Ein junger Ägypter demonstriert auf dem Tahrir-Platz in Kairo gegen den Militärrat; Foto: AP/dapd
Alaa al-Aswani: ''Im Land Ägypten. Am Vorabend der Revolution''

''Demokratie ist die Lösung''

Eine aktuelle Auswahl seiner regimekritischen Essays stellt den ägyptischen Romancier und Erfolgsautor Alaa al-Aswani als engagierten Kämpfer für die Demokratie vor. Von Andreas Pflitsch

Immer wieder ist zu hören, der "Arabische Frühling" sei völlig überraschend und gewissermaßen aus heiterem Himmel gekommen. Die Ereignisse die im vergangenen Frühjahr erst in Tunesien, dann in Ägypten und schließlich in Libyen die politische Landschaft derart verändert haben, dass die Bezeichnung Revolution nicht übertrieben wirkt, seien selbst für ausgewiesene Experten nicht vorhersehbar gewesen. Zu sicher hätten die Diktatoren bis dahin im Sattel gesessen, heißt es, und der über Jahrzehnte perfektionierte Repressionsapparat hätte die Verhältnisse stabilisiert.

Hinter dieser Einschätzung verbirgt sich nicht zuletzt eine gewisse Betriebsblindheit der Nahost-Beobachter, die es besser hätten wissen können. So hatte der 1957 geborene ägyptische Schriftsteller Alaa al-Aswani den Systemkollaps schon zwei Jahre vor Beginn der Massendemonstrationen auf dem Tahrir-Platz vorausgesehen.

Demonstration gegen Mubarak auf dem Tahrir-Platz in Kairo; Foto: dpa
Das nahende Ende des Pharaos literarisch vorweggenommen: Früher oder später werde das Mubarak-Regime an sich selbst scheitern müssen und in sich zusammenfallen, schrieb Aswani im Jahr 2009.

​​"Wenn ein Regime sich ausschließlich auf die Unterdrückung verlässt", analysierte er in einem im April 2009 erschienenen Artikel, "verliert es offenbar die Tatsache aus dem Blick, dass der Repressionsapparat, mag er noch so mächtig sein, aus Individuen besteht, die zu dieser Gesellschaft gehören und ihre Unzufriedenheiten und Interessen teilen. Mit wachsender Repression sehen sich diese Individuen immer weniger in der Lage, ihre Verbrechen vor sich selbst zu rechtfertigen."

Keine prophetischen Ausnahmen

Früher oder später, folgerte Aswani, werde darum das Mubarak-Regime an sich selbst scheitern müssen und in sich zusammenfallen: "Und so wird der eiserne Griff des Regimes gebrochen und es erhält den verdienten Lohn. Für Ägypten, glaube ich, ist dieser Tag nicht mehr fern."

Die nun auch in deutscher Übersetzung vorliegende Auswahl der zwischen 2005 und 2010 erschienenen Kolumnen Aswanis zeigt, dass Aussagen wie die zitierte keine prophetischen Ausnahmen waren. Schon lange vor dem Frühjahr 2011 hatte sich in Ägypten eine erstarkende Opposition gegen Mubarak vernehmlich gemacht.

Bereits seit 2004 war die "Kifaya"-Bewegung, an der auch Aswani beteiligt war, aktiv. Und 2008 formierte sich die Bewegung des 6. April. "Alle Ägypter wissen dass der bisherige Status quo nicht länger aufrechtzuerhalten oder akzeptabel ist und dass die Veränderung unausweichlich kommt", notierte Aswani im November 2009.

Alaa al-Aswani; Foto: AP
Demokratieaktivist und Erfolgsautor: Im Jahr 2005 wurde der ägyptische Schriftsteller Alaa al-Aswani mit seinem Buch "Der Jakubijân-Bau" zum internationalen Literaturstar.

​​Schon seit einiger Zeit hatten es Intellektuelle und Literaten mit ihrer Kritik an den Zuständen nicht an Deutlichkeit fehlen lassen. So war Alaa al-Aswanis im Original 2002 erschienener Roman "Der Jakubijân-Bau", der sich schnell international zum Bestseller entwickelte, ein Augenöffner gewesen, in dem die korrupten Strukturen der Kleptokratie, die Folter der Sicherheitsbehörden, die Farce der Wahlen, die drückende Armut der Bevölkerung und die allgegenwärtige Vetternwirtschaft offen zur Sprache kamen.

Abrechung mit der Politik Mubaraks

Und als 2003 Sonallah Ibrahim, einer der international renommiertesten ägyptischen Autoren, mit dem höchsten ägyptischen Literaturpreis ausgezeichnet werden sollte, kam es zu einem Eklat: Am Ende seiner Rede während des Festaktes anlässlich der Preisverleihung im Kairoer Opernhaus verfiel Ibrahim, in Anwesenheit hochrangiger Regierungsmitglieder, in eine Generalabrechnung mit der ägyptischen Politik und lehnte schließlich die Annahme des Preises aus den Händen der Regierung ab. Ein Schriftsteller, der seine Verantwortung ernst nehme, dürfe vor den im Land herrschenden katastrophalen Zuständen nicht die Augen verschließen, sagte er, bevor er den Saal unter Beifall verließ.

Chalid al-Chamissis Buch "Im Taxi", um ein drittes Beispiel zu nennen, wurde, obwohl bereits 2006 in Ägypten erschienen, zunächst international eher ignoriert, bis es nach dem Ereignissen des vergangenen Frühjahrs als "das ultimative Buch zur ägyptischen Revolution", so die Süddeutsche Zeitung, gefeiert wurde.

Auch die Tatsache, dass die politischen Kommentare und Einwürfe Aswanis aus der Zeit vor der Revolution erst nach der Revolution erscheinen, ist ein Indiz für den nachholenden Charakter des westlichen Interesses am "Arabischen Frühling", in dem sich vielleicht auch das schlechte Gewissen darüber ausdrückt, bislang nicht so genau hingesehen zu haben. Das Aufmerksamkeitsdefizit der Öffentlichkeit ging Hand in Hand mit einer geopolitischen Haltung des Westens, die konsequent auf Stabilität setzte und bis zuletzt an Mubarak festhielt, ein Umstand, auf den auch Aswani zu sprechen kommt.

Kritik an westlichen Lippenbekenntnissen

Die westliche Forderung nach Demokratie war ihm zufolge nicht viel mehr als ein Lippenbekenntnis. Noch 2009, als Hosni Mubarak auf Staatsbesuch in Washington war, so berichtet er, "erhielt Präsident Obama von seinem Freund Präsident Mubarak das Versprechen, dass die demokratische Reform in Ägypten, wiewohl ein langwieriger und nicht einfacher Prozess, unumkehrbar sei." Daraufhin gab Obama, so Aswani, nicht ohne Sarkasmus, "ein weiteres Mal seiner Bewunderung für Präsident Mubaraks Weisheit, Mäßigung und Mut Ausdruck."

Buchcover Alaa al-Aswani: Im Land Ägypten. Am Vorabend der Revolution im Fischer-Verlag
Was in Aswanis Essays nachzulesen ist, steht ganz im Zeichen von Authentizität und Spontaneität. Die Empörungsprosa Aswanis folgt atemlos dem Takt der sich überschlagenden Ereignisse, schreibt Pflitsch.

​​Der Eifer vieler der in dem Band versammelten Texte geht auf Kosten der literarischen Qualität. Auch darf man keine allzu scharfe Analyse oder differenzierte intellektuelle Durchdringung der Verhältnisse von ihnen erwarten. Was hier nachzulesen ist, steht ganz im Zeichen von Authentizität und Spontaneität. Die Empörungsprosa Aswanis folgt atemlos dem Takt der sich überschlagenden Ereignisse.

An einigen Stellen des Buches sinkt das Niveau bedenklich und droht sich in billigen Verschwörungstheorien zu verlieren, wie man sie sonst von hiesigen Stammtischen fürchtet. Immer kämpferisch, oft polemisch und gelegentlich pamphletistisch zielt Aswanis Kritik zuallererst auf die Person Mubaraks und das mit ihr verbundene repressive System.

Das Land befinde sich mittlerweile in einem derart maroden Zustand, dass "die Zahl der Menschen, die mit Fähren untergehen, in Zügen verbrennen oder unter einstürzenden Häusern begraben werden" längst die "Zahl aller Gefallenen in den Kriegen, die Ägypten führte" übersteige. In Mohamed el-Baradei hingegen erkennt er eine geradezu messianisch gezeichnete Rettergestalt, die er in einigen befremdlich wirkenden Passagen in hagiographisch hohem Ton besingt.

Auf dem Weg zum "Taliban-Emirat"?

Den Einfluss des von Saudi Arabien propagierten wahhabitischen Islam macht er dafür verantwortlich, "dass die allgegenwärtige Religiosität" im gegenwärtigen Ägypten "oberflächlich und substanzlos ist." Mehr noch: die "Invasion reaktionärer und rückständiger wahhabitischer Ideen" sei dabei, Ägypten "in ein Taliban-Emirat zu verwandeln." Dieser Gefahr gelte es mit der Toleranz des "wahren Islam", entgegenzutreten, den er zum Bewahrer der Frauenrechte und frühen Garanten demokratischer Gesinnung idealisiert: "Wahrer Islam ist Demokratie."

Auch der Westen bekommt die Leviten gelesen: der antiarabische und antiislamische Ton von Teilen der westlichen Presse sei "noch vor zwei Jahrzehnten als unerträglich reaktionär und rassistisch betrachtet worden", die "zionistische Lobby der US-amerikanischen Politik" halte ihre schützende Hand über Mubarak und die westliche Politik sei insgesamt von Heuchelei und Doppelmoral geprägt.

Aswanis Kritik am ägyptischen Regime, religiöser Heuchelei und westlicher Doppelmoral entwächst einem selbstbewussten Patriotismus. Dass Ägypten "das Potential zu einem großen Staat" habe und "die größte Talentschmiede in der arabischen Welt" sei, wiederholt Aswani beinahe ebenso häufig, wie den fast allen Texten wie ein Kehrreim nachgestellten Slogan "Demokratie ist die Lösung."

Die weit verbreitete These, "die Ägypter seien für die Demokratie nicht qualifiziert" ist Aswani zufolge "einerseits eine Beleidigung" und zeige "andererseits eine peinliche Unkenntnis der ägyptischen Geschichte." Alaa al-Aswani leistet mit seinen engagierten Texten einen überzeugenden Beitrag, diese beleidigende und peinliche These zu widerlegen.

Andreas Pflitsch

© Qantara.de 2012

Alaa al-Aswani: Im Land Ägypten. Am Vorabend der Revolution. Aus dem Arabischen von Hartmut Fähndrich. Frankfurt/M., Fischer-Verlag 2011

Redaktion: Arian Fariborz/Qantara.de

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Die internationale Gemeinschaft befindet sich in einem großen Dilemma: wie soll es weitergehen in Libyen? Denn es ist klar, dass sie militärisch eingreifen muss, um das Gaddafi-Regime zu beseitigen. Die Alternative wäre ein endloser Bürgerkrieg vor den Toren Europas.

Makus Halmann12.04.2011 | 09:49 Uhr

Ich befürchte auch, dass der Politologe F. Stephen Larrabee Recht hat, denn die Bedingungen in der Türkei und vor allem die lange Tradation des Kampfes um Demokratie unterscheiden sich in der Tat von denen in den meisten arabischen Ländern. Schöner Beitrag.

Ahmad Ezzat12.04.2011 | 17:13 Uhr

Gesegnt seid ,Anonimität ist ein bestandteil der Freiheit,und des inhalt kontex Qualität was zelt

Jaljaloot Elharoot13.04.2011 | 20:43 Uhr

Wunderbarer Beitrag von Michael Roes, den ich als Autor und kritischer Beobachter der arabischen Welt seit langem sehr schätze. Roes besitzt die nötige Empathie für die arabischen Bürger und den Respekt vor ihren Bedürfnissen und Sehnsüchten.

Hans Zimmermann17.04.2011 | 09:51 Uhr

Das Jahr 2001 sollte nicht wiederholt werden

Beate Elefant18.04.2011 | 23:29 Uhr

Der sogenannte Streit ums Kopftuch ist nur Symptom für die Unfähigkeit aller Akteure, sich den wichtigeren Problemen zu widmen. Das schreibe ich, obwohl ich die Argumente von Frau Kaddor nicht überzeugend finde.

Susan Müller-H...20.04.2011 | 07:46 Uhr

Die Sicherheitskräfte des verhassten Assad-Regimes haben heute und gestern in mehreren Städten und Regionen Syriens Massaker angerichtet. Wo es Tote gab, war das perfide Muster immer dasselbe: Nicht Polizisten in Uniform feuerten die tödlichen Schüsse ab, sondern Heckenschützen in Zivil, die auf Hausdächern lauerten und willkürlich in die Menschenmengen schossen, um Panik und Furcht auszulösen. In Homs sind dadurch so viele Menschen verletzt worden, dass Ärzte unter den Demonstranten in den Gassen der Altstadt improvisierte Lazarette einrichteten, erzählte eine Augenzeugin der BBC. Es ist an der Zeit, auch das Assad-Regime zu ächten und international zu isolieren.

Helmuth Alkadli22.04.2011 | 23:50 Uhr

Mit diesem Satz hat Jesus seinem Bruder gezeigt, dass die Liebe stärker ist als Hass und Neid.
Luzifer wollte seinen Bruder, den Metadron (Jesus) vom Thron stürzen, um für sich selber die Herrschaft zu stehlen. Jesus lies sich aus Liebe zu seinem "verlorenen" Bruder freiwillig am Kreuz morden. Er wußte, dass Gott ihm das Leben zurück geben wird.
GOTT IST >Leben kann man nicht töten. Es wäre sonst nicht das Leben das ewig ist! Es wandelt sich nur.

Die Christen beten beim Gottesdienst: "Deinen Tod oh Herr verkünden wir und deine Auferstehung preisen wir, bis du kommst in Herrlichkeit!" Da haben sich die Herren in Rom aber einen schönen Unsinn ausgedacht. Wer will denn noch immer den Tod Jesu verkünden und warum? Der Teufel will es. Nutzt ihm aber nichts, denn Jesus lebt und ändert von der geistigen Welt aus das Leben auf der Erde. Das ist ein sehr schwieriger Änderungsprozess, weil die Menschen freiwillig nichts ändern und auch nicht umdenken wollen.
Trotzdem wird das Werk gelingen, weil es der Wille Gottes, des Vaters ist.

Die Hoffnung auf eine bessere Zukunft lässt Änderungen wie derzeit in der Arabischen Welt zu und auch im Christentum hat ein Nachdenken bereits begonnen. Gott ist die Liebe und die Liebe ist die stärkste Macht im Universum und Gott liebt uns alle gleich.
http://www.hopeland.at
Möge das Werk gelingen. Das wünsche ich mir und allen Menschen auf der Erde.
Mathilde

Mathilde Heiml30.04.2011 | 10:51 Uhr

exzellenter artikel. danke.

ulrich johannes...30.04.2011 | 12:56 Uhr

Die Idee, die durch die zurückgehende gesellschaftliche Bindungskraft der evangelischen Kirche ausgelöste (innere) Krise als Chance auf eine Neuformierung im Sinne einer neofundamentalistischen, gesellschaftliche Fragen ausblendenden Missionstheologie zu interpretieren, mag als privates Hirngespinst von Herrn Pfarrer (sic!) Teufel hingenommenwerden müssen, als Vorbote einer dadurch beförderten ethnisch-religiösen Kantonisierung unserer Gesellschaft ist es mir jedoch eine Horrorvorstellung! Stattdessen brauchen wir tatsächlich eine weit konsequentere Hinwendung zum Laizismus und die Rückkehr zu einer tatsächlich (statt nur noch alibimäßig betriebenen) umverteilenden Sozialpolitik und ein Bündnis aller (auch der jeweils moderaten Anhänger der diversen Religionen) zu deren Durchsetzung. Sonst können wir uns in zwanzig Jahren mit bosnischen Verhältnissen zwischen Rhein und Oder anfreunden...

Max Schumacher30.04.2011 | 17:02 Uhr

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