Hamdeen Sabahi; Foto: dpa/picture alliance
Ägyptens Präsidentschaftskandidat Hamdeen Sabahi

Ikone der Revolutionsjugend

Noch vor wenigen Monaten galt der linke politische Aktivist Hamdeen Sabahi als Außenseiter im ägyptischen Präsidentschaftswahlkampf. Doch laut jüngsten Umfragen sind seine Chancen gewaltig gestiegen. Joseph Mayton hat den eigenwilligen Politiker in Kairo getroffen.

Lange Zeit wurde ihm in der Öffentlichkeit nur wenig Aufmerksamkeit zuteil. Und er selbst hatte wohl kaum noch Hoffnung, im Wahlgang am 23. und 24. Mai eine nennenswerte Rolle zu spielen: Hamdeen Sabahi.

Doch jetzt hat der 57jährige linke Aktivist seinen Willen unter Beweis gestellt, mit seinem Regierungsprogramm die ägyptischen Wähler zu überzeugen. Der ruhige und bodenständige Oppositionspolitiker hofft jedenfalls, dass sein Aufstieg unter die ersten vier Topkandidaten den Ägyptern Hoffnung auf eine bessere Zukunft verleiht.

"Ich denke, wir haben viele Veränderungen gesehen, in der Art und Weise wie die Leute auf den Präsidenten blicken, und das gibt mir die Möglichkeit, mehr Menschen zu erreichen", erzählt Sabahi in seinem Büro in Kairo, während seine Mitarbeiter hin und her eilen, um seinen nächsten Auftritt oder Gesprächstermin vorzubereiten.

Symbol für den Wandel

Und auch Hamdeen Sabahis inhaltliches Profil gewinnt immer mehr an Schärfe: Sein unermüdlicher Kampf für die Armen und Bedürftigen in Ägypten zahlt sich aus.

Proteste von Tahrir-Revolutionären gegen den Obersten Militärrat; Foto: dpa/picture alliance
Festhalten an den Errungenschaften der Revolution vom 25. Januar 2011: Der linke politische Aktivist Hamdeen Sabahi findet vor allem bei vielen Jugendorganisationen, die am Aufstand gegen Mubarak beteiligt waren, sowie bei Vertretern sozialer Bewegungen in Ägypten großen Zuspruch.

​​In den letzten zwei Wochen haben ihm mehrere Jugendbewegungen ihre Unterstützung zugesichert und sich hinter seine Kandidatur gestellt. Sabahi, der linke Oppositionelle, der von sozialer Gerechtigkeit auf alltäglicher Basis spricht, ist in den Augen vieler Ägypter zu einem Symbol für den Wandel am Nil geworden.

"Ich spreche für alle Ägypter und meine Kampagne war immer auf eine Verbesserung der Situation der Armen sowie auf ein Ende des Klassenkampfes in Ägypten ausgerichtet", fährt er fort. "Mein Glaube daran, dass Ägypten ein besseres Land werden kann, ist der Grund dafür, warum ich für das Amt des Präsidenten kandidiere. Ich weiß, dass ich mit meinem Programm dazu beitragen kann, die Armut in diesem Land zu beenden und die Entwicklung in vielen Sektoren voranzubringen."

Die Verbesserung der wirtschaftlichen Lage der Arbeiter ist für ihn ein zentrales Anliegen: "Als neuer Präsident eines neuen Ägyptens wird meine erste Handlung darin bestehen, die Löhne für die meisten Arbeiter im öffentlichen und privaten Sektor rasch zu erhöhen. Auch eine Unterstützung für die verarmten Bevölkerungsschichten werde ich in Angriff nehmen, wenn ich zum Präsident gewählt werde", fügt Sabahi hinzu.

Aufräumen mit den Überresten des Mubarak-Regimes

Letzte Woche erst erhielt er verstärkt Rückhalt von der sogenannten "Revolutionsjugend", einem Konglomerat aus verschiedenen Jugendorganisationen, deren Ziel es ist, an den Errungenschaften des Aufstands vom 25. Januar festzuhalten und in den Präsidentenpalast zu tragen. Für sie ist Sabahi der geeignete Kandidat, dies tatsächlich umzusetzen und mit den Überresten des ehemaligen Regimes von Hosni Mubarak endgültig aufzuräumen.

Die Bewegung teilte bei der Bekanntgabe ihrer Unterstützung für Hamdeen Sabahi mit, dass er für sie "das Musterbeispiel eines loyalen Politikers ist, der über eine ausgeprägte politische Erfahrung verfügt, die es ihm erlaubt, sich den schweren Herausforderungen der Gegenwart zu stellen, um ein demokratisches Projekt zu verwirklichen, das Ägyptens moderaten und zivilen Charakter entspricht."

Sabahi ist zufrieden über den Zuspruch, den er in den letzten Wochen erhalten hat und der seine Kampagne nun aus einer Außenseiterposition ins öffentliche Interesse gerückt hat.

Hamdeen Sabahi bei einer Wahlkampfveranstaltung in Kairo; Foto: Reuters
Post-nasseristische Visionen: 1992 war Sabahi an der Gründung der "Nasseristischen Demokratischen Partei" beteiligt und wurde Mitglied des Generalsekretariats. Nach einem parteiinternen Konflikt hatte er jedoch alle Ämter niedergelegt und gründete kurz darauf die sozialistisch-nationalistische "Partei der Würde" (Al-Karama), deren Vorsitzender er bis heute ist.

​​Eine kürzlich durchgeführte Befragung des ägyptischen Informationsdienstes des Kabinetts zeigt, dass seine Umfragewerte weiter steigen und er nun zu dem "Führungstrio" der Präsidentschaftskandidaten dazugestoßen ist: dem ehemaligen Premierminister unter Mubarak, Ahmed Shafik, dem moderaten Islamisten Abdel Moneim Aboul Fotouh und dem früheren Außenminister und Generalsekretär der Arabischen Liga, Amr Moussa.

Kampf für soziale Gerechtigkeit

Aber Sabahi glaubt nicht an Zahlen und Statistiken, schließlich sei ein Drittel der Ägypter noch völlig unentschlossen, wen sie wirklich wählen wollen. Er konzentriert sich stattdessen darauf, an der demokratischen Transformation seines Landes, beim Übergang vom autoritären Mubarak-Regime hin zu einer zivilen Regierung, politisch mitzuwirken.

Sein Herzensanliegen ist der Kampf für soziale Gerechtigkeit. Vor allem deshalb erhält er die Unterstützung der sozialen Bewegungen in Ägypten. Diese hoffen auf Wirtschaftsreformen und glauben, dass Ägypten einen Mittelweg beschreiten kann – zwischen ökonomischem Fortschritt und sozialer Gerechtigkeit, zum Wohl für 90 Millionen Ägypter, von denen viele nur von zwei Dollar am Tag leben.

"Um soziale Gerechtigkeit mit der Wirtschaft des Landes in Einklang bringen zu können, müssen der öffentliche und der private Sektor verstärkt miteinander kooperieren. Die Ägypter sollten künftig acht Dinge in Anspruch nehmen können: eine Unterkunft, eine medizinische Versorgung, eine ausreichende Ernährung, einen Zugang zu freier Bildung und zur Arbeit, sowie eine Versicherung, einen fairen Lohn und eine saubere Umwelt", so Sabahi.

Mangelnde Führungserfahrung

Was Sabahi bislang daran gehindert hatte, ernsthaft die politische Wahlkampfarena zu betreten, war und ist sein Mangel an Führungserfahrung sowie seine stillschweigende Unterstützung der Regierung von Saddam Hussein während der 1990er Jahre.

So sind denn auch einige politische Beobachter und Aktivisten nicht recht überzeugt von seiner Fähigkeit, das Land am Nil wirklich vorwärts zu bringen, ganz gleichgültig, was sie als die entscheidenden politischen Weichenstellungen für Ägypten erachten.

Der Kairoer Student und politische Blogger Ayman Yussif meint jedenfalls, dass Sabahi ein "Idealist" sei, der es nicht verstehe, die Richtung, in die Ägypten steuere, richtig einzuschätzen und für das gesamte Volk zu kämpfen:

Textilstreiks in Mahalla El Kubra am 6. April 2008; Foto: AP
Keimzelle der Revolution gegen das Mubarak-Regime: In der Industriestadt Mahalla El Kubra hatten Textilarbeiter im Jahr 2008 die ersten großen Streiks und Proteste gegen das Regime ausgetragen. Für ihre Rechte will sich Sabahi stark machen, sollte er Präsident werden.

​​"Ich mag Sabahi, er scheint vernünftig zu sein und thematisiert die Probleme des Landes in sehr realitätsbezogener Art und Weise. Aber eine Sache, der er zu wenig Aufmerksamkeit widmet, ist das Konzept der Einheit, die Entwicklung gesamtgesellschaftlicher Ideen. Außerdem fehlt ihm die Fähigkeit, das Land wirklich zu führen", sagt er.

Aber nur mit Shafik und Moussa als einzige führungserprobte Kandidaten sieht Yussif das Land in einer komplizierten Situation gefangen. "Die Ägypter verstehen was es bedeutet, ein Land zu führen. Das ist der Grund, warum Moussa so viel Rückhalt erfährt. Er hat sich klar gegen Mubarak positioniert, schon während des Aufstandes. Das hat ihm tatsächlich geholfen. Aber das ist nicht alles, worauf wir achten sollten."

Ayman Yussif meint, Sabahi müsse den Ägyptern zeigen, dass er sie in die Zukunft führen kann. "Wenn ihm das gelingt und ihm die Menschen glauben, wird er damit gewiss viele Personen überraschen."

Außenpolitische Zäsur im Verhältnis zu Israel

Und genau das will Sabahi erreichen. Er glaubt, dass seine Plattform für soziale Gerechtigkeit bei der Bevölkerung Anklang finden wird. Es käme jetzt vor allem darauf an, seinen Namen bekannt zu machen und seinen Ideen Gehör zu verschaffen.

Sabahi kann auch wegen seiner seit langem vertretenen Position gegenüber Israel bei vielen Wählern punkten. Er ist der Ansicht, das Friedensabkommen mit Israel müsse erneuert und Ägypten in diesem Zuge die Möglichkeit gegeben werden, selbstbestimmter über seine Grenzen verfügen zu können.

"Ich werde die Erdgaslieferungen an Israel einstellen, die nicht Teil des Camp David Abkommens sind. Wir sind nicht dazu verpflichtet, Gas nach Israel zu exportieren, aber wir werden uns weiter an das Camp David Abkommen halten. Der Frieden ist sehr wichtig für uns. Es ist höchste Zeit, etwas aufzubauen und nicht etwas zu zerstören", ließ Sabahi jüngst in einer Erklärung verlautbaren. Ein Statement, das bei vielen Ägyptern gut ankommen dürfte, hatten sie doch jahrelang das Gefühl, der Vertrag versetze ihr Land in eine Art "Zweite-Klasse-Position".

Joseph Mayton

© Qantara.de 2012

Übersetzt aus dem Englischen von Annett Hellwig

Redaktion: Arian Fariborz/Qantara.de

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Die internationale Gemeinschaft befindet sich in einem großen Dilemma: wie soll es weitergehen in Libyen? Denn es ist klar, dass sie militärisch eingreifen muss, um das Gaddafi-Regime zu beseitigen. Die Alternative wäre ein endloser Bürgerkrieg vor den Toren Europas.

Makus Halmann12.04.2011 | 09:49 Uhr

Ich befürchte auch, dass der Politologe F. Stephen Larrabee Recht hat, denn die Bedingungen in der Türkei und vor allem die lange Tradation des Kampfes um Demokratie unterscheiden sich in der Tat von denen in den meisten arabischen Ländern. Schöner Beitrag.

Ahmad Ezzat12.04.2011 | 17:13 Uhr

Gesegnt seid ,Anonimität ist ein bestandteil der Freiheit,und des inhalt kontex Qualität was zelt

Jaljaloot Elharoot13.04.2011 | 20:43 Uhr

Wunderbarer Beitrag von Michael Roes, den ich als Autor und kritischer Beobachter der arabischen Welt seit langem sehr schätze. Roes besitzt die nötige Empathie für die arabischen Bürger und den Respekt vor ihren Bedürfnissen und Sehnsüchten.

Hans Zimmermann17.04.2011 | 09:51 Uhr

Das Jahr 2001 sollte nicht wiederholt werden

Beate Elefant18.04.2011 | 23:29 Uhr

Der sogenannte Streit ums Kopftuch ist nur Symptom für die Unfähigkeit aller Akteure, sich den wichtigeren Problemen zu widmen. Das schreibe ich, obwohl ich die Argumente von Frau Kaddor nicht überzeugend finde.

Susan Müller-H...20.04.2011 | 07:46 Uhr

Die Sicherheitskräfte des verhassten Assad-Regimes haben heute und gestern in mehreren Städten und Regionen Syriens Massaker angerichtet. Wo es Tote gab, war das perfide Muster immer dasselbe: Nicht Polizisten in Uniform feuerten die tödlichen Schüsse ab, sondern Heckenschützen in Zivil, die auf Hausdächern lauerten und willkürlich in die Menschenmengen schossen, um Panik und Furcht auszulösen. In Homs sind dadurch so viele Menschen verletzt worden, dass Ärzte unter den Demonstranten in den Gassen der Altstadt improvisierte Lazarette einrichteten, erzählte eine Augenzeugin der BBC. Es ist an der Zeit, auch das Assad-Regime zu ächten und international zu isolieren.

Helmuth Alkadli22.04.2011 | 23:50 Uhr

Mit diesem Satz hat Jesus seinem Bruder gezeigt, dass die Liebe stärker ist als Hass und Neid.
Luzifer wollte seinen Bruder, den Metadron (Jesus) vom Thron stürzen, um für sich selber die Herrschaft zu stehlen. Jesus lies sich aus Liebe zu seinem "verlorenen" Bruder freiwillig am Kreuz morden. Er wußte, dass Gott ihm das Leben zurück geben wird.
GOTT IST >Leben kann man nicht töten. Es wäre sonst nicht das Leben das ewig ist! Es wandelt sich nur.

Die Christen beten beim Gottesdienst: "Deinen Tod oh Herr verkünden wir und deine Auferstehung preisen wir, bis du kommst in Herrlichkeit!" Da haben sich die Herren in Rom aber einen schönen Unsinn ausgedacht. Wer will denn noch immer den Tod Jesu verkünden und warum? Der Teufel will es. Nutzt ihm aber nichts, denn Jesus lebt und ändert von der geistigen Welt aus das Leben auf der Erde. Das ist ein sehr schwieriger Änderungsprozess, weil die Menschen freiwillig nichts ändern und auch nicht umdenken wollen.
Trotzdem wird das Werk gelingen, weil es der Wille Gottes, des Vaters ist.

Die Hoffnung auf eine bessere Zukunft lässt Änderungen wie derzeit in der Arabischen Welt zu und auch im Christentum hat ein Nachdenken bereits begonnen. Gott ist die Liebe und die Liebe ist die stärkste Macht im Universum und Gott liebt uns alle gleich.
http://www.hopeland.at
Möge das Werk gelingen. Das wünsche ich mir und allen Menschen auf der Erde.
Mathilde

Mathilde Heiml30.04.2011 | 10:51 Uhr

exzellenter artikel. danke.

ulrich johannes...30.04.2011 | 12:56 Uhr

Die Idee, die durch die zurückgehende gesellschaftliche Bindungskraft der evangelischen Kirche ausgelöste (innere) Krise als Chance auf eine Neuformierung im Sinne einer neofundamentalistischen, gesellschaftliche Fragen ausblendenden Missionstheologie zu interpretieren, mag als privates Hirngespinst von Herrn Pfarrer (sic!) Teufel hingenommenwerden müssen, als Vorbote einer dadurch beförderten ethnisch-religiösen Kantonisierung unserer Gesellschaft ist es mir jedoch eine Horrorvorstellung! Stattdessen brauchen wir tatsächlich eine weit konsequentere Hinwendung zum Laizismus und die Rückkehr zu einer tatsächlich (statt nur noch alibimäßig betriebenen) umverteilenden Sozialpolitik und ein Bündnis aller (auch der jeweils moderaten Anhänger der diversen Religionen) zu deren Durchsetzung. Sonst können wir uns in zwanzig Jahren mit bosnischen Verhältnissen zwischen Rhein und Oder anfreunden...

Max Schumacher30.04.2011 | 17:02 Uhr

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