Statue Atatürks in Ankara; Foto:picture-alliance/dpa
Außenpolitik der Türkei

Von der Regionalmacht zum Global Player

Die Türkei will künftig in der Außenpolitik deutlichere Akzente setzen und eine größere politische Rolle in der internationalen Staatengemeinschaft spielen. Doch nationale Probleme und regionale Krisen stellen das Land immer wieder vor neue Herausforderungen. Eine Analyse von Ayhan Simsek

Das "China Europas" - so wird die Türkei nach einem seit zehn Jahren anhaltenden Rekord-Wirtschaftswachstum genannt. Vor zehn Jahren wurde die Türkei noch als unterentwickeltes und undemokratisches Land betrachtet, abhängig von der Hilfe des Internationalen Währungsfonds und verzweifelt um Aufnahme in der EU bemüht. Heute gilt die Türkei als mehrheitlich muslimisches Land mit einem nicht-religiösen und demokratischen politischen System sowie einer funktionierenden liberalen Wirtschaft als mögliches Vorbild für den Nahen Osten und Afrika.

"Die Türkei hat sich zu einem der fünf bis sechs wichtigsten Länder der Welt entwickelt", sagte vor kurzem der ehemalige US-Sicherheitsberater Stephen J. Hadley bei einer Rede vor einer Expertenkommission des Rates für auswärtige Beziehungen. Und er fügte hinzu: "Es ist mit einer gewissen Ironie verbunden, aber wenn man auf die Wirtschaftsleistung blickt, dann müsste man sich fragen, ob die Türkei der EU beitreten sollte oder nicht eher die EU der Türkei."

Eine "360-Grad-Außenpolitik"

In der EU bestreitet niemand die wachsende wirtschaftliche und politische Bedeutung der Türkei für die Union. Aber der Beitrittsprozess des Landes wurde gestoppt. Einerseits wegen des seit Jahrzehnten anhaltenden Zypern-Konflikts, andererseits wegen der Haltung einiger führender EU-Länder, die anstelle der Vollmitgliedschaft der Türkei lieber eine "privilegierte Partnerschaft" hätten.

Ahmet Davutoglu, Foto: dapd
Hauptarchitekt der neuen türkischen Außenpolitik: Ahmet Davutoglu ist seit 2009 Außenminister im Kabinett Erdogan

​​Allerdings hat dieser fast sechs Jahre dauernde politische Stillstand in den Beziehungen zwischen der Türkei und der EU das Land nicht davon abgehalten, seinen politischen Einfluss regional stetig auszubauen. Ganz im Gegenteil: Die türkische Regierung hat in dieser Zeit engere politische und wirtschaftliche Beziehungen mit regionalen Organisationen auf der ganzen Welt geknüpft. Ahmet Davotoglu, der einflussreiche türkische Außenminister, nennt diese Strategie eine "360-Grad-Außenpolitik".

Die Türkei hat Dutzende von neuen Botschaften und Konsulaten eröffnet, insbesondere in Afrika und dem Nahen Osten. Sie hat ihre Präsenz in fast allen multilateralen Vereinigungen ausgebaut, von der "Organisation amerikanischer Staaten" bis hin zur "Asiatisch-Pazifischen Wirtschaftvereinigung". Im Jahr 2005 erhielt die Türkei den "Beobachterstatus'' in der Afrikanischen Union und begann noch im selben Jahr damit, Ministertreffen mit der Arabischen Liga durchzuführen.

Diese aktive außenpolitische Strategie half der Türkei, 2009 und 2010 einen nicht-ständigen Sitz im UN-Sicherheitsrat zu erhalten. Als Generalsekretär leitet zudem der türkische Wissenschaftler Ekmeleddin Ihsanoglu seit 2005 die Organisation für Islamische Zusammenarbeit (OIC) mit einer ehrgeizigen Reformagenda. Sie verfolgt das Ziel, die Stellung des OIC international zu stärken.

Eine Alternative zum EU-Beitritt

Hüseyin Bagci, Professor für internationale Beziehungen, sieht die Bemühungen der Türkei nicht als Alternative zum EU-Beitritt des Landes. Vielmehr würde die Türkei dadurch zu einem noch attraktiveren Partner für die EU.

fahnen der EU-Staaten und der Türkei; Foto: dpa
Abkehr von der EU und außenpolitische Neuorientierung: Die Türkei verhandelt seit 2005 mit der Europäischen Union über einen Beitritt, kommt aber nur sehr langsam voran. Neben den fünf von Frankreich blockierten Kapiteln liegen acht weitere wegen des ungelösten Streits der Türkei mit dem EU-Mitglied Zypern auf Eis.

​​Bagci beschreibt die Türkei als "Mittelmacht": ein Land, das nicht alleine politische Entwicklungen bestimmen oder regeln kann, sondern das über nützliche und wertvolle weiche Machtfaktoren verfügt, um mit anderen Ländern oder internationalen Institutionen in koordinierter Zusammenarbeit Erfolge zu erzielen.

"Die Bemühungen der Türkei um mehr Einfluss in der Welt sind eng mit der wirtschaftlichen Entwicklung verbunden, dem wachsenden Erfolg, der wachsenden politischen Stabilität und der Bewerbung des Landes um die EU-Mitgliedschaft", meint Hüseyin Bagci. Er widerspricht jenen Kommentaren, die hinter der außenpolitischen Strategie der konservativ-religiösen AKP-Regierung "neo-osmanische" oder islamistische Ziele vermuten.

"Die Türkei ist Mitglied fast aller politischer, wirtschaftlicher und sicherheitspolitischer Institutionen des Westens. Die Türkei arbeitet mit der westlichen Welt zusammen." Außerdem, so Bagci, sei die Türkei mit ihrer wirtschaftlichen Macht und militärischen Stärke eine einflussreiche regionale Macht. Jedoch sei es keine Ordnungsmacht, die alleine handelt.

Durch die G-20 habe die Türkei mehr Einfluss in der Weltpolitik bekommen, was sie dazu nutze, um bei der Umstrukturierung und Gestaltung der neuen Weltordnung mehr Verantwortung zu übernehmen. So wird sie 2015 den Vorsitz der G-20 übernehmen.

Licht und Schatten

Trotz dieser ehrgeizigen Ziele wurde die Fähigkeit der Türkei, zu einem einflussreichen globalen Akteur zu avancieren, durch jüngste nationale und diplomatische Herausforderungen behindert.

Semih Dündar Idiz; Foto. DW
"Die Türkei wird nicht das Norwegen in der Region zu sein, das Konfliktparteien zusammenbringt und einen effektiven Beitrag zum Friedensprozess leistet", meint der Politikexperte und Journalist der türkischen Tageszeitung "Milliyet", Semih Dündar Idiz.

​​Der Kurden-Konflikt in der Türkei ist in den vergangenen Monaten eskaliert, nachdem die Terrororganisation PKK ihre Angriffe verstärkt hat. Seit 2009 gab es eine Serie von Polizeieinsätzen gegen den kommunalen Arm der PKK, die "Union der Gemeinschaften Kurdistans" (KCK). Das führte zur Festnahme von tausenden Kurden, darunter auch mehrere führende Politiker.

Wenn wir auf die aktuelle Situation blicken, mit Dutzenden inhaftierter Journalisten im Gefängnis, zahlreichen politisch motivierten Gerichtsverfahren und einem wachsendem Druck auf die Presse, dann verliert dieses Vorbild Türkei seine Glaubwürdigkeit und Bedeutung, vor allem in den Augen von Intellektuellen und internationaler Akteure in vielen Ländern des Nahen Ostens", meint Semih Idiz, Spezialist für Außenpolitik der türkischen Tageszeitung "Milliyet". Im Hinblick auf die wirtschaftlichen Erfolge werde das politische System der Türkei im Nahen Osten jedoch nach wie vor bewundert.

Nach Ansicht der Kritiker ist der weiche Machtfaktor einer der wertvollsten außenpolitischen Trümpfe der Türkei: die Fähigkeit, durch fein abgestimmte Diplomatie positiven Einfluss auf die Länder in der Region auszuüben. Doch durch die jüngsten Entscheidungen seitens der AKP nahm diese Reputation erheblichen Schaden.

Außenpolitischer Richtungswechsel

Jahrelang hatte sich die Türkei bei Problemen zwischen den Ländern der Region neutral verhalten und versucht, sich als Vermittler anzubieten. Das Land  verfolgte etwa wirksame diplomatische Strategien, um den Atomkonflikt mit dem Iran zu lösen. Die Türkei vermittelte zwischen Israel und Syrien, und seit Jahren versucht sie, das Assad-Regime dazu zu bringen, sich auf weitere Reformen einzulassen. Aber nach dem Gewaltausbruch in Syrien schlug die türkische Regierung einen unversöhnlichen politischen Kurs gegenüber dem Assad-Regime ein und unterstützt seitdem die syrische Opposition.

"Der Wandel in der Außenpolitik hatte 2009 in Davos begonnen, nachdem der türkische Ministerpräsident nach einem heftigen Wortwechsel mit dem israelischen Präsidenten Shimon Peres die Bühne verließ", sagt Semih Idiz. "Erstens wurden die Beziehungen der Türkei zu Israel beschädigt. Zudem hat die Türkei ihren Einfluss auf Israel verloren. Und nun hat der Staat im Syrienkonflikt auch seine Verbindungen zu Assad abgebrochen und die Opposition aktiv unterstützt." Durch die Parteinahme in diesen schweren regionalen Konflikten habe die Türkei ihre frühere Rolle aufgegeben, glaubt Idiz.

Die entschiedene Parteinahme der Türkei in der Region hat auch die Beziehungen zum Iran erschwert, der offen Ankaras Syrienpolitik kritisierte. Ebenso sind die Beziehungen zum Nachbarn Irak angespannt wegen der Weigerung Ankaras, den geflohenen irakischen Vizepräsident Tareq al-Hashimi auszuliefern.

Besorgnis um Blockbildung

Kritiker der AKP sind besorgt, dass in der Region zwei rivalisierende Blöcke aus Sunniten und Schiiten entstehen könnten. Auf der einen Seite gibt es die Achse aus Iran, der von Maliki geführten Regierung im Irak, Syriens Assad-Regime und die Hisbollah im Libanon. Auf der anderen Seite stehen die Türkei, Saudi-Arabien und die Golfstaaten.

Außenpolitik-Experte Semih Idiz zufolge wird die Türkei ein bedeutendes Schwergewicht in der Region bleiben, aber durch die klare Parteinahme wird das Land vor große Herausforderungen gestellt. "Das türkische Profil der weichen Machtfaktoren wird nicht mehr das gleiche sein wie zuvor", meint Idiz.

"Die Türkei wird nicht das Norwegen in der Region sein, das Konfliktparteien zusammenbringt und einen effektiven Beitrag zum Friedensprozess leistet", so Idiz. "Sie wird ihren Einfluss in der Region behalten, vielleicht wächst er sogar noch. Aber auf ganz andere Weise als bisher."

Ayhan Simsek

© Deutsche Welle 2012

Redaktion: Arian Fariborz/Qantara.de

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Die internationale Gemeinschaft befindet sich in einem großen Dilemma: wie soll es weitergehen in Libyen? Denn es ist klar, dass sie militärisch eingreifen muss, um das Gaddafi-Regime zu beseitigen. Die Alternative wäre ein endloser Bürgerkrieg vor den Toren Europas.

Makus Halmann12.04.2011 | 09:49 Uhr

Ich befürchte auch, dass der Politologe F. Stephen Larrabee Recht hat, denn die Bedingungen in der Türkei und vor allem die lange Tradation des Kampfes um Demokratie unterscheiden sich in der Tat von denen in den meisten arabischen Ländern. Schöner Beitrag.

Ahmad Ezzat12.04.2011 | 17:13 Uhr

Gesegnt seid ,Anonimität ist ein bestandteil der Freiheit,und des inhalt kontex Qualität was zelt

Jaljaloot Elharoot13.04.2011 | 20:43 Uhr

Wunderbarer Beitrag von Michael Roes, den ich als Autor und kritischer Beobachter der arabischen Welt seit langem sehr schätze. Roes besitzt die nötige Empathie für die arabischen Bürger und den Respekt vor ihren Bedürfnissen und Sehnsüchten.

Hans Zimmermann17.04.2011 | 09:51 Uhr

Das Jahr 2001 sollte nicht wiederholt werden

Beate Elefant18.04.2011 | 23:29 Uhr

Der sogenannte Streit ums Kopftuch ist nur Symptom für die Unfähigkeit aller Akteure, sich den wichtigeren Problemen zu widmen. Das schreibe ich, obwohl ich die Argumente von Frau Kaddor nicht überzeugend finde.

Susan Müller-H...20.04.2011 | 07:46 Uhr

Die Sicherheitskräfte des verhassten Assad-Regimes haben heute und gestern in mehreren Städten und Regionen Syriens Massaker angerichtet. Wo es Tote gab, war das perfide Muster immer dasselbe: Nicht Polizisten in Uniform feuerten die tödlichen Schüsse ab, sondern Heckenschützen in Zivil, die auf Hausdächern lauerten und willkürlich in die Menschenmengen schossen, um Panik und Furcht auszulösen. In Homs sind dadurch so viele Menschen verletzt worden, dass Ärzte unter den Demonstranten in den Gassen der Altstadt improvisierte Lazarette einrichteten, erzählte eine Augenzeugin der BBC. Es ist an der Zeit, auch das Assad-Regime zu ächten und international zu isolieren.

Helmuth Alkadli22.04.2011 | 23:50 Uhr

Mit diesem Satz hat Jesus seinem Bruder gezeigt, dass die Liebe stärker ist als Hass und Neid.
Luzifer wollte seinen Bruder, den Metadron (Jesus) vom Thron stürzen, um für sich selber die Herrschaft zu stehlen. Jesus lies sich aus Liebe zu seinem "verlorenen" Bruder freiwillig am Kreuz morden. Er wußte, dass Gott ihm das Leben zurück geben wird.
GOTT IST >Leben kann man nicht töten. Es wäre sonst nicht das Leben das ewig ist! Es wandelt sich nur.

Die Christen beten beim Gottesdienst: "Deinen Tod oh Herr verkünden wir und deine Auferstehung preisen wir, bis du kommst in Herrlichkeit!" Da haben sich die Herren in Rom aber einen schönen Unsinn ausgedacht. Wer will denn noch immer den Tod Jesu verkünden und warum? Der Teufel will es. Nutzt ihm aber nichts, denn Jesus lebt und ändert von der geistigen Welt aus das Leben auf der Erde. Das ist ein sehr schwieriger Änderungsprozess, weil die Menschen freiwillig nichts ändern und auch nicht umdenken wollen.
Trotzdem wird das Werk gelingen, weil es der Wille Gottes, des Vaters ist.

Die Hoffnung auf eine bessere Zukunft lässt Änderungen wie derzeit in der Arabischen Welt zu und auch im Christentum hat ein Nachdenken bereits begonnen. Gott ist die Liebe und die Liebe ist die stärkste Macht im Universum und Gott liebt uns alle gleich.
http://www.hopeland.at
Möge das Werk gelingen. Das wünsche ich mir und allen Menschen auf der Erde.
Mathilde

Mathilde Heiml30.04.2011 | 10:51 Uhr

exzellenter artikel. danke.

ulrich johannes...30.04.2011 | 12:56 Uhr

Die Idee, die durch die zurückgehende gesellschaftliche Bindungskraft der evangelischen Kirche ausgelöste (innere) Krise als Chance auf eine Neuformierung im Sinne einer neofundamentalistischen, gesellschaftliche Fragen ausblendenden Missionstheologie zu interpretieren, mag als privates Hirngespinst von Herrn Pfarrer (sic!) Teufel hingenommenwerden müssen, als Vorbote einer dadurch beförderten ethnisch-religiösen Kantonisierung unserer Gesellschaft ist es mir jedoch eine Horrorvorstellung! Stattdessen brauchen wir tatsächlich eine weit konsequentere Hinwendung zum Laizismus und die Rückkehr zu einer tatsächlich (statt nur noch alibimäßig betriebenen) umverteilenden Sozialpolitik und ein Bündnis aller (auch der jeweils moderaten Anhänger der diversen Religionen) zu deren Durchsetzung. Sonst können wir uns in zwanzig Jahren mit bosnischen Verhältnissen zwischen Rhein und Oder anfreunden...

Max Schumacher30.04.2011 | 17:02 Uhr

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