Ali, gib Kraft! - Werk von Khosrow Hassanzadeh am Stand des Berliner Galeristen Arndt missfiel dem Zensor und musste abgehängt werden; Foto: Werner Bloch
''Art Dubai''

Eine neue Welt der Kunst

Galeristen, Künstler und Neugierige zu Gast in den Vereinigten Arabischen Emiraten: Vor kurzem ging die "Art Dubai" zu Ende. Neben der Kunst spielten am Golf wie erwartet auch politische Botschaften eine große Rolle. Werner Bloch berichtet.

Der Berliner Galerist Matthias Arndt reist viel durch die Welt, doch so etwas hat er noch nicht erlebt. Am 21. März, dem Eröffnungstag der Art Dubai, standen plötzlich Kriminalbeamte an seinem Stand und forderten ihn auf, binnen dreißig Sekunden Bilder seines wichtigsten Künstlers abzuhängen. Die Kunstexperten der Dubaier Polizei hatten Werke des iranischen Malers Khosrow Hassanzadeh ausfindig gemacht, die dem Zensor ein Dorn im Auge waren.

Der einzige Grund: der Schriftzug "Ali madat" stand auf der Leinwand – "Ali, gib Kraft!". Die Anrufung Alis ist unter Schiiten alltäglich. Doch im sunni-dominierten Dubai wurde der Schriftzug offenbar als politischer Kampfruf missverstanden. Gerade jetzt, wo die Spannungen zwischen Iran und dem Westen ansteigen, sahen die übervorsichtigen Emiratis eine rote Linie überschritten.

Khosrow Hassanzadeh; Foto: Werner Bloch
Rote Linien für übervorsichtige Emiratis: Das Werk "Ali, gib Kraft!" von Khosrow Hassanzadeh am Stand des Berliner Galeristen Arndt auf der Kunstmesse "Art Dubai" missfiel dem Zensor und musste abgehängt werden.

​​Spätestens hier versteht jedermann, welch eminent politische Kunstmesse die Art Dubai ist – die mittlerweise wichtigste Kunstmesse der arabischen Welt.

Der Blick der Kunst auf die arabische Revolution

Zum sechsten Mal unter dem Dach eines Luxushotels veranstaltet, eingerahmt von Palmen und einem der schönsten Strände Arabiens, ist sie immer noch die eleganteste und luxuriöseste Messe der Welt. Und da es im ganzen Nahen Osten, sieht man von Doha ab, kein einziges Museum für arabische Gegenwartskunst gibt, übernimmt die Art Dubai diese Funktion gleich mit. Sie ist keine reine Verkaufsschau, sondern das Schaufenster der arabischen Gegenwartskunst schlechthin.

Die arabische Revolution – hier wird sie aus der Sicht der Kunst betrachtet. Die Atassi Galerie aus Damaskus zeigt den Künstler Fadi Yaziji, der sich mit einer pinocchioartigen Holzskulptur über die Schnüffeleien des früher allmächtigen syrischen Geheimdienstes lustig macht. Gewidmet hat Fadi Yaziji sein Kunstwerk einem Helden der syrischen Revolution, dem Sänger al-Qashoush, der die Hymne der Opposition in Syrien komponiert hat und der im Juli ermordet wurde. Die Mörder hatten ihm die Stimmbänder aus dem Hals geschnitten.

Extreme Darstellungen zeigt auch die Galerie Artspace aus Dubai. Ein Ölgemälde für 8000 Dollar vereint Gaddafi, Ben Ali und Mubarak als widerliche kastrierte Fettbäuche – allerdings erscheint das zu gewollt, ein wenig zu sehr für den Kunstmarkt produziert, um als Statement ernst genommen zu werden.

Kunst als kulturelles Gedächtnis und als Labor des Wandels

Fiktives Werbeplakat der Künstlerin Nadia Kaabi-Linke; Foto: Werner Bloch
"Black is the new white" - die Künstlerin Nadia Kaabi-Linke inszeniert mit ihrem fiktiven Werbeplakat eine Umkehrung der Verhältnisse: Frauen tragen in arabischen Ländern oft schwarz, Männer weiß.

​​Die Kunst aber bleibt ein wichtiges Medium in der Region – auch weil sie in die Geschichte und Politik eingreift. Im Libanon hat es bisher keine Aufarbeitung des Bürgerkriegs gegeben. Heute malt der 1979 geborene Raed Yassin die entscheidenden Schlachten auf großen chinesischen Vasen nach. So wird die Kunst zur bewahrenden Form für das Gedächtnis des Landes.

Die in Berlin und Tunis lebende höchst originelle Künstlerin Nadia Kaabi-Linke versucht sich dagegen an Utopien und erfindet einen neuen Code für den sozialen Umgang in der arabischen Welt. "Black is the new white" stellt bisherige Raster ästhetisch in Frage – auch mit Mitteln einer von der Künstlerin erfundenen PR-Maschine.

Dubais neuer Boom

Die Finanzkrisen und die politischen Erdbeben der letzten Jahre haben Dubai offenbar nicht geschadet. Dubai boomt wieder. Das Emirat, 2008 praktisch pleite und von vielen abgeschrieben, zeigt sich jetzt als Krisenprofiteur. Geld aus Syrien, Libyen und Ägypten fließt wie nie zuvor an den Golf.

Stillgelegte Immobilienprojekte werden wieder aufgenommen. Zu Beginn der Art Dubai hat Scheich Mohammed bin Maktoum den Bau eines großen Opernhauses angekündigt – ein Projekt, das unter der Ägide des deutschen Kulturmanagers Michael Schindhelm schon einmal grandios gescheitert war.

Ein bisschen ironisch kann man das sehen: Die deutsche Künstlerin Luka Fineisen zeigt bei der Hosfelt Gallery in einem Glaskasten kleine Goldblattstückchen, die von drei sich drehenden Fönen wild aufgewirbelt werden und sich dann doch am Boden absetzen – eine Kritik am herrschenden Turbokapitalismus.

Aufstieg der Galerienviertel und Triumph der Fotokunst

Nicht nur auf der Art Dubai, sondern auch in den expandierenden Galerienvierteln Al Quoz und Bastakiya sowie im zentralen Finanzdistrikt expandiert die Kunst von Jahr zu Jahr. Die Fotogalerie The Empty Quarter präsentiert mitten im Herzen des Finanzzentrums eine einzigartige Gruppenausstellung von Fotografinnen aus dem arabischen Raum, aus Jemen und Marokko, aus Libyen und Gaza. Es sind Arbeiten von außergewöhnlicher Qualität, die man unbedingt auch gerne in Europa sähe – Bilder, die der Galerist Elie Domit in einem großen Glasraum zusammengetragen hat.

Die Jemenitin Boushra Almutawakel stellt dort mit Barbiepuppen das gesellschaftliche Leben ihres Landes nach – und zeigt die zunehmende Verdüsterung und Verschleierung, die sich in einer Fotoserie von der "arabischen Barbie" bis hin zum vollverschleierten Burka-Monstrum vollzieht.

Boushra Almutawakel; Foto: Werner Bloch
Von der Barbie zur Burka: Die jemenitische Fotografin Boushra Almutawakel stellt mit ihrer Kunst das gesellschaftliche Leben und den Trend zur Verschleierung in ihrem Land dar.

​​An Kunstinteressenten und Käufern herrscht in Dubai kein Mangel. 75 Museumsgruppen aus der ganzen Welt sind hier eingefallen. "Früher kamen viele nur zum Schauen, inzwischen verkaufen alle internationalen Galerien außergewöhnlich gut", sagt die Wiener Galeristin Ursula Krinzinger, eine Pionierin am Golf. Der Umsatz ist im Vergleich zum letzten Jahr um schätzungsweise 20 bis 30 Prozent gestiegen.

Dubai als Plattform zwischen Europa und Fernost

Im bunten Sammelsurium von Menschen verschiedener Hautfarben und Herkunft, in der neuen Vielfalt von Dubai wird klar: die Welt dreht und schert sich nicht mehr allein um Europa.

Matthias Arndt, der Berliner Galerist, ist überzeugt von einer neuen globalen Kunstkultur, die alles einschließt, was zwischen Europa und Australien liegt. Arndt hat davor keine Furcht und ist der Typus eines neuen Galeristen, der nicht nur, wie so viele amerikanische und europäische Galerien, an den bestehenden Verhältnissen festhält: "Meine beiden Künstler Gilbert und George sagen mir immer: Wandel ist gut. Und man darf keine Angst vor Dingen haben, die man nicht beeinflussen kann."

Die Art Dubai wollte schon immer Plattform sein zwischen Europa, Amerika und dem Nahen Osten. "Jetzt gehen wir ein Stück weiter", sagt die ausgezeichnete Direktorin Antonia Carver, die Frau, die die Art Dubai groß gemacht und ihre Qualität geprägt hat. "Jetzt greifen wir nach Afrika aus und nach Fernost. Worauf es ankommt, sind die neuen Kontakte, die neuen Vernetzungen." Das geht in Dubai überraschend schnell.

Werner Bloch

© Deutsche Welle 2012

Redaktion: Gudrun Stegen/Arian Fariborz

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