Der algerische Schriftsteller Amin Zaoui (rechts) diskutiert mit einem Leser an einem Stand auf der Buchmessse in Algier; Foto: Martina Sabra
17. Internationale Buchmesse in Algier

Verpasste Chance

Das diesjährige Jubiläum, der 50. Jahrestag der Unabhängigkeit Algeriens, hätte der Buchmesse Algier eine ausgezeichnete Gelegenheit geboten, ihr bisheriges Negativ-Image endlich abzulegen. Wieso dies jedoch nicht der Fall war, erklärt Martina Sabra.

Die Entscheidung, die Internationale Buchmesse (Salon International du Livre d'Alger) wieder auf dem Messegelände östlich des Stadtzentrums von Algier stattfinden zu lassen, hat sich offenbar ausgezahlt.

Das Management der Messe unter Leitung des Generalbevollmächtigten Hamidou Messaoud zeigte sich mit der Bilanz jedenfalls mehr als zufrieden: Auf einer Ausstellungsfläche von 14.000 Quadratmetern waren mehr als 600 Verlage aus 40 Ländern auf der Buchmesse zugegen, über eine halbe Million Besucher kamen im Verlauf der zehntägigen Messe, darunter auffallend viele junge Leute.

Insgesamt waren auf der Buchmesse deutlich weniger religiöse und mehr weltliche Verlage vertreten als noch in den vorangegangen Jahren. Und auch das war neu: In diesem Jahr wurden 300 Titel nicht zur Buchmesse Algier zugelassen, 2011 waren es noch 400 Titel, 2010 standen sogar 1.000 Titel auf dem Index. "Das ist keine Zensur, sondern der Ausschluss bestimmter Titel wegen rassistischer, kolonialistischer oder religiös-extremistischer Inhalte", erklärte Kulturministerin Khalida Toumi vor Journalisten.

Wachsender Buchmarkt

Geht man ausschließlich nach der Quantität, so kann man die 17. Internationale Buchmesse von Algier durchaus als einen Erfolg bezeichnen. Doch was die kulturpolitischen Impulse betrifft, fällt die Bilanz äußerst mager aus. Das lag beileibe nicht am Bücherangebot – Algeriens Literaturschaffende schreiben Weltliteratur in Serie –, die Bücherbranche verzeichnet in Algerien eindrucksvolle Wachstumsraten.

Anlässlich des Jubiläumsjahres haben algerische Verleger zahlreiche interessante Publikationen auf den Markt gebracht, die teilweise neues Licht auf den Befreiungskrieg und den politischen Neubeginn der jungen algerischen Nation seit 1962 werfen. Viele dieser Publikationen erzählen von Franzosen oder anderen Europäern auf beiden Ufern des Mittelmeers, die sich für die "algerische Sache" einsetzten und die nach dem Unabhängigkeitskrieg in Algerien blieben, weil sie das Land mit aufbauen wollten.

Stand mit Biographien internationaler Politiker auf der Buchmesse in Algier; Foto: Martina Sabra
Hoch im Kurs auf der Buchmesse in Algier: Biografien berühmter Politiker und Staatsmänner.

​​Exemplarisch sind die umfangreiche Studie "Ni Valise ni cercueil" (Weder Koffer noch Sarg) des Franzosen Pierre Daum, die 2012 bei Actes Sud sowie die von Marie Joelle Rupp verfasste, vom renommierten APIC-Verlag in Lizenz herausgegebene Biographie des französischen Linken Serge Michel, der die algerische Nachrichtenagentur APS gründete und die anrührenden Erinnerungen des Ärzteehepaars Pierre und Claudine Chaulet, in der Originalausgabe bei Barzakh.

Solidarisch mit Algerien

Das ausgeprägte Interesse des Publikums an diesem Aspekt der modernen Geschichte Algeriens zeigte sich auch bei einem Vortrag des Historikers Fritz Keller aus Wien, der im Rahmenprogramm des Salon International du Livre d'Alger sein neuestes Buch über die Algerien-Solidarität in Österreich in den 1950er und 1960er Jahren vorstellte. Die Veranstaltung war gut besucht und das Interesse an mehr Informationen und Übersetzungen zum Thema spürbar. Für seine nächste Veröffentlichung, eine Biografie des 1993 verstorbenen deutschstämmigen Algerien-Aktivisten Winfried ("Si Mustafa") Müller, habe er die Konsequenzen gezogen, sagte Keller: "Das Buch wird auf Deutsch und Arabisch erscheinen."

Auch Informationen über Deutschlands Rolle im Algerienkrieg sind gefragt: Ein algerischer Verleger kündigte an, dass er im kommenden Jahr das Buch "Die Kofferträger" des deutschen Wissenschaftlers Claus Leggewie ins Französische und Arabische übersetzen werde. Der schmale Band, bereits 1984 im damaligen Berliner Rotbuch-Verlag erschienen, bietet faszinierende Einblicke in die Algerien-Solidarität im Adenauer-Deutschland der 1950er und 1960er Jahre.

Neben der Geschichte der Algerien-Solidarität befasste sich das Rahmenprogramm der 17. Internationalen Buchmesse Algier mit einem Zukunftsthema, dem digitalen Publizieren. Das e-book habe in Algerien zwar vorerst wenig Chancen, meinte der junge Verleger Sofiane Hadjadj bei einer Diskussionsrunde, an der auch eine Vertreterin der Frankfurter Buchmesse teilnahm. Doch er rechne damit, dass die Mobiltelefonie in den kommenden Jahren eine entscheidende Rolle bei der Verbreitung von Büchern und Wissen spielen werde.

In dieser Hinsicht könnte Algerien durchaus ein Markt werden. "Die meisten Leute in Algerien haben zwar keinen Computer, aber sie haben ein Handy. Darin liegt die Zukunft", glaubt Hadjadj und verweist auf Entwicklungen in einigen Ländern Lateinamerikas.

1962-2012, fünfzig Jahre Unabhängigkeit: Das Jubiläumsjahr hätte für die Buchmesse Algier eine ausgezeichnete Gelegenheit sein können, ihr bisheriges Negativ-Image endlich abzulegen und sich als echtes kulturelles Event zu präsentieren – ein Marktplatz nicht nur für Bücher, sondern auch für Ideen und Debatten.

Kaum Foren für unabhängige Autoren

Man hätte Foren mit prominenten Autoren wie Amin Zaoui, Kamel Daoud oder Kawthar Adimi einladen können oder auch einige der begabten jungen algerischen Comiczeichner. Sie hätten über den Stand der Dinge in ihrem Land diskutieren können. Sie hätten ein Gegengewicht bilden können zu den vielen tausend Besuchern, die sich in wahhabitischem Outfit an den vollgepackten Ständen der religiösen Verlage drängten. Doch die Gelegenheit wurde verpasst.

Besucher der Buchmesse Algier 2012; Foto: Martina Sabra
Besucheransturm trotz geringer Präsenz von unabhängigen Journalisten und unbequemen Kulturschaffenden: Thematische Schwerpunkte auf der Buchmesse waren u.a. der Unabhängigkeitskrieg und die Rolle europäischer Unterstützer im antikolonialen Befreiungskampf. Doch die aktuellen gesellschaftspolitischen und kulturellen Themen blieben wieder einmal außen vor, meint Martina Sabra.

​​Worauf lässt sich das zurückführen? Etwa auf die drohende Zensur? Das mögliche Chaos? Oder vielleicht beides? Fest steht: Es gab beim wichtigsten kulturellen Event des Jahres in Algier nur eine geringfügige Anzahl akkreditierter Journalisten aus dem Ausland, und auf der französischsprachigen Internetseite des Salon International du Livre d'Alger war der Menüpunkt "Veranstaltungen" noch zwei Tage nach Beginn der Messe so gut wie leer. Wer wissen wollte, was gerade wo lief, musste entweder hellseherische Fähigkeiten besitzen oder mühsam die Stände der einzelnen Verlage abklappern.

Immerhin wurden einige bislang zensierte Werke endlich zugelassen, unter anderem ein lange verbotener Roman des Friedenspreisträgers des Deutschen Buchhandels 2011 Boualem Sansal sowie ein politisches Buch des Journalisten Mohamed Benchicou. Man raffte sich auch dazu auf, neben den Klassikern Mouloud Feraoun und Reda Houhou insgesamt drei verdiente zeitgenössische Autoren zu ehren: Rachid Boudjedra, Assia Djebar und Yasmina Khadra. Doch die öffentlichen Veranstaltungen waren fast alle so terminiert, dass das große Publikum leider nichts mitbekam.

Am Tag nach der Buchmesse brachte der berühmte algerische Karikaturist DILEM es mit einer seiner unnachahmlichen Zeichnungen auf den Punkt: Ein Messebesucher fragt an der Information, ob es Bücher über die Errungenschaften Algeriens nach 50 Jahren Unabhängigkeit gebe. Die Dame an der Information antwortet daraufhin freundlich: "Fiktionale Literatur? Ganz hinten, bitte!"

Der algerische Journalist Hassan Gherab von der Zeitung "La Tribune" fasste sein Urteil über die 17. Buchmesse in Algier in einem Kommentar so zusammen: "Die Herausforderung der Qualität bleibt bestehen". Dem ist nichts hinzuzufügen.

Martina Sabra

© Qantara.de 2012

Redaktion: Arian Fariborz/Qantara.de

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