Die Ibn Tulun-Moschee in Kairo; Foto: picture alliance/Ellen Rooney/Robert Harding
Alexander Flores: Zivilisation oder Barbarei?

Der Islam jenseits von Apologie und Polemik

Alexander Flores räumt in seinem Buch souverän mit überzeichneten Bildern der muslimischen Religion auf. Flores beschreibt genau das, was man wissen sollte und meidet dabei Apologie und Polemik fast gleichermaßen. Von Stefan Weidner

Tabula rasa auf den Büchertischen zum Islam, das wäre ein Wunsch! Angesichts der Überfülle von Publikationen zum Thema kann nur noch der Fachmann die Spreu vom Weizen trennen. Was soll jemand lesen, der es satt hat, das Thema nur aus der Nachrichten- und Talkshowperspektive zu erfahren? Jemand, der ein halbwegs vollständiges Bild will, keine Spezialperspektive auf Kopftücher, Koraninterpretationen oder einzelne islamische Länder? Der mit sachlicher Information eine nachvollziehbare Einschätzung will, auf die er sich berufen, die er teilen kann?

Bis vor kurzem empfahl sich noch am ehesten die ein oder andere Darstellung für Kinder. Jetzt aber kann, wer sich vom reißerischen Titel "Zivilisation oder Barbarei?" nicht abschrecken lässt, auch zu Alexander Flores' strahlend weißem Taschenbuch im Verlag der Weltreligionen greifen.

Buchcover Zivilisation oder Barbarei? Der Islam im historischen Kontext, von Alexander Flores
Analytisch und von souveräner Qualität: In seinem Buch gelingt es Flores auf fast seiltänzerische Weise, Apologie und Polemik gleichermaßen zu meiden.

​​Die souveräne Qualität dieser kompakten Arbeit über den "Islam im historischen Kontext" zeigt sich, wenn man sie an den Aktualitäten misst. Nehmen wir den Salafismus. Mehr als hier steht, muss niemand wissen, aber das zumindest sollte man wissen: etwa dass das salafistische Gedankengut früher auch reformatorische Qualitäten hatte und von Intellektuellen wie dem 1905 gestorbenen ägyptischen Großmufti Mohammed Abduh aufgegriffen wurde, um den Islam durch Beseitigung der Modernitätshindernisse auf Augenhöhe mit Europa zu bringen, ohne die eigene Identität aufzugeben.

Wie dann aber auch in Ägypten die saudische, der weltanschaulichen Öffnung widerstrebende Richtung die Oberhand gewann und im politischen Spiel gegen die säkularen, panarabischen Kräfte zunächst verlor, um heutzutage, jeglichen fortschrittlichen Potentials entkleidet, eine totalitäre Ideologisierung des Islams zu betreiben.

Was Goethe betörte

Wie "ambiguitätstolerant" – diese Wortprägung entlehnt Flores seinem Kollegen Thomas Bauer – dagegen gerade die mittelalterliche islamische Welt war, wird im Kapitel zum islamischen Recht gezeigt: Was die Scharia historisch bedeutete, hat denkbar wenig mit dem zu tun, was muslimische Propagandisten oder Islamfürchter heute partout darunter verstehen wollen.

Nur in den seltensten Fällen war sie ein im modernen Sinn gültiges, allseits angewandtes Recht; ihre drakonischen Strafen wurden selten oder gar nicht angewandt. Gerade die Herrscher kümmerten sich herzlich wenig um das islamische Recht; und von einer Verschmelzung von Staat und Religion, wie oft behauptet wird, kann keine Rede kann. Für die gewöhnlichen Gläubigen war die Scharia wie ein Kompass – man konnte damit in alle möglichen Richtungen gehen, keineswegs nur nach Mekka.

Überzeugend ist auch die Koran-Lektüre des Bremer Professors für Wirtschaftsarabistik: unpolemisch, aber nichtsdestoweniger selbstbewusst und aufgeklärt. Flores macht keinen Hehl aus dem, was bereits Goethe befremdete und betörte: Die abstoßenden Drohpassagen etwa – mit der vom Autor klug angeschlossenen Frage, was denn in Dantes Beschreibung der Hölle stünde –, die Vielfalt der möglichen Lesarten, die spirituelle Qualität.

In seinem Buch gelingt es Flores auf fast seiltänzerische Weise, Apologie und Polemik gleichermaßen zu meiden. Für eine detaillierte Widerlegung der Islamkritik braucht er keinen Platz. Alle ihre Motive finden sich ja bereits in Ernest Renans berüchtigtem Vortrag über den Islam aus dem Jahr 1883, aus dem am Anfang des Buchs kurz zitiert wird. Der weitere Text ist dann den Fakten gewidmet, nicht positiven oder negativen Phantasievorstellungen.

Auch den Palästina-Konflikt und alle im engeren Sinn politischen Entwicklungen spart Flores weitgehend aus. Das ist die einzig richtige Konsequenz aus den in dieser Monographie vermittelten Erkenntnissen. Denn so sehr der Islam unserer Tage von der Politik vereinnahmt wird und in die Politik drängt: Er ist noch nie wirklich mit ihr identisch gewesen.

Stefan Weidner

© Qantara.de 2013

Alexander Flores: "Zivilisation oder Barbarei? Der Islam im historischen Kontext", Suhrkamp Verlag der Weltreligionen, Frankfurt 2011

Redaktion: Arian Fariborz/Qantara.de

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Die internationale Gemeinschaft befindet sich in einem großen Dilemma: wie soll es weitergehen in Libyen? Denn es ist klar, dass sie militärisch eingreifen muss, um das Gaddafi-Regime zu beseitigen. Die Alternative wäre ein endloser Bürgerkrieg vor den Toren Europas.

Makus Halmann12.04.2011 | 09:49 Uhr

Ich befürchte auch, dass der Politologe F. Stephen Larrabee Recht hat, denn die Bedingungen in der Türkei und vor allem die lange Tradation des Kampfes um Demokratie unterscheiden sich in der Tat von denen in den meisten arabischen Ländern. Schöner Beitrag.

Ahmad Ezzat12.04.2011 | 17:13 Uhr

Gesegnt seid ,Anonimität ist ein bestandteil der Freiheit,und des inhalt kontex Qualität was zelt

Jaljaloot Elharoot13.04.2011 | 20:43 Uhr

Wunderbarer Beitrag von Michael Roes, den ich als Autor und kritischer Beobachter der arabischen Welt seit langem sehr schätze. Roes besitzt die nötige Empathie für die arabischen Bürger und den Respekt vor ihren Bedürfnissen und Sehnsüchten.

Hans Zimmermann17.04.2011 | 09:51 Uhr

Das Jahr 2001 sollte nicht wiederholt werden

Beate Elefant18.04.2011 | 23:29 Uhr

Der sogenannte Streit ums Kopftuch ist nur Symptom für die Unfähigkeit aller Akteure, sich den wichtigeren Problemen zu widmen. Das schreibe ich, obwohl ich die Argumente von Frau Kaddor nicht überzeugend finde.

Susan Müller-H...20.04.2011 | 07:46 Uhr

Die Sicherheitskräfte des verhassten Assad-Regimes haben heute und gestern in mehreren Städten und Regionen Syriens Massaker angerichtet. Wo es Tote gab, war das perfide Muster immer dasselbe: Nicht Polizisten in Uniform feuerten die tödlichen Schüsse ab, sondern Heckenschützen in Zivil, die auf Hausdächern lauerten und willkürlich in die Menschenmengen schossen, um Panik und Furcht auszulösen. In Homs sind dadurch so viele Menschen verletzt worden, dass Ärzte unter den Demonstranten in den Gassen der Altstadt improvisierte Lazarette einrichteten, erzählte eine Augenzeugin der BBC. Es ist an der Zeit, auch das Assad-Regime zu ächten und international zu isolieren.

Helmuth Alkadli22.04.2011 | 23:50 Uhr

Mit diesem Satz hat Jesus seinem Bruder gezeigt, dass die Liebe stärker ist als Hass und Neid.
Luzifer wollte seinen Bruder, den Metadron (Jesus) vom Thron stürzen, um für sich selber die Herrschaft zu stehlen. Jesus lies sich aus Liebe zu seinem "verlorenen" Bruder freiwillig am Kreuz morden. Er wußte, dass Gott ihm das Leben zurück geben wird.
GOTT IST >Leben kann man nicht töten. Es wäre sonst nicht das Leben das ewig ist! Es wandelt sich nur.

Die Christen beten beim Gottesdienst: "Deinen Tod oh Herr verkünden wir und deine Auferstehung preisen wir, bis du kommst in Herrlichkeit!" Da haben sich die Herren in Rom aber einen schönen Unsinn ausgedacht. Wer will denn noch immer den Tod Jesu verkünden und warum? Der Teufel will es. Nutzt ihm aber nichts, denn Jesus lebt und ändert von der geistigen Welt aus das Leben auf der Erde. Das ist ein sehr schwieriger Änderungsprozess, weil die Menschen freiwillig nichts ändern und auch nicht umdenken wollen.
Trotzdem wird das Werk gelingen, weil es der Wille Gottes, des Vaters ist.

Die Hoffnung auf eine bessere Zukunft lässt Änderungen wie derzeit in der Arabischen Welt zu und auch im Christentum hat ein Nachdenken bereits begonnen. Gott ist die Liebe und die Liebe ist die stärkste Macht im Universum und Gott liebt uns alle gleich.
http://www.hopeland.at
Möge das Werk gelingen. Das wünsche ich mir und allen Menschen auf der Erde.
Mathilde

Mathilde Heiml30.04.2011 | 10:51 Uhr

exzellenter artikel. danke.

ulrich johannes...30.04.2011 | 12:56 Uhr

Die Idee, die durch die zurückgehende gesellschaftliche Bindungskraft der evangelischen Kirche ausgelöste (innere) Krise als Chance auf eine Neuformierung im Sinne einer neofundamentalistischen, gesellschaftliche Fragen ausblendenden Missionstheologie zu interpretieren, mag als privates Hirngespinst von Herrn Pfarrer (sic!) Teufel hingenommenwerden müssen, als Vorbote einer dadurch beförderten ethnisch-religiösen Kantonisierung unserer Gesellschaft ist es mir jedoch eine Horrorvorstellung! Stattdessen brauchen wir tatsächlich eine weit konsequentere Hinwendung zum Laizismus und die Rückkehr zu einer tatsächlich (statt nur noch alibimäßig betriebenen) umverteilenden Sozialpolitik und ein Bündnis aller (auch der jeweils moderaten Anhänger der diversen Religionen) zu deren Durchsetzung. Sonst können wir uns in zwanzig Jahren mit bosnischen Verhältnissen zwischen Rhein und Oder anfreunden...

Max Schumacher30.04.2011 | 17:02 Uhr

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