen reichlich Stoff geliefert, um ihre Verweigerung demokratischer Reformen zu ummanteln. Diese Kritik trifft vor allem die USA.

Arabischer Frühling als Herausforderung für Europa

Doch auch die europäische Politik muss sich nach ihrem Anteil an Verantwortung für die Stagnation fragen lassen. Mit ihren doppelten Standards, die sie im Nahen Osten immer wieder praktiziert hat, hat auch sie zum status quo beigetragen. Sie hat in den palästinensischen Gebieten demokratische Wahlen angemahnt, aber nach dem Wahlsieg der Hamas Anfang 2006 die Bereitschaft zum Gespräch mit den Wahlsiegern von Bedingungen abhängig gemacht, "die sie keinem anderen Akteur im Nahen Osten abforderte". In der Besetzung palästinensischen Territoriums sieht Perthes denn auch das "wichtigste Element radikaler islamistischer oder nationalistischer Mobilisierung" in der Region.

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Heute hat Europa die Chance, einen Aufbruch zu unterstützen, von dem es überrascht wurde und der ohne sein Zutun entstanden ist. Perthes verlangt von Europa "stärkere politische Signale", die eine neue Haltung der Region gegenüber demonstrieren sollen. Es sollte vorrangig jene Staaten unterstützen, die sich in Richtung Demokratie bewegen. Hier könnte Perthes ein bisschen konkreter werden, denn angesichts so fragwürdiger Deals wie dem Verkauf von Kampfpanzern an Saudi-Arabien darf man ruhig bezweifeln, ob die deutsche Politik ihre Grundlinien verändert.

Was Perthes verlangt, ist aber nicht neu: einen verbesserten Marktzugang für Waren aus der arabischen Welt durch die Abschaffung von Handelshemmnissen und einen leichteren, aber gesteuerten "Zugang junger Menschen aus diesen Ländern zum europäischen Arbeitsmarkt", um den demographischen Druck auf die jungen Nationen Nordafrikas zumindest etwas zu mildern.

Was Israel betrifft, geht Perthes nicht davon aus, dass die Umbrüche in der arabischen Welt, vor allem in Ägypten, seine Existenz wirklich gefährden werden. Für die junge Generation in der arabischen Welt sei der Staat Israel längst ein Faktum. Allerdings laufe der jüdische Staat durchaus Gefahr, seine Zukunft aufs Spiel zu setzen, wenn er sich im Verhältnis zu den Palästinensern nicht bewege.

Es führe für Israel kein Weg an einer Zweistaatenlösung und der vollständigen Aufgabe der 1967 besetzten Gebiete vorbei, auch wenn die Rückgabe schmerzhaft ist. Wenn das Land aber "die Chance vertut, einen israelisch-palästinensischen Frieden auf der Grundlage der Zweistaatlichkeit zu schließen", dann laufe die Zukunft auf einen binationalen Staat hinaus, in dem Juden zur Minderheit werden. "Für Israel als jüdisch-demokratischem Staat liegt hier die eigentliche Bedrohung."

Optimistische Prognosen für die Zukunft

Volker Perthes, Foto: picture-alliance/dpa
Der 1958 geborene Politikwissenschaftler und Nahostexperte ist Direktor der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin.

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In seinen Prognosen für die Zukunft ist Perthes optimistisch, das Buch ist noch stark von der Aufbruchstimmung der ersten Hälfte des letzten Jahres geprägt. Ägypten und Tunesien bezeichnet er als "demokratische Konsolidierer", bei denen eine halbwegs funktionierende Demokratie im Bereich des Möglichen liegt, vor allem in Tunesien. Ägypten könnte einem Modell ähnlich wie in Indonesien folgen, das formal demokratisch ist, während viele Institutionen noch autoritäre Züge tragen. Die dramatische Entwicklung in Syrien war im Sommer 2011 noch nicht absehbar, aber seine Skepsis gegenüber der Entwicklung in Libyen verhehlt Perthes nicht. Dort hält er einen staatlichen und institutionellen Neuaufbau für sehr schwierig.

Etwas störend beim Lesen sind in den Anfangskapiteln die apologetischen Verweise des Autors auf frühere eigene Werke, in denen er den Aufbruch Arabiens vorher gesagt haben will. Das hätte Perthes eigentlich nicht nötig, ist aber vielleicht der Kritik an Think Tanks wie der SWP geschuldet.

Wenig lesefreundlich ist auch die Schreibweise arabischer Namen. Sie ist zwar näher am arabischen Original, aber für deutschsprachige Leser doch sehr ungewohnt. Alles in allem liefert Perthes eine solide Analyse, die viel zum Verständnis des Geschehens in der arabischen Welt beiträgt.

Claudia Mende

© Qantara.de 2012

Volker Perthes: Der Aufstand. Die arabische Revolution und ihre Folgen. Pantheon 2011.

Redaktion: Nimet Seker/Qantara.de

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Die internationale Gemeinschaft befindet sich in einem großen Dilemma: wie soll es weitergehen in Libyen? Denn es ist klar, dass sie militärisch eingreifen muss, um das Gaddafi-Regime zu beseitigen. Die Alternative wäre ein endloser Bürgerkrieg vor den Toren Europas.

Makus Halmann12.04.2011 | 09:49 Uhr

Ich befürchte auch, dass der Politologe F. Stephen Larrabee Recht hat, denn die Bedingungen in der Türkei und vor allem die lange Tradation des Kampfes um Demokratie unterscheiden sich in der Tat von denen in den meisten arabischen Ländern. Schöner Beitrag.

Ahmad Ezzat12.04.2011 | 17:13 Uhr

Gesegnt seid ,Anonimität ist ein bestandteil der Freiheit,und des inhalt kontex Qualität was zelt

Jaljaloot Elharoot13.04.2011 | 20:43 Uhr

Wunderbarer Beitrag von Michael Roes, den ich als Autor und kritischer Beobachter der arabischen Welt seit langem sehr schätze. Roes besitzt die nötige Empathie für die arabischen Bürger und den Respekt vor ihren Bedürfnissen und Sehnsüchten.

Hans Zimmermann17.04.2011 | 09:51 Uhr

Das Jahr 2001 sollte nicht wiederholt werden

Beate Elefant18.04.2011 | 23:29 Uhr

Der sogenannte Streit ums Kopftuch ist nur Symptom für die Unfähigkeit aller Akteure, sich den wichtigeren Problemen zu widmen. Das schreibe ich, obwohl ich die Argumente von Frau Kaddor nicht überzeugend finde.

Susan Müller-H...20.04.2011 | 07:46 Uhr

Die Sicherheitskräfte des verhassten Assad-Regimes haben heute und gestern in mehreren Städten und Regionen Syriens Massaker angerichtet. Wo es Tote gab, war das perfide Muster immer dasselbe: Nicht Polizisten in Uniform feuerten die tödlichen Schüsse ab, sondern Heckenschützen in Zivil, die auf Hausdächern lauerten und willkürlich in die Menschenmengen schossen, um Panik und Furcht auszulösen. In Homs sind dadurch so viele Menschen verletzt worden, dass Ärzte unter den Demonstranten in den Gassen der Altstadt improvisierte Lazarette einrichteten, erzählte eine Augenzeugin der BBC. Es ist an der Zeit, auch das Assad-Regime zu ächten und international zu isolieren.

Helmuth Alkadli22.04.2011 | 23:50 Uhr

Mit diesem Satz hat Jesus seinem Bruder gezeigt, dass die Liebe stärker ist als Hass und Neid.
Luzifer wollte seinen Bruder, den Metadron (Jesus) vom Thron stürzen, um für sich selber die Herrschaft zu stehlen. Jesus lies sich aus Liebe zu seinem "verlorenen" Bruder freiwillig am Kreuz morden. Er wußte, dass Gott ihm das Leben zurück geben wird.
GOTT IST >Leben kann man nicht töten. Es wäre sonst nicht das Leben das ewig ist! Es wandelt sich nur.

Die Christen beten beim Gottesdienst: "Deinen Tod oh Herr verkünden wir und deine Auferstehung preisen wir, bis du kommst in Herrlichkeit!" Da haben sich die Herren in Rom aber einen schönen Unsinn ausgedacht. Wer will denn noch immer den Tod Jesu verkünden und warum? Der Teufel will es. Nutzt ihm aber nichts, denn Jesus lebt und ändert von der geistigen Welt aus das Leben auf der Erde. Das ist ein sehr schwieriger Änderungsprozess, weil die Menschen freiwillig nichts ändern und auch nicht umdenken wollen.
Trotzdem wird das Werk gelingen, weil es der Wille Gottes, des Vaters ist.

Die Hoffnung auf eine bessere Zukunft lässt Änderungen wie derzeit in der Arabischen Welt zu und auch im Christentum hat ein Nachdenken bereits begonnen. Gott ist die Liebe und die Liebe ist die stärkste Macht im Universum und Gott liebt uns alle gleich.
http://www.hopeland.at
Möge das Werk gelingen. Das wünsche ich mir und allen Menschen auf der Erde.
Mathilde

Mathilde Heiml30.04.2011 | 10:51 Uhr

exzellenter artikel. danke.

ulrich johannes...30.04.2011 | 12:56 Uhr

Die Idee, die durch die zurückgehende gesellschaftliche Bindungskraft der evangelischen Kirche ausgelöste (innere) Krise als Chance auf eine Neuformierung im Sinne einer neofundamentalistischen, gesellschaftliche Fragen ausblendenden Missionstheologie zu interpretieren, mag als privates Hirngespinst von Herrn Pfarrer (sic!) Teufel hingenommenwerden müssen, als Vorbote einer dadurch beförderten ethnisch-religiösen Kantonisierung unserer Gesellschaft ist es mir jedoch eine Horrorvorstellung! Stattdessen brauchen wir tatsächlich eine weit konsequentere Hinwendung zum Laizismus und die Rückkehr zu einer tatsächlich (statt nur noch alibimäßig betriebenen) umverteilenden Sozialpolitik und ein Bündnis aller (auch der jeweils moderaten Anhänger der diversen Religionen) zu deren Durchsetzung. Sonst können wir uns in zwanzig Jahren mit bosnischen Verhältnissen zwischen Rhein und Oder anfreunden...

Max Schumacher30.04.2011 | 17:02 Uhr

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