Titelblatt von Al-Ghalzalis Manuskript ''Tiber al-Masbuk'', American University in Beirut; Foto: www.alghazali.org
Al-Ghazalis Verhältnis zur Wissenschaft

Der missverstandene Philosoph

Im 11. Jahrhundert begannen die Muslime sich von wissenschaftlichen Neuerungen abzuwenden. Eine Mitschuld an diesem Niedergang trägt nach Auffassung zahlreicher Orientalisten der persische Theologe und Philosoph Abu Hamid al-Ghazali – zu Unrecht, meint Hassan Hassan in seinem Essay.

Viel wurde bereits geschrieben über das Goldene Zeitalter der arabischen Wissenschaft (800 – 1100), als die muslimische Welt das Leuchtfeuer der Innovation war und in Europa das Zeitalter der Renaissance und später die Aufklärung einläutete.

Blickt man heute in die muslimische Welt, so fällt das Fazit über die wissenschaftlichen Entwicklungen in der Region doch sehr ernüchternd aus: Sowohl Indien als auch Spanien produzieren heute mehr wissenschaftliche Literatur, als alle muslimischen Länder zusammen und der Anteil dieser 57 Staaten an wissenschaftlichen Neuerungen übersteigt weltweit nicht mehr als ein Prozent, wobei diese meist von schlechterer Qualität sind.

Was ist schief gelaufen? Diese Frage ist heute relevanter denn je, da die Rolle der Religion im Mittleren Osten im Zuge des Arabischen Frühlings wieder mehr in den Mittelpunkt gerückt ist und unausweichlich einen Aufstieg des Islamismus zur Folge hat.

Holzschnitt 'Arabische Astrologen mit Messgeräten' aus Venedig, 1513; Foto: picture-alliance/akg
Blütezeit des Islams: Unter der Herrschaft der Abbasiden-Dynastie (749-1258) erfuhren Geistes- und Naturwissenschaften einen gewaltigen Aufschwung. Insbesondere die Hauptstadt des Abbasidenreichs, Bagdad, entwickelte sich zu einer Drehscheibe für Forschung und Bildung.

​​Ablehnung der Philosophie als alleinige Wahrheit

Wissenschaftler haben lange behauptet, dass es der große islamische Theologe Abu Hamid al-Ghazali (1055 bis 1111) war, der die islamische Kultur vom Weg der unabhängigen wissenschaftlichen Forschung abbrachte und sie fundamentalistisch zu beeinflussen versuchte. "Algazel", wie er im mittelalterlichen Europa auch genannt wurde, habe einen bemerkenswerten Gedankenumschwung vollzogen, so seine Kritiker, und kam zu der Auffassung, dass falsafa (was wörtlich Philosophie bedeutet, jedoch auch Logik, Mathematik und Physik beinhaltete) mit dem Islam nicht kompatibel sei.

Nach der Veröffentlichung seines Buches "Die Inkohärenz der Philosophen" habe Al-Ghazali, so heutige Wissenschaftler, "die falsafa in solch einer Weise an den Rand gedrängt, dass sie es in der muslimischen Welt nicht mehr aufsteigen konnte". Da er sowohl die falsafa als auch die islamische Theologie unangefochten beherrschte, verbreitete er unter den Muslimen eine Abneigung gegenüber der Wissenschaft, welche schließlich zu deren Niedergang und zum allmählichen Zerfall der islamischen Zivilisation führte.

Dies ist zumindest die Ansicht, die zahlreiche Akademiker und Orientalisten seit über einem Jahrhundert verfechten. Ich halte diese Einschätzung jedoch für falsch.

Mit der Festlegung auf das 11. Jahrhundert als die Periode, in der die Muslime begannen, sich von wissenschaftlichen Entwicklungen abzuwenden, haben die Wissenschaftler zwar recht. Allerdings haben sie als treibende Kraft die falsche Person identifiziert. Tatsächlich war es Abu Ali al-Hassan al-Tusi (1018-1092), besser bekannt unter dem Namen Nizam al-Mulk, der Großwesir der Seldschuken-Dynastie.

Statue von Nizam al-Mulk in Mashhad, Iran; Foto: Juybari/Wikipedia
Islamische Restauration, statt wissenschaftlicher Fortschritt: Nizam al-Mulk hatte ein Bildungssystem geschaffen, das sogenannte <em>Nizamiyah</em>, welches auf religiöse Studien fokussierte – zu Lasten der unabhängigen Forschung.

​​Nizam al-Mulk hatte ein Bildungssystem geschaffen, das sogenannte Nizamiyah, welches auf religiöse Studien fokussierte – zu Lasten der unabhängigen Forschung. Zum ersten Mal in der islamischen Geschichte wurden religiöse Studien institutionalisiert und als lukrativer Karriereweg angesehen. Zuvor waren Wissenschaft und islamisches Recht miteinander verflochten gewesen.

Gegenbewegung zum rationalistischen Denken

Die Schulen der Nizamiyah konzentrierten sich jedoch nicht nur auf die Religion, sondern nahmen auch als Quelle eine strenge sunnitische Interpretation der islamischen Jurisprudenz in ihren Lehrplan auf: die schafiitische Rechtsschule. Dies war keine willkürliche Wahl. Die schafiitische Schule konzentrierte sich auf die fundamentalistischen Prinzipien der Scharia und verwarf das rationalistische Vorgehen, das zur Zeit der in Damaskus herrschenden Umayyaden-Dynastie und der in Bagdad herrschenden Abbasiden-Dynastie an Triebkraft gewonnen hatte.

Der schiitische Islam gewann an Bedeutung und die sogenannte Batiniyya, die philosophische Ansätze in Koran und Sunna verfolgten, etablierten sich in Irak, Syrien und Ägypten. Die Absicht der Nizamiyah-Schulen, an denen auch Al-Ghazali zwischenzeitlich lehrte, sie jedoch später wieder verließ, war es, diesen wachsenden, nicht-sunnitischen Strömungen entgegenzuwirken.

Die Nizamiyah-Schulen wurden in wichtigen Städten etabliert, die von den Abbasiden und Seldschuken kontrolliert wurden, beispielsweise in Bagdad und Isfahan, sowie in Gebieten, in denen Schiiten zu jener Zeit die Mehrheit bildeten, so in Basra und der syrischen Region Al-Jazira.

Viele Studenten verließen damals ihre ursprünglichen Lehranstalten, um an diesen Schulen Religion zu studieren, und viele von ihnen identifizierten sich – sehr zum Missfallen einiger sunnitischer Kleriker – mit den Lehren der schafiitischen Rechtsschule.

Absolventen der Nizamiyah wurden bei der Vergabe von Schlüsselpositionen in der Regierung bevorzugt, vor allem im Bereich der Justiz, der religiösen Institution der hisbah und im fiqh (islamische Jurisprudenz). Die Nizamiyah-Schulen waren die Eliteschulen des 12. Jahrhunderts. Graduierte dieser Schulen wurden mit argumentativen Fähigkeiten ausgestattet, um stets für einen Kampf gegen die Batiniyya gerüstet zu sein.

Es waren die Nizamiyah-Schulen, die mehr als vier Jahrhunderte lang, mithilfe finanzieller und politischer Unterstützung durch die mächtige Seldschuken-Dynastie, die Muslime auf den "Pfad der Religion" führten, nachfolgenden Dynastien taten es ihnen gleich.

Al Ghazali; Foto: Wikipedia
Al-Ghazalis Kritik an der <em>falsafa</em>zielte darauf ab, zum kritischen Denken anzuregen. Er ist wohl der erste Gelehrte, der eine Trennung von Gesellschaftswissenschaft und Naturwissenschaft vertrat.

​​Gewiss spielten auch andere Faktoren eine Rolle: Die Dynastie der Abbasiden, die sich Hüterin der Wissenschaft betrachtete, war im Niedergang begriffen und die islamische Welt brach in verschiedene Teile auseinander. In der Folge breitete sich dort vermehrt religiöse Intoleranz aus, die wissenschaftliche Forschung verlor zusehends an Bedeutung.

Kritik an den "Gläubigen durch Nachahmung"

Al-Ghazalis Kritik an der falsafa zielte tatsächlich darauf ab, zum kritischen Denken anzuregen. Er ist wohl der erste Gelehrte, der eine Trennung von Gesellschaftswissenschaft und Naturwissenschaft vertrat. Er monierte, dass manche Fundamentalisten, die Philosophie als unvereinbar mit der Religion betrachteten, dazu tendierten, sämtliche Ansichten der Philosophen kategorisch ablehnten – einschließlich wissenschaftliche Tatsachen wie etwa die Mond- oder Sonnenfinsternis.

Al-Ghazali bezeichnete diese Fundamentalisten daher auch als "Gläubige durch Nachahmung, die übereilt Unwahrheiten akzeptieren ohne Überprüfung oder Nachforschung".

In der modernen Forschung wird Al-Ghazali häufig attestiert, der Wissenschaft abgeneigt zu sein. Doch kein muslimischer Gelehrter hatte aufgrund Al-Ghazalis Thesen zu jener Zeit gegen die Wissenschaft argumentiert. Im Gegenteil. Selbst seine Zeitgenossen bemerkten, dass Al-Ghazali bis zu seinem Tod der Philosophie treu geblieben sei. "Unser Meister hat die Philosophie in sich aufgesogen, so dass er sie nicht ausspucken konnte", so ihr Fazit.

Dagegen unterdrückten die Schulen die wissenschaftliche Innovation, indem sie sich auf religiöse Studien konzentrierten, um politische Ziele zu verfolgen. Und ihr Erbe hält bis heute an. Sie werden hoch gelobt von sunnitischen Klerikern für ihre Rolle, die sie im sunnitischen Islam spielten.

Hassan Hassan

© Qantara.de 2013

Hassan Hassan ist Kolumnist für die Zeitung "The National" in Abu Dhabi (VAE) und schreibt zudem für "The Guardian", "Foreign Policy" und "Carnegie Endowment".

Übersetzung aus dem Englischen von Laura Overmeyer

Redaktion: Arian Fariborz/Qantara.de

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