Auftritt der Musikerin Sister Fa (r.) bei der Eröffnung der Akademie der Künste der Welt in Köln; Foto: DW/Birgit Görtz
''Akademie der Künste der Welt'' in Köln

Eine globale Stimme der Kunst

In Köln hat eine Kunsteinrichtung neuer Art ihre Tore geöffnet: Die Akademie der Künste der Welt ist keine Akademie im klassischen Sinne, sondern eine internationale Künstlergesellschaft, die aktuellen globalen Themen ein künstlerisches Forum geben und somit zum interkulturellen Dialog beitragen will. Ein Bericht von Birgit Görtz

"Meine Mutter ließ mich beschneiden, damit ich den Normen in unserer Gesellschaft entspreche. Ich erinnere mich an unsägliche Schmerzen, an das Blut, das an meinen Beinen hinabfloss", erzählt Sister Fa in einem Film, mit dem sie durch ihre Heimat Senegal getourt ist, denn die 30-Jährige kämpft gegen die genitale Beschneidung von Frauen.

An diesem Abend steht Sister Fa mit ihrer Berliner Band auf der Bühne: ein ganz eigener Stilmix aus Sprechgesang, Hip-Hop, Soul und afrikanischen Rhythmen. Sister Fas Auftritt ist Teil des musikalischen Rahmenprogamms der Eröffnung der Akademie der Künste der Welt.

Um Missverständnisse gleich auszuräumen: Die Akademie der Künste der Welt ist keine neue Institution mit repräsentativem Gebäude, teurer Verwaltung, man kann dort auch keine Kurse belegen. Auch der Name mag abgehoben klingen. Doch Sigrid Gareis, Generalsekretärin der Akademie, erklärt, was Sinn und Zweck der Akademie ist: "Ich glaube, unsere zusammenwachsende Welt braucht eine Stimme der Kunst, die global angelegt ist: eine Künstlergesellschaft, die aktuelle Fragen reflektiert. Man fragt: Wo kommen die Konflikte her? Es sind kulturelle Konflikte. Wir haben eine Wirtschaftskrise, aber der Konflikt ist ein kultureller."

Einmischen erlaubt

Sigrid Gareis, Generalsekretärin der Akademie der Künste der Welt; Foto: Sigrid Gareis
Interkultureller Dialog: Sigrid Gareis sieht den Ursprung vieler Konflikte kulturell begründet: "Ich glaube, unsere zusammenwachsende Welt braucht eine Stimme der Kunst, die global angelegt ist: eine Künstlergesellschaft, die aktuelle Fragen reflektiert."

​​Die Akademie setzt sich künstlerisch mit aktuellen politischen Themen auseinander, will dabei bewusst nicht die europäische Sicht als Ausgangspunkt nehmen und sich einmischen. Sigrid Gareis nennt das "die DNA der Akademie". Dafür stehen die Mitglieder der Akademie, die allesamt bekannte "Einmischer" sind - wie der regimekritische Chinese und Friedenspreisträger des deutschen Buchhandels Liao Yiwu, der aus dem Iran stammende Regisseur Ali Samadi Ahadi oder die Israelin Galit Eilat, die von den Künstlern zur Präsidentin der Akademie gewählt wurde.

Die Idee, Beschneidung zum Thema der Eröffnungsveranstaltung zu machen, geht auf den einzigen Kölner unter den Akademiemitgliedern zurück, den Islamwissenschaftler Stefan Weidner: "Uns war allen klar, dass wir mit diesem Thema alles andeuten können, was uns als Akademie interessiert, nämlich politisch zu wirken, interkulturell zu wirken und Kunst und Kultur herzunehmen als Medium der Vermittlung problematischer Verhältnisse."

Überdies habe das Thema den Charme, in Köln geboren zu sein, sagt Weidner. Denn das Kölner Landgericht urteilte im Mai 2012, dass die Beschneidung eines vierjährigen Jungen aus religiösen Gründen eine strafbare Körperverletzung sei. Nach einem Gesetzesentwurf soll die Beschneidung von Jungen nun aber doch zulässig sein: Wenn sie nach den Regeln der ärztlichen Kunst erfolgt und das Wohl des Kindes nicht gefährdet.

Beschneidung als Topos in Literatur und Musik

Auch in der zeitgenössischen Literatur taucht Beschneidung als Topos immer wieder auf: ob als Sinnbild für das jüdische Leben, als Zeichen der Identität oder als Kritik an bevormundenden Gesellschaftsstrukturen. Drei prominente Autoren haben über Beschneidung geschrieben und lesen am Tag der Akademie-Eröffnung kurze Ausschnitte vor, darunter der im Exil lebende Libyer Kamal Ben Hameda. In seinem zuletzt erschienenen Roman "Sieben Frauen aus Tripolis" schildert er eine Beschneidungszeremonie aus der Perspektive eines kleinen Jungen als traumatisierende Erfahrung.

Liza Lim, Gründungsmitglied der Akademie der Künste der Welt; Foto: Akademie der Künste der Welt
Musik als Bindeglied: Die australische Komoponisten Liza Lim ist Gründungsmitglied der Akademie der Künste der Welt. Für die musikalische Untermalung der Eröffnungszeremonie wählte sie verschiedene Werke von "Beschneidungsmusik", um zu zeigen, wie weit verbreitet diese kulturelle Praxis war.

​​In der Debatte, die von der deutschen Boulevardpresse polarisierend "Vorhautkrieg" genannt wird, gibt es nicht nur Trennendes zu entdecken, sondern überraschenderweise auch Gemeinsames. Zum Beispiel in der Musik: Wer außer Insidern weiß, dass es Werke gibt, die eigens zur musikalischen Untermalung von Beschneidungszeremonien komponiert wurden - sogar für christliche Liturgien? Und dass es im römisch-katholischen Kalender bis 1969 ein Beschneidungsfest gab, das an die Beschneidung Christi erinnerte?

Liza Lim ist als Gründungsmitglied der Akademie für den musikalischen Rahmen der Eröffnung zuständig. Der in Australien geborenen Komponistin sei es nach den zum Teil kontroversen Debatten ein Anliegen gewesen, Musik zu finden, die das Verbindende herausstellt.

"Musik, die sagt, dieser kulturelle Aspekt ist nicht nur das Fremde, das Andere, sondern auch etwas, das zu uns gehört." Daher endet die Eröffnungszeremonie mit einer Kostprobe aus zehn Jahrhunderten Beschneidungsmusik. Musikalisch jedenfalls ist der Akademie der Künste der Welt der Brückenschlag gelungen.

Birgit Görtz

© Deutsche Welle 2012

Redaktion: Arian Fariborz/Qantara.de

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