Tunesische Demonstranten protestieren in Tunis gegen Frauenfeindlichkeit und Gewalt, Foto: Nicolas Fauque/ABACAPRESS.COM
Arabische Frauen und die ''Arabellion''

Die unvollendete Revolution

Obwohl Frauen seit dem Beginn des Arabischen Frühlings aktiv an den Protesten teilgenommen haben, bleiben sie auch nach dem Sturz der autokratischen Regimes weiterhin Bürger zweiter Klasse. Ein Kommentar von Moha Ennaji

Nach Interviews mit Frauen in der Region war ich schockiert über ihren allgemeinen Pessimismus. Sie haben Angst, ihre Rechte zu verlieren. Ringsum sehen sie den wirtschaftlichen Niedergang, was zu einer weiteren Zunahme von Gewalt führen könnte. Im Zuge des Verfalls sozialer Bindungen fühlen sie sich zunehmend verletzlich. Mehr als einmal hörte ich die Aussage, vor den Revolutionen sei die Lage besser gewesen.

Nach dem Arabischen Frühling ist der Anteil von Frauen in Parlamenten oder Regierungskabinetten gering oder gleich Null, und Frauenaktivistinnen sind besorgt, islamistische Parteien könnten eine reaktionäre Politik einführen, die Frauen diskriminiert.

Die Partei für Freiheit und Gerechtigkeit beispielsweise, die das ägyptische Parlament dominiert, würde keine Frau als Präsidentin zulassen. An den Protesten, die 2011 das Regime des ehemaligen Präsidenten Hosni Mubarak zu Fall brachten, waren die ägyptischen Frauen stark beteiligt, aber seitdem wurden sie von jeder offiziellen, entscheidungstragenden Rolle ausgeschlossen.

Schwere Rückschläge für Frauen

Frauen wählen in Rabat/Marokko, Nov. 2011, Foto: Abdeljalil Bounhar/AP/dapd
Politische Partizipation unerwünscht: In Marokko ist nur eine einzige Frau in der islamistisch geführten Regierung vertreten. Im früheren Kabinett waren es acht.

​​In Marokko saßen acht Frauen im vorherigen Kabinett, heute - unter der islamistisch geführten Regierung - nur noch eine. Im Januar verabschiedete das von Islamisten dominierte Parlament ein Dekret, das das Heiratsalter für Mädchen von 18 Jahren auf 16 senkt - ein deutlicher Rückschritt. Marokkanische Feministinnen haben scharf protestiert, aber vergeblich.

Auch die parlamentarische Repräsentation der Frauen hat einen Rückschlag erfahren. Gegenwärtig sind im ägyptischen Parlament nur noch ein Prozent der Sitze von Frauen besetzt. Vorher waren es zwölf Prozent. In Libyen wurde durch einen ersten Entwurf des Wahlrechts zehn Prozent der Sitze in der verfassungsgebenden Versammlung für Frauen reserviert, doch wurde diese Quote wurde später revidiert.

In Tunesien wurden 2011 49 Frauen in die verfassungsgebende Versammlung mit ihren insgesamt 217 Sitzen gewählt. Aber 42 dieser Frauen sind Mitglieder der Ennahda, die die Scharia (das islamische Recht) als Grundlage der Gesetzgebung ansieht. Erfahrene tunesische Aktivisten sind besorgt, die in der Versammlung tonangebende Ennahda könnte die Anwesenheit weiblicher Parlamentsmitglieder dazu verwenden, die Frauenrechte einzuschränken.

Nach dem Attentat auf den säkularen tunesischen Oppositionsführer Chokri Belaid hat sich die Situation für die Frauen in dem nordafrikanischen Land weiter zugespitzt. Belaid hatte sich für Frauenrechte eingesetzt, und diejenigen, die für die säkulare Gleichheit aller Tunesier eintreten, sind verstärkt durch politische Gewalt bedroht.

Belästigt, verhaftet und vergewaltigt

Zwei Frauen protestieren auf der Beerdigung von Belaid, Foto: Khaled Ben Belgacem/DW
Protest gegen islamistische Gewalt und Intoleranz: nach dem Mord an Chokri Belaid demonstrieren zwei Frauen auf der Beerdigung des populären liberalen Oppositionspolitikers in Tunis.

​​Leider wenden sich konservative Kräfte in der arabischen Welt bei politischen Unruhen immer wieder gegen Frauen. In Bahrain wurden mehrere weibliche Protestierende eingesperrt und gefoltert. Im Jemen fordern die Behörden Männer auf, ihre weiblichen Verwandten zu "zähmen".

In Tunesien, dem vom Charakter her westlichsten der arabischen Länder, wurden Frauen an Universitäten und Schulen in jüngster Vergangenheit angegriffen und dazu gezwungen, den Hijab zu tragen. Als eine Frau, die im September 2012 angeblich von zwei Polizisten vergewaltigt worden war, Beschwerde einlegte, wurde sie wegen Unsittlichkeit angeklagt.

Auch in Ägypten werden weibliche Protestierende strenger behandelt als männliche. Die Frauen, die während der Demonstrationen gegen Mubarak vom Militär verhaftet wurden, mussten sich Jungfräulichkeitstests unterzogen. Im gesamten Nahen Osten haben islamische Milizen Demokratie-Aktivistinnen belästigt, verhaftet, vergewaltigt und gefoltert.

Das Modell der Islamischen Revolution im Iran von 1979, das Frauen zu Bürgern (wenn auch zweiter Klasse) machte, wird in arabischen Ländern, die heute von islamistischen Parteien regiert werden, immer wieder als Bedrohung wahrgenommen.

Am Scheideweg

Diese Länder befinden sich am Scheideweg. Die Hälfte der Bevölkerung des Nahen Ostens besteht aus Frauen, und jede Hoffnung auf politische und wirtschaftliche Entwicklung muss diese Tatsache berücksichtigen.

Organisationen wie das Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen haben wiederholt Berichte veröffentlicht, in denen die Verbindung zwischen wirtschaftlichem Niedergang und der Unterdrückung von Frauen aufgezeigt wird. Einfach ausgedrückt: Die arabischen Länder werden erst dann Erfolg haben, wenn Frauen im politischen und wirtschaftlichen Leben vollständig integriert sind.

Frauen stehen neben einem regierungsfeindlichen Graffiti Schlange, Foto: Reuters/Stringer
Politisch und sozial marginalisiert: Ägyptische Frauen waren an den Protesten gegen die Mubarak-Diktatur aktiv beteiligt, doch inzwischen sind sie größtenteils von den politischen Entscheidungsprozessen ausgeschlossen.

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Die jemenitische Politaktivistin Tawakkol Karman stellte diesen Punkt in ihrer Rede zur Annahme des Friedensnobelpreises 2011 klar heraus: "Die Lösung der Probleme der Frauen kann nur in einer freien und demokratischen Gesellschaft erfolgen, in der die Energie der Männer und auch der Frauen gemeinsam befreit ist."

Die Länder des Nahen Ostens müssen die Rechte der Frauen schützen und ausbauen, um ihre demokratischen Ideen und Gewohnheiten zu stärken. Sie müssen die Universelle Erklärung der Menschenrechte und andere internationale Gesetze und Vereinbarungen einhalten, um geschlechtsspezifische Diskriminierung und Gewalt auszurotten. Die Hoffnung auf den Fortschritt der Frauen ist in Wirklichkeit eine Hoffnung auf eine gerechte Zivilgesellschaft, in der Entwicklung für alle möglich ist.

Moha Ennaji

Moha Ennaji ist Professor für "Cultural and Gender Studies" an der Sidi Mohammed Ben Abdellah Universität und Präsident des International Institute for Languages and Cultures in Fez, Marokko.

© Qantara.de 2013

Redaktion: Arian Fariborz/Qantara.de

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Die internationale Gemeinschaft befindet sich in einem großen Dilemma: wie soll es weitergehen in Libyen? Denn es ist klar, dass sie militärisch eingreifen muss, um das Gaddafi-Regime zu beseitigen. Die Alternative wäre ein endloser Bürgerkrieg vor den Toren Europas.

Makus Halmann12.04.2011 | 09:49 Uhr

Ich befürchte auch, dass der Politologe F. Stephen Larrabee Recht hat, denn die Bedingungen in der Türkei und vor allem die lange Tradation des Kampfes um Demokratie unterscheiden sich in der Tat von denen in den meisten arabischen Ländern. Schöner Beitrag.

Ahmad Ezzat12.04.2011 | 17:13 Uhr

Gesegnt seid ,Anonimität ist ein bestandteil der Freiheit,und des inhalt kontex Qualität was zelt

Jaljaloot Elharoot13.04.2011 | 20:43 Uhr

Wunderbarer Beitrag von Michael Roes, den ich als Autor und kritischer Beobachter der arabischen Welt seit langem sehr schätze. Roes besitzt die nötige Empathie für die arabischen Bürger und den Respekt vor ihren Bedürfnissen und Sehnsüchten.

Hans Zimmermann17.04.2011 | 09:51 Uhr

Das Jahr 2001 sollte nicht wiederholt werden

Beate Elefant18.04.2011 | 23:29 Uhr

Der sogenannte Streit ums Kopftuch ist nur Symptom für die Unfähigkeit aller Akteure, sich den wichtigeren Problemen zu widmen. Das schreibe ich, obwohl ich die Argumente von Frau Kaddor nicht überzeugend finde.

Susan Müller-H...20.04.2011 | 07:46 Uhr

Die Sicherheitskräfte des verhassten Assad-Regimes haben heute und gestern in mehreren Städten und Regionen Syriens Massaker angerichtet. Wo es Tote gab, war das perfide Muster immer dasselbe: Nicht Polizisten in Uniform feuerten die tödlichen Schüsse ab, sondern Heckenschützen in Zivil, die auf Hausdächern lauerten und willkürlich in die Menschenmengen schossen, um Panik und Furcht auszulösen. In Homs sind dadurch so viele Menschen verletzt worden, dass Ärzte unter den Demonstranten in den Gassen der Altstadt improvisierte Lazarette einrichteten, erzählte eine Augenzeugin der BBC. Es ist an der Zeit, auch das Assad-Regime zu ächten und international zu isolieren.

Helmuth Alkadli22.04.2011 | 23:50 Uhr

Mit diesem Satz hat Jesus seinem Bruder gezeigt, dass die Liebe stärker ist als Hass und Neid.
Luzifer wollte seinen Bruder, den Metadron (Jesus) vom Thron stürzen, um für sich selber die Herrschaft zu stehlen. Jesus lies sich aus Liebe zu seinem "verlorenen" Bruder freiwillig am Kreuz morden. Er wußte, dass Gott ihm das Leben zurück geben wird.
GOTT IST >Leben kann man nicht töten. Es wäre sonst nicht das Leben das ewig ist! Es wandelt sich nur.

Die Christen beten beim Gottesdienst: "Deinen Tod oh Herr verkünden wir und deine Auferstehung preisen wir, bis du kommst in Herrlichkeit!" Da haben sich die Herren in Rom aber einen schönen Unsinn ausgedacht. Wer will denn noch immer den Tod Jesu verkünden und warum? Der Teufel will es. Nutzt ihm aber nichts, denn Jesus lebt und ändert von der geistigen Welt aus das Leben auf der Erde. Das ist ein sehr schwieriger Änderungsprozess, weil die Menschen freiwillig nichts ändern und auch nicht umdenken wollen.
Trotzdem wird das Werk gelingen, weil es der Wille Gottes, des Vaters ist.

Die Hoffnung auf eine bessere Zukunft lässt Änderungen wie derzeit in der Arabischen Welt zu und auch im Christentum hat ein Nachdenken bereits begonnen. Gott ist die Liebe und die Liebe ist die stärkste Macht im Universum und Gott liebt uns alle gleich.
http://www.hopeland.at
Möge das Werk gelingen. Das wünsche ich mir und allen Menschen auf der Erde.
Mathilde

Mathilde Heiml30.04.2011 | 10:51 Uhr

exzellenter artikel. danke.

ulrich johannes...30.04.2011 | 12:56 Uhr

Die Idee, die durch die zurückgehende gesellschaftliche Bindungskraft der evangelischen Kirche ausgelöste (innere) Krise als Chance auf eine Neuformierung im Sinne einer neofundamentalistischen, gesellschaftliche Fragen ausblendenden Missionstheologie zu interpretieren, mag als privates Hirngespinst von Herrn Pfarrer (sic!) Teufel hingenommenwerden müssen, als Vorbote einer dadurch beförderten ethnisch-religiösen Kantonisierung unserer Gesellschaft ist es mir jedoch eine Horrorvorstellung! Stattdessen brauchen wir tatsächlich eine weit konsequentere Hinwendung zum Laizismus und die Rückkehr zu einer tatsächlich (statt nur noch alibimäßig betriebenen) umverteilenden Sozialpolitik und ein Bündnis aller (auch der jeweils moderaten Anhänger der diversen Religionen) zu deren Durchsetzung. Sonst können wir uns in zwanzig Jahren mit bosnischen Verhältnissen zwischen Rhein und Oder anfreunden...

Max Schumacher30.04.2011 | 17:02 Uhr

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