Müllberge vor einem Assad-Plakat; Foto: Reuters
Aufstand in Syrien

Syrien vor der Stunde Null

Noch hat die letzte Stunde des syrischen Regimes nicht geschlagen. Aber die trügerische Sicherheit in Damaskus hat Risse bekommen und die falschen Reaktionen des Regimes lassen bei den Menschen Zweifel und Ängste aufkommen, schreibt der syrische Schriftsteller Fawwaz Haddad aus Damaskus in seinem Essay.

Seit dem Beginn der Proteste in Syrien vor fast eineinhalb Jahren erlebt das Land Umbrüche und überraschende Wendungen, während weder die arabische noch die globale diplomatische Welt eine politische Lösung finden konnten. Die internationale Gemeinschaft hat viel Zeit und viele Gelegenheiten verstreichen lassen, ohne einen Ausweg für die syrische Krise zu finden.

Der Aufstand hatte friedlich begonnen, und er hat trotz aller Rückschläge, Enttäuschungen und der schwindenden Hoffnungen seinen friedlichen Charakter bewahrt – es wird weiterhin tagtäglich demonstriert. Insbesondere an Freitagen nimmt die Zahl der Brennpunkte deutlich zu, vor allem bei Kundgebungen und Feiern während der Trauerzeremonien für die Toten, auf denen Lieder gesungen und Parolen zum Sturz des Regimes skandiert werden.

Fawwaz Haddad; Foto: Susanne Schanda
Der syrische Schriftsteller Fawwaz Haddad lebt in Damaskus. Sein zehnter Roman "Soldaten Gottes" erscheint im kommenden Jahr auf Deutsch.

​​Demgegenüber sind die Versuche der Staatsmacht gescheitert, die friedliche Bewegung mithilfe von Scharfschützen und Verhaftungen niederzuschlagen, trotz der Dutzenden, zuweilen Hunderten von Opfern jeden Tag, darunter Kinder und Frauen. Diese Gewaltstrategie führte notwendigerweise zur Militarisierung des Aufstands, da sich die Freie Syrische Armee (FAS) zum Schutze von Demonstranten bildete, beschleunigt durch die Fahnenflucht von Soldaten, die rasch zunahm und mittlerweile zu einem Massenphänomen unter Offizieren aller Ränge geworden ist. Einheiten und Kompanien fanden sich zur Freien Syrischen Armee zusammen, die sich in Rastan, Homs, Talbise, Qusair, Idlib, Daraa, Duma, Zabadani, Hama und Deir ez-Zor Gefechte mit der Staatsarmee lieferte, zuletzt auch in Aleppo und Damaskus. Die Rebellen konnten Stützpunkte besetzen, Städte und Dörfer unter ihre Kontrolle bringen und große Mengen an Waffen erbeuten.

"Stoppt das Morden!"

Viele glauben, dass die vielen Kämpfe, die landesweit stattfinden, letztlich nur in Damaskus entschieden werden können, auch wenn dies extrem schwierig sein wird. Damaskus ist fest in der Hand des brutal agierenden Regimes; hier liegen die schwer bewachten Arsenale der Sicherheitskräfte. Aber es scheint nicht unmöglich, dass der Kampf in Damaskus entschieden wird, angesichts der Tatsache, dass die FAS bereits mehrfach in kleinen Einheiten ins Stadtzentrum vorgeprescht und sich Kämpfe mit Regierungstruppen geliefert hat. Dabei konnte die FAS sich auf eine beträchtliche Sympathie im Damaszener Umland stützen, deren Bewohner den Aufstand von Beginn an mitgetragen und Offizieren und Soldaten geholfen haben, zu desertieren.

Damaskus hat sich genau wie andere syrische Städte schon früh gegen das Regime gestellt. Auch hier gab es nicht erst zuletzt Proteste der Bevölkerung, wenn auch kleiner, als es der Größe der Stadt entspräche. Junge Damaszener schlossen sich jedoch Demonstrationen im näheren Umland an, und sie liefen bei Beisetzungen von Toten in den Vorstädten Duma, Qabun, Qadam, Harasta und Djobar mit.

Kämpfer der Freien Syrischen Armee in Aleppo; Foto: Reuters
Noch ist die Hauptstadt Damaskus in der Hand des Assad-Regimes. Allerdings hat die Freie Syrische Armee mit ihrem Vorpreschen in den Stadtkern von Damaskus den letzten Kampf eingeläutet, scheibt Fawwaz Haddad.

​​Zudem hielten junge Frauen und Männer symbolische Protestkundgebungen unter dem Motto "Stoppt das Morden, wir wollen ein Land für alle aufbauen" ab, auch auf die Gefahr hin, festgenommen zu werden. Sprayer beschrifteten kampagnenartig Hauswände. Spontane, sogenannte fliegende Demonstrationen fanden statt, die mittlerweile ein vertrauter Anblick in den Straßen von Damaskus geworden sind. Die Menschen bildeten nach den Freitagsgebeten trotz der Absperrungen um die Gebetshäuser Demonstrationszüge. Dem folgten regelmäßig Zusammenstöße in den einfacheren Vierteln von Ruknaddin, Muhiddin, Midan, Qabr Atika, Bab Sridje, Mazze und Kafar Susa.

Nach wie vor geht jeder Demonstrant das Risiko ein, misshandelt und unter Umständen in Folterkellern den Tod zu finden. Dazu kommt, dass die Wohnung des Betroffenen gestürmt und die Büros von Aktivisten durchsucht und geplündert werden. Auch Hunderte von Universitätsstudenten blieben nicht von der Brutalität der berüchtigten Shabbiha-Banden verschont; sie wurden wochen- oder monatelang festgehalten, und manche kamen aus dem Gefängnis direkt ins Grab. Heute hat jede Stadt, jede Ortschaft, jedes Dorf und jedes Wohnviertel in Syrien seine Märtyrer, seine Koordinationsräte und seine jeweils eigene ruhmreiche Revolutionsgeschichte.

Sicherheitsfiasko für das Regime

In jüngster Zeit rückte die Hauptstadt stärker in den Blick. In Duma bei Damaskus erreichten die Auseinandersetzungen zwischen der Armee und der bewaffneten Opposition eine bedrohliche Eskalationsstufe. Duma gilt als Protesthochburg. Die Truppen des Regimes beschossen die Stadt, so dass Hunderte ums Leben kamen. Die meisten Bewohner flohen aus der Stadt, die heute wie eine Miniaturausgabe des zerstörten Homs wirkt. Solche blutigen Strafmaßnahmen wurden nach und nach den meisten Siedlungen um Damaskus herum zuteil: Irbin, Zamalka, Muadhamiye, Daraya, Kiswe, Zabadani, Barze usw.

UNO-Sicherheitsrat; Foto: dapd
Gefährliches Spiel auf Zeit: Wird die internationale Gemeinschaft wissen, was sie zu tun hat, wenn der entscheidende letzte Kampf in Syrien beginnt?

​​Schließlich sickerten am 20. Juli, kurz vor Beginn des Ramadan, in großer Zahl Einheiten der FAS aus mehreren Richtungen nach Damaskus ein. Sichtbar präsent waren sie in Kafar Susa, Basatin al-Mazze und Midan, von wo aus sie Machtzentren, Büros der Baath-Partei, der Sicherheitskräfte und der Geheimdienste angriffen. Auch in den Bezirken Adawi und Tidjara kam es zu kurzen Gefechten, die sich bis in die Umgebung des Ibn an-Nafis-Krankenhauses ausweiteten. Am blutigsten waren sie jedoch in Midan in Richtung Abu Habl, wo fast zwanzig Menschen starben. In der Bagdad-Straße nahe des Sab'a Bahrat-Platzes wurde ein Gebäude der Baath-Partei gestürmt.

Das ruhige Damaskus, das Beobachtern aus der Ferne immer so vorkam, als sei es ungerührt von dem, was anderswo im Land passiert und als gingen seine Bewohner sorglos ihrem Alltag nach, ist somit ebenfalls zu einem Brennpunkt des Konflikts geworden. Durch die Militäroperationen sind die Stadtteile Midan, Mazze, al-Hadjar al-Aswad und Tadhamun zu Kampfzonen geworden.

Dass die FAS in das Herz von Damaskus, in die Nähe des Platzes der Omayyaden und des Platzes der Abbasiden vorgerückt war, brachte die Einrichtungen des Regimes in Bedrängnis, die nun in Schussweite der Rebellen lagen. Im Gebäude der Nationalen Sicherheit fielen einer Explosion vier hohe Offiziere des sogenannten Krisenzentrums zum Opfer. Für den Sicherheitsapparat und die staatliche Presse war dies ein weiteres Fiasko.

Risse in der trügerischen Sicherheit

In Damaskus ging die Angst um, und es schien, jeden Moment könnte etwas zusammenbrechen, während unablässig Berichte über Kämpfe in Adawi und am Sab'a-Bahrat-Platz die Runde machten, und man Gewehrfeuer nicht nur von dort, sondern auch vom Hamidiye-Suq, der Nasr-Straße und vom Platz der Abbasiden her hörte. Bestätigt wurden auch Angriffe der FAS auf Panzer und Militärfahrzeuge sowie der Abschuss eines Hubschraubers über Qabun. Das Militär reagierte seinerseits mit wahllosem Beschuss der Stadtränder und der Vorstädte, was zur Flucht zahlloser Bewohner, unter anderem aus Midan, Tadhamun und Basatin al-Mazze in friedlichere Gebiete wie Tidjara, Qusur, Qassaa und Abbasiyin führte.

Blick auf die zertsörte Stadt Homs; Foto: Reuters
Ein Bild der Verwüstung in Homs: Wird das Assad-Regime die Wirtschaftsmetropole Aleppo genauso zerstören wie die Stadt Homs? Hunderttausende flohen bereits aus der Stadt.

​​Das Regime war angegriffen, und umso trotziger und entschlossener wollte es nun jede bewaffnete Opposition in Damaskus vernichten. Und obgleich die FAS ihre Stellungen nicht halten und nicht weiter vorrücken konnte - sie bezeichnete es als taktischen Rückzug -, hat sie mit ihrem Vorstoß doch die letzte Schlacht zumindest eingeläutet. So sah es auch das Regime, und es ließ sich nicht davon abhalten, ohne Rücksicht auf Zivilisten drakonische Gewalt zur Ausrottung jedes Widerstands einzusetzen. Diese Schlacht wird noch lange dauern, und es ist zu befürchten, dass sie sich zu jenem Bürgerkrieg ausweiten wird, den das Regime schon mehrfach angedroht und zu dem es die Bevölkerung durch die Massaker in Hula, Qubair und Treimse angestachelt hat. Ein Krieg der Konfessionen ist eine echte Gefahr, gerade in Damaskus, wo alle Bevölkerungsgruppen bisher friedlich zusammenleben.

Noch ist die Stunde Null nicht da. Aber die trügerische Sicherheit hat Risse bekommen, und die falschen Reaktionen des Regimes lassen bei den Bürgern Zweifel und Ängste aufkommen. Alle sind auf alles gefasst. Die Möglichkeit, dass die Altstadt von Damaskus wahllos bombardiert werden könnte, steht allen als Schreckensbild vor Augen, haben die Shabbiha-Milizen doch damit gedroht, sie würden notfalls "Damaskus zerstören".

Ob nun die letzte Schlacht begonnen hat oder noch nicht, sie ist absehbar geworden. Es mag noch dauern, aber sie wird kommen. Das Regime, und mit ihm die internationale Gemeinschaft, setzen auf Zeit. Wenn es soweit ist, wird das Regime wissen, was es tut. Aber wird die Staatengemeinschaft wissen, was sie zu tun hat? Die Syrer wissen es schon jetzt. Sie werden ihre Toten begraben. Die Widerstandskämpfer unterdessen werden keinen Blutzoll scheuen, auch wenn die Opfer seit langem nur noch in Zahlen benannt werden.

Fawwaz Haddad

© Qantara.de 2012

Aus dem Arabischen von Günther Orth

Der syrische Schriftsteller Fawwaz Haddad lebt in Damaskus. Sein zehnter Roman ("Soldaten Gottes") erscheint im kommenden Jahr auf Deutsch.

Redaktion: Nimet Seker/Qantara.de

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Die internationale Gemeinschaft befindet sich in einem großen Dilemma: wie soll es weitergehen in Libyen? Denn es ist klar, dass sie militärisch eingreifen muss, um das Gaddafi-Regime zu beseitigen. Die Alternative wäre ein endloser Bürgerkrieg vor den Toren Europas.

Makus Halmann12.04.2011 | 09:49 Uhr

Ich befürchte auch, dass der Politologe F. Stephen Larrabee Recht hat, denn die Bedingungen in der Türkei und vor allem die lange Tradation des Kampfes um Demokratie unterscheiden sich in der Tat von denen in den meisten arabischen Ländern. Schöner Beitrag.

Ahmad Ezzat12.04.2011 | 17:13 Uhr

Gesegnt seid ,Anonimität ist ein bestandteil der Freiheit,und des inhalt kontex Qualität was zelt

Jaljaloot Elharoot13.04.2011 | 20:43 Uhr

Wunderbarer Beitrag von Michael Roes, den ich als Autor und kritischer Beobachter der arabischen Welt seit langem sehr schätze. Roes besitzt die nötige Empathie für die arabischen Bürger und den Respekt vor ihren Bedürfnissen und Sehnsüchten.

Hans Zimmermann17.04.2011 | 09:51 Uhr

Das Jahr 2001 sollte nicht wiederholt werden

Beate Elefant18.04.2011 | 23:29 Uhr

Der sogenannte Streit ums Kopftuch ist nur Symptom für die Unfähigkeit aller Akteure, sich den wichtigeren Problemen zu widmen. Das schreibe ich, obwohl ich die Argumente von Frau Kaddor nicht überzeugend finde.

Susan Müller-H...20.04.2011 | 07:46 Uhr

Die Sicherheitskräfte des verhassten Assad-Regimes haben heute und gestern in mehreren Städten und Regionen Syriens Massaker angerichtet. Wo es Tote gab, war das perfide Muster immer dasselbe: Nicht Polizisten in Uniform feuerten die tödlichen Schüsse ab, sondern Heckenschützen in Zivil, die auf Hausdächern lauerten und willkürlich in die Menschenmengen schossen, um Panik und Furcht auszulösen. In Homs sind dadurch so viele Menschen verletzt worden, dass Ärzte unter den Demonstranten in den Gassen der Altstadt improvisierte Lazarette einrichteten, erzählte eine Augenzeugin der BBC. Es ist an der Zeit, auch das Assad-Regime zu ächten und international zu isolieren.

Helmuth Alkadli22.04.2011 | 23:50 Uhr

Mit diesem Satz hat Jesus seinem Bruder gezeigt, dass die Liebe stärker ist als Hass und Neid.
Luzifer wollte seinen Bruder, den Metadron (Jesus) vom Thron stürzen, um für sich selber die Herrschaft zu stehlen. Jesus lies sich aus Liebe zu seinem "verlorenen" Bruder freiwillig am Kreuz morden. Er wußte, dass Gott ihm das Leben zurück geben wird.
GOTT IST >Leben kann man nicht töten. Es wäre sonst nicht das Leben das ewig ist! Es wandelt sich nur.

Die Christen beten beim Gottesdienst: "Deinen Tod oh Herr verkünden wir und deine Auferstehung preisen wir, bis du kommst in Herrlichkeit!" Da haben sich die Herren in Rom aber einen schönen Unsinn ausgedacht. Wer will denn noch immer den Tod Jesu verkünden und warum? Der Teufel will es. Nutzt ihm aber nichts, denn Jesus lebt und ändert von der geistigen Welt aus das Leben auf der Erde. Das ist ein sehr schwieriger Änderungsprozess, weil die Menschen freiwillig nichts ändern und auch nicht umdenken wollen.
Trotzdem wird das Werk gelingen, weil es der Wille Gottes, des Vaters ist.

Die Hoffnung auf eine bessere Zukunft lässt Änderungen wie derzeit in der Arabischen Welt zu und auch im Christentum hat ein Nachdenken bereits begonnen. Gott ist die Liebe und die Liebe ist die stärkste Macht im Universum und Gott liebt uns alle gleich.
http://www.hopeland.at
Möge das Werk gelingen. Das wünsche ich mir und allen Menschen auf der Erde.
Mathilde

Mathilde Heiml30.04.2011 | 10:51 Uhr

exzellenter artikel. danke.

ulrich johannes...30.04.2011 | 12:56 Uhr

Die Idee, die durch die zurückgehende gesellschaftliche Bindungskraft der evangelischen Kirche ausgelöste (innere) Krise als Chance auf eine Neuformierung im Sinne einer neofundamentalistischen, gesellschaftliche Fragen ausblendenden Missionstheologie zu interpretieren, mag als privates Hirngespinst von Herrn Pfarrer (sic!) Teufel hingenommenwerden müssen, als Vorbote einer dadurch beförderten ethnisch-religiösen Kantonisierung unserer Gesellschaft ist es mir jedoch eine Horrorvorstellung! Stattdessen brauchen wir tatsächlich eine weit konsequentere Hinwendung zum Laizismus und die Rückkehr zu einer tatsächlich (statt nur noch alibimäßig betriebenen) umverteilenden Sozialpolitik und ein Bündnis aller (auch der jeweils moderaten Anhänger der diversen Religionen) zu deren Durchsetzung. Sonst können wir uns in zwanzig Jahren mit bosnischen Verhältnissen zwischen Rhein und Oder anfreunden...

Max Schumacher30.04.2011 | 17:02 Uhr

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