Daniel Barenboim während eines Konzerts in Gaza; Foto: AP
Ausladung Daniel Barenboims in Qatar

Wasser auf die Mühlen der Normalisierungsgegner

Die Ausladung des israelischen Stardirigenten Daniel Barenboim in Qatar grenzt an einen Skandal, da es die arabischen Gegner des Friedensprozesses und Dialogs mit den Israelis aufbaut und in kulturpolitischer Hinsicht ein verheerendes Zeichen setzt, meint der jordanische Autor Fakhri Saleh.

Wieder einmal schießt eine der vielen Kampagnen gegen eine Normalisierung der Beziehungen zwischen Arabern und Israelis am Ziel vorbei und trifft diesmal den israelischen Musiker Daniel Barenboim, der weltweit für seine mutigen Standpunkte in der Palästinafrage und für seine Kritik an der israelischen Besatzungspolitik bekannt ist.

Der israelische Stardirigent war zunächst zu einem Auftritt mit dem West-Eastern Divan Orchestra in Qatar im Rahmen des Festivals "Musik und Dialog" eingeladen worden – nur um dann auf Druck von lokalen Antinormalisierungskampagnen später wieder ausgeladen zu werden.

Dieser Fall lässt fragwürdig erscheinen, wie sinnvoll solche Kampagnen überhaupt sind, die israelische Regierung zu einem Kurswechsel in ihrer Politik gegenüber den Palästinensern zu bewegen. Ebenso fragwürdig sind auch die Kriterien zur Auswahl von Institutionen und Persönlichkeiten, die Opfer derartiger Kampagnen werden.

Zuhörer bei einem Konzert Barenboims in Gaza; Foto: © Shareen Sarhan / UNRWA
Klassik-Klänge für ein Ende der kulturellen Blockade: Barenboim war im Mai 2011 auf Einladung der Vereinten Nationen und einiger NGOs zum ersten Mal in den Gazastreifen gereist, wo er Werke von Mozart aufführte.

​​Derartige Sanktionen gegen Personen – wie zum Beispiel die Teilnahme eines israelischen Schriftstellers oder Akademikers an einer arabischen Kulturveranstaltung oder Universität – verhindern jedenfalls wohl kaum eine Normalisierung zwischen der arabischen Welt und Israel im Handels- und Wirtschaftsleben. In diesem Bereich zumindest ist der Normalisierungsprozess bereits in vollem Gange – ganz gleich, ob es sich um arabische Länder handelt, die bereits einen Friedensvertrag mit Israel geschlossen haben oder nicht.

Und trotzdem gehen diese Länder auf die Forderung ein, die Normalisierung der Beziehungen zu behindern, indem sie einen Künstler von Rang und Namen wieder ausladen. Und nun hat es ausgerechnet Daniel Barenboim getroffen, einen großartigen Musiker, dem sogar Palästinenserpräsident Arafat seinerzeit in Anerkennung seiner Haltung zur Palästinenserfrage und seines unermüdlichen Einsatzes für das Recht der Palästinenser auf einen eigenen Staat in den Grenzen von 1967 die palästinensische Ehrenstaatsbürgerschaft verlieh.

Zielscheibe für Israels Rechte

Dabei war Barenboim aufgrund seiner Haltung zur Palästinafrage auch zur Zielscheibe von Kampagnen der israelischen Rechten geworden – was schließlich soweit ging, dass Abgeordnete der Knesset forderten, ihm die israelische Staatsangehörigkeit zu entziehen und ihn als Antisemiten und Judenhasser abstempelten.

Der Dirigent Daniel Barenboim; Foto: EPA
Daniel Barenboim hatte 2001 ein Tabu gebrochen und Musik des in Israel wegen seiner antisemitischen Ansichten verpönten Komponisten Richard Wagner gespielt. Daraufhin gab es zahlreiche Forderungen, ihn zur persona non grata zu erklären - was jedoch letztlich nicht passierte.

​​Dies gibt der Ausladung in Qatar einen ganz besonders bitteren Beigeschmack, ist Barenboim doch bereits mehrfach als Pianist und Dirigent in Ramallah und Birzeit zu Gast gewesen und hatte erst im vergangenen Jahr mit den Vereinten Nationen einen Auftritt in Gaza koordiniert, wo Musiker der berühmtesten Symphonieorchester der Welt ein Benefizkonzert mit Werken Mozarts veranstalteten.

Mit seiner Haltung in der Palästinenserfrage, seinem Mitgefühl und seiner Solidarität mit den Leiden des palästinensischen Volkes und seinem kreativen Ansatz zur Lösung des israelisch-palästinensischen Konflikts ist Barenboim daher ein denkbar ungeeignetes Ziel einer solchen Kampagne, basiert die Ausladung doch ausschließlich auf dem Sachverhalt, dass der berühmte Dirigent die israelische Staatsangehörigkeit besitzt.

Mit der Vergangenheit abschließen

Buchcover Parallelen und Paradoxien im Berlin-Verlag
"Barenboims Differenzierung zwischen der Person und dem Komponisten Wagner ist als Versuch zu werten, die durch den Holocaust geschlagenen Wunden zu heilen – ein Versuch, aus dem ewigen Verharren in der Vergangenheit auszubrechen", schreibt Fakhri Saleh.

​​Edward Said ging im Anhang seines Buches "Parallelen und Paradoxien" auf Barenboims gewagten Vorstoß ein, ab 2001 auch Werke von Wagner in Israel aufführen zu wollen. Er teilte seine Auffassung, mit der Vergangenheit abzuschließen, um in der Gegenwart leben zu können. Die Projektion der schmerzhaften und quälenden Vergangenheit auf die Gegenwart hält die Völker in Geiselhaft, in einer Hysterie des kollektiven Schmerzes.

Daher ist auch Man kann daraus ableiten, dass Said den Palästinensern einen ganz ähnlichen Schritt nahe legt, um die schmerzliche Erinnerung hinter sich zu lassen und in dieser Hinsicht kulturpolitische Programme zu initiieren.

Für Said waren solche Antinormalisierungskampagnen – wie jetzt im Fall Barenboims – vergebliche Liebesmüh, da sie den Palästinensern weder politisch noch kulturell nützten. Es wäre sicherlich viel sinnvoller, so Said, israelische Intellektuelle und Politiker mit ins Boot zu holen, anstatt sie vor den Kopf zu stoßen und jeglichen Dialog zu verweigern – nur aufgrund der Tatsache, dass sie Israelis sind.

Vorbildlich seien dagegen Kampagnen wie etwa die des ANC unter Nelson Mandela, die erst dann Erfolg zeitigten, als sich ihnen auch weiße südafrikanische Akademiker und Politiker anschlossen, die daraufhin in Zusammenarbeit mit ihren schwarzen Kollegen weltweite Anti-Apartheid-Initiativen organisierten, was dann letztlich zum Sturz des Apartheid-Regimes führte. Ein aussichtsloser Kampf der Palästinenser ganz im Stile eines Don Quichote gegen einen imaginären Feind, sei dagegen gewiss alles andere als ein erfolgversprechendes Mittel.

Fakhri Saleh

Fakhri Saleh ist Literaturwissenschaftler und Kulturredakteur bei der jordanischen Tageszeitung "Al-Dustour".

Aus dem Arabischen von Nicola Abbas

© Qantara.de 2012

Redaktion: Arian Fariborz/Qantara.de

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Die internationale Gemeinschaft befindet sich in einem großen Dilemma: wie soll es weitergehen in Libyen? Denn es ist klar, dass sie militärisch eingreifen muss, um das Gaddafi-Regime zu beseitigen. Die Alternative wäre ein endloser Bürgerkrieg vor den Toren Europas.

Makus Halmann12.04.2011 | 09:49 Uhr

Ich befürchte auch, dass der Politologe F. Stephen Larrabee Recht hat, denn die Bedingungen in der Türkei und vor allem die lange Tradation des Kampfes um Demokratie unterscheiden sich in der Tat von denen in den meisten arabischen Ländern. Schöner Beitrag.

Ahmad Ezzat12.04.2011 | 17:13 Uhr

Gesegnt seid ,Anonimität ist ein bestandteil der Freiheit,und des inhalt kontex Qualität was zelt

Jaljaloot Elharoot13.04.2011 | 20:43 Uhr

Wunderbarer Beitrag von Michael Roes, den ich als Autor und kritischer Beobachter der arabischen Welt seit langem sehr schätze. Roes besitzt die nötige Empathie für die arabischen Bürger und den Respekt vor ihren Bedürfnissen und Sehnsüchten.

Hans Zimmermann17.04.2011 | 09:51 Uhr

Das Jahr 2001 sollte nicht wiederholt werden

Beate Elefant18.04.2011 | 23:29 Uhr

Der sogenannte Streit ums Kopftuch ist nur Symptom für die Unfähigkeit aller Akteure, sich den wichtigeren Problemen zu widmen. Das schreibe ich, obwohl ich die Argumente von Frau Kaddor nicht überzeugend finde.

Susan Müller-H...20.04.2011 | 07:46 Uhr

Die Sicherheitskräfte des verhassten Assad-Regimes haben heute und gestern in mehreren Städten und Regionen Syriens Massaker angerichtet. Wo es Tote gab, war das perfide Muster immer dasselbe: Nicht Polizisten in Uniform feuerten die tödlichen Schüsse ab, sondern Heckenschützen in Zivil, die auf Hausdächern lauerten und willkürlich in die Menschenmengen schossen, um Panik und Furcht auszulösen. In Homs sind dadurch so viele Menschen verletzt worden, dass Ärzte unter den Demonstranten in den Gassen der Altstadt improvisierte Lazarette einrichteten, erzählte eine Augenzeugin der BBC. Es ist an der Zeit, auch das Assad-Regime zu ächten und international zu isolieren.

Helmuth Alkadli22.04.2011 | 23:50 Uhr

Mit diesem Satz hat Jesus seinem Bruder gezeigt, dass die Liebe stärker ist als Hass und Neid.
Luzifer wollte seinen Bruder, den Metadron (Jesus) vom Thron stürzen, um für sich selber die Herrschaft zu stehlen. Jesus lies sich aus Liebe zu seinem "verlorenen" Bruder freiwillig am Kreuz morden. Er wußte, dass Gott ihm das Leben zurück geben wird.
GOTT IST >Leben kann man nicht töten. Es wäre sonst nicht das Leben das ewig ist! Es wandelt sich nur.

Die Christen beten beim Gottesdienst: "Deinen Tod oh Herr verkünden wir und deine Auferstehung preisen wir, bis du kommst in Herrlichkeit!" Da haben sich die Herren in Rom aber einen schönen Unsinn ausgedacht. Wer will denn noch immer den Tod Jesu verkünden und warum? Der Teufel will es. Nutzt ihm aber nichts, denn Jesus lebt und ändert von der geistigen Welt aus das Leben auf der Erde. Das ist ein sehr schwieriger Änderungsprozess, weil die Menschen freiwillig nichts ändern und auch nicht umdenken wollen.
Trotzdem wird das Werk gelingen, weil es der Wille Gottes, des Vaters ist.

Die Hoffnung auf eine bessere Zukunft lässt Änderungen wie derzeit in der Arabischen Welt zu und auch im Christentum hat ein Nachdenken bereits begonnen. Gott ist die Liebe und die Liebe ist die stärkste Macht im Universum und Gott liebt uns alle gleich.
http://www.hopeland.at
Möge das Werk gelingen. Das wünsche ich mir und allen Menschen auf der Erde.
Mathilde

Mathilde Heiml30.04.2011 | 10:51 Uhr

exzellenter artikel. danke.

ulrich johannes...30.04.2011 | 12:56 Uhr

Die Idee, die durch die zurückgehende gesellschaftliche Bindungskraft der evangelischen Kirche ausgelöste (innere) Krise als Chance auf eine Neuformierung im Sinne einer neofundamentalistischen, gesellschaftliche Fragen ausblendenden Missionstheologie zu interpretieren, mag als privates Hirngespinst von Herrn Pfarrer (sic!) Teufel hingenommenwerden müssen, als Vorbote einer dadurch beförderten ethnisch-religiösen Kantonisierung unserer Gesellschaft ist es mir jedoch eine Horrorvorstellung! Stattdessen brauchen wir tatsächlich eine weit konsequentere Hinwendung zum Laizismus und die Rückkehr zu einer tatsächlich (statt nur noch alibimäßig betriebenen) umverteilenden Sozialpolitik und ein Bündnis aller (auch der jeweils moderaten Anhänger der diversen Religionen) zu deren Durchsetzung. Sonst können wir uns in zwanzig Jahren mit bosnischen Verhältnissen zwischen Rhein und Oder anfreunden...

Max Schumacher30.04.2011 | 17:02 Uhr

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