Angehörige der schiitischen Minderheit fliehen in Sampang, Indonesien; Foto: dpa/picture-alliance
Angriffe auf religiöse Minderheiten in Indonesien

Wachsende Intoleranz

Indonesien ist das Land mit der größten muslimischen Bevölkerung weltweit - und galt in der Vergangenheit als Beispiel für tolerantes Miteinander. Doch jetzt werden immer öfter religiöse Minderheiten attackiert, wie Andy Budiman berichtet.

Freundlich lächelnde Frauen mit Kopftuch oder spielende Kinder vor einer Moschee - das sind Bilder, die oft mit dem Islam in Indonesien in Verbindung gebracht werden. Fast 90 Prozent der insgesamt 240 Millionen Einwohner des Inselstaates sind Muslime.

Doch das positive Bild eines friedlichen und toleranten Umgangs der Kulturen miteinander hat in den vergangenen zehn Jahren zunehmend Risse bekommen.

Immer wieder kam es in der jüngeren Vergangenheit zu tätlichen Angriffen auf religiöse Minderheiten in Indonesien. Mitte Februar 2013 wurden beispielsweise drei Kirchen in der Provinz Süd-Sulawesi mit Molotow-Cocktails beworfen. Und im Jahr 2012 war eine christliche Gemeinde in Bekasi gezwungen, auf der Straße zu beten, da das Gotteshaus der Gläubigen vorübergehend nicht zur Verfügung stand. Grund: Die Kirche der in der Nähe der indonesischen Hauptstadt Jakarta gelegenen Gemeinde war mit in Plastiktüten gefüllten menschlichen Fäkalien beworfen worden.

"Ich fühle mich nicht mehr sicher"

Mirza Ghulam Ahmad ; Foto: DW
Mirza Ghulam Ahmad gründete 1889 die islamische Glaubensgemeinschaft Ahmadiyya, die jedoch von vielen Sunniten Indonesiens als nicht islamisch und häretisch angesehen wird.

​​"Ehrlich gesagt, fühle ich mich nicht mehr sicher in Indonesien", sagt Albertus Patty, Vorsitzender der größten christlichen Organisation "PGI". "Es passieren einfach viele Gewaltakte. Es gibt seitens der Polizei und der Regierung keine Bemühungen, dies zu verhindern", meint der Priester und fügte hinzu: "Indonesien ist kein tolerantes Land mehr."

Aber nicht nur die christliche Minderheit in Indonesien fürchtet die zunehmende Gewaltbereitschaft. "Untersuchungen haben ergeben, dass die Spannungen innerhalb einer Religionsgemeinschaft viel schlimmer sind als die Spannungen zwischen den religiösen Gruppen", sagte Novriantoni Kahar. Er ist Direktor der Stiftung "Indonesia Tanpa Diskriminasi" ("Indonesien ohne Diskriminierung"), die das Problem der Intoleranz in Indonesien untersucht.

Das Ergebnis einer Umfrage, die die Stiftung Ende 2012 durchgeführt hat, zeigt: Mehr als 40 Prozent der Befragten wollen keine Anhänger der sogenannten Ahmadiyya-Bewegung oder Schiiten als Nachbarn. Und das, obwohl es sich bei beiden um muslimische Gruppen handelt. Dagegen gaben lediglich 15,1 Prozent an, dass sie nicht gerne Christen oder Hindus als Nachbarn haben möchten.

Ahmadiyya am Pranger

Die überwältigende Mehrheit der mehr als 200 Millionen Muslime in Indonesien sind Sunniten. Laut Schätzungen gibt es daneben nur etwa 100.000 Schiiten und rund 500.000 Anhänger der Ahmadiyya-Bewegung.

Dabei handelt es sich um eine aus dem Islam hervorgegangene Gruppierung, die Ende des 19. Jahrhunderts im indo-pakistanischen Raum entstand. Ahmadiyya-Anhänger betrachten sich selbst als die eigentlichen rechtgläubigen Muslime. Vor knapp 40 Jahren wurde die Bewegung aus der islamischen Gemeinschaft ausgeschlossen. In vielen Ländern werden die Anhänger mit Misstrauen beobachtet, abgelehnt oder auch verfolgt.

In Indonesien wurde besonders die Ahmadiyya-Gemeinde in den vergangenen Jahren Ziel von Repressalien. Sprecher Mubarik Ahmad klagt, dass die Ahmadiyyah in Indonesien seit 2005 eingeschüchtert und regelrecht terrorisiert würden. Damals hatte der islamische Gelehrtenrat "MUI" eine Fatwa herausgegeben, die die Ahmadiyya als eine Irrlehre bezeichnete. Seitdem haben viele Distriktregierungen alle Gebetsaktivitäten der Ahmadiyyah untersagt. Anfang 2011 wurden bei einem Angriff auf ein Gebetshaus der Ahmadiyya drei Menschen getötet.

Selbstmordanschlag in einer katholischen Kirche in Zentraljava; Foto: dpa/picture-alliance
Gewalt gegen religiöse Minderheiten als jahrzehntelang andauerndes Problem: Selbstmordanschlag eines radikalen Islamisten in einer katholischen Kirche am 25.09.2011 im indonesischen Zentraljava.

​​Auch an der Rechtssprechung lässt sich die wachsende Intoleranz in Indonesien ablesen. So wurde im Jahr 2012 ein Regierungsbeamter in Westsumatra zu zweieinhalb Jahren Gefängnis verurteilt, weil er auf der Internetplattform Facebook ein Forum für Atheisten gegründet hatte. Er wurde wegen Gotteslästerung und Beleidigung des Islam angeklagt und für schuldig befunden.

Ruck nach rechts?

Längst diskutieren auch Experten über das Problem und die Ursachen der zunehmenden Intoleranz in Indonesien. Gewalt passiere häufig, wenn autoritäre Systeme in eine Demokratie übergehen, meint der junge muslimische Intellektuelle Novriantoni Kahar. Als Beispiele nennt er sektiererische Gewalt in Ägypten, Libyen oder Tunesien. "Aber das Problem in Indonesien ist, dass es diese Gewalt schon viel zu lange gibt. Die Übergangszeit läuft in Indonesien schon seit mehr als zehn Jahren."

Der amerikanische Indonesien-Experte William Liddle von der Ohio State University sieht außerdem einen alarmierenden Trend in der indonesischen Politik. "Die säkularen Parteien wie die "Partei funktioneller Gruppen" (Golkar) und die "Demokratische Partei" (PD) rücken immer weiter nach rechts. Die Situation ist gefährlicher, weil es um den Schutz von Minderheiten geht. Ich sehe für die Zukunft, dass Gruppen wie die Ahmadiyya und Schiiten noch mehr bedroht werden, weil sie keinen Schutz bekommen, weder von der Polizei noch vom politischen System", so Liddle.

Novrianto Kahar stimmt zu: "Politische Parteien haben bisher keine Anzeichen gemacht, diese Fälle von Intoleranz entschieden zu kritisieren." Mit dem Ruck nach rechts seien viele Menschen auch schneller bereit, Gewaltakte zu akzeptieren. Nach Umfragen der Stiftung "Indonesia Tanpa Diskriminasi" tolerieren mittlerweile fast 25 Prozent der Indonesier Gewaltakte zur Verteidigung religiöser Prinzipien.

Andy Budiman

© Deutsche Welle 2013

Redaktion: Arian Fariborz/Qantara.de

Mehr zum Thema
Druckversion
E-Mail verschicken
Ihre Meinung zu diesem Artikel
Mit dem Absenden des Kommentars erklärt sich der Leser mit nachfolgenden Bedingungen einverstanden: Die Redaktion behält sich vor, Kommentare zu kürzen oder nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Telefonische Auskünfte werden keine erteilt. Ihr Kommentar kann auch auf Google und anderen Suchseiten gefunden werden.
To prevent automated spam submissions leave this field empty.