Jugendlicher auf dem Tahrir-Platz mit einer Maske, ''25. Januar''; Foto: AP
Arabischer Frühling und Demographie

Die revolutionäre Kraft der Jugend

"Guckt, ich habe eine Universitätsausbildung, aber diese Gesellschaft lässt mir keine Wahl als zu rebellieren": Die Unruhen in den arabischen Staaten kamen unvermittelt - allerdings nicht für Demographen. Sie sind Ausdruck einer Jugend, die längst in der Moderne angekommen ist. Von Jéronimo Louis Samuel Barbin

Der arabische Frühling kam überraschend. Im Gegensatz zum europäischen Frühling begann er nicht am 21. März, sondern bereits im Winter, am 17. Dezember, als nach der Selbstverbrennung eines von der Polizei schikanierten Kleinhändlers der tunesische Volksaufstand in der Kleinstadt Sidi Bouzid begann. Auch erwachte hier nicht die Natur, sondern ein ganzes Volk, eine ganze Region, die man einst als eingeschlafen und rückständig betrachtete, aus einem über 30 Jahre währenden Winterschlaf.

Verantwortlich hierfür waren einerseits die Herrscher der Region: Seit 1987 war Zine el-Abidine Ben Ali Staatsoberhaupt seines Landes Tunesien, der Ägypter Muhammad Hosni Mubarak seit 1981, der libysche Revolutionsführer Gaddafi sogar seit 1969. Andererseits spielten auch die europäischen Länder bei der Unterdrückung mit. Europas Kurzsichtigkeit erlaubte es nicht, die Entwicklungen des arabischen Aufbruchs wahrzunehmen, obwohl schon vor Jahren Bücher erschienen, die diese Entwicklung vorausgesagt haben, darunter "Söhne und Weltmacht" (2003) des Soziologen und Gründers des Instituts für Xenophobie- und Genozidforschung an der Universität Bremen, Gunnar Heinsohn und "Die unaufhaltsame Revolution" (2007) von Emmanuel Todd und Youssef Courbage, Demographen am französischen Demographie-Institut Ined. Beide Bücher wiesen anhand demographischer Daten auf das Konfliktpotential und den kulturellen Umbruch in den arabischen Gesellschaften hin.

Heinsohn zufolge ist der youth bulge, also der überdurchschnittlich hohe Anteil an Jugendlichen zwischen 15 und 25 Jahren in einer Gesellschaft, ein Hauptgrund für Unruhen, Terror, Krieg und Aufstände in der Welt. Diese Entwicklung lässt sich heutzutage besonders gut in der arabischen Welt wiederfinden. Wir haben es nämlich in dieser Region mit einer mehrheitlich jungen und qualifizierten Jugend zu tun. Nur können die arabischen Gesellschaften dieser Jugend keine Perspektiven bieten.

Schnelles Bevölkerungswachstum setzt Gesellschaften unter Druck

In der Tat befinden sich die arabischen Gesellschaften des Maghreb durch ihr schnelles Bevölkerungswachstum unter einem immensen internen Druck. Innerhalb von weniger als 40 Jahren hat das Königreich Marokko seine Bevölkerung mehr als verdoppelt (14 Millionen 1967, 31 Millionen 2002) ebenso Ägypten (von 30 Millionen auf 71 Millionen Einwohner im selben Zeitraum) wie auch Tunesien (von 4,6 auf 9,8 Millionen). Libyen hat seine Bevölkerungszahlen innerhalb einer Generation sogar mehr als verdreifacht (1,7 Millionen auf 5,3 Millionen).

Protestierende Jugendliche schwenken Tunesien-Fahne; Foto: dpa
Tunesien gehört auch zu den Ländern, die innerhalb einer Generation ihren Bevölkerungszuwachs mehr als verdoppelt haben: Von 4,6 auf 9,8 Millionen.

​​Wenn in einem Land ein massiver Anstieg von Jugendlichen zu verbuchen ist, kann es für seine sozialen Infrastrukturen schwierig werden, Bildungs- und Arbeitsplätze in genügender Anzahl anzubieten ebenso wie ein ausreichend ausgebautes Gesundheitssystem. Eine junge Bevölkerung in einer Gesellschaft mit belastbarer Infrastruktur kann für ein Land durchaus positiv sein; sie ist dynamischer, und wirtschaftlich gesehen kann dies die Produktivität steigern. Bieten sich für Jugendliche, zumeist mehrheitlich gebildet und diplomiert, allerdings keine Zukunftsperspektiven, so kann es zu internen Konflikten kommen. So wie in der arabischen Welt heute.

Diplomierte Jugend findet keine ihrer Qualifikation entsprechende Jobs

Die Alphabetisierungsrate der jungen Männer ist dort fast auf europäischem Niveau (durchweg über 90 Prozent, außer Marokko mit nur 81 Prozent), nur die der jungen Frauen hängt noch etwas hinterher. Die meisten haben die Schule erfolgreich besucht, viele sind von einer Universität diplomiert. Doch findet diese ausgebildete und diplomierte Jugend keine ihren Qualifikationen entsprechenden Jobs. Immer wieder wurden während der Revolutionen Bilder von Jugendlichen mit hochgehaltenen Diplomen gezeigt, als ob sie sagen wollten: Guckt, ich habe eine Universitätsausbildung, aber diese Gesellschaft gibt mir keine Chancen und lässt mir keine Wahl als zu rebellieren.

Arbeit und die daraus resultierenden finanziellen Ressourcen sind in den arabischen Gesellschaften nicht nur ein Garant für soziale Anerkennung. Sie sind auch der einzige Weg zu einer Partnerschaft und zur Familiengründung. Wir haben es deshalb im Maghreb mehrheitlich mit frustrierten jungen Männern zu tun, die in einer starren Gesellschaft vergeblich um Anerkennung kämpfen. Denn nicht nur die schwache Wirtschaft kann den Jugendlichen keine Perspektiven bieten, auch die politischen Strukturen sind starr und quasi hermetisch abgeriegelt für die Jugend aus dem Volk.

Die Schlüsselrolle der jungen Frauen

Die meisten Menschen, gerade die jüngeren, haben in ihrem ganzen Leben immer nur dasselbe Staatsoberhaupt gekannt. Als die heute 20-Jährigen auf die Welt kamen, waren Ben Ali, Mubarak und Gaddafi, ebenso wie Salih im Jemen oder auch die Assads in Syrien bereits an der Macht. Politische Teilhabe war in diesen Länder bisher nur möglich und das auch nur beschränkt, wenn man dem Herrscherclan oder der Herrscherfamilie angehörte. Diese aussichtslose Situation, sei es auf dem Arbeitsmarkt oder politisch, hat viele im arabischen Frühling auf die Straße getrieben.

Ägypterinnen auf dem Tahrir-Platz; Foto: dpa
Vor allem die Alphabetisierung und Berufsausbildung von Frauen führt zu einem demographischen und gesellschaftlichen Wandel; kultureller Wandel wiederum kann destabilisierend auf eine Bevölkerung wirken, meint Barbin.

​​Emmanuel Todd und Youssef Courbage heben hervor, dass es in den letzten Jahrzehnten einen rapiden Rückgang der Geburtenzahlen in der muslimischen Welt gab. Brachte 1975 noch jede Frau im Durchschnitt 6,8 Kinder zur Welt, so waren es 2005 "nur" noch 3,7 Kinder. Für die Demographen lässt sich dies am ehesten durch die Alphabetisierung der Frauen erklären, denn wo Frauen schreiben und lesen lernen, gehen die Geburtenraten in der Regel schnell zurück. Dies ist nicht nur eine wirtschaftliche Konsequenz, sondern auch und vor allem auf einen Wandel in der Einstellung zur Familie zurückzuführen.

Die Autoren verweisen auf die Schlüsselrolle der Frauen bei diesen kulturellen Veränderungen. Die Schwelle zur Alphabetisierung der Frauen zwischen 20 und 24 Jahren wurde in Marokko 1996 überschritten. In Ägypten war dies 1988, in Libyen 1978 und in Tunesien bereits 1975 der Fall. Dies hatte einen tiefgreifenden Wandel zur Folge. Die meisten islamischen Länder - abgesehen von Indonesien, Malaysia und Schwarzafrika - zeichneten sich durch einen niedrigen Status der Frauen aus. Durch Alphabetisierung und Bildung ändert sich dies, aber auch die Erziehung der Kinder, was wiederum auf die kulturelle Entwicklung der Gesellschaft insgesamt zurückschlägt.

Erhöhte Suizidrate in der alphabetisierten Bevölkerung

Durch die Alphabetisierung der Bevölkerung befindet sich ein Land, eine ganze Gesellschaft, auf dem Weg der Modernisierung. Der erhöhte Bildungsstand wirkt sich ebenso auf die Geburtenzahlen aus als auch auf die allgemeine wirtschaftliche Entwicklung. Doch wo Licht ist, gibt es auch Schatten. Todd und Courbage verweisen auf die Belastungen der menschlichen Psyche, die der Weg zur Modernisierung in sich birgt. Nicht von ungefähr setzte sich der Vater der französischen Soziologie, Émile Durkheim, in seiner Studie über den Selbstmord mit den erhöhten Suizidraten der alphabetisierten Bevölkerung auseinander. Wie in Indien und China die Suizidraten Hand in Hand mit dem Wirtschaftswachstum ansteigen, belegten auch die Selbstmordanschläge in der arabischen Welt, dass in einer Gesellschaft im Umbruch die Bereitschaft zum Freitod wächst.

Junger Mann macht auf dem Tahrir-Platz das Victory-Zeichen; Foto: dpa
Dem Bremer Soziologen Heinsohn zufolge ist der überdurchschnittlich hohe Anteil an Jugendlichen zwischen 15 und 25 Jahren in einer Gesellschaft ein Hauptgrund für Unruhen, Terror, Krieg und Aufstände in der Welt.

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Denn der kulturelle Fortschritt kann destabilisierend auf eine Bevölkerung wirken. Die Autorität der (analphabetischen) Väter gerät durch die zunehmende Alphabetisierung der Söhne, aber auch ihrer Frauen und Töchter, ins Wanken. Durch die Geburtenkontrolle sieht sich das traditionelle Familienbild zudem erschüttert, und die Beziehungen zwischen den Geschlechtern müssen neu definiert werden. Gesellschaften im Umbruch erfahren deshalb einen Orientierungs- bzw. Werteverlust, Soziologen sprechen auch von Anomie. Die Jugend in der arabischen Welt lehnt sich also nicht gegen die Unterdrückung des politischen Systems an sich auf, sondern gegen die Unterdrückung des traditionellen Familiensystems, das sich auch in den politischen Strukturen widerspiegelt.

Konfliktpotential wird nicht von langer Dauer sein

Das Konfliktpotential wird aber in den arabischen Gesellschaften nicht von langer Dauer sein. Das ergibt sich sowohl aus dem demographischen Ansatz Heinsohns wie aus der Soziologie der Modernisierung bei Todd und Courbage Denn einerseits wird mit dem Trend zum Geburtenrückgang die Proportion der Jugendlichen in der Gesamtbevölkerung zurückgehen. Andererseits wird auch der Umbruch in der arabischen Gesellschaft sein Ende nehmen, wie er es auch in Europa fand. Die heutige Entwicklung ist nämlich keineswegs einmalig: Denn, so Emmanuel Todd und Youssef Courbage, "in der muslimischen Welt findet inzwischen jene demographische, kulturelle und geistige Revolution statt, die einst die Basis für die Entwicklung derjenigen Regionen bildete, die heute als die modernsten der Welt gelten". Auch die muslimische Welt bewegt sich somit nach weitaus universelleren Gesetzen, als es der gemeine orientalistische Europäer wahrhaben will.

Jéronimo Louis Samuel Barbin

© Süddeutsche Zeitung 2011

Redaktion: Nimet Seker/Qantara.de

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Leserkommentare zum Artikel: Die revolutionäre Kraft der Jugend

Für diesen gelungenen Artikel möchte ich herzlich danken! Es ist schade, dass die Befunde der (Religions-)Demografie immer noch so unbekannt sind, obwohl sie zu den stärksten Befunden und Theorien geführt haben. Dem Autor ist zu danken, dass ihm eine knappe, flüssig zu lesende und doch inhaltlich ertragreiche Einführung gelungen ist.

Michael Blume22.07.2011 | 08:34 Uhr