Gastarbeiter aus der Türkei sitzen nach ihrer Schicht auf einer Bank auf dem Gelände der Zeche Neu-Monopol in Bergkamen; Foto: dpa
50 Jahre deutsch-türkisches Anwerbeabkommen

Der lange Weg nach Almanya

Im Oktober 1961 legten Westdeutschland und die Türkei in einem Anwerbeabkommen die Bedingungen fest, unter denen Türken in der BRD arbeiten durften. Obwohl ein Aufenthalt auf Dauer zunächst explizit ausgeschlossen war, ist Deutschland heute für viele Menschen türkischer Herkunft zur Heimat geworden. Von Monika Carbe

Wer erinnert sich an den Bau der Berliner Mauer am 13. August 1961? An die Nachrichten im Radio und die Bilder der Wochenschau? Wenn schon solche historischen Zäsuren im Gedächtnis verblassen, mag die Rückbesinnung auf einen unauffälligeren gesellschaftlichen Wandel noch schwerer fallen.

Man wusste in jenem Herbst zwar, dass in Bonn beschlossen worden war, ausländische Arbeiter ins Land zu holen, der Anwerbevertrag mit Rom war seit Ende 1955 unter Dach und Fach, ab und zu begegnete man Italienern vor Fabriken oder auf Bahnhöfen, seit 1960 auch griechischen und spanischen Arbeitern, aber wer verstand ihre Sprache?

Ankunft türkischer Gastarbeiter in Deutschland 1966; Foto: © picture alliance
"Du gehen Bahnhof – da!" - die Ankunft türkischer Gastarbeiter in Deutschland wurde nicht grundsätzlich von der einheimischen Bevölkerung begrüßt, sondern auch von fremdenfeindlichen Ressentiments begleitet.

​​So nahm man Mitte der 1960er Jahre die Türken kaum wahr, die nach München und Stuttgart, nach Rüsselsheim und Köln, nach Duisburg, Hamburg, Kiel oder Berlin reisten, es sei denn, man lebte in der Nähe von Firmen wie Opel, Ford, Daimler-Benz oder Siemens oder kam tagtäglich an den Unterkünften der Gastarbeiter vorbei.

Die Zeit der Zwangsarbeiter war endgültig vorbei, und der Begriff "Fremdarbeiter" wurde in Deutschland bald zum Unwort erklärt. Die "Gäste" also lebten meist in Baracken, manchmal in temporär umgenutzten Versammlungshallen, in denen sonst Schützenfeste stattfanden, oder in ehemaligen Flüchtlingslagern, wo zuvor Leute aus der SBZ, der Sowjetischen Besatzungszone, untergebracht waren; es galt als Sakrileg, von einer DDR zu sprechen, noch wollte kaum jemand sie anerkennen.

Die Unsichtbaren

Türken waren seit je ins Land gekommen, als Studenten, Akademiker, Emigranten oder Geschäftsleute, waren bekannt und in ihren farbenprächtigen Gewändern einst bewundert als Gesandte des Osmanischen Reichs, als Verbündete im Ersten Weltkrieg. Nach der Staatsgründung von 1923 waren sie – auch während der NS-Diktatur – im Cut und Überzieher als politische Unterhändler nach Berlin gereist. Nach langem Zögern hatte sich die relativ junge Republik Türkei am 23. Februar 1945 entschlossen, dem Dritten Reich den Krieg zu erklären.

Wer dann knapp zwei Jahrzehnte später die Nachrichten verfolgte, wusste vielleicht, dass die Türkei während der Kriegsjahre vielen in Deutschland politisch Verfolgten Asyl gewährt hatte. Doch die türkischen Arbeiter – man sah sie nicht. Kam es dennoch zu Begegnungen, etwa wenn man nach dem Weg gefragt wurde, antwortete man mit einer Geste oder erwiderte im Tarzan-Deutsch: "Du gehen Bahnhof – da!"

Dergleichen muss entwürdigend auf die Männer gewirkt haben, die in einer kaum vorstellbaren Isolation und dennoch in einer Not-, wenn nicht Solidargemeinschaft lebten. Ausführlich geht Karin Hunn in ihrer Studie "Nächstes Jahr kehren wir zurück" (Wallstein 2005) auf die Lage der Arbeiter in der Zeit von 1961 bis 1984 ein und beschreibt Gründe und Hintergründe für die zunächst äusserst restriktiven Vereinbarungen: Die erste Fassung des Vertrags beschränkte den Aufenthalt auf zwei Jahre und untersagte jeden Familiennachzug.

Enttäuschte Hoffnungen

Türkische Gastarbeiter in der deutschen Fabrik Ford Köln; Foto: dpa
Das deutsch-türkische Anwerbeabkommen vom 31. Oktober 1961 sah den Arbeitsaufenthalt von ledigen Türken für zwei Jahre vor. Familiennachzug war zunächst verboten. Später wurden diese Hindernisse jedoch schrittweise beseitigt.

​​Unter den Zugewanderten waren Akademikerinnen und Akademiker – auch viele Frauen kamen damals, allein – und Fachkräfte, die in die BRD reisten, um in diesem ihnen nur vom Hörensagen, aus Büchern, Zeitungen und dem Radio bekannten Land ihren Lebensunterhalt zu verdienen.

Sie setzten sich in den Zug nach Almanya, ohne zu wissen, ob sie bleiben würden. Und sie begannen als Straßenkehrer oder Putzfrauen, da ihnen die Sprache des Landes fehlte. Handwerker kamen und junge Leute ohne Berufsausbildung. Sie wollten etwas ausprobieren im fernen Norden, um dann irgendwann einmal in die Heimat zurückzukehren. Es ist eine Geschichte von harter Arbeit und unermüdlichem Ehrgeiz, weiterzukommen, nicht stehenzubleiben, sich weiterzubilden – und nicht nur etwas für sich, sondern vor allem auch etwas für andere zu tun.

Şener Sargut, Jahrgang 1942, Pädagoge mit jahrzehntelanger Erfahrung in sozialpolitischer Arbeit, war im Auftrag der Bundesregierung von 1965 bis 1967 als Dolmetscher in Istanbul und hat erlebt, wie den jungen Männern zumute war, die ihre Arbeitskraft verkaufen wollten und beweisen mussten, dass sie tauglich waren.

Es war ein Musterungsprozess, etwa wie beim Militär. Auf die Frage, ob es stimme, dass es auch viele Frauen der ersten Stunde gab, bestätigt er: "Das ist richtig. Ab 1964 bestanden für die Männer so lange Wartelisten, dass junge Ehefrauen sich entschlossen, ihre Kinder in die Obhut der Familie zu geben und sich auf das Wagnis einzulassen, um ihre Ehemänner später nachzuholen."

Bildung und Ausbildung als Chance

Das galt, wie etwa bei Emine Sevgi Özdamar, Feridun Zaimoğlu und Selim Özdoğan nachzulesen, für Frauen vom Land. Die emanzipierten jungen Frauen aus Metropolen wie Istanbul aber, die das Gymnasium absolviert hatten, an der in der Türkei extrem hohen Hürde der Eingangsprüfung für die Universität jedoch gescheitert waren, nahmen seinerzeit ebenfalls die Chance wahr, sich anwerben zu lassen. Sie landeten in Firmen, wo feinmechanische Fähigkeiten verlangt wurden, etwa in Südwestdeutschland oder bei Siemens in Berlin.

Viele von ihnen begriffen das Dasein als Fabrikarbeiterin als eine der härtesten Schulen des Lebens. Und viele hielten durch, hielten den ungewohnten Rhythmus oft bis zum Umfallen aus und entschlossen sich dann, systematisch die Sprache des neuen Heimatlandes zu erlernen. Sie büffelten per Fernstudium oder an Abendgymnasien und studierten, viele von ihnen Sozialpädagogik, um ihre Landsleute gezielt unterstützen zu können.

Die Frauen klagten erst und weinten, dann aber rafften sie sich auf, um ihren Familien – oder sich allein – eine bessere Zukunft zu bieten. Zutiefst enttäuscht waren auch viele Männer, sofern sie nicht an der sozialen Kälte verzweifelten. Wie viel hatten sie sich erhofft, was hatten sie nicht alles über das gelobte Land im Norden gehört, bevor sie aufgebrochen waren!

Noch bevor die beiden Landeskirchen und der DGB sowie die Wohlfahrtsverbände mit öffentlichkeitswirksamen Kampagnen daran gingen, auf die Lage der ausländischen Arbeiter aufmerksam zu machen, griffen die Migranten zur Selbsthilfe.

Schon 1965 wurde eines der ersten türkischen Volkshäuser der Bundesrepublik, das "Halk Evi" in Frankfurt am Main, nach dem Muster entsprechender Institute in der Türkei von Ülkü Schneider-Gürkan, Ali Sait Yüksel – später Professor für internationales Wirtschaftsrecht – und Lamia Üçer gegründet.

Bald wurden die Volkshäuser zu einem Treffpunkt von Arbeitern und Emigranten, die – vor allem vor und nach dem Militärputsch vom 12. September 1980 – in der Türkei verfolgt wurden. Im Laufe der Jahre entwickelten die dort Verantwortlichen eine breite Palette an Bildungsangeboten für Jugendliche und Erwachsene.

Auch die Volkshochschulen führten u. a. Deutschkurse durch. Allerdings kam man laut Şener Sargut erst in den 1970er Jahren – von den Volkshochschulverbänden in den einzelnen Bundesländern und ihrem Dachverband unterstützt, oft auch in Kooperation mit dem Goethe-Institut – zu der Erkenntnis, dass Deutsch in kleinen, überschaubaren Gruppen unterrichtet werden musste, in denen, unabhängig von der Vorbildung, Kursteilnehmer unterschiedlicher sozialer und geografischer Herkunft gemeinsam lernten.

Alte Werte, neue Herausforderungen

Türken in einer Koranschule der Türkisch-Islamischen Union der Anstalt für Religionin Berlin 2003; Foto: AP
Heterogenes Gesellschaftsbild: Innerhalb der türkischen und deutschtürkischen Community verläuft eine nur mit Mühe definierbare Grenze zwischen traditionell-religiös, konservativ, liberal, säkular oder atheistisch.

​​Neben den Volkshäusern und anderen säkularen Organisationen, in denen sich Studenten, Künstler und Arbeiter zusammenschlossen, um türkische Kunst und Kultur in der Fremde nicht in Vergessenheit geraten zu lassen und weiter kreativ tätig zu sein, dürfen die religiösen Vereine nicht unerwähnt bleiben, die Sunniten, Aleviten und andere Konfessionen des Islams gründeten.

Sie funktionierten unabhängig vom Amt für religiöse Angelegenheiten der Türkei, das ein wachsames Auge auf den Wortlaut der Freitagspredigten in den provisorisch eingerichteten Moscheen hatte, die mit Billigung des türkischen Staates eingerichtet worden waren. Was in den Hinterhof-Moschee-Räumen der religiösen Kulturvereine gepredigt wurde, drang dagegen nicht über die jeweilige Gemeinschaft hinaus.

Die infolge der Ölkrise eingetretene Rezession führte im November 1973 zu einem Anwerbestopp für ausländische Arbeitskräfte. Zu diesem Zeitpunkt lebten 712.000 Türken in der Bundesrepublik. Doch schon im Jahr darauf wurde eine der Maßnahmen des Abkommens von 1961 gelockert: Familiennachzug war ab 1974 per Gesetz möglich, wenn auch mit zahllosen Behördengängen verbunden. Zudem wurden z. B. der Gastronomie Sonderregelungen gewährt.

In manchen Bundesländern wurde Türkisch als Muttersprache in Grund- und Hauptschulen unterrichtet; dies schuf allerdings nur bedingt eine Grundlage für die Integration der Kinder. In den Arbeiterfamilien, in denen der Vater rund um die Uhr tätig war und die Mutter als Putzfrau arbeitete, konnte sich niemand ernsthaft um den Schulerfolg des Nachwuchses kümmern; vielmehr wurde oft den älteren Kindern die Verantwortung für ihre jüngeren Geschwister übertragen.

Schon Anfang der 1970er Jahre hatte Şener Sargut darauf aufmerksam gemacht, dass die Jugendlichen, die damals bereits zwischen den einander widersprechenden Normen und Werten der Türkei auf der einen und der BRD auf der anderen Seite zerrieben wurden, nur dann eine Zukunft in Deutschland hätten, wenn vonseiten der Regierung angemessene Bildungsmaßnahmen gefördert würden. Um Kriminalität vorzubeugen, sei Prävention durch Ausbildung dringend erforderlich.

Das war ein Appell, der auch von vielen anderen engagierten Pädagogen und Soziologen geäußert und an die verantwortlichen Stellen gerichtet wurde. Mit Erfolg, denn die Sozialministerien der Bundesländer – unterstützt von Politik und Wirtschaft – stellten nach und nach Gelder für gezielte Bildungsmaßnahmen zur Verfügung.

Ausgehend von den Universitäten, die interkulturelle Pädagogik und Deutsch als Fremdsprache für künftige Lehrer als Studienfach anboten, zogen bald viele Institutionen wie z. B. die Wohlfahrtsverbände nach und führten Alphabetisierungs-, Deutschkurse und Lehrgänge zur beruflichen Orientierung von Ausländern durch, unter besonderer Berücksichtigung türkischer Jugendlicher.

Tendenzen seit 1989/90

Wer sich seit dem Fall der Berliner Mauer mit den drängenden Fragen der türkischen Zuwanderer befasst, sei es theoretisch oder in der Praxis, wird nicht müde, auf den Unterschied zwischen Abschottung, Integration und Assimilation hinzuweisen und – nach nunmehr 50 Jahren – auf vergleichbare Entwicklungen in klassischen Einwanderungsländern aufmerksam zu machen. Heute sind etwa 15 Prozent der in Deutschland lebenden Türken und Deutschtürken in muslimischen Vereinigungen unterschiedlicher Konfession organisiert.

Integrationskurs an der Volkshochschule Leipzig; Foto: picture alliance
Neues Zusammenleben der Generationen: "Vielstimmig sind heute die drei Generationen von Türken, die in den Großstädten und auf dem Land leben, arbeiten – und studieren", schreibt Monika Carbe.

​​Innerhalb der deutschtürkischen Bevölkerung verläuft eine nur mit Mühe definierbare Grenze zwischen traditionell-religiös, konservativ, liberal, säkular, atheistisch – und einer aktiven Studentenszene, deren Tendenzen in verschiedene Richtungen weisen.

Die Mehrheit der Türken und Deutschtürken in der BRD sei so heterogen wie die Gesellschaft selbst und politisch wie sozial unauffällig, meint der 1968 geborene Politologe Atila Karabörklü, der seit langem im Rhein-Main-Gebiet lebt und sich nicht nur von Berufs wegen, sondern auch ehrenamtlich für die Selbstverständlichkeit des Miteinanders engagiert.

Abgesehen von den nach wie vor rührigen türkischen Volkshäusern gibt es eine relativ große Zahl von säkular orientierten deutschtürkischen Berufsverbänden, Klubs und Gemeinschaften, wie aus den laufend aktualisierten Arbeiten des Zentrums für Türkeistudien in Essen zu ersehen ist.

Pluralistisch sollte die BRD werden, hieß es einst, und so vielfältig, so vielgestaltig ist Deutschland heute, allen Unkenrufen zum Trotz.

Seit der Wiedervereinigung allerdings scheint die Vielfalt der Kulturen gefährdet, schüren doch Rechtsextreme den Hass auf Türken und vice versa extrem-nationalistisch gesinnte Türken den Hass auf Deutsche. Einer solchen Spaltung der Gesellschaft gilt es vorzubeugen, wiederum durch Aufklärungskampagnen und eine gezielte, staatlich geförderte Aus- und Weiterbildung von Jugendlichen und Erwachsenen türkischer Herkunft – im Sinne Europas und der internationalen Verbindungen.

Monika Carbe

© Neue Zürcher Zeitung 2011

Monika Carbe lebt als Schriftstellerin, Publizistin und Übersetzerin in Frankfurt. Ihr besonderes Augenmerk gilt der türkischen Literatur und der Literatur der Migration in Deutschland.

Redaktion: Arian Fariborz/Qantara.de

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